Drei Schwestern und ihre Kinder


Rekonstruktion von Familiengeschichte und Identitätstransmission bei
Indischen Nederlanders
mit Hilfe computerunterstützter Inhaltsanalyse

von

Oliver Kortendick

aus Duisburg

Köln, Juli 1995




Vorwort


Mit der Aufhebung der staatlichen Grenzen werden sich erstmals seit langer Zeit große Mengen von Menschen in Europa frei bewegen können. Wie diese Bewegungen aussehen werden, kann heute bereits vermutet werden: Dank der neuen Kommunikationstechnologien wird arbeitsplatzunabhängige Wanderung ermöglicht, so daß vor allem wohlhabende und gebildete Bevölkerungsschichten ihren Wohnort frei wählen können. Andererseits wird es Menschen aus den unterentwickelten Regionen leichter fallen, zum Arbeitsplatz hinzuziehen.

Die Aufhebung der manifesten Grenzen wird die Frage nach ethnischer Identität und der Definition von Gruppengrenzen neu beleben und völlig anders stellen: Beispielsweise ist nicht klar, ob und wie sich ein neues europäisches Bewußtsein entwickeln kann, das dann gegebenenfalls die alten ethnischen Identitäten überlagert, oder ob sich die alten Gegensätze erhalten und so zu ungezählten kleineren und größeren Konflikten entwickeln. Kann sich eine zur amerikanischen analoge Identität überhaupt bilden, ohne daß eine gemeinsame Sprache vorliegt? Es scheint angebracht, sich diese Fragen schon jetzt zu stellen.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich in diesem Sinne mit Indischen Nederlanders. Diese Gruppe, deren Geschichte recht gut dokumentiert ist, konstituiert sich im Schnittpunkt zweier Kulturen, wodurch sich mögliche kulturelle Entwicklungen auf unserem Kontinent exemplarisch nachzeichnen lassen.

Ausgangspunkt dieser Arbeit war meine Magisterarbeit, die eine Unterhaltungssendung des niederländischen Fernsehens zum Thema hatte, die von Indischen Nederlanders für sich, aber auch für das übrige Publikum produziert wurde. Mit Hilfe einer Inhaltsanalyse wurde folgenden Fragen nachgegangen: Wie konstituiert und stabilisiert sich ethnische Identität unter verschiedenen Bedingungen und wie verändert sie sich im konkreten Fall? Welche Funktion kann das Fernsehen hierbei übernehmen? Die Ergebnisse dieser Arbeit wiesen auf die Bedeutung eines spezifischen Raum- und Zeitkontinuums hin, daß im Sinne einer Strategie eingesetzt wird, um die Überschneidung von Interessen mit der umgebenden Mehrheit zu vermeiden. Konflikte werden verhindert, indem man parallel zur niederländischen auch noch eine spezifisch indische Realität unterhält, und bei Bedarf in der Lage ist, zwischen diesen beiden "hin- und herzuschalten". An diese Ergebnisse schließt die folgende Arbeit an.

Danken möchte ich folgenden Personen, die mir bei der Arbeit mit Rat, Tat und Kritik zur Seite standen: meiner Mutter Erika Kortendick, Sandra Liebscher, Russ Bernard, Monika Böck, Christa Jäger, Gerd Jellinghaus, Andreas Kunze, Monika Pack, Julia Pauli und Michael Schnegg, sowie allen Informanten.



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Ziel der Untersuchung und Vorgehensweise

Diese Arbeit hat im Hinblick auf ihre Untersuchungsziele zwei Schwerpunkte:

a) Inhaltlich (thematischer) Schwerpunkt

Die Familie und ihre Bedeutung bei der individuellen Identitäts- und Bewußtseinsfindung ist meiner Meinung nach bisher deutlich unterschätzt worden. Daher wird in dieser Arbeit der Versuch unternommen, innerhalb einer Großfamilie im Detail Muster des Transports von Ideen und ethnischen Konzepten zu verfolgen, und vor dem Hintergrund einer kollektiven Mythe in Form einer Familiengeschichte individuelle Anbindungen auszuleuchten.

b) Methodischer Schwerpunkt

Gleichzeitig wird inhaltsanalytisch gearbeitet und diese Methode im fremdsprachlichen Kontext weiterentwickelt werden. Dies bietet sich an, weil die Inhaltsanalyse in der Forschung über Indische Nederlanders immer wieder eingesetzt wurde. Außerdem besteht auf ethnologischer Seite ein Bedarf: Zwar werden im Feld gerne große Mengen an qualitativem Material gesammelt, doch fehlte es an der heimatlichen Wirkungsstätte dann an Möglichkeiten (native speaker), die eine andere als durch den Forscher selbst vorgenomme Kodierung des Materials erlaubten. Mit Hilfe der computerunterstützten Inhaltsanalyse kann dieses Material bei hoher Reliabilität ausgewertet werden. Allerdings fehlt es an systematischen "Übersetzungen" in der Ethnologie. Die Arbeit möchte einen Beitrag dazu leisten.

Im Hinblick auf die Untersuchungsziele wurden qualitative Interviews erhoben, die die notwendige Redundanz für eine inhaltsanalytische Auswertung aufweisen. Erhoben wurde das Material (Gruppen- und Einzelinterviews) in einer indischen Familie, die sehr grob kategorisierend der Mittelklasse angehört, und insofern als "typisch" zu bezeichnen ist. Ausgehend von einem hier gewählten "ego" zu dem Kontakte bestanden, wurden weitere von der Familie als "wichtig" und "zur erweiterten Familie" gerechnete Personen und deren Angehörige befragt.

Neben einem deskriptivem Moment, das sich zur Aufnahme in die Arbeit anbot, weil schon eine erste Durchsicht des Materials seine außergewöhnliche Reichhaltigkeit zeigte, lag der Schwerpunkt der Auswertung auf einem inhaltsanalytischen Vergleich über drei Generationen hinweg: Die erste Generation wanderte im fortgeschrittenen Lebensalter in die Niederlande ein. Die zweite Generation kam als Jugendliche in das Land, während die dritte Generation in den Niederlanden geboren und aufgewachsen ist. Diese drei Generationen werden im Hinblick auf folgende Momente:

a) ethnisches Bewußtsein
b) Konstruktion von Lebensläufen
c) familiäre Gebundenheit

jeweils in Verbindung mit dem Geschlecht betrachtet.


Einleitung

Das Verhältnis zwischen Deutschland und den Niederlanden kann man, wenn man wohlwollend ist, als ambivalent bezeichnen. Die Schicksale dieser beiden Länder sind im Verlauf der Geschichte oft auf unheilvolle Weise verknüpft gewesen. Obwohl wirtschaftlich eng miteinander verbunden, scheinen die zwischenmenschlichen Beziehungen seit dem zweiten Weltkrieg unüberwindbar gestört. Zweifellos liegen hier aus niederländischer Sicht gute Gründe vor: der Überfall der deutschen Wehrmacht auf das neutrale Nachbarland, die Bombardierung Rotterdams, die Vernichtung der niederländischen Juden und die Verfolgung tausender, der Freiheit des Heimatlandes verbundener Menschen.

Vor dem Hintergrund dieser gespannten historischen Beziehung erstaunt es nicht, daß die Erforschung des niederländischen Nachbarn eine Angelegenheit von wenigen Spezialisten blieb: Deutsche Beiträge von sozialwissenschaftlicher Seite zur Problematik niederländischer Minderheiten beschränkten sich auf die Analyse auffälliger Ereignisse wie die terroristischen Anschläge von Teilen der Südmolukker und Ambonesen (Kievelitz 1986, Vobis 1985). Andere Aspekte der an Minderheiten (hier zunächst rein quantitativ aufgefaßt) reichen Landschaft unseres Nachbarn blieben unberücksichtigt. Dabei bietet die koloniale Vergangenheit der Niederlande und die mit der Auflösung der Kolonien verbundenen Wanderungen nach Europa geradezu ein klassisches Feld zum Studium von ethnischen Minoritäten. Nicht nur, daß aus den unterschiedlichsten Gründen zahlreiche autochthone Gruppen ihr Heimatland verließen, im Verlauf der oft Jahrhunderte andauernden Präsenz der Niederländer in außereuropäischen Ländern ergaben sich im Schnittpunkt der unterschiedlichen Kulturen oft interessante Vermischungen zwischen Herrschern und Beherrschten, deren Studium ich persönlich reizvoll finde.

Indische Nederlanders stellen einen solchen Fall dar. Indisch bezieht sich dabei im Niederländischen auf Zusammenhänge im kolonialen Indonesien und steht im Unterschied zu "indonesisch", was Zusammenhänge nach der Unabhängigkeit meint und also nichts mit dem indischen Subkontinent zu tun hat. Die Gruppe, manche reden auch von einer sozialen Kategorie (Ellemers 1985), der Indischen Nederlanders wird auf ca. 470.000 Personen geschätzt (Beets 1990: 69).


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Abbildung 1: "Allochtone in den Niederlanden, Stand 1. Januar 1990. Anzahl der Personen, die die Nationalität eines bestimmten Landes hat (linke Säule), die in einem bestimmten Land geboren sind (mittlere Säule) oder wo mindestens ein Elternteil geboren ist (rechte Säule)" (Beets 1994: 71)

Wenig ist über die heutige Lebenssituation dieser Menschen bekannt, obwohl in den letzten Jahren eine Renaissance der Forschung auf diesem Gebiet stattfand (s. die Sammelbände Willems 1990, 1991, 1992, 1994 sowie Drooglever 1991). Dabei herrscht, streng genommen, nicht einmal Einigkeit darüber, wie man den Begriff Indische Nederlanders, und die Zugehörigkeit einzelner Menschen zu dieser Gruppe, definieren kann (Veur 1990: 113).



Geschichte

Es gibt einen merkwürdigen Widerspruch in der Literatur über Indische Nederlanders: Einerseits wird oft darüber geklagt, wie wenig man über sie wisse, andererseits existiert aber auch eine beeindruckende Anzahl von Arbeiten zum Thema. Die Bibliographie van der Veurs (1971) kommt auf über 1.400 Angaben. Auch ist die Wanderung Indischer Nederlanders, ganz anders als die Wanderungen anderer Gruppen, schon früh von wissenschaftlicher Forschung begleitet gewesen.

Ein Faktor, der die Annäherung an das Phänomen erschwert, ist die Tatsache, daß die Terminologie, das Rechtsbild und Menschenverständnis, die dem Kolonialismus zugrunde lagen, die verhängnisvollen Züge eines Rassismus tragen, der in seiner Verknüpfung von äußerlichen Kennzeichen eines Menschen und dessen vermuteten Charaktereigenschaften heute absurd erscheint und aufgrund seiner sprachlichen Ambivalenzen und negativen Konnotationen wissenschaftliche Forschung auf diesem Gebiet zu einem mühseligen Drahtseilakt werden läßt.

Die indonesische Kolonialisierung war nie als dauerhafte Besiedlung geplant. Das portugiesische Intermezzo war kurz, aber schon in dieser Phase war es typisch, daß Männer, die aus Europa nach Asien kamen, sich aus der dortigen Bevölkerung ihre Partnerinnen aussuchten. Die Kinder solcher interethnischen Verbindungen wurden dann mit Termini bezeichnet, die Auskunft über ihren Blutanteil liefern sollten (Boxer 1963:60f). Noch heute ist es in der deutschen Sprache ja üblich von "Mischlingen" zu reden. Bezeichnet werden damit gemeinhin die Nachkommen von Angehörigen zweier verschiedener Kulturen, im klassischen Fall sind aber Nachkommen verschiedener sogenannter "Rassen" gemeint: also Kinder von Europäern ("Weißen") und Afrikanern ("Schwarzen") oder Asiaten ("Braunen") und so weiter. Ein Kind einer Verbindung zwischen Europäern würde kaum als "Mischling" bezeichnet. Dies war auch zur Zeit der Ablösung der Portugiesen durch die Niederländer, die man für Java auf das Jahr 1619 (Gründung Batavias) festlegen kann, nicht anders. Für die nachfolgenden Ereignisse und insbesondere für das Verständnis der Entstehung der Gruppe der Indischen Nederlanders, sind vor allem drei Aspekte besonders wichtig (s. Kortendick 1990):

- Die Beziehung zwischen Stadt und Land,
- die Beziehung zwischen Mann und Frau,
- die Beziehung zwischen europäischer und indigener Kultur.

Die europäische Präsenz beschränkte sich lange Zeit auf die Festung und spätere Stadt Batavia, das heutige Jakarta. Die Umgebung, größtenteils dünn besiedelt, wurde als feindlich empfunden. Die durch permanenten Mangel gekennzeichneten Lebensumstände in der Festung sowie der Widerstand der Einheimischen gegen die Okkupation führte zu einer durch große Kohäsion nach innen gekennzeichneten Gruppendynamik. Die Bevölkerung war heterogen und bestand aus Arbeitskräften aus dem ganzen Archipel sowie wenigen europäischen Befehlshabern. Die so entstandene Männergesellschaft suchte sich ihre weiblichen Partner aus den unterschiedlichsten nichteuropäischen Bevölkerungen zusammen (Boxer 1988, Klaveren 1953, Taylor 1983). Zunächst wurden solche Verbindungen vom obersten Dienstherrn, der VOC (Verenigde Ostindische Companie) geregelt. Neben den offiziell geduldeten Heiraten (das entscheidende Kriterium war zunächst nur, ob beide Partner "christlich" waren (Marle 1951)), gab es eine Vielzahl eheähnlicher Verbindungen, die man Konkubinat nannte. Typisch für diese Verbindungen waren die unterschiedlichen Lebensperspektiven: Während der europäische Mann die Option hatte nach Vollendung seiner Dienstjahre ins Heimatland zurückzukehren, hatte die (meist) einheimische Frau mit ihren, in der Regel nicht vom Vater anerkannten, Kindern diese Wahl nicht. Einheimische Diener und Sklaven sorgten in interethnischen Haushalten für den Transport indigener Einflüsse, unter denen die Kinder dieser Verbindungen sozialisiert wurden. Hier ergaben sich Ansätze für eine Verschmelzung von Kulturen: Dokumentiert werden überwiegend die Übernahme expressiver Merkmale wie Kleidung, magische Vorstellungen, Musik, während sich keine Schriftkultur entwickelte (Taylor 1983, Milone 1967).

Zwei Ereignisse sorgten ab Mitte des 19. Jh. für eine entscheidende Änderung der Bedingungen für Indische Nederlanders: Zum einen die Verabschiedung der "Algemeene Bepalingen van Wetgeving voor Nederlandsch-Indie" von 1848, einer Art Bürgerliches Gesetzbuch (Marle 1951), und das "Regeeringsreglement" von 1854. Beide regelten die Zugehörigkeit eines in den Kolonien geborenen Menschen zu einer sogenannten Bevölkerungskategorie. Die Bevölkerung wurde geteilt in Europäer und Inlander (Einheimische). Die Einordnung in eine dieser Kategorien hatte bestimmte Konsequenzen: Was vorher im Rahmen sozialer Netze oder durch Bestechung der korrupten Administration möglich war, nämlich soziale Mobilität, wurde nun durch formal-juristische Verfahren geregelt. Die niederländische Regierung wollte unbedingt Zustände wie in den Vereinigten Staaten verhindern, wo Siedler aus Europa die Unabhängigkeit vom Mutterland durchsetzten. In diesem Sinne war es natürlich notwendig, die Frage der Nachkommen europäischer Beamter zu regeln, die aufgrund ihrer Lebenssituation für eine Wanderung in die Niederlande nicht in Frage kamen, und somit als potentielle Unruhestifter womöglich eine Loslösung der Kolonie vom Mutterland planen konnten. Solche Forderungen wurden ja in der Tat 1848 in Batavia aufgestellt. Nur eine verschwindend geringe Anzahl von Indo-Europäern, wie sie gegen Ende des 19. Jh. genannt wurden, wurden auf der Grundlage der neuen Gesetzgebung in die Kategorie "Europäer" eingestuft. Dies hing vor allen Dingen vom Belieben des Vaters ab, seine Nachkommen gesetzlich anerkennen zu lassen oder nicht. Ein sehr großer Anteil (8-9 Mio.) "verschwand im Kampong" wie man sich damals ausdrückte (Wertheim 1947), mit allen damit verbundenen rechtlichen und sozialen Nachteilen. Hinzu kam das Aufblühen der sogenannten "Rassenkunde" und mit ihr die Vorstellung, daß "Rasse" - also äußerliche Kennzeichen - und Charaktereigenschaften verbunden seien. Im Zusammenhang mit Nachkommen aus verschiedenen "Rassen" glaubte man besondere Nachteile ausmachen zu können: Diese Menschen, so erklärten "Wissenschaftler", würden in besonderem Maße die negativen Eigenschaften zweier "Rassen" in sich verbinden, und somit einen Mangel jedweder Gesellschaft darstellen.

Während also einerseits von einer im formal-juristischen Sinne homogenen Gruppe der Europäer geredet werden kann, gab es im Bewußtsein der Menschen, die diese Bedingung erfüllten, doch entscheidende Unterschiede, die sich in folgenden Bezeichnungen ausdrückten: als totoks klassifizierte man Personen, die gerade frisch aus den Niederlanden angekommen waren, und die als Perspektive hatten, nach ihren Dienstjahren wieder zurückzukehren. Blijvers wurden diejenigen totoks genannt, die nach Ablauf ihrer Dienstjahre im Lande blieben. Indo-Europäer hießen die Nachkommen interethnischer Verbindungen, sofern sie der europäischen Bevölkerkungskategorie zugeordnet wurden (über die anderen kann man nichts sagen). Indos wurden diejenigen Indo-Europäer genannt, denen man ihre Herkunft äußerlich ansehen konnte. Dieser - von vielen Menschen als diskrimierend erachtete Begriff - hat sich bis in unsere Tage erhalten. Blijvers , Indo-Europäer und Indos empfanden sich als Indiër oder Indische Menschen .

Die durch die neuen juristischen Regelungen ausgelöste zunehmende Betonung rassischer Komponenten führte schließlich zur Auflösung der Kohäsion zwischen den Kolonisten. Während die lukrativen Arbeitsplätze in der Privatwirtschaft von totoks und blijvers besetzt waren, blieb für die Indos nur der untere öffentliche Dienst.

Im 20. Jh. begann die organisierte Mobilisierung von Interessen. Verschiedene Gesellschaften wurden gegründet, um die soziale Situation der permanenten Siedler zu verbessern, mit unterschiedlichem Erfolg und unterschiedlicher Lebensdauer. Die wichtigsten Organisationen waren der Indische Bond, Insulinde (die spätere Nationaal-Indische Partij) sowie der Indo-Europeese Verbond (IEV), (Blumberger 1939). Diese Interessengemeinschaften stellten erste Schritte auf dem Weg zur gemeinsamen Formulierung eines, wenn auch noch vagen, ethnischen Gemeinschaftsgefühls dar. Denn in den Statuten des IEV findet sich zum ersten Mal eine der Definitionen des Indischen Nederlanders, wie sie sich im Prinzip bis heute erhalten hat:

"a) alle in Niederländisch-Indiën wohnhaften Personen europäischen oder gemischt-europäischen Blutes, sowie ihre Nachkommen, mit der Einschränkung, daß für die Erstgenannten die Geburt in Indiën als Maßstab gilt;

b) alle in Niederländisch-Indiën wohnhafte Personen europäischen Blutes, die dort geborene Kinder besitzen oder (und) verheiratet sind mit Personen, die gemäß a) zu den Indo-Europäern zu rechnen sind1" (Blumberger 1939:51).

Gegen Ende der 30er Jahre hatte der IEV Abgeordnete im Volksraad, dem pseudodemokratischen Parlament und mit ca. 13.000 Mitgliedern eine relativ breite Basis.

Die Zeit der japanischen Besetzung Indonesiens während des zweiten Weltkrieges läutete für die Europäer die Wende ein: In dem in wenigen Tagen eroberten Land wurde eine große Anzahl von ihnen (100.000) interniert. Davon ausgeschlossen blieben nur diejenigen, die über ein formelles Verfahren Nähe zur indigenen Bevölkerung über einen "Blutanteil" nachweisen konnten. Der sogenannte cap indo , eine Art rassisches Zertifikat, entschied über Schicksale und Familien: In den Konzentrationslagern wurden zwischen 10.000 und 30.000 Menschen ermordet (Velden 1963).

Ab Mitte des 19. Jh., d.h. seit der juristischen Regelung interethnischer Beziehungen, bis zum Ende der kolonialen Präsenz veränderte sich die Rolle der Frau und die Beziehung zwischen europäischer und indigener Kultur entscheidend. Vor dem Hintergrund der oben geschilderten gesellschaftlichen Veränderungen wurden die weiblichen Heiratspartner vorzugsweise in den Niederlanden gesucht. Die eheähnliche Verbindung mit einer njai2 blieb die Ausnahme.

Die Gruppe der Europäer erlebte eine soziale Differenzierung: Entlang äußerlich erkennbarer Merkmale wie der Hautfarbe wurde sie aufgespalten in eine Elite der blijvers und totoks sowie eine Mittel- und Unterschicht der Indos , unter denen aber, dies soll hier nicht verschwiegen werden, die Masse der einheimischen Bevölkerung stand. Es entwickelte sich ein Konsens darüber, was "indisch" ist: der Begriff bezeichnete eine Verschmelzung meist instrumentellen europäischen und meist expressiven indigenen Kulturguts. Die Hoch- und Verkehrssprache war niederländisch, Gesetze und administrative Regeln stammten aus Europa. Unterschiedlich, je nach Zugehörigkeit der sozialen Schicht, wurden expressive Merkmale der indigenen Kulturen adaptiert. Immer wieder in der Literatur genannt werden: Kleidung, Musik, magische Vorstellungen, Essen, Architektur. Es entwickelte sich "indische Literatur". Ein besonderer Fall war das petjoh , von Indischen Nederlandern auch als accent bezeichnet, in der heutigen Form niederländisch mit "indonesischem" Akzent, einigen malaiischen Lehnwörtern und vielen Onomatopöien (Kroef 1955, Veur 1968, Milone 1967, Taylor 1983). Dieses wurde allerdings nicht schriftlich fixiert (bis auf einige Ausnahmen: Robinson 1984, de Gruiter 1990). Die Integration dieser expressiven Kulturmerkmale in das alltägliche Leben war wohl stark schichtspezifisch, allerdings können genauere Aussagen darüber nicht gemacht werden, da wissenschaftliche Daten fehlen. Ganz sicher liegt hier aber ein Ethnizitätsprozeß zugrunde: Denn schließlich galt es ja, die ganz konkreten Forderungen nach sozialer Verbesserung und wirtschaftlicher und politischer Unabhängigkeit auch durch die Entwicklung einer eigenen "Kultur" zu begründen. Zu diesem Moment gehört auch die Begründung des Euraziatisme , einer von der Rassenlehre abgeleiteten Ideologie, die den Indo im positiven Sinne als besseren Menschen darstellte, weil er die "wertvollen Eigenschaften" zweier Kulturen in sich vereine (de Grave 1938:9).

Gegen Ende des zweiten Weltkrieges stellte sich die Bevölkerungssituation in Indonesien schematisch betrachtet so dar:


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Abbildung 2 (Kortendick 1990: 50) "Schematische Darstellung der Bevölkerungsgruppen in Niederländisch Ost-Indien"


Von 300.000 Europäern galten etwa die Hälfte als Indos . Über die Zahl derjenigen, die als Einheimische klassifiziert wurden, ist nichts bekannt. Die formale Unabhängigkeit Indonesiens vom 27.12. 1949 bot jedem Europäer die Möglichkeit, seine Staatsangehörigkeit frei zu wählen. Nur wenige entschieden sich allerdings im Rahmen der warga negara für die indonesische Staatsbürgerschaft.

Nach dem Krieg setzten verschiedene, jeweils vor einem bestimmten politischen Hintergrund begründete Phasen der Wanderung ein. Fünf verschiedene Kategorien von Menschen betraf dies:

Die Problematik der Indischen Nederlanders umfaßt nach allgemeinem Konsens die Angehörigen der Kategorie zwei und drei. Ellemers und Vaillant definieren dann auch (1985:14):

"Die Bezeichnung Indische Nederlanders möchten wir auf die Menschen anwenden, die indo-europäischer oder indonesischer Abstammung sind, oder auf anderem Wege mit den Europäern gleichgestellt sind, und diejenigen unter den totoks, die sich selbst dazuzählen. Was die 2. und eventuell 3. Generation betrifft, möchten wir alle Kinder von Migranten dazuzählen, die den größten Teil ihrer Erziehung und Ausbildung außerhalb Indiëns/Indonesiens, insbesondere den Niederlanden erhielten, ungeachtet der Tatsache, ob sie in Indiën/Indonesien geboren sind oder nicht." 3 (Hervorhebung durch die Autoren)
Als Migrationsphasen gelten die Zeiträume nach dem Krieg in der Phase des sogenannten bersiap, unmittelbar nach der formalen Unabhängigkeit 1949, Mitte der 50er Jahre sowie Anfang der 60er Jahre. Insgesamt verließen mindestens 270.000 Menschen das Land.

In der Frühphase der Migration sind einige empirische Untersuchungen entstanden, die die Situation dieser Menschen zum Inhalt hatten. Aus verschiedenen Gründen werden deren Ergebnisse heute kritisch beurteilt (Kortendick 1990, Willems 1990). Die Massenerhebungen kränkeln an ihren verzerrten Stichproben, standen unter hohem Erwartungsdruck von Seiten der Auftraggeber (d.h. kirchlichen und privaten Hilfsorganisationen) und führten vor einem ideologischen Hintergrund mehr oder weniger differenziert zu demselben Ergebnis: Die Adaption der Wanderer an die neue Gesellschaft sei perfekt und schnell verlaufen, schon in wenigen Jahren sei das Problem nicht mehr manifest. Tatsächlich gab es eine ganze Palette staatlicher und privater Hilfsmaßnahmen, so daß heute die sogenannte repatriëring in den Niederlanden als Musterbeispiel der Integration von Migranten gilt (Kraak 1957, Ex 1966, Bagley 1973, Verwey-Joncker 1971, Amersfoort 1982, Wassenaar-Jellesma 1969). Eine Reihe von Gründen werden in der Forschung hierfür genannt: Die Niederlande als traditionell gastfreies und tolerantes Land (Bagley 1973), äußerst günstige wirtschaftliche Bedingungen (Verwey-Joncker 1971), die extreme Heterogenität der Gruppe (Ellemers/Vaillant 1985), Integrationswilligkeit der Betroffenen bis zur Selbstaufgabe (Cottaar/Willems 1984).

Indische Nederlanders sind heute in ca. 60 Vereinen und Organisationen aktiv, sie verfügen über eigene Zeitschriften. In jeder größeren Stadt in den Niederlanden werden einmal jährlich die beliebten pasar malams veranstaltet. In Den Haag besuchen jährlich im Mittel 85.000 Besucher ein Panoptikum indischer Kultur.

An kontemporärer empirischer Forschung mangelt es. Das liegt zum einen an der Tatsache, daß Indische Nederlanders in keiner offiziellen Statistik erscheinen und von daher schlecht erfaßbar sind, zum anderen wohl an ihrer unauffälligen und für die umgebende Gesellschaft unproblematischen Lebensweise.

Text- und Inhaltsanalysen sind erfreulicherweise in diesem Zusammenhang schon mehrfach durchgeführt worden: Baschwitz et al. analysierten (1956) Presseartikel, Parlamentsbeiträge und die Inhalte indischer Zeitschriften. Kuiper und Surie (1967) untersuchten 9 Jahrgänge von Moesson (der größten indischen Zeitschrift) auf das Vorkommen spezifischer kultureller Äußerungen und Vorstellungen der Betroffenen hin. Cottaar und Willems (1984) analysierten koloniale Literatur und Zeitschriftenartikel im Hinblick auf ein negatives Image der Indos. Ich selbst führte eine Inhaltsanalyse von 13 indischen Fernsehshows durch (Kortendick 1990). Dabei stand die Frage im Vordergrund, inwieweit das Fernsehen als Medium in der Lage ist, die spezifischen Merkmale indischer Kultur zu transportieren, und Wege zur Verfügung zu stellen, durch die Besetzung öffentlicher Räume die Gruppenkohäsion und ethnische Identität zu wahren.

Angesichts der weltweit immer wieder aufflammenden gewaltsamen ethnischen Konflikte wäre es nicht nur interessant zu analysieren, was dem friedvollen Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft im Wege steht, sondern andersherum betrachtet, was die Faktoren sind, die in diesem Zusammenhang positive Beispiele wie das obige möglich machen. Wanderungsbewegungen von Menschen sind die Begleiterscheinung von Konflikten, aber auch von zunehmender wirtschaftlicher und politischer Verflechtung. Daß ein bestimmtes Territorium von einer sogenannten homogenen ethnischen Gruppe bewohnt wird, entspricht in vielen Ländern nicht mehr der Realität. Ethnische Konflikte lassen sich aber nur vermeiden, wenn man die Regelhaftigkeit erkennt, die sie bedingen oder verhindern.

Auf theoretischer Seite stellt sich in diesem Kontext für mich die Frage, was ethnisches Bewußtsein oder Identität eigentlich ausmacht. Denn dies sind ja die entscheidenden Punkte: Warum empfinden sich Menschen als anders bzw. andere als "fremd" und welche Konsequenzen hat dies auf der Ebene des sozialen Handelns? Was bedeutet dies für den Kampf um knappe Ressourcen, wie Wohnraum, Arbeitsplätze oder territoriale Ansprüche?


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Theoretischer Hintergrund

Die Frage, ob und wie ethnische Gruppen nach einer Wanderung über einen längeren Zeitraum ihr spezifisches Bewußtsein wahren können, ist eng mit dem Konzept der modernen Gesellschaft, oder allgemein gesagt, mit der Modernisierungstheorie, wie sie Max Weber formulierte, verknüpft. Weber (1985 [1922]) entwickelte die Idealvorstellung der modernen Gesellschaft, in der alle Klassen- und Standesgegensätze überwunden, die Mitglieder alle gleichen Zugang zu allen gesellschaftlichen Segmenten hätten, und nur das Leistungsprinzip diesen Zugang reguliere. Er unterschied zwischen der aufgrund eines Zugehörigkeitsgefühls, also affektueller oder traditionaler Bindungen basierenden Gemeinschaft und der zweckrational ausgerichteten Gesellschaft . Nach diesem Modell hätten sich ethnische Gegensätze in der modernen Gesellschaft vollkommen aufzulösen. Gegen diese wohlmeinende Utopie spricht der empirische Befund. Denn "gerade die Städte, die Symbole für Freiheit und Gleichheit der modernen Gesellschaften, (traten) (...) als Kristallisationspunkte von Ethnizität in den Vordergrund" (Orywal 1993: 594) jenes "Prozeß(es) der ethnischen Abgrenzung in Form der Selbst- und Fremdzuschreibung spezifischer Traditionen" (Orywal 1993: 599).

Vor dem Hintergrund dieser Beobachtung teilte sich das Lager der Forscher in zwei Gruppen: Diejenigen, die den "primordialen" Bindungen des Individuums größeren Einfluß zugestehen als extern begründeten rationalen Handlungsanweisungen (Shils 1957, Geertz 1963, Barth 1969, Isaacs 1975), und die Situationalisten, für die alle Handlungen des Individuums einem, wie auch immer gearteten Kalkül unterliegen, im extremen Falle also Ethnizität als Mittel dient, den Weg durch ansonsten durchlässige Instanzen abzukürzen (Esser 1988, Banton 1983, Cohen 1974, Parsons 1975).

Diese in der Praxis wenig hilfreiche Polarisierung, der an anderer Stelle (Yinger 1985: 173) "starkes ideologisches Interesse" unterstellt wurde, ist durch multivariate Ansätze und Synthesen aufgelöst worden (McKay 1982; vgl. Diskussion bei Kortendick 1990 sowie Orywal 1993). "Primordiale Merkmale (werden) in Abhängigkeit von der Situation selektiert" (Orywal 1993: 596). Interessant ist vielmehr, welche Faktoren (Variablen) zur Ausprägung welchen ethnischen Bewußtseins führen, bzw. wie in Abhängigkeit von der gesellschaftlichen Situation der "immerwährende Prozeß" Ethnizität (Orywal 1993: 603) individuell umgesetzt wird. Yinger (1986) machte auf die maßgeblichen Variablen aufmerksam: Gruppengröße, Dichte der Residenz, Dauer der Residenz, Möglichkeiten zur Rückkehr ins Heimatland, Sprache, Religion, äußere Erscheinung, Form der Migration, Kultur, politische und ökonomische Verhältnisse im Heimatland, Klasse und Beruf, Ausbildungsstand, Erfahrung von Diskriminierung, Form der umgebenden Gesellschaft. Die Ausprägung ethnischen Bewußtseins hängt demnach eng mit der Homogenität einer Gruppe hinsichtlich dieser Ausprägungen sowie der Erfahrung einer Andersartigkeit im Vergleich zur umgebenden Mehrheitsgesellschaft ab.
Allen diesen Überlegungen gleich ist allerdings das Moment, daß vom Individuum als Grundeinheit ausgegangen wird (Bertaux 1991: 13). Bertaux und Bertaux-Wiame schlagen dagegen die Familie als Grundeinheit soziologischer Betrachtung vor, wenn es darum geht, Formen der Übertragung (bei ihnen Transmission genannt) bei Statuselementen zu verstehen. Prinzipiell ist jedes Statuselement übertragbar, unterschieden wird jedoch hinsichtlich des Grades von Übertragbarkeit. Bargeld hat z.B. einen hohen Objektivierungsgrad, ist nahezu vollständig oder identisch übertragbar. Anders verhält es sich bei Elementen mit hohem Subjektivierungsgrad; diese sind nur äquivalent übertragbar, unterliegen einem "Erwerb", einer "Aneignung" und "Formung" durch den Erben. "Der Sohn des Bäckers, der Kornhändler wird; der Sohn des Kleinindustriellen, der Immobilienhändler wird (...)" (1991: 38) sind Beispiele für solche äquivalenten Transmissionen. Den Autoren gelingt es, in einer Studie über französische Bäcker aufzuzeigen, daß viele Arten der Transformation als "Transformation einer Ressource in eine Handlungsvoraussetzung " geschehen (1991: 39, Hervorhebungen im Original). Das zu diesem Zweck von ihnen entwickelte Verfahren der "vergleichenden Analyse" von Familiengeschichten sieht die Erhebung von Biographien innerhalb einer Familie über mehrere Generationen vor. Wenn man also ethnischem Bewußtsein eine ähnliche Rolle wie den von den Autoren beschriebenen Statuselementen beimißt, müßte seine Übertragung zweckmäßigerweise ebenso im engen Familienverband erfolgen und aus diesem heraus verstehbar sein.

Wendet man sich noch einmal dem konkreten Fall zu, dann ergeben viele Beobachtungen, zusammen betrachtet, vor dem theoretischen Hintergrund keinen Sinn: Viele der Momente, die zu einer Erhöhung ethnischen Bewußtseins führen müßten, sind bei Indischen Nederlanders im gegenteiligen Sinne besetzt: Die Gruppe ist qua Ausbildung und Berufsstand äußerst heterogen, ihre Sprache unterscheidet sich nicht von der der Mehrheit, "indische Kultur" präsentiert sich als Übernahme expressiver Merkmale, die umgebende Gesellschaft ist offen, systematische und dauerhafte Diskriminierung wird nicht erfahren (auf individuellem Niveau mag es da Ausnahmen geben), nur ein Teil der Betroffenen ist äußerlich zu erkennen, die Residenz weist keine Konzentrationen, geschweige denn gettoähnliche Ausmaße auf, die Dauer der Residenz ist relativ lang (dritte Generation ist in den 20ern) und die politischen und ökonomischen Verhältnisse im Herkunftsland wirken auf die meisten eher abschreckend. Lediglich die Momente "Rückkehr ins Heimatland" sowie "Form der Migration" haben Ausprägungen (nämlich "schwierig und selten" sowie "unfreiwillig"), die eine Vergrößerung ethnischen Bewußtseins vermuten ließen. Zudem stirbt die erste Generation mit der direkten Erfahrung aus. Doch zeigte sich in meiner ersten Arbeit, daß "Heimat" für Indische Nederlanders ein spezifisches Raum- und Zeitkonzept beeinhaltet, in das quasi jederzeit freiwillig gewechselt werden kann.


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Abbildung 3 "Prozentueller Anteil 'Indischer' Personen der ersten Generation (187.700), pro Gemeinde, 1 Januar 1990, (Durchschnitt in den Niederlanden = 1,3 %" (Beets 1994: 76)


Indische Nederlanders haben, das zeigen ja schon die Definitionen des Begriffes, ein Problem. Wenn sich das Bewußtsein einer Gruppe aus der Tatsache entwickelt hat, durch die Fusion zweier Kulturen entstanden zu sein, dann kann es so etwas wie endogame Vorstellungen natürlich nicht geben, da sie diesem Bewußtsein zugegenlaufen würden. "Indisch sein" bedeutet, keine feste Grenze nach außen zu haben, mehr noch, die Durchbrechung der Grenzen nach außen ist das Prinzip, über das sich die Gruppe konstituiert. In der Fusion, oder Amalgamation (Horowitz 1975), zugegebenermaßen oft willkürlicher und dekontextualisierter kultureller Elemente, drückt sich das Lebensgefühl dieser Menschen aus. Grenzen sind aber ein wesentliches, stabilisierendes Merkmal ethnischer Gruppen im Hinblick auf ihre Identität (Barth 1969). Diesen Widerspruch löst man durch die Schaffung konstruierter sozialer Räume und verschiedener sozialer Wirklichkeiten auf, die bei Bedarf aufgesucht werden und in denen dann jeweils spezifisch niederländische oder indische Kultur stattfindet (Kortendick 1990). Ersteres erlebt man z.B. am Arbeitsplatz oder in der Schule, zweites z.B. im koempoelan , im geselligen, "indischen" Zusammensein oder im indischen Verein und beim pasar malam . Auch die beliebte Late-Late-Lien-Show, eine von Indischen Nederlanders für Indische Nederlanders gemachte Fernsehsendung (Kortendick 1990) schuf ein solches Raumkonstrukt "Indiën". Entscheidend für das Überleben der Gruppe ist also, wie nach Aussterben der ersten Generation von Migranten, diese Fähigkeiten innerhalb der Nachfolgegenerationen erhalten werden.



Daten

Operationalisierung

Die vorliegende Studie erhebt keinen Anspruch auf Repräsentativität. Das kann sie angesichts ihres prospektiven Charakters und ihres Schwerpunkts auf analytischer Tiefe nicht leisten.

Bei der Auswahl der Befragten spielte Forschungseffizienz die leitende Rolle: Es bestanden Kontakte zu einer großen indischen Familie, von deren Seite schon wiederholt Interesse an einer solchen Untersuchung geäußert wurde. Insbesondere lag Interesse an einer Sammlung von Interviews vor, aus denen man eine "Familienchronik" erstellen wollte. Nicht alle Mitglieder dieser Familie waren dem Verfasser im Vorfeld schon bekannt. Eine Schlüsselrolle kam hier Marlene zu, die zwischen weiter entfernteren Verwandten vermittelte, Termine vereinbarte und die letztlich befragten Personen für die Teilnahme an der Forschung begeisterte.

Man kann diese Art des samplings als "judgement sampling" begreifen (Bernard 1994: 95). Der Forscher wird hierbei von seiner Felderfahrung bei der Auswahl der untersuchten Personen geleitet. Judgement sampling ist bei bestimmten, schwer erreichbaren Personengruppen und insbesondere im Bereich der Biographieforschung und qualitativer Untersuchungen schlechthin, ein häufig beschrittener Weg (1994: 96).

Marlene, ihr Mann und die Kinder stellten somit den Ausgangspunkt für ein Schneeballverfahren dar. Sie bestimmten, wer noch zur "Familie" im weiteren Sinne gehörte. Bei der Nennung weiterer Personen war demzufolge immer die Frage an sie gerichtet, ob die entsprechenden Kandidaten ihrer Meinung nach noch zur "Familie" gehörten. Natürlich ist diese Auswahl extrem einseitig. Aber im Rahmen des Untersuchungszieles ist sie auch zwangsläufig: Im Mittelpunkt des Interesses steht die Suche nach einer mythischen Darstellung und ihren Transportmöglichkeiten. In diesem Zusammenhang müssen die befragten Personen im regelmäßigen Austausch stehen, so daß es wenig Sinn gemacht hätte, wären hier weiter entfernte Personen befragt worden, zu denen erst einmal von Marlenes Seite her Kontakte hätten aufgebaut werden müssen.

Bei der Auswahl der Personen stand also immer die Frage an Marlene im Vordergrund: Wer kann Deiner Meinung nach aus der Familie noch etwas zu dem Thema sagen? Wenn Dir noch jemand einfällt, dann laß uns versuchen, ihn zu befragen.

Der Schwerpunkt der Datenerhebung lag dann auf der Sammlung qualitativer Daten. Es wäre angesichts der Forschungsfrage nicht angezeigt gewesen, mit strukturierten Interviews oder Fragebögen zu arbeiten, da in erster Linie so etwas wie ein vollständiger Geschichtskorpus erhoben werden sollte. Bei der Auswahl der Datenerhebungsmethode wurde die Gruppendiskussion gewählt. Dieses hauptsächlich im Marketing (Bernard 1994: 225) eingesetzte Instrument, das auch als "Fokusinterview" oder "Interview in der Gruppensituation" (Scheuch 1962: 169) bezeichnet wird, wird aus verschiedenen Gründen in der Ethnologie kaum eingesetzt.



Die Gruppendiskussion

Gruppendiskussionen bieten sich gerade dann an, wenn es um die Erhebung von Alltagsgesprächen bzw. kollektiven Einstellungen geht (Friedrichs 1984: 246), was diese Methode eigentlich für die Ethnologie prädestiniert. Die Methode wurde in den 40er Jahren im Rahmen der amerikanischen Kleingruppenforschung entwickelt (Bernard 1994: 225; Mangold 1962: 209) und dann auch vereinzelt in Deutschland eingesetzt. Die ihr zu Grunde liegende Annahme ist, daß sich Befragte in der Gruppe "quasinatürlich" austauschen, ohne daß durch den Interviewer eine verzerrte, weil wirklichkeitsfremde Erhebungssituation konstruiert wird. Vertreter der Gruppendiskussion argumentieren (Krüger 1983), daß "kollektive Bewußtseinszustände" die "gesellschaftlichen Tatsachen" ebenso zuverlässig abbilden wie externe Daten. Neben den individuellen Meinungen, deren Abfragung über Erhebungsinstrumente wie den Fragebogen oder das offene Interview geschehen mag, gibt es "bewußtseins- und handlungsrelevante" kollektive Einstellungen, die über die Diskussion ermittelt, aber auch erst entstehen können.

Lamnek (1989: 125) weist allerdings auch daraufhin, daß die Gruppendiskussion "praktisch keine" methodologische Entwicklung erfuhr, weder im wissenschaftlichen, noch in ihrem häufigsten Einsatzgebiet, dem kommerziellen Bereich. Dies hat aber vor allem praktische Gründe (1989: 154): Zum einen stellt die Transkription von Gruppendiskussionen eine besondere Schwierigkeit dar, denn mitunter unterbrechen sich die Teilnehmer, ferner gibt es die ungelösten Probleme wie die Stimulation von "Schweigern" oder das "Bremsen" von "Vielrednern".
Dem stehen aber eine Reihe von Vorteilen gegenüber:

  1. Das Verfahren ist zeit- und kostengünstig.
  2. Es ermöglicht im Idealfall die Erhebung von Datenmaterial, das weitestgehend frei von Interviewerstimuli ist .
  3. Es produziert Einstellungen, die im Einzelinterview nicht geäußert würden, weil der Befragte Hemmungen hat.
  4. Es schafft größere analytische Tiefe, weil sich die Befragten gegenseitig stimulieren und somit Bereiche ihres Alltags ansprechen, die dem Interviewer unter Umständen nicht geläufig oder präsent sind.
Für Mangold (1962: 215) produziert die Gruppendiskussion "informelle Gruppenmeinung". Die Abschöpfung dieser Meinung ist im Sinne der These der vorliegenden Studie von größerem Interesse als die Erhebung von Einzeleinstellungen. Mitglieder einer Familie, die zudem noch unter einem gemeinsamen Dach leben, sind keine isolierten Monaden, sondern zeichnen sich durch komplexe soziale und kommunikative Beziehungen4 aus.

Als ideale Gruppengröße werden 7-10 (Mangold 1962: 219) oder 5-12 Teilnehmer (Lamnek 1989: 144) genannt. Bei großen Gruppen steigt der Anteil von "Schweigern", bei zu kleinen Gruppen läßt die Produktion unterschiedlicher Meinungen nach (1989: 144). Ein Diskussionsleiter gibt am Anfang des Gespräches einen Stimulus vor (in diesem Fall z.B.: Versuchen Sie einem Außenstehenden zu erklären, was indisch ist. oder Welche Bedeutung hat es für Sie, indisch zu sein? ), der von den Teilnehmern dann behandelt wird. Zur Aufzeichnung werden Tonband, Videokamera und das Führen eines Diskussionsprotokolls empfohlen, das Auskunft über die verschiedenen Beiträge liefert, um die spätere Transkription zu erleichtern (Friedrichs 1984: 249). Die Auswertung kann, je nach spezifischen Forschungsinteresse, auf inhaltsanalytischem oder interaktionistischem Wege geschehen (Lamnek 1989: 160).

Unter den gegebenen Umständen wurde der Forschungsprozeß als Interaktion zwischen Wissenschaftler und den Informanten begriffen. Da letztere ein starkes Eigeninteresse an der Erhebung ihrer biographischen Daten hatten, sah ich mich mehr in der Rolle eines Mediators, der die systematische Erhebung überwachte und die Teilnehmer motivierte.

Viele andere Datenquellen wurden im Verlauf der Erhebungsphase von den Informanten selbst erhoben: So wurden umfangreiche genealogische Erhebungen produziert, Photos herausgesucht und während der Gespräche betrachtet, außerdem ergaben sich eine Reihe "informeller" Gespräche, in denen über die Inhalte der Gruppendiskussionen reflektiert wurde.


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Feldphase

Die Datenerhebung fand zwischen dem 28.12. 1992 und dem 25.1. 1993 an verschiedenen Orten5 in den Niederlanden statt. Dieser Termin wurde abgesprochen, weil sich im Haus Marlenes große Teile der Familie zu Weihnachten treffen. Die Feiertage 1992 wurden jedoch von einem unerwarteten Trauerfall überschattet: Am 22.12. 1992 starb Marlenes Mutter Anna. Die Beerdigung fand am 27.12. 1992 statt, also unmittelbar vor dem avisierten Interviewtermin. Natürlich lag angesichts dieser Umstände eine Verschiebung des Projektes nahe. Andererseits drängten die Beteiligten gerade Annas Todes wegen auf den Beginn der Gespräche. Es war, als wäre allen klargeworden, daß die Zeit zur Befragung der Älteren begrenzt sei und die Aufzeichnung der Familiengeschichte ohne deren Anteil unvollständig, wenn nicht unmöglich wäre.

Ein zweites Ereignis beeinflußte die Gesprächssituation: Kurz zuvor hatte es in Deutschland einen verbrecherischen Brandanschlag auf Türken gegeben, dem mehrere Menschen zum Opfer fielen. Die in den Niederlanden ohnehin immer besonders kritische Haltung Deutschland und den Deutschen gegenüber, hatte sich verschärft. Gerade die jüngeren Mitglieder der untersuchten Gruppe sowie diejenigen, die unter der deutschen Besatzung im Kriege gelitten hatten, hinterfragten die Legitimation des Forschers angesichts dieser erschreckenden Ereignisse. Sie mutmaßten ein revanchistisches Interesse an der Untersuchung und verwiesen, aus gutem Grund, darauf, daß es, bevor die koloniale Vergangenheit ihres Landes kritisiert würde, vor der eigenen Haustüre zu kehren gelte. Nur durch eine besonders ausführliche Darstellung des Forschungsinteresses und längere Vorgespräche war es möglich, die bei einigen Informanten eingetretenen Vorbehalte auszuräumen. Typisch für den Ablauf der Gespräche war eine Situation, wie sie mit Jaqueline vorkam:
"(...) Jaqueline, war so eine richtig große alte Dame, ziemlich dünn, dürr fast, hatte unheimliche Lungen- und Bronchenprobleme, und rauchte trotzdem wie ein Schlot. Als echte Amsterdamerin und mit einer jüdischen Mutter hatte sie natürlich große Bedenken dem gegenüber, was im Moment in Deutschland passiert. Wir haben uns bestimmt erst anderthalb Stunden nur über Politik unterhalten, über die neuesten Ereignisse in Deutschland. Ganz anders als mit Klaas und Eveline aus England, die ganz offen waren und weit weg von solchen Ereignissen." (Auszug aus dem Feldtagebuch 29.12. 1992)


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Technische Aspekte

Da in der Literatur die Transkription von Gruppendiskussionen als das größte Hindernis bei der Anwendung dieser Technik angeführt wurde und man andererseits aus Kokot, Lang und Pack (1991) weiß, daß die Transkriptionsdauer entscheidend von der Aufnamequalität abhängt, wurde nur hochwertiges Gerät verwendet. Als Aufnahmegerät diente ein SONY WM-D6C mit dem Mikrophon ECM-909 (ebenfalls SONY). Das Gerät zeichnet sich durch Aufnahmen in Studioqualität aus und ist trotzdem extrem kompakt (17,5 x 10 x 4,5cm). Dadurch verschwindet es gleichsam im Hintergrund und stellt keine Barriere zwischen den Gesprächspartnern dar. Als Band bewährte sich das SONY UX-S90. Das ECM-909 besitzt eine empfindliche Stereorichtcharakteristik und ist in der Lage, die Verteilung der Stimmen verschiedener Gesprächspartner im Raume exakt nachzuzeichnen.



Gesprächssituationen und erhobene Daten

Insgesamt erwies sich die Erhebung durch Gruppendiskussionen als problemlos. Lediglich das Führen eines Gesprächsprotokolls war ein erheblicher Störfaktor, so daß dies eingestellt wurde. Letztlich war aber auch bei der Transkription ein solches Protokoll nicht nötig, da die einzelnen Stimmen aufgrund der kleinen Gruppengröße und heterogenen Besetzung qua Alter und Geschlecht problemlos zu differenzieren waren. Auch die Aufforderung an die Teilnehmer, sich mit Namen anzureden bzw. ihren eigenen Beitrag mit namentlicher Vorstellung einzuleiten, erwies sich als kontraproduktiv, da dies in natürlichen Gesprächssituationen auch nicht passiert.

Die Vorteile der Gruppendiskussion können nach meiner Erfahrung nur bestätigt werden: Schon nach kurzer Zeit entwickelten sich Gespräche der Teilnehmer untereinander, die weitestgehend frei von Interviewerstimuli waren. Die Gesprächssituation wurde von den Beteiligten als natürlich und ihren alltäglichen Gewohnheiten entsprechend erfahren. So wurde auch dem Wunsch der Teilnehmer nach Kaffee und Kuchen beispielsweise nachgegeben, obwohl dies zwangsläufig zu sprachlichen Beeinträchtigungen führte.

Auch die Effizienz des Verfahrens bestätigte sich in der Praxis. So war es (s. Tabelle 1) möglich, innerhalb von ca. 4 Wochen mit einer relativ großen Zahl von Informanten zu sprechen.

Außerdem konnten aufgrund diesen Verfahrens zwei Gespräche ausgewertet werden, bei denen der Forscher nicht anwesend war. Zum einen handelt es sich dabei um ein Videoband, daß um 1986 im Familienkreis aufgezeichnet wurde. Es ist als Gespräch Nr. 20 in den Korpus eingeflossen. Bei dem zweiten Gespräch handelt es sich um eine Zusammenkunft von Marlene, Sjakkie und deren Mutter Cleo. Letztere äußerte Unbehagen der Tatsache gegenüber, daß "ein Wildfremder" Zugang zu ihrem Privatbereich erhielte. Sie hatte gleichwohl nichts dagegen, daß das Gespräch aufgezeichnet und wissenschaftlichen Forschungszwecken zugeführt wurde. Auch wurde eine Videoaufzeichnung angefertigt. Ich habe nach intensivem Studium der Bänder den Eindruck gewonnen, daß es sich bei dem gesamten Material um dem Alltag sehr nahe bzw. in den Fällen, wo ich selbst nicht beteiligt war, sogar um nahezu identische Gesprächssituationen handelte.



Der Korpus

Einen Überblick über die geführten Gespräche mag Tabelle 1 auf der folgenden Seite geben:

Es wurden 17 Gruppendiskussionen durchgeführt. Hinzu kommen fünf Einzelgespräche, die entstanden, weil allein lebenden Menschen nicht zugemutet werden konnte, größere Entfernungen zurückzulegen, um dann in einer nicht alltäglichen Gesprächssituation zusammenzukommen. Insgesamt waren so 44 Personen an der Erhebung beteiligt. Davon erwies sich nur Omar als "Schweiger", mit keinem Redebeitrag. Aktiv in die Untersuchung gingen somit 43 Informanten ein. Ich habe in der Tabelle auf die Angabe einer Bandlänge in Minuten verzichtet. Zum einen ist diese Angabe ungenau, da sie zwar über die Länge des Bandmaterials, nicht aber über die Menge an Information Auskunft gibt. Zum anderen kann sie nicht gültig abbilden, daß unterschiedliche Menschen eben auch unterschiedlich schnell reden bzw. berücksichtigt nicht Redepausen und Unterbrechungen. Deswegen wird der Umfang der Interviews in Worten dargestellt6. Die Gespräche selbst dauerten zwischen 30 und 120 Minuten.


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Tabelle 1

Datum Teilnehmer Länge (Worte) Sprache Interviewer
1. 28.12.92 Marlene
Henry
George
Klaas
Eveline
Ivo
12.549 Englisch8 X7
2. 28.12.92 Kurt
Gerard
Marlene
Ivo
16.974 Niederländisch X
3. 29.12.92 Jaqueline
Marlene
14.787 Niederländisch X
4. 30.12.92 Jane
Michel
Omar
Laila
Woody
6.059 Niederländisch X
5. 31.12.92 Isabella
Marlene
10.972 Niederländisch X
6. 01.01.93 Ellie 2.391 Niederländisch X
7. 03.01.93 Marlene
Richie
Margriete
Harko
Meike
12.087 Niederländisch X
8. 09.01.93 Sjakkie
Marlene
13.192 Niederländisch X
9. 09.01.93 Pia
Marlene
8.116 Niederländisch X
10. 09.01.93 Oscar
Marlene
10.214 Niederländisch X
11. 10.01.93 Gabriella
Andrew
4.937 Niederländisch X
12. 11.01.93 Antje
Ruud
11.718 Niederländisch X
13. 12.01.93 Marlene
Toni
5.539 Niederländisch X
14. 24.01.93 Saskia
Emiel
Marlene
21.454 Niederländisch X
15. 21.01.93 Simone
Didier
Marlene
Lilian
Asta
Gaston
18.189 Niederländisch X
16. 22.01.93 Astrid 3.182 Niederländisch X
17. 23.01.93 Edmond 5.258 Niederländisch X
18. 25.01.93 Tania 5.100 Niederländisch X
19. 25.01.93 Olga 5.287 Niederländisch X
20. um 1986 Anna
Henriëtte
Rein
Marlene
Erna
14.051 Niederländisch O
21. 08.01.93 Cleo
Sjakkie
Marlene
11.665 Niederländisch O



Datenaufbereitung

Technisches Gerät

Zur Transkription des Materials wurde ein Transkriptionsgerät der Firma SONY (BI-85) mit Fußschalter (SONY FS-75) benutzt. Dieses Gerät gestattet das Abhören normaler Tonbandkassetten auf unterschiedlichen Geschwindigkeitsstufen und läßt sich über den Fußschalter hinreichend bedienen. Allerdings ist die Wiedergabequalität deutlich schlechter als über den WM-D6C. Leider bot der Markt zur Zeit der Transkriptionsphase keine bessere Qualität.



Regeln der Transkription

Es gibt unterschiedliche Arten, aufgezeichnetes Bandmaterial zu transkribieren, die stark von der sich anschließenden Auswertungstechnik abhängen. Im vorliegenden Fall wurde wörtlich transkribiert, aber "quasi bereinigt". Das heißt, daß z.B. Versprecher, angefangene oder nicht vollendete Worte nicht abgeschrieben wurden. Nonverbale Stimuli (Lachen, Weinen, 'Mhm') gingen nicht in die Aufzeichnung ein. Mir ist klar, daß diese Art der Kommunikation auch wichtig ist, andererseits ist mir auch für größere Textmengen kein sinnvolles Auswertungskonzept für sie bekannt. Schließlich wurden auch alle visuellen, olfaktorischen und taktilen Stimuli nicht aufgezeichnet und ausgewertet.

Markiert wurden lediglich drei Besonderheiten:

Zum einen wurden "abgebrochene" Beiträge, wo also etwa von anderer Seite eine Intervention erfolgte, mit dem Kode [FaOu] ("Fade out") gekennzeichnet:

Bspl.:

INF12
Maar voor de rest, wat gewoontes betreft, ja, hier staat bij voorbeeld een fles op de WC, om je billen te wassen. Hé, dat vind je inderdaad geloof ik alleen bij [FaOu].

Unverständliche Passagen wurden mit [UnPa] markiert. Für jedes unverständliche Wort wurde jeweils ein Marker gesetzt.

Einen dritten Fall stellen schließlich "undeutliche Wörter" [WoUn] dar. Mitunter trat der Fall ein, daß ein bestimmtes Wort zwar deutlich transkribiert werden konnte, aber grammatikalisch unrichtig war, oder im Kontext keinen Sinn machte:


Bspl.:

INF1
It has to do with proportion, because Holland is a very small country, which was very [WoUn] (blinked) and very not many opportunities here, (...)

Insgesamt jedoch erwies sich der Anteil dieser Passagen im Korpus als minimal.

Punkte und Kommas markieren den Redefluß. Ein Punkt steht für eine deutlich lange Pause und gesenkte Stimme. Kommas bedeuten kleine Pausen. Die Zeichensetzung folgt somit nicht orthographischen Regeln.



Dauer der Transkription

Ich habe keine systematischen Daten zur Transkriptionsdauer aufgezeichnet. In der Regel läßt sich sagen: 1 Stunde Bandmaterial entsprach etwa 8-10 Stunden Transkriptionsdauer. Dabei war die Qualität der Aufzeichnung von entscheidender Bedeutung. Aber es gab auch andere Faktoren: Alle Bänder, von denen Videoaufzeichnungen existierten, konnten schneller transkribiert werden, da bei vielen "problematischen" Stellen das visuelle Material sofort weiterhalf. Ein weiterer Faktor war die persönliche Vertrautheit mit den Informanten: Personen, die ich schon länger kannte, mit denen schon viele "informelle" Gespräche geführt werden konnten, waren auch auf den Bändern besser zu verstehen. Insgesamt decken sich meine Erfahrungen mit Kokot, Lang und Pack (1991).

Nach dem ersten Durchgang wurden alle Bänder mit vorliegendem Transkript probegehört. Dabei konnten eine Reihe von falsch transkribierten Stellen ausfindig gemacht werden. Das Probehören erwies sich als unerlässig (vgl. Mergenthaler 1992). Es schloß sich ein Korrekturdurchgang unter WordPerfect mit einem englischen und einem niederländischen elektronischen Wörterbuch an. Leider zeigte sich, daß diese "Rechtschreibhilfen" keineswegs alle Fehler ausmerzen. Deswegen wurde unter TEXTPACK mit der Routine FREQ eine Häufigkeitsauszählung erstellt. Die Wortliste wurde komplett durchgesehen. Anhand der Wortliste können unplausible Rechtschreibfehler, wie etwa der klassische "Buchstabendreher" leicht erkannt werden, wenn man die Wörter alphabetisch und nicht der Häufigkeit entsprechend sortieren läßt. Zum Schluß wurde der gesamte Ausdruck des Korpus Korrektur gelesen. Die investierte Zeit betrug gute sechs Monate.

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Anonymisierung

Die Namen aller beteiligten Personen sind verändert. Der besseren Lesbarkeit wegen habe ich neue Klarnamen gewählt. Dabei trat allerdings ein Problem auf: In Wirklichkeit haben einige der Informanten gleiche Namen, es gibt so etwas wie eine Übertragung von Namen in der untersuchten Familie. So haben z.B. Klaas und sein Sohn Henry in Wirklichkeit den gleichen Vornamen. Um sie zu unterscheiden werden dann manchmal Zusätze wie "der kleine" benutzt, wenn Henry gemeint ist. Andererseits machte die spätere formale Analyse, die auf dem maschinellen Kodieren der häufigsten Wörter aufbaut, eine eindeutige Namenszuweisung notwendig. Ich denke letztlich, daß auch die Lesbarkeit durch die Eindeutigkeit erhöht wird. Bei der Wahl der Namen habe ich mich auf mein ethnographisches Hintergrundwissen und mein Gefühl verlassen. Ich hoffe, alle Informanten sind mit den neuen Identitäten zufrieden, die sie mir zu verdanken haben, sie seien versichert, daß ich mir aufrichtige Mühe gegeben habe!



Personen

Bei der Datenerhebung wurde auf externe Variablen weitestgehend verzichtet; der Schwerpunkt dieser Studie liegt auf der Repräsentation des Familienkollektivs. Um aber einen Eindruck über die Beziehungen zwischen den verschiedenen Informanten zu bekommen und um die Lesbarkeit der Arbeit zu erhöhen, besonders was den Vergleich mit zitierten Beispielen und dem Originalkorpus des Materialbandes betrifft, möge der Leser Tabelle 3 zu Rate ziehen.

Obwohl auffällig ist, daß ego bei der Wahl von weiteren Informanten sich stärker an der Mutterlinie orientiert hat als an der der Väter, habe ich dies im Rahmen dieser Arbeit nicht weiterverfolgt. Hier hätten systematisch Daten auch von männlichen egos erhoben werden müssen. Weiterhin muß darauf hingewiesen werden, daß es sich bei der Auswahl der Informanten keineswegs um die vollständigen Familien handelt. Im Rahmen der Forschung wurden weit mehr genealogische Daten erhoben, und von drei Spezialisten lagen dementsprechende Darstellungen vor. Die tatsächliche kognitive Wahrnehmung von "Familie" dürfte bei ego weitaus größer sein als durch die Tabelle abgebildet wird.

Auch wurde auf eine zusammenfassende Darstellung der einzelnen Biographien verzichtet, so sie von den Informanten überhaupt gegeben wurden. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf den Materialband, gerade mit der Erkenntnis, daß die von den Beteiligten gegebenen Lebensläufe in ihrer Individualität und Farbigkeit sich einer auf wenige Sätze reduzierten Zusammenfassung entziehen.


Formale Beschreibung des Korpus

Bei der formalen Beschreibung des Korpus verhält es sich genauso wie mit der Angabe der Interviewlänge: Der Umfang hängt wesentlich von der Art der Seitenformatierung ab. Rechnet man die Wortmengen aus obiger Tabelle zusammen kommt man auf 213.721 Worte9.

Interessanter und für die Qualität des Korpus aussagekräftiger, sind aber die Angaben über unverständliche Passagen bzw. undeutliche Worte:

Tabelle 2
UnPa WoUn
1.531 46


"Bereinigt" man den Korpus um diese Marker und die Kodes für die jeweiligen Sprecher, ergibt sich eine Stärke von 203.571 Worten. 11.394 unique Wortformen finden sich. Aus diesen beiden Zahlen (Token und Types) kann man die Type-Token-Ratio errechnen, die im vorliegenden Fall .056 beträgt. Dieser Wert bewegt sich theoretisch zwischen 1 (extrem niedrige Redundanz, weil jedes Zeichen nur einmal vertreten ist) und nähert sich mit steigender Redundanz gegen 0. Der Korpus weist also eine extrem hohe Redundanz auf, die auf seinen alltagssprachlichen Kontext verweist (Züll 1991:19). Der Anteil der nicht verständlichen bzw. undeutlichen Stellen beträgt .7710 Prozent. Ich denke, daß diese Zahlen für eine überaus hohe Qualität des Materials sprechen, was allerdings auch Voraussetzung für eine maschinelle Verkodung ist.


Inhaltsanalyse


Die Auswertung des Materials geschieht sinnvollerweise durch inhaltsanalytische Verfahren.
Definitionen:
"Content Analysis is a research technique for the objective, systematic, and quantitative description of the manifest content of communication." (Berelson 1952:18)
"Inhaltsanalyse ist eine Methode zur Erhebung sozialer Wirklichkeit, bei der von Merkmalen eines manifesten Textes auf Merkmale eines nicht manifesten Kontextes geschlossen wird." (Merten 1983:15-16)

"Die Inhaltsanalyse ist eine empirische Methode zur systematischen, intersubjektiv nachvollziehbaren Beschreibung inhaltlicher und formaler Merkmale von Mitteilungen." (Früh 1991:24)

Die Reihe von Definitionen ließe sich mühelos mit weiteren Beispielen aus Vergangenheit und Gegenwart fortsetzen. Jede ist kritisiert worden, bis heute gibt es keine zufriedenstellende Lösung.

Allen gemeinsam ist jedoch die Annahme, daß außer den "offensichtlichen" im Text manifesten abgebildeten Informationen noch weitere vorhanden seien, und diesen gelte es - mit Hilfe einer darauf spezialisierten Technik - auf die Spur zu kommen. Hieß dieser Vorgang bei Berelson noch objektiv, so wird bei Früh daraus intersubjektiv. Gemeint ist, daß "der Forschungsablauf (... ) möglichst transparent und nachvollziehbar sein" soll, "Möglichkeiten der Verzerrung offen dargestellt werden" (Kortendick 1990:103).

Manifest sind "alle Kommunikationsinhalte, sofern sie in irgendeiner Weise manifest, also als Text abgebildet werden können" (Merten 1983:16). Ein Text wird zerlegt und in eine Metasprache übersetzt.

Dieser Ansatz ist problematisch und hat die Kritik an der Methode immer provoziert. Wie sind Stilmittel wie die Satire, die Ironie, über die Berelson feststellte, daß "one word or one phrase is as 'important' as the rest of the content taken together" (1952:20) einzuordnen? Immer dort, wo der Text literarische Formen annimmt, also nicht redundant wie die Alltagssprache ist, ist demnach Vorsicht geboten.

Allerdings sind klassische Inhaltsanalysen an Texten durchgeführt worden, die dieses Merkmal gerade nicht erfüllten. Die Inhaltsanalyse ordnet den Text nach bestimmten Kriterien, in der Regel nach definierten Kategorien, die entweder vorab (a priori) oder aus dem Text selbst gewonnen werden. Bei einer schriftlichen Vorlage betrifft dies einzelne Worte oder Wortstämme, aber auch Themen und Konzepte. Aus dem Auftreten der Worte, oder anders gesagt, aus ihrer Repräsentanz innerhalb der Kategorien werden Rückschlüsse auf den Text, den Kontext, den Autor oder die Situation gezogen. Die Inhaltsanalyse ist also zu einem guten Teil ordnender und auszählender Natur. Allzu gern wird ihr deswegen der Vorwurf der "Fliegenbeinzählerei" nachgetragen. Doch bietet sie den Vorzug der Vergleichbarkeit der Ergebnisse ohne oder nur geringem Einfluß von Seiten des Forschers auf das Material.

Silbermann (1974: 311) hat drei Situationen skizziert, aufgrund deren die Anwendung der Inhaltsanalyse angemessen ist:

  1. Der "Umfang des zu untersuchenden Materials" nimmt "ein solches Ausmaß" an, "daß aus der Menge der vorliegenden Kommunikation eine Stichprobe gezogen werden muß".
  2. (...) "Das vorliegende Material" wird "von einem Team bearbeitet (...), in dem jedes Mitglied eine eigene, subjektive Prädisposition besitzt".
  3. "Der zu untersuchende Gegenstand" entzieht sich "durch räumliche oder zeitliche Distanz dem direkten Zugriff des Forschers" bzw. liegt "aus zweiter Hand" vor.
Ergänzend erläutert Früh (1991: 39):
  1. Der Forscher ist nicht auf die Kooperation von Versuchspersonen angewiesen.
  2. Der Faktor Zeit spielt für die Untersuchung eine untergeordnete Rolle; man ist nicht an bestimmte Termine zur Datenerhebung gebunden.
  3. Es tritt keine Veränderung des Untersuchungsobjektes durch die Untersuchung auf.
  4. Die Untersuchung ist beliebig reproduzierbar oder mit einem modifizierten Analyseinstrument am selben Gegenstand wiederholbar.
  5. Inhaltsanalysen sind meist billiger als andere Datenerhebungsmethoden.
Sicher ist hier in erster Linie an die Analyse bereits vorhandenen Materials größten Umfanges gedacht, wie etwa der Auswertung von Tageszeitungen. Aber gerade auch an Interviews, so wie sie in der ethnologischen Feldarbeit in großen Mengen anfallen, muß in diesem Zusammenhang gedacht werden (Osgood 1959). Die Inhaltsanalyse hilft bei der Übersetzung dieses redundanten Materials in aussagekräftiges, "hartes" Datenmaterial.




Disclaimer: Dies ist ein Auszug aus meiner neuesten Arbeit und muß als solcher begriffen werden. Änderungen sind jederzeit möglich und dem Autor vorbehalten. Alle Rechte, insbesondere die der Vervielfältigung auf Medien jedweder Art, speziell elektronischer, optoelektronischer und magnetischer sind ausdrücklich untersagt.
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Erstellt am 7.3. 1996

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