Buchbesprechung aus: Comparativ, Heft 2, Jahrgang 6, 1996,
S.176-178
von Friedemann Scriba
Sandra Marcella Lucia Liebscher
Gegenwärtige kulturelle Probleme und Varianten der Valdesi.
Ethnographie der italienischen Waldenser 1991-1993,
Universitätsverlag Dr.N.Brockmeyer,
Bochum 1994
(Abhandlungen zur Geschichte der Geowissenschaften und
Religion-Umwelt-Forschung: Beiheft 8)
Die Bedeutung historisch-anthropologischer Fragestellungen nimmt
infolge der sog.linguistischen Wende auch in der Geschichtswissenschaft
zu. Dabei spielt unter anderem das subjektive Bewußtsein innerhalb
von Gruppen und bei deren Individuen eine konstitutive Rolle. Insofern
Gruppen ihre Identität selbst über Rückgriff auf
Vergangenheit bestimmen, wird Historie ihrerseits zum Gegenstand
historisch-anthropologischen Zugriffs.
In einer Solchen Situation muß Historie erneut in den Revieren
von Nachbarwissenschaften wildern und sich ggf.deren methodisches
Potential aneignen; am nächsten liegt dabei die Ethnologie, die
nach dem Zustandekommen, Funktionieren und Verfall bestimmter
Gruppenbeziehungen fragt und dabei auch zunehmend komplexe
Gesellschaften untersucht.
Für Historiker bietet es sich dabei an, in diesem Revier nach
Mikrostudien zu suchen, die eine möglichst klar begrenzte Gruppe
mit einem hohen Anteil von historischen Bezügen in ihrer Identität
untersuchen. Sie werden fündig bei Sandra Liebscher, die die
Waldenser in Italien untersucht.
Einige Merkmale seien knapp aufgeführt: Die italienischen
Waldenser, die Valdesi, sind eine (religiöse) Minderheit mit
langer Verfolgungsgeschichte.
In der italienischen Gesellschaft der letzen 200 Jahre bestimmten die
Lager "Katholizismus" und "Laizismus" zahlreiche gesellschaftliche und
politische Konflikte, innerhalb derer die Valdesi eine Sonderrolle
spielten und dementsprechende Handlungsspielräme zu nutzen
versuchten.
Auch wenn sich die Valdesi schließlich der Reformation
anschlossen, gründen sie ihre Identität nicht primär auf
dogmatische Inhalte, sondern auf ihre eigene Geschichte
- was sich gerade auch an explizit nicht christlichen Valdesi zeigt:
mit dem Konzept der "forma mentis" (eine gruppentypische Art zu denken
und zu handeln, wobei sich unterschiedliche Komponenten in individuell
unterschiedlichen Mischungsverhältnissen zu einer Mentalität
verbinden, siehe S.4-5)
versucht Liebscher erfolgreich, anhand der
Bewuştseinskomponenten eigene Kultur, Protestantismus,
Minderheitenbewußtsein die Rolle des historischen
Bewußtseins und dessen Aktualisierung durch gegenwärtige
Anlässe herauszudestillieren. Daß sich infolge von 1989/90
die politischen Koordinaten in Europa veränderten, schlägt
sich in Italien im diffusen Übergang zu einer "2.Republik" seit
1991/92 nieder, der in Liebschers
Untersuchungszeitraum von 1991 bis 1993 fällt:
die sich daraus ergebenden Diskussionen der Valdesi zeigen starke
innere Kontraste, die die "kulturellen Varianten" innerhalb der
valdesisch geformten "forma mentis" angesichts der soziokulturellen
Veränderungen im Italien der zweiten Nachkriegszeit offenlegen;
dabei geht es um die Fragen, ob sich die Valdesi am neugeschaffenen
Kirchensteuersystem, dem sog. "8 per mille", beteiligen sollen
(S,115-132), wie man sich zu katholischem und nichtkatholischem
Religionsunterricht an Staatsschulen stellen soll (S.133-139) und wie
man auf die wieder wachsende Präsenz des Katholizismus in der
Medienkultur eines Landes reagieren soll, das zwar offiziell Staat und
Kirche trennt aber faktisch seit dem Faschismus das katholische
Christentum als eine Art Staatsreligion pflegt (S.139-166).
Methodisch ähnelt ethnographisches Arbeiten in vielem nicht
zufällig der Oral History: Insofern Einzelinterviews mit weniger
oder gar keiner Standardisierung als Quelle dienen (vgl. S.7f), bedarf
es methodischen Vorgehens, um Gruppen und Teilgruppen nach bestimmten
Komponentenmischungen ihrer "forma mentis" zu bestimmen.
Als standardisierte Hilfe setzt Liebscher das Verfahren der
"successive pilesorts" ein: Hierbei muß jeder Interviewte eine
Sammlung von 13 oft genannten Argumenten in Teilgruppen zerlegen und
wieder neu zusammensetzen, so daß sich quantifizierbare
Schwergewichte ergeben und z.B. deutlich wird, ob sich jemand
stärker vom Minderheitenbewußtsein her, von seiner Beziehung
zum italienischen Staat oder als Protestant definiert (S.9-11, Anhang
S.223-274).
Dabei gilt es, die ethnographische Norm einzuhalten, auf der
Grundlage von Selbstzuschreibungen zu wissenschaftlich gestützten
Aussagen zu kommen, also auf einem Ethnosbegriff der Selbstzuschreibung
statt der Fremdzuschreibung zu beharren.
Die konkrete Untersuchung verdeutlicht dabei, daß der valdesische
Mythos der Verfolgungsgeschichte die unterschiedlichen Komponenten des
Valdesi-Bewußtseins (auch bei erklärten Atheisten
valdesischer Herkunft) prägt -
von den Laienreformbewegungen des 12.Jhs. über die Inquisition,
die Nähe zur schweizerischen Reformation, das Nebeneinander von
Ansiedlung in Savoyen und Verfolgung in Kalabrien, die Ghettoisierung
nach dem Frieden von Rijswik 1697 und die wachsenden Freiheiten seit dem
piemontesischen Statuto Albertino von 1848 und den
Evangelisationsbemühungen im weiteren Italien nach der Einigung bis
hin zur elastischen Konfrontation gegen¸ber dem Faschismus seit den
Lateranverträgen mit dem Vatikan (Abriß S.18-59).
Den Abriß illustriert Liebscher mit unterschiedlichen
Medien valdesischer Geschichtsvermittlung wie Museen oder Comics.
Zusätzliches methodisches Interesse verdient das Kulturkonzept von
Renato Rosaldo, auf das Liebscher ihre
Schlußüberlegungen stützt.
Rosaldo akzentuiert dabei die Wechselbeziehungen zwischen einer nach
den Kategorien klassischer Kulturkonzepte unsichtbaren Minderheit (wie
den Valdesi) und ihrem Umfeld anhand von Kriterien, wie sich die
Angehörigen einer Gruppe selbst positionieren. Hierbei spielt der
Begriff der "borderlands" eine besondere Rolle.
Gerade bei den Valdensern greifen klassische Kulturkonzepte nicht, was
Liebscher genauer beschreibt:"(...) sind die Waldenser
kulturell unsichtbar. Sie leben in einer komplexen Gesellschaft und
können darin räumlich nicht vollständig isoliert werden.
Sie sind weder endogam noch kulturell homogen, auch wenn sie
Gemeinsamkeiten von Kultur besitzen, durch Geschichte und aktuelle
Erfahrungen verbunden sind, ein bestimmtes Identitäts- und
Solidarbewußtsein zeigen und viele von ihnen ein eindeutig
ethnisches Bewußtsein gezeigt haben." (S.203)
Diese Situation begünstigt die Ausbildung unterschiedlicher
Ausprägungen von valdesischer Identität, sog.kulturelle
Varianten, die Liebscher zum Abschluß
bündelt:
- 1.Christen und Protestanten mit religiösem, aber ohne
ethnisches Bewußtsein,
- 2.Waldenser Traditionalisten mit ausgeprägtem ethnischen
Bewußtsein und Unterscheidung gegenüber anderen Protestanten
und Italienern,
- 3."popolo valdese" mit nur latent ethnischem, aber stark
ausgeprägtem Minderheitenbewußtsein unterschiedlicher
Akzentuierung.
Den über Religionsgeschichte und Ethnologie hinaus sehr
anregenden und in Argumentation und Präsentation differenzierten
Band reichern einige Illustrationen optisch und viele Anhänge in
inhaltlicher Hinsicht an.
Friedemann Scriba

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