Zurück zum Inhaltsverzeichnis
Zurück zu meiner Homepage
Zurück zum
Institut für Völkerkunde
Auf der Synode der Waldenserkirche im Sommer des Jahres 1991 wurde
mit knapper Mehrheit einem Angebot des italienischen Staates zugestimmt,
das es ermöglicht, von Geldern einer obligatorischen Steuer,
dem sogenannten "Otto per mille" (8 per mille ),
zu profitieren.
Diese Entscheidung war der Waldenserkirche sehr schwer gefallen, so
daß sie mehrmals aufgeschoben wurde. Das Wort rimandato
- verschoben - war in vorangegangenen Synoden untrennbar mit dem 8
per mille verbunden. Eine Kommission war eigens mit der Aufgabe
betraut worden, das staatliche Angebot zu prüfen. Die Mehrheit
der Vertreter der Tavola , dem höchsten exekutiven
Organ der Waldenserkirche, warnte eingehend vor den Konsequenzen eines
Ja , und der moderatore , Vorsitzender der
Tavola , kündigte für den Fall, daß der
Vorschlag angenommen werden sollte, seinen Rücktritt an. Die
Synode 1991 widmete dem 8 per mille mehr als einen ganzen
Diskussionstag, an dem sich Redner individuell dafür oder dagegen
aussprachen. Die Diskussion wurde hitzig und manchmal auch polemisch
geführt. Vor allem Pastoren warnten vor einer svolta
ecclesiologica
- einer ekklesiologischen Wende. Die Lager spalteten sich quer durch
alle politischen Gruppierungen in "Si all'8 per mille
"
und "No all'8 per mille " , wobei erkennbar
wurde, daß die meisten Gegner des Vorschlages Pastoren waren.
Diese Tatsache führte dazu, bald von einer spaccatura interna
- einer inneren Spaltung - der Kirche zu sprechen, bei der sich Gemeinde
und Pastoren gegenüberzustehen schienen. Die Diskussion wurde
bereits seit längerem innerhalb der Gemeinden geführt und
hatte sich zu einer zentralen Streitfrage entwickelt. Den Beteiligten
wurde zunehmend bewußt, daß die Kontroverse in eine
Auseinandersetzung
um die Frage nach der eigenen Identität, und zwar als Valdesi
- als Waldenser, mündete. Der Bezug zur eigenen Vergangenheit
wurde wichtig. Ausgehend von der Frage: Come siamo stati noi
Valdesi? (Wie waren wir Waldenser?) versuchte man die Frage:
Chi siamo oggi? (Wer sind wir heute?) zu beantworten.
Diese Situation war der Anlaß für mich, ebenfalls die Frage
nach dem "Wer sind die Waldenser?" zu stellen.
Mit dem Thema der "Waldenser" hat sich bislang fast ausschließlich historische Forschung auseinandergesetzt. Die deutschsprachige Literatur beschäftigt sich mit den Waldensern nurals "Ketzerbewegung des Mittelalters". Allgemein ist die Literatur zum Thema unausgewogen. Während es zu den ersten drei Jahrhunderten der Waldensergeschichte ausführliche Arbeiten gibt, bricht das Interesse an den Waldensern mit ihrem Anschluß an die Reformation im Jahre 1532 ab.1 Eine soziologische oder anthropologische Literatur zum Thema, das heißt eine Untersuchung aktueller Phänomene existiert im deutschsprachigen Raum bisher überhaupt nicht.
In Italien haben vor allem Waldenser selbst Studien durchgeführt, wobei hier der Schwerpunkt, neben der linguistischen Erforschung des Okzitanischen (eines von Waldensern kaum noch gesprochenen, aber jüngst wiederbelebten Dialekts) ebenfalls immer noch bei der lokal historischen Forschung liegt. In jüngster Zeit sind allerdings mehrere wissenschaftliche Arbeiten entstanden, die sich direkt oder indirekt mit der Identität der Waldenser beschäftigen. Seit 1987 liegt eine leider nicht veröffentlichte soziologische Diplomarbeit vor, die sich mit der "kollektiven Identität der Waldenser" befaßt.2 In den 90er Jahren entstanden gleich drei Studien, von denen zwei als Abschlußarbeiten verfaßt wurden. Während die eine Arbeit, angenommen von der Juristischen Fakultät Neapels, sich mit der juristischen Geschichte der Waldenserkirche in Italien befaßt3, beschäftigt sich die zweite - eine theologische Examensarbeit - auf der Grundlage der Gottesdienstsoziologie mit der Frage nach der Waldenseridentität4. Neben diesen drei nicht veröffentlichten Arbeiten ist eine neuere historische Monographie der "oral history" erschienen, die sich mit der kollektiven Erinnerung der Waldenser befaßt5, sowie ein apologetisches Traktat zur "Identität und Geschichte" der Waldenser, das viel zur Geschichte und wenig zur Identität sagt.6 Diese Arbeiten dokumentieren ein wachsendes Interesse an der waldensischen Identitätsfrage. Da sie die Identität jedoch unter anderen als dem hier interessierenden Aspekt betrachten, werden sie nur gelegentlich herangezogen.
Offiziell werden die Waldenser vorwiegend als Glaubensgemeinschaft dargestellt. Die Betroffenen fühlen sich jedoch einer Gruppe zugehörig, die sie nicht nur als religiöse definieren. Das heißt, daß die Waldenser zwar eine religiöse Gruppe sind, darüber hinaus aber auch ethnische Züge aufweisen.
Diese Arbeit unternimmt den Versuch, die Waldenser ethnologisch zu betrachten. Es ergibt sich zunächst eine grundsätzliche Schwierigkeit aus der Tatsache, daß die italienischen Waldenser als ethno-religiöse Gruppe in einer komplexen Gesellschaft leben. Nach einer von Renato Rosaldo problematisierten inoffiziellen Klassifizierungsskala der Kulturen würden sie als "unsichtbar" gelten, weil sie sich im Alltag nicht wesentlich von "normalen" Italienern unterscheiden.7 Das erste Problem ist also, wie die Waldenserkultur beschrieben und dadurch sichtbar gemacht werden soll.
Als Orientierungspunkt meiner Forschung dient die Waldenserkirche. Sie ist Ausgangspunkt der Waldenserkultur. In ihr läßt sich die spezifisch waldensische Kultur am sichtbarsten isolieren. Da es außerhalb der Kirche ebenfalls Waldenser gibt, muß jedoch berücksichtigt werden, daß die Kirche keine räumliche Grenze der Kultur darstellt.
In den eigens erhobenen Interviews mit Waldensern zeigt sich deutlich, daß die Waldenseridentität sich nicht immer auf eine religiöse Identität reduzieren läßt, sondern daß es im Gegenteil auch Waldenser gibt, die sich, ohne gläubig zu sein, immer noch als Waldenser bezeichnen und bestimmte Begebenheiten sowie persönliche Verhaltensweisen mit ihremWaldensersein in Verbindung bringen. Der Grund dafür, daß sich diese Personen nicht aus dem heutigen Waldensertum ausschließen lassen, liegt also nicht nur darin, daß sie sich selbst als Waldenser betrachten, sondern auch in ihrem im Waldensertum wurzelnden Verhalten, das sich von der katholischen Umwelt abgrenzt.
Es gilt also zunächst, die Grundzüge einer spezifischen Waldenserkultur zu erfassen, um zu bestimmen, welche Verhaltens- und Denkweisen als "waldensische" verstanden werden können, um den Personenkreis und gleichzeitigen Pool für die kulturellen Varianten von Waldensern zu isolieren.
Die Analyse der waldensischen Aussagen zeigte, daß die Waldenserkultur aus vier Komponenten besteht: (1) Das Fundament, auf dem die Waldenser-Identität fußt, ist die Waldensergeschichte. Sie ist der Ausgangspunkt für (2) die eigene Kultur und die eigenen kulturellen und sozialen Netzwerke. Sie ist der Ausgangspunkt für (3) den Protestantismus, sowie (4) für das daran gebundene Bewußtsein, in Italien einer Minderheit anzugehören. In den vielen verschiedenen Interviews zeigt sich, daß diese an das Waldensertum gebundenen Motive in den Gesprächen immer wiederkehren. Es gibt im individuellen Selbstverständnis jedoch Unterschiede in der Gewichtung dieser zum Waldensertum gehörenden Faktoren. Die unterschiedliche Gewichtung äußert sich in einer veränderten kulturellen Seinsweise, so daß man auf verschiedene Typen von Waldensern schließen kann.
Daraus ergibt sich folgendes Bild: Die unterschiedlichen Komponenten,
die der Waldenserkultur zugrunde liegen, stehen in Wechselbeziehung
zueinander. Zusammen bestimmen sie die waldensischen Vorstellungen
und stellen die Prädispositionen des Verhaltens und die Matrix
für die waldensische forma mentis dar. Forma
mentis [wörtlich: Denkweise, Geistesart, Mentalität]
ist ein Begriff, den eine Interviewpartnerin prägte und soll
im folgenden definiert werden als eine bestimmte Art zu denken und
zu handeln, die durch die Komponenten der Waldenserkultur geprägt
wird.
Die forma mentis steht mittels der gegenwärtigen
Situation, die ein wichtiger Faktor ist und die Komponenten
beeinflußt,
mit allen Komponenten in dialogaler Verbindung:
Die Komponenten werden also
a) zur Handlungsgrundlage im Rahmen der aktuellen Situation und
können
b) in einer spezifischen forma mentis Ausdruck finden.
Das heißt einerseits, daß je nach Gewichtung eine bestimmte
forma mentis entsteht. Aus der je spezifischen Gewichtung
entstehen die einzelnen kulturellen Varianten. Andererseits heißt
das aber auch, daß man von der forma mentis auf
einzelne Komponenten rückschließen kann. Hier liegt der
Ansatz meiner Untersuchungen.
Es wird auch deutlich, daß der aktuellen Situation innerhalb dieser Konfiguration ein erheblicher Stellenwert zukommt. Sie ist der Ort, wo zwischen Waldenserkultur und forma mentis ständig vermittelt werden muß. Wie auch die Diskussion um den 8 per mille gezeigt hat, können aktuelle kulturelle Probleme darum zum Ausgangspunkt für eine Neudefinition ethnischen Selbstverständnisses werden.
Die Suche nach der Bestätigung dieser Beobachtungen führt zur Ethnizitätsforschung. Die ethnologische Literatur stellt tendenziell Ethnien und ethnische Gruppen als räumlich, sprachlich, religiös und kulturell isolierbare, endogame Gruppen dar, die sich auf gemeinsame Vorfahren berufen. Auf die Waldenser traf all dieses bis in das Jahr 1848, als ihr Ghetto in den Waldenser Tälern aufgelöst wurde, auch sichtbar zu. Seitdem hat sich die Rolle des ethnischen Selbstverständnisses vor allem durch den wachsenden Zugang durch Konvertitengeändert. Die nach 1848 einsetzenden Veränderungen lösten die Homogenität der Waldenser auf und schlossen sie somit von der Definition, eine Ethnie zu sein, zu weiten Teilen aus. Das Problem ergibt sich also aus der Tatsache, daß es für nicht räumlich isolierbare ethnische Phänomene - hier: die Zuordnung zu einer Gruppe, die sich nicht nur religiös definiert - innerhalb von komplexen Gesellschaften kaum ethnologische Erklärungsansätze gibt. Es stellt sich folgende Frage:
Löst sich das traditionelle Kulturkonzept in komplexen
Gesellschaften
wie der italienischen auf, oder ist es lediglich unzureichend
formuliert?
Dies bildet letztlich die Leitfrage für meine Arbeit.
Nach der Beschreibung der Art und Weise der Datenerhebung (Kapitel I) möchte ich im folgenden zunächst die einzelnen Komponenten der Waldenserkultur: Die Geschichte der protestantischen Minderheit (Kapitel II), ihre kulturellen und sozialen Netzwerke, das Minderheitenbewußtsein (Kapitel III), sowie den Faktor der aktuellen Probleme an einigen Beispielen (Kapitel IV) erklärend darstellen. Dadurch soll die Waldenserkultur "sichtbar" gemacht und somit ermöglicht werden, das Denken und Handeln von Waldensern, also ihre forma mentis und die darauf aufbauenden Varianten (Kapitel V), zu verstehen. Die Ergebnisse werden anschließend in die aktuelle Diskussion eingeordnet (Kapitel VI und VII) und führen letztlich zu einer Neudefinition von Ethnizität und Ethnie (Kapitel VII, C.).
Im Anschluß an die Arbeit findet sich ein Materialienteil, der
den Anhang bildet. In diesem Anhang sind Informationen zur Vertiefung
von in der Arbeit angesprochenen Punkten. Außerdem können
mit Hilfe der hier zusammengefaßten Daten einzelne Erhebungs-
und Analyseschritte nachvollzogen werden.
Datensammlung:
Die Daten für die Arbeit sind hauptsächlich bei drei
Aufenthalten
in Italien zwischen 1991 und 1993 erhoben worden. Eine systematische
Forschung fand zwischen Februar-April 1993 statt. Bei diesem Aufenthalt
wurden insgesamt 71 Interviews hauptsächlich in zwei Dörfern
(Torre Pellice/ Piemont und Dipignano/ Kalabrien) und zwei Städten
(Mailand und Rom) durchgeführt.8
Während ich bei der Suche nach Interviewpartnern in Torre Pellice
vollständig und in Rom teilweise auf ein eigenes Netzwerk
zurückgreifen
konnte, war ich vor allem in Mailand auf eine Informantin angewiesen,
die mir die Interviewpartner vermittelte.9
Interviews:
Die wichtigste Erhebungsquelle bilden die Interviews. Die meisten
Gespräche wurden auf Band aufgezeichnet. In Rom machte ich
während
der Gespräche vorwiegend Notizen und rekonstruierte das
Gespräch
anschließend in der Form einer schriftlichen
Gesprächsaufzeichnung.
Dieses hatte einerseits den Vorteil, daß die Gespräche weitaus
länger andauerten als mit dem Aufzeichnungsgerät, andererseits
den Nachteil, daß nur eine Zusammenfassung der Gespräche
möglich war.
Für die Gespräche hatte ich einen Frageleitbogen
zusammengestellt.
Die Interviews sollten nicht-standardisiert sein und so offen wie
möglich verlaufen. Die Einleitungsfrage bildete dabei die
persönliche
Einstellung zum 8 per mille . Die weiteren Fragen betrafen
die Rolle der Waldenser in der italienischen Gesellschaft und die
möglichen Konsequenzen, die sich für die einzelnen aus dem
Minderheitenstatus ergeben könnten. Daraus formulierten sich
folgende Fragen: Was bedeutet es, Waldenser zu sein? Welche Beziehungen
bestehen zur katholischen Kirche? Welche Handlungsmuster lassen sich
auf die waldensische Einstellung zurückführen?
Ein anderer Interessensschwerpunkt betraf die innere Struktur der
Waldenserkirche. Indiesem Zusammenhang stellte sich die Frage nach
Unterschieden zwischen Waldensern. Diese Frage zielte auf eventuell
von der Gruppe selbst formulierte Varianten innerhalb des Waldensertums
ab. Darum sollten diese Varianten im Falle einer positiven Antwort
definiert werden. Der Fragenkatalog sollte auch für neue Fragen
offen bleiben, die sich im Laufe der Gespräche stellten. Zwischen
1991 und 1993 führte ich 79 Interviews davon 31 in Mailand, 9
in Rom, 3 in Neapel sowie 30 in Torre Pellice und 6 in
Dipignano/Kalabrien
durch.
Bei der Auswertung von Interviews wird folgendermaßen vorgegangen:
Beim Abhören der aufgenommenen Interviews werden die Gespräche
stichwortartig aufgezeichnet und parallel dazu die Bandlaufzahl der
Cassetten notiert. Wenn Gesprächsausschnitte zitiert werden,
so wird der gesamte interessierende Abschnitt transkribiert und
übersetzt.
Um eine Einsicht in die Quellen zu ermöglichen, wird zusammen
mit den Zitaten der Name des Interviewten, das Jahr und der Ort, in
dem das Interview stattgefunden hat, sowie die entsprechende
Bandlaufzahl
angegeben. Bei Gesprächsaufzeichnungen, die nur schriftlich
vorliegen,
wird die schriftliche Fassung wie ein Buch behandelt und als GA
(Gesprächsaufzeichnung)
mit der Angabe des Ortes und der Seitenzahl der Aufzeichnung
zitiert.10
Fragebogen:
Zusätzlich zu den Interviews verteilte ich einen Fragebogen.
Im ersten Teil des Fragebogens waren verschiedene Aussagen aufgelistet,
die das Waldensertum betrafen. Die Informanten sollten bewerten, ob
diese Aussagen für sie als Waldenser Gültigkeit hatten oder
nicht. Die Tatsache, daß dieser Teil des Fragebogens oftmals
mit vielen Schwierigkeiten ausgefüllt wurde oder zur Erklärung
der Beantwortung der Fragen Kommentare an den Rand geschrieben wurden,
zeigte, daß die Form der Fragenformulierung zu viele Fragen offen
ließ. Eine Auswertung könnte nur Tendenzen zeigen, nicht
aber verläßliche Informationen liefern. Darum wurde auf
die vollständige Auswertung dieses Teils verzichtet.
Im zweiten Teil des Fragebogens fragte ich direkt nach dem essere
valdese - dem "Waldensersein". Um den Informanten
eine Orientierung zur Beantwortung dieser Frage zu geben, stellte
ich ihnen zwei Texte als Antwortmodelle vor. In diesen Texten
beschreiben
zwei Personen, eine englische und eine schwedische, ihre eigene Kultur,
indem sie die ihrer Meinung nach typischen und für sie
persönlich
wichtigen Merkmale ihrer Kultur auflisteten.Diese Auflistungen
übersetzte
ich ins Italienische:
"Derby-day, the Henley regatta, Cowes, August the 12th, a cup final, the greyhound races, the Fortuna game, the dart board, Wensleydale cheese, cabbage boiled in cloves, pickled beetroots, churches in nineteenth-century Gothic and Elgar's music." (Eliot 1949: 30)[...]
"To be Swedish is to have experienced the Swedish summer in all its glory, it is Christmas morning, it is the high school graduation, it is to have been dressed up for the last day of school and to have seen the sun set over the edge of the forest, it is to have lit the Advent candles and to have read Elsa Beskow and seen the king. It is to have walked across a barrack square and to have stood by a grave." (Norstedt 1985)11Das erste Zitat leitete ich ein mit der Überschrift: "Eine Zusammenstellung englischer Institutionen". Dem zweiten Teil stellte ich die Aussage "Schwede sein" voran. Den beiden Texten folgte ein großer Freiraum einer halben DIN A 4 Seite, in den die Informanten ihre Auffassungen vom "Waldensersein:... " eintragen konnten. Insgesamt füllten 73 Personen diesen Teil des Fragebogens aus, davon 23 in Torre Pellice, 26 in Mailand, 14 in Rom, 2 in Neapel und 8 in Dipignano. Die Antworten auf den Fragebögen werden wie Texte behandelt und interpretiert (Kapitel V).12
"Successive pilesorts"
Im Wintersemester 1992/93 fand an der Universität Köln ein
Workshop mit dem amerikanischen Kulturanthropologen Jim Boster statt,
der zeigte, wie man mit Hilfe des Computers Ähnlichkeiten, die
a) in der individuellen Kognition zwischen Argumenten und b) in dieser
Bewertung zwischen Individuen bestehen, räumlich darstellen kann.
In einem Koordinatensystem, das einen fiktiven Raum darstellt, stehen
sich also Argumente bzw. Individuen mit großer Ähnlichkeit
nahe, während Argumente bzw. Individuen mit wenig Ähnlichkeit
im Raum voneinander entfernt sind.
Ich führte eine solche Erhebung unter den Waldensern durch und
zog zum Vergleich auch Katholiken und andere Protestanten (Adventisten)
heran. In dieser Erhebung wurden 13 Argumente benutzt, deren Anordnung
über die individuelle Einschätzung der waldensischenStellung
im italienischen Staat Aufschluß geben sollte. Die Auswahl der
Argumente stützte sich auf Hintergrundwissen und lautete wie
folgt:
Staat (A), Democrazia Cristiana (B), Partito
Democratico
Socialista (C), Grüne (D), Militärdienst (E),
Zivildienst
(F), 8 per mille (G), Religionsstunde (H), Kirche (I),
Katholiken (J), Papst (K), Vatikan (L), Waldenser (M)
Diese Argumente wurden den Informanten vorgelegt, die gebeten wurden,
die Argumente in beliebig viele Gruppen aufgrund von Ähnlichkeiten
von Argumenten zusammenzufassen (Die Anzahl der Gruppen = N), zum
Beispiel:
A B C D E F G H I (N=3)
Im nächsten Schritt sollte der Informant zwei der Argumentengruppen
zusammenfassen, die miteinander die größte Ähnlichkeit
aufwiesen. Die Schnittstelle wurde mit der Zahl N-1 (hier: 3-1=2)
gekennzeichnet, zum Beispiel:
A B C D 2 E F G H I
Dieser Vorgang wurde wiederholt, bis alle Argumente zu einer einzigen
Gruppe zusammengefaßt waren:
A B C D 2 E F G 1 H I
Ausgehend davon kehrte man zur Ausgangsaufteilung der Argumente N
zurück und bat den Informanten nun, die Ausgangsgruppen
aufzuteilen,
also N+1 Gruppe zu erzeugen. Die entstehende Schnittstelle wurde mit
(N+1)-1 gekennzeichnet:
A B 3 C D 2 E F G 1
H I
Dieser Vorgang wurde wiederholt, bis alle Argumente voneinander getrennt
waren, zum Beispiel:
A 4 B 3 C 7 D
2
E 5 F 6 G 1 H
8
I
Am Ende stand die Sequenz der Argumente mit ihren Schnittstellen,
die genauso notiert werden konnte. Diese Art von Daten werden
"successive
pilesorts" genannt.13
Insgesamt wurden 136 solcher "successive pilesorts" erhoben,
74 von Waldensern, 47 von Katholiken und 15 von Adventisten.
Die Wahrung der Anonymität der Informanten
Die Namen fast aller Informanten sind geändert worden. Dabei
wurde darauf geachtet, daß Personen mit französischen
Waldensernachnamen
wieder solche erhielten. Diese Nachnamen geben Aufschluß
darüber,
daß die betreffenden Personen aus alten Waldenserfamilien stammen,
während italienische Nachnamen darauf hinweisen, daß ihre
Träger Nachfahren von Konvertiten oder selbst Konvertiten sind,
also vor allem aus der sogenannten Diaspora kommen.14
Die Namen von Buchautoren, die interviewt wurden, sind nicht
geändert
worden.
"[...] Das erste Buch, das sie [die Waldenser] mir gegeben haben, um die Waldenser kennenzulernen, war das Buch: "I Valdesi" (I: Giorgio Tourn ) von Giorgio Tourn, genau. Also ein Buch, das nicht, das nicht abhandelt, an was die Waldenser glauben, sondern es behandelt: die Geschichte der Waldenser. Also das erste Sich- vorstellen der Waldenser - und darin unterscheiden sie sich vielleicht von den anderen Protestanten auch in Italien - erfolgt durch die Geschichte" (Giacomo Grillo 1993, Milano B 468-Ende, hier: 588-592).Die Geschichte ist für die Waldenser ein wichtiger Teil der Selbstdarstellung. Fremde werden an die Frage "Wer sind die Waldenser?" nicht über die Präsentation der Glaubensinhalte, sondern zuerst über die Geschichte herangeführt. "Also ein Buch, das nicht [...] abhandelt, an was die Waldenser glauben, sondern es behandelt: die Geschichte der Waldenser." Die Geschichte ist also ein wichtiger Teil des Selbstverständnisses der Waldenser und geht über die Funktion der Selbstrepräsentation hinaus. Sie bildet die Grundlage für das kulturelle Gedächtnis der Waldenser:
Cinzia Rivoir (23 Jahre, Landwirtin aus Angrogna/Täler) antwortete mir auf die Frage, was sie empfinde, mit einem solch historischen Bezugsrahmen wie der Waldensergeschichte aufgewachsen zu sein, folgendermaßen:
"Sehr viel ...bereicherter (lacht auf), Innen, ich weiß nicht,..." (Cinzia Rivoir 1993, TP IV B 004-281, hier: 46-50).Damit erklärte sie, daß die Geschichte für sie nicht nur eine äußerliche Tatsache bilde, sondern auch "innen" wichtig sei. Ähnlich wie Cinzia drückte eine Stimme aus Villar Perosa diesen Sachverhalt aus:
"Io mi ricordo qualcosa dai miei nonni... quando contavano questo anche dall'origine, della storia dei valdesi, allora raccontavano proprio tutto ciò che era avvenuto nelle nostre Valli, lo sfascio totale, la partenza di tutti questi valdesi, il ritorno di questi valdesi, e difatti, la cantavano parecchie volte questa storia qui, per me é rimasto un qualcosa veramente, non potrei staccarmi per nessun motivo" (Stimme aus den Tälern 1986, in: Peyrot 1990: 214).15Dieser Redner verdeutlichte, daß das Erzählen der Waldensergeschichte keine einmalige Handlung ist, sondern sich immer wieder wiederholt: "[...] la cantavano parecchie volte questa storia qui [...]". Dem Redner bleiben schließlich Bildsequenzen: "[...] lo sfascio totale, la partenza di tutti questi valdesi, il ritorno di questi valdesi [...]", von denen er sich nicht lösen kann und will: [...] e difatti [...] per me é rimasto un qualcosa veramente, non potrei staccarmi per nessun motivo".
Loredana Boschi (29 Jahre, Erzieherin aus Mailand) hat die Bedeutung der Waldensergeschichte für die Waldenser sehr anschaulich dargestellt:
"Ich denke, sie ist fundamental. Im Sinne, daß ich wirklich überzeugt bin, daß sie eines der Fundamente der Art der Haltung der Leute ist. Dieses findest du dann, also es wirkt sich aus auf politischer Ebene, auf der theologischen Ebene, auf vielen anderen Ebenen. Ich denke jedoch, daß das wirklich wichtig ist, auch weil es meiner Meinung nach wahr ist, daß wahrscheinlich, weil es eine Minderheit ist, im Sinne von, ich denke nicht, daß sie für die Katholische Kirche genauso wichtig ist, eben weil es als Sache numerisch vielleicht unausführbar wird. Die Geschichte hat meiner Meinung nach die Gruppe begründet. Nun ich will sagen, du hast Namen, die Namen sind, das heißt, für mich, die ich nicht gut die Geschichte der Wald.... Also wenn du jetzt sagen würdest: Erzähl mir die Geschichte der Waldenser, dann muß ich passen, also ich erinnere mich nicht in eingehender Weise an sie. Ich weiß, daß, ich habe eine Serie von Namen, geschichtliche, theologische, etcetera, etcetera, die für mich, wie auch immer, Bezüge sind. Ich kann sie kritisieren, ich kann alles, was ich will aus dieser Sache machen, aber sie sind da. Ich bin mir im klaren darüber, daß ich nicht davon absehen kann und außerdem eben, wenn du in die Täler gehst, wird diese Sache sehr offensichtlich, meiner Meinung nach. Die Tatsache, daß du die Beckwithschulen hast, die dort gehalten werden, gut, das Museum, so (lacht) heruntergekommen es auch sein mag. Meiner Meinung nach gibt es dort wirklich Stücke der Geschichte, die vor den Augen vorbeiziehen. Und meiner Meinung nach gibt es sie, und es gibt viele, sowieso, die Geschichte ist sowieso nur eine Arbeitsmethode eben, also der Diskurs der "historischen Erinnerung", also diese beiden Wörter habe ich in meinem Kopf, seitdem ich wirklich sehr klein bin. Ich habe es im Kopf, daß die "historische Erinnerung" eine wichtige Sache ist, daß ich wissen muß, was meine historische Vergangenheit ist und also dann erweiterst du diese Sache. Das heißt, es ist klar, daß es ein bißchen eine forma mentis wird, also. Für mich ist es so, aber wenn ich mich dann vor einer sozialen oder politischen oder etcetera Tatsache finde, kommt es mir automatisch zu sagen: Was ist aber dahinter? Und es daher wieder aufzunehmen, darum denke ich, daß diese Sache wirklich sehr wichtig ist" (Loredana Boschi 1993, MI III B 377-742, hier: 528-560).Loredana beschrieb hier, wie fundamental die Geschichte in der Sozialisation eines Waldensers ist. Die Geschichte bildet nach Loredanas Meinung nicht nur die Grundlage für die Haltung der einzelnen : "[...] eines der Fundamente der Art der Haltung der Leute ...", sondern begründet auch die Gruppe in ihrer Gesamtheit: "Die Geschichte hat meiner Meinung nach die Gruppe begründet". In ihrer Ausführung ging Loredana näher auf diese Aussagen ein. Sie beschrieb die Geschichte einerseits als Grundlage ihrer Denkweise - der forma mentis -, die sich auf vielen Ebenen auswirkt: "Dieses findest du dann, also es wirkt sich aus auf politischer Ebene, auf der theologischen Ebene, auf vielen anderen Ebenen", andererseits als die Grundlage für eine gemeinsame Erfahrung: "[...] daß ich wissen muß, was meine historische Vergangenheit ist [...]" [Hervorhebung S.M.L.]. Die Geschichte bildet so eines der Bindeglieder zwischen dem einzelnen Waldenser und der gesamten Gruppe.
Loredana beschrieb dabei gleichzeitig auch, wie diese Geschichte sich in der "historischen Erinnerung" darstellt. Als eine Serie von Namen, denen man zwar historische Ereignisse zuordnen kann: "Nun ich will sagen, du hast Namen, die Namen sind [...]", ohne jedoch alle Fakten bis in alle Einzelheiten wiedergeben zu können: "Also wenn du jetzt sagen würdest: Erzähl mir die Geschichte der Waldenser, muß ich passen, also ich erinnere mich nicht in eingehender Weise an sie". Trotzdem stellen die Namen, die sich in der Erinnerung finden, Bezüge dar, mit denen man arbeiten kann, weil sie zur eigenen Erinnerung gehören: "Ich weiß, daß, ich habe eine Serie von Namen, geschichtliche, theologische, etcetera, etcetera, die für mich wie auch immer Bezüge sind..Ich kann sie kritisieren, ich kann alles, was ich will aus dieser Sache machen [...]". Gleichzeitig stellte Loredana jedoch dar, daß diese Namen zum Dialog mit der Vergangenheit verpflichten: [...] aber sie sind da. Ich bin mir im klaren darüber, daß ich nicht davon absehen kann [...]".
Loredana gab auch ein Beispiel dafür, wie diese historischen Bezüge aussehen können. Die Begriffe "Beckwithschulen" und "Museum" sind an eine Reihe von Bildern geknüpft, die sie als Waldenserin im Moment ihrer Nennung abrufen könnte, "[...] meiner Meinung nach gibt es dort wirklich Stücke der Geschichte, die vor den Augen vorbeiziehen".
Die Waldensergeschichte liegt also dem Denken und Handeln von Waldensern, oder wie Loredana sagt, der forma mentis zugrunde. Daher bleiben Gespräche von Waldensern, die über ihre Identität als Waldenser sprechen, notwendigerweise unverständlich, wenn der Hintergrund der Waldensergeschichte nicht bekannt ist. Es ist für Außenstehende wichtig, die Waldensergeschichte zu kennen, um Ereignisse und Symbole, auf die angesprochen wird, einordnen und ihre Bedeutung für die Waldenser im allgemeinen erfassen zu können:
"Partire da Pietro Valdo, dal principio e venire avanti, Pietro Valdo perché se non si parla di Pietro Valdo non si capiscono i valdesi, poi venire avanti, le Pasque Piemontesi, le persecuzioni, e poi l'esilio, Giosué Gianavello, Enrico Arnaud, e poi anche le chiese dell'America del Sud perché sono i nostri che sono andati" (Stimme aus Bibiana/Täler 1987, in: Peyrot, Bruna 1990: 214).16Auch in diesem Zitat wird gesagt, daß man alles von Anfang an erzählen muß, weil man sonst die Waldenser nicht versteht. Mehr noch zeigt die Reihung historischer Bezüge und Namen:
"[...] le Pasque Piemontesi, le persecuzioni, e poi l'esilio, Giosué Gianavello, Enrico Arnaud, e poi anche le chiese dell'America del Sud [...]". 17daß die Kenntnis der Waldensergeschichte auch für das Verständnis der Gespräche unentbehrlich ist.
Es hat sich gezeigt, daß die Erzählungen, die auf der
historischen
Erinnerung der einzelnen und der Gruppe aufbauen, nicht gleichzusetzen
sind mit einer chronologischen Auflistung historischer Ereignisse.
Den historischen Fakten stehen deren Interpretationen und Deutungen
gegenüber. Die Waldensergeschichte wird unter bestimmten
Schwerpunkten
und Bezügen erzählt und zu Stichworten und Namen
zusammengefaßt.
Im folgenden gehe ich auf die chronologische Abfolge der historischen
Fakten ein. Die Überschriften zu den Geschichtskapiteln bilden
gleichzeitig den Versuch, die Waldensergeschichte unter den Bezügen
darzustellen, die von der offiziellen Historiographie der Waldenser
als Wendepunkte oder geschlossene Abschnitte in der eigenen Geschichte
dargestellt werden. Parallel zu der chronologischen Erzählweise
möchte ich an einigen entscheidenden Stellen auf die Bedeutung
von Personen und Ereignissen für die Waldenser eingehen.
Gleichzeitig
soll die Darstellung verdeutlichen, welchen Raum manche historische
Ereignisse auch heute noch physisch-topographisch einnehmen, z.B.
durch Gedenktafeln, Straßennamen, Statuen und Ähnlichem.
Der historische Abriß soll mit dem Faschismus abschließen,
da ab 1945 Geschichte und Gegenwart stark miteinander verwoben sind.
Auf diesen Zeitraum von knapp 50 Jahren wird im Kapitel der aktuellen
Probleme Bezug genommen.
Auf diese Weise gelangten einige Waldenser unter anderem in die Lombardei nach Norditalien und trafen dort auf die antikirchliche Protestbewegung der Arnoldisten 25 (Tourn 1980: 26). Daraus ging eine von Lyon autonome Linie hervor, die "Lombardischen Armen", die nicht mehr wanderpredigten, sondern hierarchische Gemeindestrukturen ausbildeten und sich somit in einigen wichtigen Punkten von den "Armen von Lyon" unterschieden.
118426 verpflichtete das Konzil von Verona die Bischöfe zu inquisitorischen Maßnahmen, von denen vor allem Katharer, Waldenser und Lombarden betroffen waren (Roll 1982: 47). Sie wurden auf "die Liste der verdammten Bewegungen" (Tourn 1980: 23) gesetzt und somit exkommuniziert. Die Verfolgung begann. Sechs Jahre später, 1190, sprach der Bischof von Narbonne die Verbannung der Waldenser wegen Ketzerei aus. Der Bischof Odon von Toul forderte 1192 in Lothringen ihre Festnahme und Verurteilung, und Alfons II., König von Aragon und Marquis der Provence, verbannte sie 1194 aus seinen Territorien (Molnár 1980: 51).27
Die umfangreichen Bemühungen der Kirche, vor allem die
Katharerbewegung
in Südfrankreich einzudämmen, führten unter anderem
zu dem Versuch, die Laienprediger propagandistisch zu bekehren (1204-6),
indem man sie für die Predigttätigkeit innerhalb eines
Bettelordens
gewinnen wollte. Für viele Waldenser, die im Gegensatz zu den
Katharern noch zwischen Häretikertum und Kirchenanschluß
schwankten, bildete dieses die ideale Lösung des Konfliktes (Roll
1982: 50).
Zur gleichen Zeit kam es zu einem Bruch zwischen Waldus und den
"Lombardischen
Armen", die er 1205 aus seiner Bewegung ausschloß (Tourn
1980: 28). Waldus starb vermutlich im Jahre 1206. Sein Tod und die
Propaganda durch die Kirche schwächten die Bewegung, so daß
am Ende des Jahres 1208 viele Waldenser als "katholische Arme"
in die Kirche zurückkehrten. Im selben Jahre begann ein
zwanzigjähriger
Feldzug gegen die Katharer. Das IV. Laterankonzil erklärte die
Verfolgung 1215 nicht nur für rechtens (Tourn 1980: 31), sondern
erweiterte sie um die Verfolgung aller Ketzerbewegungen. Die Waldenser
wurden endgültig dazu gezählt.
So bewußt den heutigen Waldensern die Rolle des Petrus Waldus
als Gründer der Waldenserbewegung ist, so wichtig ist es zu
betonen,
daß Petrus Waldus von heutigen Waldensern nicht verehrt wird.
Nicht Waldus ist wichtig, sondern sein Handeln, das sich eng an der
absoluten Autorität: der Bibel, orientiert (Tourn 1980: 14).
Der Grundsatz, man müsse Gott mehr gehorchen als den Menschen
(angelehnt an: Apg. 4,19) und somit auch mehr als irdischen
Autoritäten,
gilt als die wichtigste Aussage, die aus der Lehre des Waldus'
geschöpft
werden kann. Sie ist zugleich Ausgangspunkt für ein neues
Verständnis
von der menschlichen Gesellschaft, in der alle gleichberechtigt sind.
Man bedenke nicht nur, daß auch Frauen predigten, sondern auch,
daß die "Armen von Lyon" nicht hierarchisch, sondern
sozietär organisiert waren (Tourn 1980: 19; Boot 1992: 17). Die
Konsequenz und Kohärenz also, mit der Waldus den biblischen
Grundsatz
lebte, läßt ihn zum Leitbild für moralisches Handeln
werden. Der wesentliche grundsätzliche Wert, für den Waldus
sich einsetzte und der sich in allen folgenden Leitbildern (genannten
und ungenannten) immer wieder finden läßt, ist das Recht
auf Entscheidungsfreiheit gegenüber kirchlichen und weltlichen
Autoritäten unter Berufung auf die einzig gültige
Autorität:
die Bibel.
1218 schlossen sich
die Lyoner und die lombardischen Armen infolge des Verfolgungsdrucks
wieder zusammen. Sie organisierten sich neu mit einer
Führungsschicht
und einem Zentrum in Mailand.28
Der Umstand, daß die Parteien der Welfen und Ghibbellinen den
Kampf um die Vorherrschaft klerikaler bzw. weltlicher Macht austrugen,
verzögerte in italienischen Territorien die Verfolgung der
Waldenser.
Die Tatsache, Waldenser zu sein, erhielt dabei allerdings mehr denn
je eine politische Komponente. Wer gegen die Macht des Papstes war,
stand automatisch auf der Seite der Ghibellinen (Tourn 1980: 36) und
wurde somit von ihnen geschützt. Mit dem Sieg der Welfen versuchte
die Kirche sofort, die verschiedenen Dissidentenbewegungen wieder
an sich zu binden.
Franz von Assisi, dessen Lebensgeschichte der des Waldus so ähnlich
ist, bildet dafür das anschaulichste Beispiel. Er wird deshalb
auch von den Waldensern heute gerne als Gegenbeispiel zu Waldus
angeführt.
Die Gegenüberstellung von Waldus und Franz von Assisi findet
sich auch plastisch auf zwei Tafeln am Beginn des Rundganges des
Waldensermuseums
wieder. Die Gegenüberstellung verdeutlicht zwei zentrale Punkte
des waldensischen Selbstverständnisses. Erstens: In seiner
Ablehnung
kirchlicher Autorität als Mittlerin göttlicher
Autörität
blieb Waldus konsequent, während Franz von Assisi sich mit der
Gründung eines Ordens der Kirche unterstellte und somit ihre
Autorität anerkannte. Zweitens zeigt der Vergleich, daß
die Anerkennung der kirchlichen Autorität gleichzeitig bedeutete,
seinerseits anerkannt - Franz von Assisi ist heilig gesprochen worden
- und damit in den Lauf der Geschichte eingebunden zu werden. Die
Ablehnung der kirchlichen Autorität bedeutete umgekehrt den
Ausschluß
aus dem Hauptstrom der Geschichte. Dieser Punkt wird herausgestellt
durch den Vergleich zwischen dem "bekannten" Franz von Assisi
und dem "unbekannten" Waldus und verdeutlicht gleichzeitig
das Selbstverständnis der Waldenser, die diversi della
storia - sinngemäß übersetzt heißt das:
"die von der Geschichte Abweichenden" - zu sein. (Peyrot
1987: 140).
Verbreitung und Präsenz
der waldensischen Bewegung im Mittelalter
Angelehnt an: Tourn, Giorgio: Geschichte der Waldenser-Kirche - die einzigartige Geschichte einer Volkskirche von 1170 bis zur Gegenwart , Erlangen 1980, S.75.
Das konsequente Handeln Waldus', das
dem inkonsequenten Handeln Franz von Assisis gegenübergestellt
wird, stellt die Waldenser einerseits auf die Seite der
"Guten",
andererseits rückt es die römisch-katholische Kirche, die
dieses Handeln mit dem Ausschluß aus dem Geschichtsstrom bestrafte,
unweigerlich auf die Seite der "Bösen". Für die
Waldenser, die im "Guten" handelten, bedeutete es, ein
gefährdetes
Leben im Untergrund oder in geographischen Randgebieten zu leben,
während die Kirche die Marginalisierung mittels Inquisition und
Verfolgung derjenigen Dissidentengruppen systematisierte, die sich
nicht wie die Franziskaner durch die Gründung des
Franziskanerordens
einbinden ließen.
Als Kaufleute getarnt, fuhren die Waldenser fort zu missionieren.
Die Bewegung breitete sich auf diese Weise vor allem in Deutschland,
Österreich und Böhmen aus und auch im Gebiet der Cottischen
Alpen 29, das teils unter
französischem, teils unter savoyischen Einfluß stand (Tourn
1980: 56). Da die Diözesen nicht mit den Landesgrenzen
übereinstimmten
und die Kompetenzen damit nicht eindeutig verteilt waren, wurde die
Inquisition in diesem Gebiet erst nach der Verlegung des Papstsitzes
nach Avignon Mitte des 14.Jahrhunderts verschärft (Tourn 1980:
58).
Hundert Jahre später keimte erneut Kritik gegen den Klerus auf. In England stellte sich John Wiclif, in Böhmen Jan Hus gegen die Kirche. Besonders Hus sammelte Anhänger um sich. 1415 wurde er auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Seine Ideen hatten aber schon Fuß gefaßt. Aus dieser böhmischen Protestbewegung ging Ende 1457 erstmals "eine von Rom abweichende christliche Kirche" hervor (Tourn 1980: 71). Diese Entwicklung ermutigte die Waldenser, sich wieder offen zu ihrem Glauben zu bekennen.30 Die Verbreitung der Ideen trat erneut in den Vordergrund. Sogenannte Barben, ausgebildete Laienprediger, übernahmen diese Aufgabe. "Barba", ein Wort, das sich in norditalienischen Dialekten findet, bedeutet "Onkel" und stand damit absichtlich zum katholischen "Padre", "Vater" im Gegensatz. Die Barben waren Ratgeber, aber keine Autoritäten.31 Sie waren gut organisiert, wurden in geheimen Schulen unterrichtet und zogen zu zweit, ein erfahrener Barbe und sein Schüler, durch das Land. Die Aktivitäten dieser Barben werden in der Literatur der Waldenser glorifiziert (Tourn 1980: 73). Da die Barben durch ein gut funktionierendes Nachrichtennetz, in das die Gemeinden mit einbezogen waren, miteinander in Kontakt standen, war die Verfolgung der Barben und der Waldenser zwar erschwert. Dennoch geht man davon aus, daß zu Beginn der Reformation durch Martin Luther 1521 die Bewegung in den Tälern fast völlig zurückgedrängt war.32
Als Martin Luthers Diskurs der Kirchenreform die
Waldenser erreichte, wurde in einer Generalversammlung beschlossen,
mit dem Reformator Kontakt aufzunehmen, um die Lage zu beurteilen.
Zwei progressive Barben, die für einen Anschluß an die
Reformationsbewegung
plädierten, wurden mit dieser Aufgabe betraut. Aber statt bis
nach Deutschland vorzudringen, blieben sie in der Schweiz, die auch
von der Reformation erfaßt war. Sie sprachen unter anderem mit
dem Prediger Farel und den führenden Reformatoren Oekolampad
und Bucer, die die Waldenser anerkannten, aber die beiden Barben davor
warnten, eine sektiererische Bewegung zu werden (Tourn 1980: 83).
Die Frage nach dem Anschluß oder nach Selbständigkeit spaltete
die Waldenser. Erst 1532, fünf Jahre nach dem ersten Vorschlag
zum Reformationsanschluß, entschied die Mehrheit der Anwesenden
einer Generalversammlung, in Chanforan bei Angrogna, an der erstmals
alle Barben aus der waldensischen Diaspora zusammenkamen und an der
auch die lokale Bevölkerung teilnahm, den Anschluß an die
Reformation und die Übersetzung der Bibel ins Okzitanische, der
lokalen Sprache (Molnár 1980: 349ff.). Die Konfessionalisierung
der Bewegung setzte ein.
Das Denkmal von
Chanforan
Aus der Laienbewegung wurde somit eine
Kirche schweizerisch-reformatorischer Prägung, die aus dem
Untergrund
in die Öffentlichkeit trat. Der Anschluß an die Reformation
bedeutete auch das Ende der Ära der Barben. Pastoren wurden zur
Ausbildung in die Schweiz geschickt. Von dort brachten sie Bibeln,
Gesangbücher und Katechismen in französischer Sprache mit
und führten so die Sprache in die Täler ein. Französisch
wurde vor allem in den gebildeten Schichten gesprochen. Die Bewohner
der Täler, die Bauern waren, sprachen weiterhin ihren Dialekt,
der Patois genannt wird.
Chanforan ist ein wichtiger Wendepunkt in der Geschichte der Waldenser und kann unterschiedlich interpretiert werden. Der Konvertierte Ernesto Falcone setzte den wahren Beginn der Geschichte der Waldenser erst nach Chanforan an:
"Ich erlebe die Geschichte von vor Chanforan mit großem Abstand. In der Konstitution von Chanforan spricht Farel nicht von Rechtfertigung durch den Glauben, das ist erst der schweizer Einfluß. Es sind Katholiken, die sich der Reformation anschließen. Erst seit Chanforan gibt es eine neue Dimension" (GA ROM 1993: 69).Den gleichen historischen Zeitpunkt verstand der 41-jährige Atheist waldenser Herkunft, Enrico Livato, als das Ende der Waldenser, die er wesentlich als Ketzerbewegung des Mittelalters verstand:
"Ich denke, daß es tiefgreifende Änderungen gab, die durch politische Gründe bedingt waren, weswegen das mittelalterliche Waldensertum sich radikal geändert hat und darum, meiner Meinung nach, das wahre Waldensertum gibt es nicht mehr. Er existiert nicht mehr. Es sind Protestanten, die nicht wissen, es zu sein - in einem bestimmten Maß, scheint es mir" (Enrico Livato 1993, TP, A 098-502, hier: 148-152).Die individuelle Beziehung zum Waldensertum bestimmt hier das Verständnis des Ereignisses. Der Atheist Enrico Livato hat sich von dem Teil des Waldensertums getrennt, der mit dem Glauben in Beziehung steht und versteht somit Chanforan als das Ende des Waldensertums, während Ernesto Falcone als Konvertierter in diesem Ereignis erst einen Beginn sieht. Die meisten Waldenser sehen in Chanforan zwar einen wichtigen Wendepunkt aber keinen End- oder Ausgangspunkt ihrer Geschichte. Im Gegenteil: Mit dem Anschluß der Waldenser an die reformatorische Bewegung wurde die Verbindung der Waldenser mit dem protestantischen Europa noch enger geknüpft. In einem Comic-strip, der 1979 erschien und den geschichtlichen Abschnitt beschreibt, in dem die Waldenser sich der Reformation anschließen, wird Chanforan angegeben als ein Zeitpunkt, an dem die Waldenser wieder mit dem Hauptstrom der Geschichte schwimmen:
"Così i valdesi entrano nella storia della riforma europea come testa di ponte protestante nella terra del papato" (Stagnaro 1979: 29).33Chanforan ist auch Sinnbild für eine sozusagen basis-demokratische Entscheidung, die nach langen Diskussionen getroffen wurde und einen Wendepunkt im Selbstverständnis der Waldenser kennzeichnet. In Chanforan bei Angrogna in den Waldenser Tälern steht heute auf der Wiese, auf der die legendäre Versammlung stattgefunden haben soll, in Erinnerung an das Ereignis eine Skulptur mit einem Gedenkstein. Sie ist eine von drei Stationen des historischen Pfades, des percorso storico .
In den piemontesischen
Tälern befanden sich die Waldenser im Herrschaftsbereich des
katholischen Hauses Savoyen und waren somit ständiger Verfolgung
ausgesetzt. 1560 bewaffneten sie sich und erzwangen sich durch den
waldensisch-savoyischen Vertrag von Cavour 1561 für kurze Zeit
das Recht, ihren Glauben auszuüben (Tourn 1980: 109). Trotzdem
scheuten Jesuiten und Kapuzinermönche nicht davor zurück,
die Waldenser weiter zu verfolgen und mit Soldatenhilfe zu bekehren.
Der Anschluß an die Reformation und die Veränderungen, die
in den Tälern stattfanden, ermutigten auch die
Calabro-Valdesi ,
die Waldenser in Kalabrien, die dort schon seit ca. 1315 nachweislich
lebten. Ab 1557 bekannten sie sich auf Initiative ihrer Barben
öffentlich
zu ihrem Glauben. Sie beauftragten 1558 schließlich einen Barben,
sich mit den schweizerischen Reformatoren in Genf in Verbindung zu
setzten. Von dort erbaten sie einen Pastor
Die Vernichtung der
kalabresischen
Waldensergemeinden
dargestellt in einem Comic
Aus: Stagnaro, Umberto: Pradeltorno non deve cadere! - la lotta
dei valdesi per la libertà di coscienza (1525-1561) ,
Torino 1979.
(Stancati 1986: 16). Im Frühling
1559 erreichte so Gian Luigi Pascale, ein Schüler Calvins,
Kalabrien.
Er begann, in San Sisto und Guardia Piemontese34
öffentlich zu predigen. Diese Tätigkeit, die Ausdruck war
für das öffentliche Glaubensbekenntnis der
Calabro-Valdesi ,
war auch der ausschlaggebende Grund für den Beginn ihrer
Verfolgung.
Am 2.Mai 1559 wurde Pascale festgenommen (ebenda). Der Vizekönig
von Neapel, Don Parafan de Rivera, den die Nachricht von den
Reformbestrebungen
der kalabresischen Waldenser erreicht hatte, beauftragte die
Bischöfe
und die Herrscher der Provinzen, die Ausbreitung der Reformation in
ihren Territorien zu verhindern (Centro culturale "Gian Luigi
Pascale" [Hg.] o.J., A: 2). Aus diesem Anlaß erreichte der
Dominikanermönch und Inquisitor Valerio Malvicino 1560
Kalabrien.35
Zunächst versuchte er noch, die Waldenser durch Gespräche
zum Abschwören zu bewegen, drohte jedoch bald mit Folter und
Todesstrafe. Die Waldenser erhoben sich schließlich 1561 mit
Waffen gegen diese Maßnahmen und töteten in San Sisto etwa
50 Soldaten, darunter den Kommandanten der Soldaten, den Herrscher
Cosenzas. Dieses Ereignis führte am 5.Juni 1561 zu dem Massaker
von Guardia - la strage di Guardia -, das symbolisch
für die Vernichtung aller Waldensergemeinden in Kalabrien steht
(zur Verfolgung siehe: Stancati 1986: 19-23). Am 16.September 1561
wurde Gian Luigi Pascale in Rom auf dem Platz vor Castel Sant'Angelo
im Beisein des Papstes Pius IV. hingerichtet (Centro Culturale
"Gian
Luigi Pascale" [Hg.] o.J., B: 4). Die Waldenserbewegung in
Kalabrien
wurde ausgelöscht, 2000 kalabresische Waldenser getötet,
weitere 1600 gefangengenommen und zwangskonvertiert. Ihre katholischen
Nachfahren sprechen noch heute den okzitanischen Dialekt (Genre 1986,
in: Merlo et al. 1986: 29-40; Battista 1977) und viele Straßennamen
in Guardia Piemontese erinnern noch an die waldensische Vergangenheit:
Via dei Valdesi, Piazza Chiesa Valdese, Via Torre Pellice und Piazza
Pietro Valdo, um nur einige zu nennen (vgl. Gay 1986, in: Merlo et
al. 1986: 37-40).
Obwohl Gian Luigi Pascale nur sehr kurze Zeit als Pastor in Kalabrien
tätig war, ist er sehr bekannt. Dieses ist zurückzuführen
auf die Veröffentlichung seiner Briefe, die er aus
demGefängnis
nicht nur an seine Verlobte, sondern auch an seine Glaubensbrüder
in Guardia, San Sisto und an Freunde in Genf schrieb (Stancati 1986:
18). Diese Briefe sind für die Waldenser ein Zeugnis seiner
religösen
Standhaftigkeit. Pascale hatte trotz der Folter, der er ausgeliefert
war, bis zuletzt an seinem Glauben festgehalten.
Guardia Piemontese ist für die heutigen Waldenser in Kalabrien
ein wichtiger Bezugspunkt. Es steht für die Verfolgung ihrer
"Glaubensvorfahren".
"[...] Auch Gian Luigi Pascale, ein großer Pastor in Kalabrien (I: In Guardia), eh, ja, wir [Hervorhebung S.M.L.] sind ziemlich verfolgt worden in Kalabrien auch, ... wie viele getötet worden sind!! [...]" (Eugenio Spilla 1993, DP A 460-Ende, B 004-259, hier: A 586-588).Der Bezug, den Eugenio Spilla hier auf seine "Glaubensvorfahren" macht, geht dabei auf ein noch relativ junges historisches Bewußtsein zurück. Das Interesse der Waldenser an den Calabro-Valdesi wurde nämlich erst in den 70er Jahren durch die Initiative des damaligen Pastors von Dipignano, Vincenzo Sciclone, geweckt. Die Studien, die dieser betrieb, fielen zusammen mit einer Zeit der neuen historischen Aufarbeitung der Waldensergeschichte, die im Zusammenhang stand mit der 800-Jahr-Feier der Bewegung 1974. Es gelang Sciclone, neben den Waldensern, auch die Gemeinde Guardias für ihre waldensische Vergangenheit zu interessieren. Torre Pellice und Guardia Piemontese schlossen auf diese Weise 1975, ein Jahr nach der offiziellen 800-Jahr-Feier der Bewegung, eine Städtepartnerschaft, mit der der Beginn eines neuen historischen Bewußtseins eingeleitet wurde, das sowohl die Bevölkerung Guardia Piemonteses als auch die Waldenser, vor allem die Waldenser Kalabriens, erfaßte. Man begann, gemeinsam die Erinnerung an diese Geschichte auch sichtbar aufzuarbeiten: Auf dem Platz, auf dem vermutlich einstmals die waldensische Kirche stand, ist in Erinnerung an die strage - das Massaker - eine Gedenktafel errichtet worden mit der Aufschrift:
Guardia Piemontese

© 1993 S.M.Liebscher
Die Gedenktafel steht in Verbindung
mit einem Stück Fels aus den Waldenser Tälern. Auf diesem
Felsen steht: CONSIDERATE LA ROCCIA DA CUI FOSTE TRATTI, IA 51,137,
sowie die Jahreszahlen 1561 und 1975. Dieser Vers hat eine zweifache
Bedeutung. Einerseits soll er die Einwohner Guardias an ihre
waldensische
Herkunft erinnern, die im Grunde auch der Ausgangspunkt für die
Städtepartnerschaft war. LA ROCCIA, der Felsen, der aus den
Tälern
stammt, spielt konkret auf die Berglandschaft der Täler an. Auf
der anderen Seite läßt sich die Wahl dieses Verses auch
weiter interpretieren. Das Kapitel Jesaja 51 beinhaltet eine
Heilssprechung
Gottes über Israel: "Gottes ewiges Heil für Israel".
Der Rückbezug auf die Wurzeln in Abraham sollen das Volk Israel
sowohl an den gemeinsamen Ursprung erinnern, als auch an die
Erwählung
des aus ihm hervorgehenden Volkes als das Volk Gottes: "Schaut
Abraham an, Euren Vater, und Sara, von der Ihr geboren seid. Denn
als einen einzelnen berief ich ihn, um ihn zu segnen und zu
mehren."
Der Satz "Schaut den Fels an, aus dem Ihr gehauen seid"38,
spielt auf der anderen Seite also auch auf eine oftmals vertretene
romantische Idee von den Waldensern als das auserwählte Volk
Gottes an.
Die Waldenserkirche erhielt in den 70er Jahren die Möglichkeit,
in Guardia Piemontese direkt neben der Porta del Sangue ,
dem Tor des Blutes, (so benannt in Erinnerung an die strage
von Guardia Piemontese) ein Haus aufzukaufen. Sie nutzte die
Gelegenheit,
dort ein Kulturzentrum zu errichten, an das ein Gästehaus für
Familien und ein kleines Museum angeschlossen sind. Das 1986 eingeweihte
Kulturzentrum wird von der Gemeinde von Dipignano in der Provinz von
Cosenza betreut und bildet einen der neueren Bezugspunkte für
die Waldenser. Es ist zu einem Ort des Austausches zwischen den
kalabresischen
Waldensern und den Bewohnern Guardias geworden. Vor allem die Erstellung
eines Filmes für das Waldensermuseum in Zusammenarbeit mit
Historikern
der Universität Cosenzas hat das Interesse der Bevölkerung
an der Geschichte Guardias geweckt. Der Film kann im Museum auf Video
angeschaut werden.
Das Museum Guardias ist das einzige Waldensermuseum außerhalb
der Waldenser Täler.Ein Vergleich zwischen den beiden
Museumskonzeptionen
gibt einen Aufschluß über die unterschiedliche
Geschichtsauffassung
zwischen den Tälern und der sogenannten Diaspora. Das
Waldensermuseum
von Guardia ist anders konzipiert als das Waldensermuseum von Torre
Pellice. Erstens ist es sehr viel kleiner, und zweitens nutzt es das
Interesse an Guardia zur Information über die Waldenser. Der
Film spricht zum Beispiel nur über die Waldensergeschichte Guardia
Piemonteses, nicht über die gesamte Waldensergeschichte. In einer
Ausstellung kann man sich aber, wenn man will, über den gesamten
Zyklus informieren. In das Museum ist weiterhin ein ethnographischer
Ausstellungsteil integriert, der auf kleinen Tafeln die ausgestellten
Gegenstände mit ihrem okzitanischen Namen auszeichnet.
Die Waldensergeschichte in ihrer Gesamtheit wird hier als nicht
unbedingt
notwendige Zusatzinformation zum Verständnis der Geschichte
Guardias
behandelt. Damit steht das Museum im Gegensatz zu dem Museum in Torre
Pellice, zeigt aber meines Erachtens eine typische Einstellung der
Waldenser außerhalb der Täler zu ihrer Geschichte: Sie wird
nicht, wie in den Tälern, bei jeder Gelegenheit sichtbar. Sie
ist eine Zusatzinformation, die auf Wunsch gerne erteilt
wird, aber sie wird nicht zum Mittelpunkt gemacht.
Die Auslöschung der Waldenserbewegung in Kalabrien lief parallel zu der ständigen Bedrohung und Verfolgung der Waldenser in den piemontesischen Tälern. Diese Zeit der Verfolgung und das Leben im Untergrund findet in einer Reihe von Orten in den Waldenser Tälern seinen Ausdruck. 1993 besuchte ich zusammen mit meiner waldensischen Freundin Michela (M) ein Landwirteehepaar - beide Mitte 30, aus Luserna San Giovanni/ Täler, das mich nicht kannte. Als die Sprache auf die Geschichte kam, sprach der Landwirt (C) Michela auf einige von diesen Orten an. Das Gespräch zwischen Michela und dem Landwirteehepaar wurde zu einem Ausflug in die historische Erinnerung:
C: "Ihr müßt sie da hoch bringen, wo sich die Waldenser versteckten zur, zur.."M: "Ghieisa d'la tana ."
C: "Zur Ghieisa d'la tana "
Frau: "Zur Barbenschule"
C: "Die Barbenschule ist oben in Pra del Torno, dann da, wie heißt es noch [...] die Waldenser sind da runtergestiegen, aber es ist erschreckend (Frau:
Die Ghieisa d'la tana
von Paolo Paschetto
Paolo Paschetto ist der Waldenserkünstler schlechthin. Seine Werke sind zu einem großen Teil in einer ständigen Ausstellung im Waldensermuseum von Torre Pellice ausgestellt. Dieses Bild stellt den Eingang zur Felsenkirche dar, die eine Station des percorso storico von Angrogna bildet. Während Außenstehende hier lediglich eine felsige Landschaft sehen, können Waldenser mit diesem Motiv mehr verbinden.
Aus: Regione Piemonte
et al.(Hg.): Paolo Paschetto 1885-1963 , Chieri 1985,
S.64. "La ghieisa d'la tana", 1935, disegno a china, 180x245
mm. Collezione privata.
Ich bin da nicht hingegangen). Da ist ein Loch, da ist ein Loch, wo man hingeht, und dann hat man den ganzen Abgrund vor sich, nur eine Spalte, jetzt haben sie einen kleinen Griff da angebracht, und dann steigt man runter, wo sie den Gottesdienst machten, auch ich habe mich nicht da runter getraut, der Junge ist gegangen. (Frau: Wo sie den Gottesdienst machten, oder wo sie sich versteckten?). Er ist runtergegangen. Ich sagte: Nun, potztausend, man sieht, daß sie dort runterstiegen - aber sie waren dünn, neh? (lachen) Denn um dort runterzusteigen, sagte ich: Ich komm da durch... ein dicker Freund hat gesagt: Boh! (lachen) Das ist ein solches Loch, man steigt da durch und dann ist sofort der Überhang vor dir - 200 Meter [...] und unten ist eine, eine Aufschrift, die erinnert, wo sich die Waldenser versammelten [...]. Dagegen warfen sie in die Ghieisa d'la tana kochendes Öl."Das Gespräch zeigt, wie auch der Landwirt der Meinung war, daß die beste Art, die Geschichte der Waldenser kennenzulernen, der Besuch des percorso storico sei, von dem die Ghieisa d'la tana , auf die er ansprach neben Chanforan eine weitere Station bildet. Die Ghieisa d'la tana ist eine Höhle, die nur durch einen kleinen Spalt und halb kriechend betreten werden kann. Ghieisa bedeutet Kirche und verweist auf die Annahme, daß sich die Waldenser zur Zeit der Verfolgung dort zum Gebet versammelten. Neben dieser Felsenkirche gibt es in den Tälern weitere Symbole, die ihre Stellung in der Verfolgungserinnerung der Waldenser eingenommen haben. Die Ghieisa d'la tana ist jedoch dafür das zentrale Symbol, um das sich, wie sich andeutungsweise auch im Gespräch zeigte, zahlreiche Legenden ranken. Auch am Eingang der Ghieisa ist eine Gedenktafel angebracht, die auf die Zeit der Verfolgung verweist.
M: "Sie haben sie irgendwann angezündet, sie haben alle Löcher gestopft, den Ausgang und dann haben sie Feuer in die obere Öffnung geworfen [...]."C: "Es gibt viele Sachen zu erzählen!" (Castagno 1993, TP V A, hier: 337-364).
Im Jahre 1630 löschte die Pest weite Teile der Bevölkerung
aus (Tourn 1980: 133-135), was eine kulturelle Wende in den Tälern
einleitete. 11 von 13 Pastoren waren der Pest zum Opfer gefallen.
Genf, das um Hilfe gebeten worden war, schickte neue Pastoren. Diese
sprachen ausschließlich französisch, so daß die
Gottesdienste
in französischer Sprache stattfinden mußten. Französisch
wurde damit zu der neuen offiziellen Sprache der Waldenserkirche (Tourn
1993: 33; Ribet 1988: 39). Die größte Verfolgung der Waldenser
wurde in den Tälern mit einem Dekret eingeleitet, das sie innerhalb
eines Ultimatums von zwanzig Tagen in die Berge zurückdrängte
oder, wollten sie ihren Grund und Boden nicht aufgeben,
Janavel

Bildnis Janavels von B.Olivet in J.Jalla, Josué Janavel, 1670-1690, Bulletin de la Société d'Histoire Vaudoise, n.38, 1917, aus: Peyrot, Bruna: La roccia dove Dio chiama - Viaggio nella memoria valdese fra oralità e scrittura , Sala Bolognese 1990, S.210.
zur Konversion zwang. Am 17.April 1655
marschierten 4000 Soldaten in die Täler ein (Tourn 1980: 139)
und richteten ein Massaker an, das als die "Piemontesischen
Ostern"
in die Geschichte einging.
Der "puritanische Bauer" (Tourn 1980: 140) Giosuè
Janavel (italianisiert: Gianavello) improvisierte für kurze Zeit
einen bewaffneten Widerstand, mußte jedoch im Jahre 1665 nach
Genf ins Exil flüchten.39
Der Aufstand der Waldenser unter Janavel wird in der Waldensergeschichte
glorifiziert 40, und
zwar gilt dies sowohl für die offizielle Waldensergeschichte
als auch für die orale Waldenserkultur der Täler. Die
Historikerin
Bruna Peyrot hat dazu in den Jahren 1986 und 1987 in 42
Gemeindeversammlungen
Interviews durchgeführt. In einer Auflistung der
Persönlichkeiten,
die in diesen Gesprächen genannt wurden, rangiert Janavel an
erster Stelle - vor Waldus. Er wurde in 24 von den 42
Gemeindeversammlungen
genannt. Die Autorin geht in einem Unterkapitel ihres Buches gesondert
auf dieses Phänomen ein (Peyrot 1990: 193-213).
In den Erzählungen über Janavel steht immer im Vordergrund,
wie er mit einer Handvoll Waldensern - "une poignée de
gens" (Boyer 1691, zit. n. Peyrot 1990: 203) eine ganze Armee
verunsicherte (Legende über Gianavello in: Genre & Bert [Hg.]
1982: 176-181). Das biblische Bild von David gegen Goliath, das immer
wieder an die Beschreibungen der Kämpfe zwischen waldensischen
Bauern und katholischen Soldaten geknüpft ist (siehe auch
Abbildung),
steht auch in enger Verbindung zur guerra dei banditi,
zum Banditenkrieg, wie der Widerstand Janavels und seiner Leute
später
genannt wurde. Auch andere religiöse Bezüge lassen sich
in Verbindung mit Janavel finden, z.B. wenn rhetorisch gefragt wird,
warum gerade im Moment des geplanten Angriffs durch die Armee Karl
Emanuel II. ein dichter Nebel aufzog, so daß die Banditen gerettet
wurden. Die Erklärung, daß dieses Wunder nur durch
göttliche
Hilfe stattfinden konnte, liegt für einen gläubigen Waldenser
Eine
David-gegen-Goliath-Szene
dargestellt in einem Comic
In dieser Szene wird ein katholischer Feldherr von einem Stein, den ein waldensischer Junge gegen ihn schleudert, getroffen. Diese Zeichnungen zeigen nicht nur mit welchen primitiven Waffen die Waldenser ihre Täler verteidigten, sondern vermitteln mit ihrer Anspielung auf die biblische Geschichte von "David gegen Goliath" auch, daß Gott auf der Seite der Waldenser ist.Aus: Stagnaro, Umberto: Pradeltorno non deve cadere! - la lotta dei valdesi per la libertà di coscienza (1525-1561) , Torino 1979.
Janavel
Illustration aus dem historischen Roman von V. Albarella (1855), aus:
Pasquet, Claudio: Dalla Revoca al Rimpatrio - il rientro ,
Supplemento al Bollettino della Società di Studi Valdesi n.163,
n.2 - il II semestre 1988, Turin 1989, S.11.
nahe. Der Glorifizierung mittels
biblischer
Metaphern in der Waldenserliteratur entspricht ein volkstümliche
Legendenbildung in den Tälern mit ähnlichen Motiven.41
Janavel ist im engeren Sinne ein Held der Waldenser Täler, da er als Bauer zugleich die größte soziale Schicht der Täler-Waldenser repräsentiert. Sie konnten sich mit ihrem "Helden" daher identifizieren (Peyrot 1990: 207). Im weiteren Sinne symbolisiert Janavel jedoch - und darin liegt die wesentliche Bedeutung seiner Gestalt - für alle Waldenser den bewaffneten aufrechten Kampf für die Verteidigung des Glaubens und die Freiheit des Gewissens. Die meisten Abbildungen, die von Janavel als Illustrationen für Bücher gemacht wurden, zeigen Janavel folglich auch mit einer Waffe in der Hand (siehe dazu auch die Abbildungen): "Gianavello é diventato, di volta in volta, l'antenato del rivoluzionario del 1789, del romantico ottocentesco e del partigiano antifascista"42 (Peyrot 1990: 212). Er wird also in ungebrochener Kontinuität bis zum Partisanenkampf des Zweiten Weltkrieges zur direkten Leitfigur all derjenigen, die, wie er, bereit sind, ihren Glauben zu verteidigen. Wie dieser Bezug zu Janavel hergestellt werden kann, zeigt folgendes Zitat:
"Quando anche io e i miei compagni facevamo quella vita lì, allora ci interessava quel che faceva Gianavello, allora c'erano i cattolici, che perseguitavano, noi c'erano i tedeschi e i fascisti" (Stimme aus Prarostino/Täler 1987, in: Peyrot 1990: 208).43Der Widerstand Janavels 1655-1665 stand im Schatten der "Piemontesischen Ostern". Die Nachricht über dieses Massaker an den Waldensern schreckte das protestantische Ausland auf. Cromwell schickte einen Gesandten nach Savoyen. Sein Einschreiten führte zu dem
Janavel
Aus: Genre, Arturo & Bert, Oriana (Hg.): Leggende e Tradizioni Popolari delle Valli Valdesi , Turin 1982, S. 177.
Erlaß des "Gnadenpatents"
am 18.August desselben Jahres (Hastings 1954: 670; Tourn 1980: 144).
Dennoch wurden die Waldenser in der Folgezeit unter Druck gesetzt.
Man beschlagnahmte ihre Ländereien und entführte ihre Kinder,
um sie im katholischen Glauben zu erziehen (Tourn 1980: 145). Mit
dem Widerruf des Ediktes von Nantes 1685 durch Ludwig XIV., der ein
Onkel des Herzogs von Savoyen war (Tourn 1980: 149), brach die
Verfolgung
wieder offen auf. Durch das Eingreifen der Schweizer Protestanten
wurde den Waldensern die Emigration in die Schweiz erlaubt. Wer
zurückblieb,
wurde verfolgt, getötet oder gefangengenommen.44
Ende des Jahres 1686 meldete man, die Täler seien verlassen.45
Das Eigentum der Waldenser wurde konfisziert. 1687 wurden die rund
3000 gefangenen Waldenser in die Schweiz verbannt.46
Kinder unter zwölf Jahren wurden, trotz Protestes durch die
Schweiz,
zurückbehalten und römisch-katholisch erzogen (Tourn 1980:
156).
Das Wappen der Waldenserkirche und ihr darauf verzeichneter Wahlspruch:
Lux lucet in tenebris : "Das Licht leuchtet in der
Finsternis" stammt aus dieser Zeit der Verfolgung47
und ist dafür ein Symbol geworden. Das Wappen zeigt eine auf
der Bibel stehende Kerze, deren Lichtaura aus einem Kranz von sieben
Sternen gebildet ist. Der Spruch, der dem 1.Johannes 1,5. entlehnt
ist, lautet: "Und das ist die Botschaft, die wir von ihm
gehört
haben und Euch verkündigen, daß Gott Licht ist und in ihm
ist keine Finsternis."48
In der Zeit der Verfolgung verkörperte dieser Spruch nicht nur
die Hoffnung und bedeutete das Licht Gottes, das durch die Schrift
in der Dunkelheit der Verfolgung leuchtete, sondern verwies auch auf
die von Gott an die Waldenser gestellte Aufgabe, diese Botschaft
weiterzugeben,
womit sie auf der Seite der "Guten" gestellt wurden. In
der heutigen Situation wird dieser Bedeutung noch eine weitere
hinzugefügt.
Das Licht, das in die Dunkelheit der Welt
Das Wappen der
Waldenserkirche

Diese beiden Wappen sind vom "Waldenserkünstler" Paolo Paschetto gestaltet worden. Im zweiten findet sich eingerahmt das Wappen der Società di Studi Valdesi , der Gesellschaft für Waldenserstudien, die das Wappen der Waldenserkirche übernommen hat.
Beide Abbildungen aus: Regione Piemonte et al. (Hg.):
Paolo Paschetto 1885-1963 , Chieri 1985, S.26 und S.22.
leuchtet, bezieht sich heute indirekt
auch auf die Minderheitensituation der Waldenser. Die Waldenser selbst
sind nun das Licht (und die Wahrheit), das im Dunkel der katholisch
geprägten Kultur Italiens leuchtet (Boot 1992: 10). Somit schwingt
auch im Wappen der Waldenserkirche der eng an die Zeit der Verfolgung
gebundene Auserwähltheitsgedanke mit.
Nach der erzwungenen Emigration ergab sich für die Waldenser 1688 eine Möglichkeit, in die Täler zurückzukehren, als Wilhelm III. von Oranien König von England wurde. Es lag in seinem Interesse, das übermächtige Frankreich unter Ludwig XIV. zurückzudrängen. Wilhelm nahm mit den Waldensern Kontakt auf, um sie in den savoyischen Alpen gegen Frankreich einzusetzen. Es formierte sich ein Söldnerheer, das zu 60% aus Waldensern bestand (Tourn 1980: 162). Dieses 900 Mann starke Heer setzte am 17. August über den Genfer See und überquerte die Alpen in einem Gewaltmarsch von zehn Tagen, der in der Waldensergeschichte als die "glorreiche Heimkehr" (Glorioso Rimpatrio ) verherrlicht wird und mit zahlreichen Legenden verbunden ist, die vor allem hart errungene militärische Siege der Waldenser beschreiben, wie zum Beispiel die Schlacht um die Brücke bei Salbertrand (siehe Abbildung).
Um den Zusammenhalt im Kampf zu fördern, leisteten die Waldenser
unter der Anleitung des Pastors Henri Arnaud nach ihrer Ankunft in
Bobbio bei Sibaud den sogenannten "Schwur von Sibaud". Henri
Arnaud, der die Gruppe auch militärisch führte, übernahm
eine Schlüsselrolle. Er zählt neben Janavel, der im Genfer
Exil lebend übrigens an den Vorbereitungen zur Rückkehr
wesentlich beteiligt war, zu den "Helden" der Waldenser
(Tourn et al. 1989: 16-18, 23).49
Neben der Casa valdese in Torre Pellice steht Arnaud
zu Ehren ein Denkmal, das ihn mit dem Schwert in der Hand zeigt (siehe
dazu auch die Abbildung). In der oben erwähnten Auflistung der
Historikerin Bruna Peyrot über die Nennung der
Arnaud

Angriff der Waldenser an der Brücke von Salbertrand - Zeitgenössischer Stich
Aus: Tourn, Giorgio et al.: Henri Arnaud und die Glorreiche
Rückkehr der Waldenser , Kassel 1989, S.25.
Arnaud
Der Pastor Arnaud (siehe Bäffchen) trägt in seiner Schärpe eine Bibel. Das Denkmal steht vor der Casa Valdese, in der sich die Synodalaula befindet
© 1993 S.M.Liebscher
wichtigsten historischen
Persönlichkeiten
rangiert Arnaud an zweiter Stelle hinter Janavel. Erst an dritter
Stelle steht Waldus (Peyrot 1990: 193).
Die Waldenser, die 1689 unter der Führung Arnauds in ihre Täler zurückgekehrt waren, hielten trotz des Wintereinbruchs in einem monatelangen Guerrillakrieg die Stellung. Ihre Rettung war schließlich, daß Viktor Amadeus II., Herrscher Savoyens, sich 1689 überraschend von Frankreich ab- und England und Österreich zuwandte. Die verbannten Waldenser konnten so in ihre Täler zurückkehren. Das Bündnis mit England zwang Viktor Amadeus II. außerdem, 1694 ein Toleranzedikt zu erlassen, das den Waldensern die Existenz in ihren Tälern garantierte (Tourn 1980: 160-169).
In Anlehnung an den "Schwur von Sibaud", der 1689 dazu diente, die Einheit unter den zurückgekehrten Waldensern zu fördern, ist ein Lied entstanden, das die Waldenser noch heute jährlich zum 17.Februar singen. Auf dieses Lied und den Text werde ich später noch ausführlicher eingehen. Ein abgewandeltes Zitat aus dem Schwur hat der Waldenserkünstler Paolo Paschetto zur 250-Jahr-Feier des Glorioso Rimpatrio im Jahre 1939 in die Gestaltung der Absis der Synodalaula miteinbezogen (siehe Abbildung):
Dieses Zitat ist von den Jahreszahlen 1689 und 1939 eingerahmt. Die
Abbildung zeigt einen in einem Felsen verwurzelten Baum, dessen
Äste
in ihrer Mitte ein geöffnetes Buch tragen, mit der Inschrift:
SEI TREU BIS ZUM TOD. Der Baum steht vor einem gebirgigen Panorama.
Die Bezüge, die der Künstler hier zu den Waldensergeschichte
knüpft, sind vielseitig. Der Hintergrund des Bildes zeigt eine
Landschaft, die stark an die Waldenser Täler erinnert. Der im
Felsen wurzelnde Baum kann zweideutig interpretiert werden. Einerseits
zeigt es den festverwurzelten Glauben, andererseits läßt
gerade die Verwurzelung im Felsen den Vergleich zu den Waldensern
zu, die in ihren Tälern verwurzelt sind. Die Andeutung eines
Tales, in dem der Baum steht, entsteht durch den schon beschriebenen
Hindergrund. Das Buch, das von den Ästen des Baumes getragen
wird, kann nur die Bibel
Die Synodalaula in Torre
Pellice
von Paolo Paschetto
Postkarte 02/117, F.Pallard, Turin, Foto: S.Gnone
sein. Die Aufforderung "Sei treu
bis zum Tod" ist eine Mahnung an den Betrachter des Bildes, der
Bibel und folglich nicht weltlichen Autoritäten treu zu sein.
Der Auszug aus dem "Schwur von Sibaud" fordert die Einheit
unter der Gruppe und zusätzlich Treue ihr gegenüber. Die
Dekoration entstand in der Zeit des Faschismus und könnte daher
von Außenstehenden vor allem wegen des aus dem Militärischen
kommenden Schwures auch als faschistisch interpretiert werden. Der
Künstler nutzte jedoch das Symbol des "Schwures von
Sibaud",
bei dem es eindeutig darum ging, die Einheit unter den Waldensern,
und zwar gegen einen äußeren Feind zu fördern. Für
diese Einheit war man auch bereit zu sterben. Der aus dem
Militärbereich
kommende Treueschwur wird durch die Mahnung der aufgeschlagenen Bibel:
SEI TREU BIS ZUM TOD, auf die Treue zur Bibel umgeleitet. Der
Dekorationsspruch
in der Synodalaula konnte somit von Waldensern als Aufforderung zur
Einheit und zum Widerstand (auch bewaffneten - bis zum letzten
Blutstropfen
-) gegen den Faschismus interpretiert werden.
Der Glorioso Rimpatrio hat insgesamt einen wichtigen
Stellenwert in der Waldensergeschichte. 1989 fand die 300-Jahr-Feier
dieses Ereignisses statt, die zum Anlaß genommen wurde, u.a.
das neue Waldensermuseums in Torre Pellice einzuweihen. Ein Blick
in die Konzeption des Museums verdeutlicht noch einmal anschaulich
den Stellenwert des Ereignisses für die Waldenser. Der Teil des
Waldensermuseums, der dem Glorioso Rimpatrio gewidmet
ist, trägt die Kennzeichen einer Sonderausstellung. Er ist nicht
nur räumlich vom Rest der Ausstellung trennbar, sondern auch
gestalterisch setzen sich die Tafeln durch Farbgebung von den Tafeln
der Restaustellung ab. Bezeichnend ist außerdem, daß die
deutsche Übersetzung der Tafeln des Glorioso Rimpatrio
schon 1989 vorlag, während die Restausstellung bis 1993 noch
nicht mit einer solchen Übersetzungsmappe ausgestattet wurde.
Diese Ausstellungkonzeption gibt prägnant und anschaulich wieder,
inwiefern der Glorioso Rimpatrio einen zentralen
Wendepunkt
in der Geschichte der Waldenser ausmacht: Aus Esuli della storia
d'Europa , Verbannten der Geschichte Europas, wurden dadurch
Esuli non rassegnati , sich nicht ergebende Verbannte
(Pasquet 1989: 3,6), aus Opfern der Geschichte und Verfolgten wurden
aktive Widerständler. Die aktive kämpferische Überwindung
des Verfolgungstraumas schuf dabei gleichzeitig auch ein neues
Selbstbewußtsein.
Der Landwirt Bruno Castagno aus den Tälern erklärte im
Zusammenhang
mit dem Glorioso Rimpatrio
Arnaud als
Heerführer
Titelblatt von: Pasquet, Claudio: Dalla Revoca al Rimpatrio
- il rientro , Supplemento al Bollettino della Società
di Studi Valdesi n.163, n.2 - il II semestre 1988, Turin 1989.
diese Wandlung im Selbstverständnis
folgendermaßen:
"Es gibt immer Kriege, nä? Man muß nicht immer sehen, daß der Waldenser, der Ärmste, immer nur ein Opfer ist [...]" (Castagno 1993, TP V A, hier: 367-368).
Der Glorioso Rimpatrio ist damit einer der momenti forti (Pasquet 1989: 30), der "starken Momente" ihrer Geschichte. Er bedeutet die Wiedereingliederung der Waldenser in den Hauptstrom der Geschichte.
In vielen Abbildungen, die Szenen des Glorioso Rimpatrio zeigen, nehmen die Waffen einen großen Raum ein oder werden so in die Bildkomposition eingebracht, daß sie dem Betrachter auffallen müssen. Arnaud als Pastor nimmt in diesen Bildern die Rolle eines Heerführers ein. Die Überlegung des Landwirtes Bruno Castagnos zeigt dabei deutlich, welchen Schluß dieser Umstand zuläßt:
"Arnaud, war das nicht auch ein Heerführer? Dann haben sie auch einige Leute abgemurkst [...] aber das haben sie gut gemacht, wenn nicht, zu dieser Stunde..." (Castagno 1993, TP V A, hier: 385-386).
Der bewaffnete Kampf für die Verteidigung des Glaubens, der bis dato von den Waldensern eher abgelehnt als befürwortet wurde, wurde durch den Glorioso Rimpatrio sozusagen endgültig etabliert.
Für gläubige Waldenser ist der Glorioso Rimpatrio
eines der vielen Wunder, die das Überleben der Gruppe möglich
gemacht haben und wie eine Berufung interpretiert werden kann für
das "riportare la professione della vera religione nelle loro
valli" (Pasquet 1989: 30) - Zurückbringen des Bekenntnisses
der wahren Religion in ihre Täler, denn "... Dio stesso
forniva loro i mezzi, gli strumenti e le occasioni per realizzare
questa vocazione" (ebenda) - Gott selbst stattete sie mit den
Mitteln, den Werkzeugen und den Gelegenheiten aus, um diese Berufung
zu verwirklichen.
Viktor Amadeus II. von Savoyen, der durch den Frieden von Rijkswijk
1697 die Herrschaftsrechte über französische Gebiete in
den Waldensertälern erhielt, ordnete 1698 die Vertreibung aller
französischen Untertanen aus diesen Territorien an. Davon waren
3000 Waldenser betroffen, unter ihnen auch Henri Arnaud (Tourn 1980:
174).50
Die übrigen Waldenser konnten zwar in den Tälern bleiben,
waren aber einer Anzahl Gesetzen unterworfen, die ihre Präsenz
auf diese Täler beschränkte. Die Täler wurden somit
zum Ghetto, einem kleinen abgeschlossenen Lebensraum, der eigenen
Gesetzen unterworfen war und mehr mit dem Ausland als mit dem eigenen
Land in Verbindung stand. Für die Waldenser, die so im savoyischen
Gebiet bleiben durften, gestaltete sich das Leben eher ruhig. Die
Pastoren wurden zu wichtigen Schlüsselfiguren, die den Kontakt
zum protestantischen Ausland aufrecht erhielten, das die Waldenser
mit finanziellen Mitteln und Studienhilfen unterstützte (Tourn
1980: 184). 1735 wurde in Holland das "Wallonische Komitee"
(Tourn 1980: 185) gegründet, welches sich die Aufgabe stellte,
die Schulbildung in den Tälern voranzutreiben.51
Mit seiner Hilfe konnte 1769 in Torre Pellice die
"Lateinschule"
für Jungen gegründet werden, die Waldenser für ein
Studium im Ausland vorbereitete (Tourn 1980: 186). In den Tälern
entstand auf diese Weise eine kleine bürgerliche Schicht vor
allem aus Pastoren und Lehrern mit engen Kontakten zum Ausland.
Als 1798 Frankreich Savoyen-Piemont annektierte, wurde den Waldensern
ihre Religionsfreiheit zugesichert. Erstmals entstand eine Kirche
außerhalb der Ghettogrenzen 1807 in Luserna San Giovanni. Doch
die Waldensergemeinden verloren ihre Eigenständigkeit und ihre
traditionelle Organisation. Sie wurden 1805 in die Organisation der
reformierten Kirchen Frankreichs eingegliedert, wodurch auch weitgehend
ihre Kontakte zum Ausland abbrachen (Tourn 1980: 194). 1814 fielen
die Waldenser mit der savoyischen Restauration endgültig in ihre
alten Grenzen und Lebensbedingungen zurück. Als schließlich
1827 derenglischer General Charles Beckwith52
in die Täler kam, fand er die Bevölkerung dort arm und
ungebildet
vor. Sein politischer Weitblick und vor allem die Erweckungsbewegung,
in deren Einfluß er stand, wiesen ihm die Dringlichkeit für
eine Öffnung der Waldenser über die Grenzen Piemonts hinaus.
Die Waldenser sollten missionieren: Beckwith prägte den Satz:
"D'ora innanzi, o sarete missionari o non sarete nulla
"
(Tourn 1980: 212; Ribet 1988: 43; Bouchard 1990: 23).53
Um die nötigen Voraussetzungen für das Erreichen dieses
Ziels zu schaffen, wurde der Aufbau eines dichten Schulnetzes zum
Lebenswerk Beckwiths. Bereits 1830 gründete er eine Lateinschule
in Pomaretto, ein Jahr später das Collegio nach
englischem Vorbild in Torre Pellice, das 1837 eingeweiht wurde (Tourn
1980: 204-205). 1848 erreichte die Zahl der Schulgebäude in den
Tälern 169 (Tourn 1980: 204). Im Jahre 1897 hatte die
Alphabetisierungsrate
in den Tälern mehr als 90% erreicht, während im nationalen
Durchschnitt im Jahre 1901 immer noch 42,5% der Männer und 54,4%
der Frauen Analphabeten waren (Ribet 1988: 40). Die Beckwithschulen,
so benannt nach ihrem Gründer, waren auf die gesamten Täler
verteilt, und einige Gebäude erfüllen heute noch ihren Zweck.
Sie gehören somit zu einem Stück präsenter Geschichte.
Das Collegio in Torre Pellice ist heute noch die einzige
evangelische höhere Schule in Italien. Die Beckwithschulen nehmen
in der historischen Erinnerung der Waldenser einen weiten Raum ein,
weil sie der Ausgangspunkt zur Überwindung der nicht nur
geographischen
Isolation der Waldenser waren: Waldenser Schülern war bis 1848
der Besuch italienischer Schulen untersagt (Friese 1979: 26). Im
Waldensermuseum
von Torre Pellice ist im Ausstellungsteil über den Zeitabschnitt
des Ghettos ein Klassenzimmer einer Beckwithschule ausgestellt. Eine
authentisch eingerichtete Beckwithschule bildet auf dem percorso
storico die dritte und letzte Station.
1848 stand Piemont vor einer politischen Wende. Als die Tavola , das höchste Exekutivorgan der Waldenserkirche, den Souverän in dieser Situation um die Aufhebung der Religionsedikte bat, erließ der König Carlo Alberto am 17.Februar 1848 das Gnadenpatent (Statuto albertino ), das den Waldensern ihre bürgerlichen Rechte garantierte. Auch wenn dasGnadenpatent weiterhin Einschränkungen betreffs der Ausführung der Religion enthielt - so zum Beispiel, daß die katholische Religion weiterhin die einzige Religion des Staates bleiben sollte und andere Religionen lediglich "toleriert" (Bouchard 1990: 27) wurden -, bedeutete dies das Ende des Ghettos.
Das Interesse und das Engagement der Waldenser begann sich unter dem
Einfluß der Beckwith'schen Erziehung und der Erweckungsbewegungen
zunehmend in andere italienische Regionen zu orientieren. Zwei neue
Begriffe prägten diese Zeit nach 1848: Die Evangelisation und
der Kolporteur, der Träger der Evangelisationsbewegung wurde.
Die Evangelisation stand nach der Öffnung des Ghettos im
Vordergrund.
Evangelisation bedeutete, über das Evangelium zu informieren.
Der Kolporteur war die personifizierte Evangelisation. Er reiste mit
einer Anzahl Bücher und Erzählungen vor allem auch aus dem
Neuen Testament durch Italien und verwickelte Interessierte in ein
religiöses Gespräch. Begleiterscheinung dieser beiden
Phänomene
war die Gründung zahlreicher Gemeinden von Turin bis
Palermo.54
Um dieser neuen Situation auch organisatorisch gewachsen zu sein,
gründete man 1860 das "Evangelisationskomitee". Die
Dichotomie Valli , also Täler, -Diaspora, die bis
heute besteht, entstand. Sie war die Folge des Aufbaus einer
organisatorischen
Verwaltungsstruktur, sowie eines Bildungs- und Pressewesens, der in
den Tälern seinen Ausgang hatte: Die Waldenser gründeten
1855 das Verlagshaus Claudiana in Turin und eine
theologische
Hochschule in Torre Pellice, die 1861 nach Florenz, der damaligen
Hauptstadt Italiens, verlegt wurde. Erste Zeitschriften wurden
veröffentlicht,
darunter ab 1908 das wichtigste Wochenblatt La Luce ,
das bis heute erscheint.55
In der Diaspora bauten die Waldenser vor allem Schulen, die von Lehrern
aus den Tälerngeleitet wurden (Tourn 1980: 235). Erst als der
neue Staat diese Aufgabe selber tragen konnte, wurden diese
Einrichtungen
wieder geschlossen. Neben den Schulen entstanden andere soziale
Einrichtungen,
wie Waisenhäuser, Krankenhäuser und Kinderheime.
Aber die Waldenser waren nicht die einzigen, die Italien entdeckten. Viele verschiedene Kirchen versuchten, dort zu evangelisieren. Ab 1861 die Wesleyaner aus England, 1866 die englischen Baptisten, 1870 die amerikanischen Baptisten, 1873 die amerikanischen Methodisten und später die Heilsarmee (1887) (Tourn 1980: 224; Vinay, V. 1971: 133). Zusammen mit diesen Denominationen entstand in Italien die größte protestantische Diaspora der Mittelmeerländer (Vinay, V. 1971: 139).
Die Jahre zwischen 1848 und 1900 stellten für die Waldenserkirche Jahre der Konsolidierung dar. Mit der Einweihung einer Waldenserkirche in Rom an der Piazza Cavour im Jahre 1914 begann die öffentliche Etablierung der Waldenserkirche. Das Evangelisationskomitee stellte seine Arbeit folgerichtig im Jahre 1915 ein. Im Jahre 1922 wurde die theologische Fakultät nach Rom verlegt (Tourn 1980: 278).
Die Geschichte der Waldenserkirche im 19.Jahrhundert war demnach eng an die Entstehung des neuen Staates Italien geknüpft. Die Entstehung der neuen Gemeinden lief parallel mit der Einbindung der verschiedenen Gebiete an das neue Staatsgebiet (Tourn 1980: 216). Die enge Orientierung der Waldenser am neuen Staat wird vor allem darin deutlich, daß sie sofort nach der Auflösung des Ghettos vier Waldenserpastoren nach Florenz schickten, damit diese dort die italienische Sprache erlernten. Das deutlichste Zeichen für die Orientierung zeigt sich in der Standortwahl der Theologischen Fakultät, die 1861 zunächst nach Florenz, der damaligen Hauptstadt, und 1922 nach der neuen Hauptstadt Rom verlegt wurde. Die Möglichkeit der Entwicklung einer protestantischen Diaspora, wie sie oben beschrieben wurde, verdankten die Protestanten der liberalen Revolution des Risorgimento (ca.von 1815/1847-1918) in Italien, die zu einer Neudefinition aller Religionen - einschließlich der katholischen - geführt hatte. Das Prinzip der Trennung zwischen Kirche und Staat wurde ernstgenommen. So konnten die evangelischen Kirchen ohne staatliche Kontrolle die kirchliche Finanzierung und Organisation in die Hand nehmen. Allerdings ist daraufhinzuweisen, daß die religiöse Freiheit rechtlich nicht festgelegt war 56. Vielmehr handelte es sich um einen "stillen, aber realen Separatismus" :
"E fu questo regime di tacito ma reale separatismo che negli ultimi quarant'anni di governo liberale, garantì a tutti cittadini una autentica libertà religiosa e con la libertà, la vera pace religiosa che nessuno nè governanti nè popolo, pensavano di turbare" (Vignano 1957: 14).57
Die neu empfundene Freiheit, die durch den neuen Staat ermöglicht wurde, hatte zur Folge, daß sich die evangelischen Kirchen stark mit dem liberalen Staat identifizierten und ihm folglich im ersten Weltkrieg gegenüber loyal waren (Rochat 1990: 13). Andererseits führte dieses auch zum Konformismus mit den liberal-demokratischen Kräften, die die faschistische Bewegung Mussolinis duldeten und ihr damit zur Macht verhalfen (Rochat 1990: 14).
Der Faschismus bedeutete den weitgehenden Verlust der erlangten religiösen Freiheiten für alle Protestanten. Der Druck von seiten des Papstes und katholischer Priester, die sich zunehmend über die evangelischen Aktivitäten in ihrem Zuständigkeitsbereich beschwerten, führten schließlich auf Anordnung des Polizeipräsidenten Arturo Bocchini vom 13. April 1927 zur verstärkten Überwachung der protestantischen Kirchen und Freikirchen (Rochat 1990: 29-34). Am 11.Februar 1929 erhielten die beginnenden Repressionen gegenüber den Evangelischen in der Ratifizierung der Lateranverträge, den Patti Lateranensi , zwischen der katholischen Kirche und Mussolini ihre juristische Grundlage und Rechtfertigung. Die katholische Religion wurde zur einzigen Religion des Staates erklärt, womit die konsolidierte Praxis der Trennung zwischen Staat und Kirche aufgehoben wurde (Rochat 1990: 127; Vingiano 1957: 14). Am 24. Juni 1929 folgte das Gesetz über die "erlaubten Religionen", la legge sui "culti ammessi", 58 das das freie Ausüben nicht-katholischer Religionen vorsah, soweit sie nicht Riten ausführten, die der öffentlichen Ordnung und den guten Sitten gegenläufig waren (Rochat 1990: 127; Vingiano 1957: 17f; Piacentini 1934: 508-518).59 Protestanten durften keine politischen Ämter mehr bekleiden und waren somit aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen (Rochat 1990: 131). Im religiösen Leben bedeutete dieses Gesetz die Überwachung der Evangelischen durch die Polizei. Kirchen und Versammlungsräume mußten von der Polizei anerkannt und freigegeben (Rochat 1990: 133f), Religionsämter ab sofort von staatlicher Seite autorisiert werden. Gab es keinen staatlich anerkannten religiösen Amtsträger, so unterlagen die kirchlichen Aktivitäten direkter Polizeikontrolle. Jede Veranstaltung mußte in diesem Falle drei Tage im voraus angemeldet werden.60 Ab 1935 verstärkte sich die Kontrolle der religiösen Minderheiten in Italien. Die staatlichen Stellen begannen, die Bürger nach Religion und Rasse zu registrieren.
Der Pastor Emilio Comba, der zwischen 1934 und 1941 Repräsentant
der Waldenserkirche war, empfahl eine Zusammenarbeit mit dem
faschistischen
Regime, ohne jedoch die eigene Identität aufzugeben (Rochat 1990:
148). Die Leitung der Kirche versuchte, sich mit der Betonung der
"italianità", die ihnen von offizieller katholischer
Seite abgesprochen wurde, negativen Verwicklungen in staatliche
Angelegenheiten
zu entziehen. Die Waldenser vermieden so weitestgehend die offene
Konfrontation mit dem faschistischen Regime.
Sie waren jedoch latente Antifaschisten und wählten 1929 gegen
das nationale Referendum und für den Erhalt der Republik:
"[...]
i comuni valdesi danno la più alta percentuale di NO in tutta
l'Italia." - "[...] die Waldensergemeinden erreichen den
höchsten Prozentsatz an `Nein'-Stimmen in ganz Italien"
(Bouchard 1990: 52, Übersetzung S.M.L.).
Eine systematische Unterdrückung der Waldenser fand zwar, im Gegensatz zu der Unterdrückung einiger Freikirchen61, aufgrund der offiziellen Politik der Konfrontationsvermeidung mit dem Regime nicht statt, wohl aber "una serie di limitazioni e provocazioni discontinue" - eine Reihe von Beschränkungen und unregelmäßigen Provokationen -, von denen vor allem die Waldenser Täler, die als antifaschistisch galten, betroffen waren (Rochat 1990: 170).62 Die vom Staat vorangetriebene Italianisierung führte zum Verbot der französischen Sprache, die in den Waldenser Tälern, neben dem in der Familie gepflegten Dialekt, dem Patois, gesprochen wurde. Im November 1938 wurde die Zeitschrift L'Echo des Vallées Vaudois verboten und erschien erst im Dezember 1939 als Eco delle Valli Valdesi wieder (Rochat 1990: 178; Tourn 1993: 34). Das Französische wurde auch in den Gottesdiensten und den Grundschulen verboten (Rochat 1990: 178). Die Italianisierung einiger Waldensernamen ist ebenfalls auf diese Zeit zurückzuführen.63
Im Gegensatz zu der offiziellen Linie der Kirchenleitung formierte
sich unter jungen Waldensern Ende 1943 eine Gruppe, die sich
"Gerechtigkeit
und Freiheit" (Giustizia e Libertà ) nannte
und den bewaffneten Widerstand organisierte. Giustizia e
Libertà ,
der sich die meisten Waldenser, die bewaffneten Widerstand leisteten,
anschlossen, war ein Teil der Resistenza . Die
Resistenza
wurde durch die Bevölkerung der Täler unterstützt,
die dadurch ihrem antifaschistischen Ruf: "I valdesi sono tutti
ribelli"- Die Waldenser sind alle Rebellen - 64
gerecht wurde (Bouchard 1990: 61-68).
Die Historikerin Bruna Peyrot sieht deutlich eine Gefahr der Homogenisierung der Waldenser, die entsteht, wenn man das Waldensertum historisch betrachtet:
"Gli esempi e le considerazioni fin qui addotte hanno tuttavia privilegiato l'idea dei Valdesi come un insieme omogeneo, senza tener conto delle differenze [...] al loro interno, relative, ad esempio, ai gruppi sociali (contadini, artigiani, intellettuali...) o ai ruoli rivestiti (pastore, maestro anziano...)" (Peyrot 1988: 140).65
Bruna Peyrot weist darauf hin, daß Unterschiede innerhalb der Gruppe der Waldenser bestehen, die bedingt sind durch die unterschiedlichen sozialen Umfelder, aus denen die Waldenser stammen. Demnach gibt es viele verschiedene, ja unendliche Möglichkeiten, die Geschichte der Waldenser zu betrachten. Es ist möglich, durch Bruna Peyrots Hinweis Unterschiede innerhalb der durch die historische Betrachtung so homogen scheinenden Gruppe aufzudecken und zu definieren, und zwar zum Beispiel durch die Art und Weise, in der die Geschichte rezipiert wird.
Die Lehre, die aus der waldensischen Geschichte gezogen werden kann, wurde von dem 19-jährigen Schüler Giovanni Varga aus Mailand 1993 folgendermaßen zusammengefaßt:
"Es ist die Geschichte einer unterdrückten Minderheit, die trotz allem überlebt hat, die sich gegen eine katholische Kirche behaupten mußte" (GA MI 1993: 21).
Die Waldensergeschichte ist effektiv die Geschichte einer verfolgten
Minderheit. Sie kann jedoch unter unterschiedlichen Schwerpunkten
erzählt werden, je nachdem, welchen Stellenwert man ihr zuspricht.
Franco Giampiccoli, der 1993 als moderatore der
gesetzliche
Vertreter der Waldenserkirche war, verdeutlichte, wie sich die
Historiographie
gewandelt hat und zeichnete zwei mögliche Formen der
Geschichtsrezeption
nach:
"Aus der Waldensergeschichte hat man zwischen den beiden Kriegen ein bißchen eine Art Verdauungsstörung gemacht und auch in der Nachkriegszeit, das heißt, daß man ihr eine sehr [...] apologetische Version gab, dann alle Guten auf einer Seite alle Bösen auf der anderen, rhetorisch etcetera. Also, zum Beispiel meine Generation hat eine Ablehnung gegenüber dieser Form der Historiographie gehabt. Wer im Grunde eine Wiederaneignung der Waldensergeschichte erlaubt hat, das war Amedeo Molnár, ein tschechischer Historiker, mit einer waldensischen Mutter, der studiert hat. Er ist einer der größten Gelehrten des mittelalterlichen Waldensertums und der Beziehungen zwischen den Waldensern und der hussitischen Präreformation. Und der damit dem Verständnis des Waldensertums eine Tiefe wiedergegeben hat [...].
Andere tiefergehende Studien, die darauf folgten, ernster, was die gesamte Geschichte betrifft, auch die Periode der Reformation und danach, haben den Diskurs wieder aufgenommen. Trotzdem bleibt eine gewisse Spaltung zwischen demjenigen, der die Geschichte nicht als eine Quelle des Glaubens erlebt, sondern als einen Wert, der einen begleitet, weil niemand ohne Traditionen lebt, dem Wert, der eine Bedeutung schafft, eine Hilfe, auch wenn nebensächlich im Vergleich zum Glauben und einer Beziehung zu der Bibel, dem Evangelium und dagegen demjenigen, der entgegen einer Position des persönlichen Glaubens die Geschichte als völlig vorrangig erachtet. Das Extrem dieser, dieser Einstellung sind Leute, die nicht-gläubig, unbeteiligt, säkularisiert sind, die aber sehr an der Waldensertradition festhalten, der Waldensergeschichte etcetera. Also gibt es diese beiden Positionen heute, ohne daß es eine große Polemik gäbe, aber mit einer ziemlich klaren Unterscheidung" (Franco Giampiccoli, Roma 1993 A, hier: 365-410).
Giampiccoli kritisierte eine lange praktizierte emotionale und dadurch polemische Geschichtsschreibung. Diese einseitige Form der Historiographie änderte sich erst mit Molnár. Durch seine Studien hatte dieser Historiker "[...] dem Verständnis des Waldensertums eine Tiefe wiedergegeben [...]". Giampiccoli unterschied daraufhin zwei verschiedene Formen der Rezeption der Waldensergeschichte: zwischen Geschichte als "Wert, [...] der eine Bedeutung schafft" und der unverhältnismäßigen Betonung der Geschichte auf Kosten des Glaubens. Die Kritik an der einseitigen Betonung der Verfolgungen übte auch der Historiker Giorgio Rochat:
"Die Geschichte müßte interessant sein. Es werden aber wenige Verbindungen hergestellt. Vielmehr wird dieser Mythos der Verfolgungen aufrecht erhalten. Das kann man sicher verstehen. Aber die Geschichte kann zum Versteck werden und zum Alibi. Sie sollte vielmehr als Stimulus dienen. Ich glaube, zum Beispiel in Süditalien ist das so. [...] Über die Geschichte ist es einfach, anders zu sein. Die Geschichte ist Identität, Glauben und Berufung. Sie sollte hier etwas weniger sein, denn die Geschichte allein reicht sicherlich nicht aus" (GA 1993 MI: 13f).
Rochat unterschied Geschichte als Alibi und Versteck von der Rolle
der Geschichte als Stimulus. Er zog die Trennlinie der verschiedenen
Geschichtsauffassungen zwischen Nord- und Süditalien, das
heißt
zwischen den Tälern und der Diaspora.
Die Geschichte, die zum Versteck wird und zum Alibi, anstatt als
Stimulus
zu dienen, ist eine Grundkritik der bekennenden an den
säkularisierten
Waldensern. Federico Ranchetti (1993, 25 Jahre, Jurist aus Neapel)
wiederholte fast wörtlich die Kritik Rochats:
"1) Für den normalen Waldenser sollte sie [die Geschichte] eine Darstellung von Fakten sein, die die Volkskirche betreffen, aber wichtiger sind die darin enthaltenen Prinzipien und Motive.
2) Für die Waldenser der Täler ist die Geschichte negativ. Die Waldenser der Täler sollten weniger an die Geschichte als an die Gegenwart denken. Stattdessen machen sie daraus eine Fahne, hinter der sie sich verstecken" (GA 1993 NA: 6).
Der Schwerpunkt für Federico lag in den in der Geschichte enthaltenen Prinzipien und Motiven, nicht in der Geschichte selber. Auch Manuela Bugatti erklärte, unter welchem Aspekt ihr als Diaspora-Waldenserin die Geschichte wichtig ist und unterschied gleichzeitig, ähnlich wie Giorgio Rochat und Federico Ranchetti, zwischen dem Stellenwert, den die Geschichte in der Diaspora einerseits und in den Tälern andererseits einnimmt:
"Hier würde ich zwischen Tälern und Diaspora unterscheiden. In den Tälern ist die Geschichte sehr wichtig. [...] Ja, also, es ist wohl so, daß die Geschichte in den Tälern für einen Waldenser dort Teil seiner Geschichte ist. Ich meine, hier kann man bis auf mehrere Jahrhunderte innerhalb der Familie auf eine Waldensertradition zurückblicken. Die Geschichte hat aber unter den Waldensern erst vor einigen Jahren diesen Boom gehabt. Bei der 800-Jahr-Feier der Bewegung sind viele Bücher erschienen, auch das Buch Tourns.66 Auch in der Kirche ist die Geschichte so ein wichtiger Teil des Glaubens geworden. Ich persönlich bin immer in der Diaspora gewesen. In meiner Familie war die Geschichte nie wichtig, auch wenn ich einige Erzählungen kannte. Aber dann war sie wichtig nur als 'Trägerin von Inhalten'."
I: Was unterscheidet dann einen Waldenser von irgendeinem anderen Protestanten, wenn die Geschichte nicht wichtig ist?"In der Diaspora gibt es effektiv wenige Unterschiede und wenig Spezielles. Hier ist der Bezug wichtiger zu Calvin, Zwingli. Auch wenn ein gewisser Stolz da ist, daß man selbst älteren Ursprungs ist" (GA ROM 1993: 30f).
Aus all diesen Aussagen wird deutlich, daß die Geschichte in der Diaspora als "Trägerin von Inhalten", "Prinzipien" und "Motiven", als "Stimulus", als "Wert,[...] der Bedeutung schafft" - kurz: als forma mentis - fungiert: als eine bestimmte Art zu denken, die Ausdruck eines Weltbildes ist und das Handeln beeinflußt.
Es ist den Diaspora-Waldensern wichtig zu betonen, daß die
Geschichte
für sie im Gegensatz zu den Täler-Waldensern nur spirituelle
und keine oder nur sehr wenig traditionelle Bedeutung hat. Erst in
der Unterscheidung zu den anderen protestantischen Denominationen
kann die Waldensergeschichte wieder wichtig werden: "[...] wenn
ein gewisser Stolz da ist, daß man selbst älteren Ursprungs
ist".
Die unterschiedliche Einstellung zur Geschichte hat sich plastisch
in den schon beschriebenen unterschiedlichen Museumskonzeptionen von
Torre Pellice (Täler) und Guardia Piemontese (Diaspora) gezeigt.
Die Darlegungen zu der Rolle der Geschichte lassen folgenden Schluß
zu:
Der Stellenwert, der der Geschichte gegeben wird, kann auch Indikator für verschiedene Arten des kulturellen Seins von Waldensern sein.
Die verschiedenen Arten des kulturellen Seins werden von den oben
zu Wort gekommenen Waldensern durch ihre Kritik an den Tälern
definiert: Die Kritik der historisch jüngeren (seit 1848)
Diaspora-Waldenser
an den Täler-Waldensern zeigt, daß sich hier zwei
unterschiedlich
bewertete Gruppen gegenüberstehen, die sich über zwei
geographische
Räume definieren zu können scheinen: Den Tälern
und der Diaspora .
Bevor die Diaspora 1848 entstand, waren die Waldenser räumlich abgrenzbar. Die Ghettobildung in den Waldenser Tälern hatte dazu beigetragen, eine Einheit aus Kultur und Religion zu schaffen. Im Ghetto war man auf diese Geschlossenheit angewiesen. Die Kirche war es, die die soziale Versorgung durch ihre Einrichtungen in die Hand nahm. So entstand hier eine autarke kulturelle Enklave. Durch das Ghetto waren die Waldenser isoliert und wörtlich an den Rand des savoyischen Reiches (später Italiens) gedrängt, aus dem sie auch sprachlich ausgeschlossen waren. Mit der Entstehung der Diaspora nach 1848 lösten sich die Einheit, die zwischen Kultur und Religion in den Tälern bis zu diesem Zeitpunkt geherrscht hatte, und die Isolation, vor allem durch das Einfließen der italienischen Sprache, auf.
In der Gegenüberstellung von Tälern und Diaspora herrschte
lange Zeit die Meinung vor, daß die Gruppe der säkularisierten
Waldenser die Bevölkerung der Täler umfasse, die zwar dem
Namen nach waldensisch sei, aber nicht am Leben der Kirche
teilnähme
- ein Umstand, der aus der jahrhundertealten Vermischung von Kultur
und Religion in den Tälern erklärt wurde (Cañedo
1987: 242f; Bouchard 1990: 146). In Restitalien dagegen, so war die
verbreitete Meinung, seien die waldensischen Kirchen die bekennenden
Kirchen. Die Waldenser der Diaspora wären nicht Waldenser dem
Namen nach, sondern Waldenser kraft der Mitgliedschaft in der
Waldenserkirche.
Die Waldenser der Diaspora galten darum durchweg als Kirchenmitglieder
und ergo als gläubige Waldenser (Cañedo 1987: 241).
Diese Meinung spiegelte sich auch in den Zitaten von den Kritikern
der Geschichtsrezeption wider. Die Trennlinie zwischen den von den
Kritikern veranschaulichten Geschichtskonzeptionen ist nicht
räumlich,
also zwischen Tälern und Diaspora, zu ziehen. Der Grund für
die Unterscheidung der Gruppen, wie sie von den Kritikern gezeichnet
werden, liegt nicht in der Herkunft eines Waldensers, sondern in seiner
Einstellung zu der Waldenserkirche. Die Einteilung, die erfolgen
muß,
ist die Einteilung zwischen gläubigen und
säkularisierten
Waldensern - also zwischen zwei verschiedenen Formen der
Waldenseridentität:
"[...] identità valdese generica (anagrafica o etnico-culturale di massa) e una identità religiosa definita secondo il grado di partecipazione alla vita della comunità ecclesiastica e in base all'impegno nella testimonianza della fede"(Cañedo 1987: 243).67
Die generelle Waldenseridentität der säkularisierten Waldenser (die nicht unbedingt immer automatisch auch nicht-gläubig sind) findet sich sowohl in den Tälern als auch in der Diaspora.
"D'altra parte, in tutta Italia esiste ormai intorno alle nostre comunità una vasta area di persone che vi si riferiscono senza farne parte: stanno uscendo dalla chiesa, o stanno considerando l'eventualità di entrarvi, ma non decidono" (Bouchard 1990: 146).68
In den Tälern ist diese area leicht isolierbar. Die Waldenser tragen französische Nachnamen, sind wörtlich Waldenser "dem Namen nach". Der Anteil von Waldensern an der Gesamtbevölkerung der Täler liegt hier bei über 10% (Friese 1979: 6) in waldenischen Ortschaften bis zu über 90%, während der Anteil von Waldensern in der Diaspora verschwindend gering ist und weit unter 1% beträgt.
Wenn die oben zitierten Kritiker also die Täler heranziehen, um ihre Ausführungen verständlich zu machen, so beziehen sie sich im Grunde nur auf die generelle Waldenseridentität der säkularisierten Waldenser, deren Präsenz in den Tälern auch statistisch faßbar ist. Mit ihrer Unterscheidung zwischen Täler-Waldensern und Diaspora-Waldensern veranschaulichen sie nur den Unterschied zwischen gläubigen und säkularisierten Waldensern, indem sie die Möglichkeit der Isolierung säkularisierter Waldenser in den Tälern nutzen. Bouchard (1990: 146) hat gezeigt, daß Waldenser auch in der Diaspora nicht unbedingt Mitglieder der Kirche sein müssen. Die geographischen Gruppierungen sind also nicht deckungsgleich mit den inhaltlichen. Aber mittels der geographischen Metapher läßt sich eine Trennlinie innerhalb der Waldenser besser beschreiben. Es konnten also bis jetzt vier verschiedene Komponenten in der Form von zwei (nicht parallelen!) Gegensatzpaaren für kulturelle Varianten von Waldensern isoliert werden: Täler-Diaspora und gläubig-säkularisiert. Daraus entstehen folgende mögliche Kombinationen:
Waldenser
|
-------------------------------------
| |
gläubig säkularisiert
| |
---------------- ------------------
| | | |
Täler Diaspora Täler Diaspora
Die Komponenten gläubig und säkularisiert spiegeln sich in dem Begriff Volkskirche wider. Dieser in der heutigen offiziellen Selbstdarstellung der Waldenser dominierende Begriff von der waldensischen Volkskirche (Tourn 1980 Titel), stellt die Waldenserkirche und das "Volk" als homogene Gesamtheit dar, indem sie beide in einem Begriff zusammenfaßt. Gleichzeitig wird das Wort "Kirche" in den Mittelpunkt gestellt und das Waldensertum somit vorwiegend als fede religiosa , nicht als entità culturale , also als religiöser Glaube und nicht als kulturelle Gesamtheit (Davide Gonnet 1993, TP I A 561- Ende, hier: 712) begriffen. Dieser Begriff ist in diesem Sinne falsch. Auch Cañedo stellte fest:
"[...] l'identità del popolo-chiesa come blocco omogeneo comincia a perdere progressivamente la sua integrazione" (Cañedo 1987: 243).69
Eine Einheit zwischen Volk und Kirche mit einer zentralen Stellung
der Kirche, wie vor 1848, ist immer weniger gegeben. Zwar hielt sich
lange die Meinung, der als "Volk" bezeichnete Teil der Kirche
umfasse die Bevölkerung in den Tälern, doch hat sich auch
in der Diaspora neben der Kirche eine solche Gruppe gebildet. Dieser
Tatsache muß durch eine neue Definition des Begriffes
"Volkskirche"
Rechnung getragen werden.
Es gilt hier nicht zu unterscheiden zwischen "unechten"
und "wahren" Waldensern (Cañedo 1987: 241; Gonnet
1993 TP I A 702-712). Diese Unterscheidung wird durch die Betonung
des Religiösen im Volkskirche-Begriff provoziert und schließt
"unechte Waldenser", nämlich säkularisierte
Waldenser
oder Waldenser, die keine Mitglieder der Kirche sind, vom Waldensertum
folgerichtig aus: "Per me, io, questi quà sono fuori dal
valdismo" (Gonnet 1993: 711; Tourn 1993: 3/4).70
Sondern vielmehr muß zwischen zwei verschiedenen Formen des Seins
von Waldensern, die sich in verschiedenen Umfeldern verwirklichen,
unterschieden werden. Die waldensische Volkskirche muß geteilt
werden in das waldensische Volk (popolo valdese ) und
die waldensische Kirche. Die Entwicklung im Zuge der
Säkularisierung
und Expansion von der Volkskirche zu den unterscheidbaren Einheiten
Volk und Kirche darf jedoch nicht als unüberwindliche Trennung
interpretiert werden, sondern als die Entwicklung einer neuen Art,
das Waldensertum zu leben. Die Waldenserkirche bleibt nämlich
der Bezugspunkt für den säkularisierten (aber deshalb nicht
zwingend ungläubigen) popolo valdese , weil seine
Geschichte von der Waldenserkirche, deren kulturelle Erben sie sind,
nicht zu trennen ist und weil die Kirche als Institution eine sicht-
und greifbare Einheit bildet. An ihr orientierten sich aus dem gleichen
Grund meine Feldforschungen 1991-1993.
Die Einteilung der Waldenser läßt sich folglich auch über
den Volkskirche-Begriff vornehmen:
Waldenser
|
-------------------------------------
| |
gläubig gläubig / säkularisiert
| |
--- ---
| |
Waldenserkirche popolo valdese
| |
---------------- ------------------
| | | |
Täler Diaspora Täler Diaspora
Alle Rechte vorbehalten. Keine Weiterverbreitung auf elektronischen Medien
jeder Art.
Erstellt am 11. April 1996 von Oliver Kortendick
Schreiben Sie der Autorin
Weiter zum nächsten Teil.