Sandra Marcella Lucia Liebscher:


Gegenwärtige kulturelle Probleme und Varianten der Valdesi


Ethnographie der italienischen Waldenser 1991-1993


Erstmals: Abhandlungen zur Geschichte der Geowissenschaften und Religion/ Umwelt-Forschung, Beiheft 8, Bochum 1994
ISBN: 3-8196-0301-8




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III. Ethnographie der italienischen Waldenser (1991-1993)


A. Die Waldenserkirche als Ausgangspunkt

Die Betrachtung der Waldenserkirche als greifbare Institution mit registrierten Mitgliedern ist - wie schon gesagt wurde - die einzige Möglichkeit, die Waldenser zu erfassen. Da der popolo valdese   sich ebenfalls an dieser Institution orientiert und größtenteils aus ihr hervorgeht, ist die Betrachtung der Kirche unentbehrlich für das Verständnis der verschiedenen kulturellen Varianten von Waldensern. Die Betrachtung muß dabei jene Aspekte erfassen, die diese kulturellen Varianten wesentlich beeinflussen und wird darum auch die neuere Entwicklung des Waldensertums seit dem zweiten Weltkrieg enthalten. Die Betrachtung der Waldenserkirche ermöglicht dabei eine Annährung an die wohl wichtigste und meistvertretene kulturelle Variante von Waldensern, die durch das Bewußtsein der Zugehörigkeit zu einer Minderheit geprägt ist. Dieser Minderheitenstatus läßt sich zunächst äußerlich festmachen, indem man die Waldenserpopulation numerisch betrachtet:

Die demographischen Daten der Waldenser, versteht man sie als Kirche und popolo valdese , sind relativ schwer zu erheben. Die einzige zur Verfügung stehende Quelle bilden die Synodalberichte, die in ihrem Anhang statistische Daten der einzelnen Gemeinden beinhalten.

Bei der Betrachtung der statistischen Daten muß deshalb berücksichtigt werden, daß nicht alle Komponenten der Waldenserbevölkerung abgedeckt werden. Aus der Zählung fallen jene Mitglieder heraus, die nicht konfirmiert werden wollten. Die Statistik beschränkt sich also lediglich auf die Mitglieder der Waldenserkirche.

Diese Daten werden durch die zuständigen Pastoren erhoben. Die Daten der gesamten Gemeindepopulation werden dabei geteilt in membri comunicanti  (konfimierte Gemeindemitglieder) und membri elettori  (konfirmierte wahlberechtigte und in Gremien wählbare Gemeindemitglieder). Den entsprechenden Antrag zum membro elettore kann jedes konfirmierte Gemeindemitglied beim Gemeindepastor einreichen. Weiter wird unterschiedenzwischen aderenti  und simpatizzanti . Die aderenti  sind nicht-waldensische Gemeindemitglieder anderer protestantischer Glaubensrichtungen, die die Waldensergemeinde besuchen, da ihre eigene Denomination nicht am Ort vertreten ist. Simpatizzanti  sind nicht eingeschriebene Kirchenmitglieder nicht protestantischer Herkunft, die die Aktivitäten der Waldensergemeinde verfolgen. Kinder und Katechumenen werden ebenfalls separat gezählt.

Eine Gemeinde besteht also aus folgenden Komponenten:




Aus dieser Auflistung ergeben sich für die Auswertung mehrere Schwierigkeiten. Zunächst muß berücksichtigt werden, daß die Waldenserkirche seit 1974 mit der methodistischen Kirche juristisch uniert ist, und die methodistischen Gemeinden in die statistischen Daten miteinbezogen sind. Es ist jedoch möglich, die methodistischen Gemeindedaten von den waldensischen zu trennen, da die membri elettori   für die Waldenserkirche getrennt von den eleggibili   für die methodistischen Gemeinden aufgeführt sind. Ist in der Tabelle für die elettori  keine Zahl aufgeführt, ist die Gemeinde demnach methodistisch. Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich durch die relativ weit gefaßte Kategorie der simpatizzanti . Es liegt im Ermessenspielraum des Pastoren oder der Pastorin, wieviele Personen er oder sie zu dem Kreis der simpatizzanti   rechnet. Damit sind die Angaben, die über diese Gruppe gemacht werden, Schätzwerte. In Mailand wurden zum Beispiel am 31.12.1990 114 simpatizzanti  angegeben (Relazione al Sinodo 1991: 267). Zwei sehr aktive Gemeindemitglieder schätzten die Zahl dagegen zwischen 10, höchstens 20 Personen. Die Differenz zwischen diesen beiden Einschätzungen veranlaßte mich dazu, die simpatizzanti bei der Angabe der Gesamtpopulation einer Gemeinde unberücksichtigt zu lassen. Die für die Abbildung herangezogenen


Größe und Verteilung italienischer Waldensergemeinden


Angelehnt an die statistischen Daten der: Relazione al sinodo delle chiese valdesi e metodiste sedente a Torre Pellice dal 23 agosto al 28 agosto 1992 , Torre Pellice, S.257-274.
© 1993 S.M.Liebscher



Daten beziehen sich auf das Ende des Jahres 1991 (Relazioni al Sinodo 1992: 257-274). Sie beinhalten die Daten der Waldensergemeinden mit aderenti , Kindern und Katechumenen, aber ohne simpatizzanti . Die angegebenen Zahlen beziehen sich nur auf die Waldenserkirche :
Am 31.12.1991 hatte die Waldenserkirche in Italien laut Synodalstatistik 22.217 Mitglieder. Die numerische Dichotomie zwischen Tälern und Diaspora wird hier deutlich: Von den 22.217 Waldensern lebten zum Zeitpunkt der Erhebung 12.624, also mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung, in den Waldenser Tälern. Will man die simpatizzanti  dazurechnen, so betrug die Anzahl der Gesamtbevölkerung bei 1524 simpatizzanti  23.741. Damit ist die Anzahl der in die Register der Waldenserkirche eingetragenen Waldenser kleiner als von ihnen selbst in Gesprächen immer wieder angegeben wurde. Sie selbst schätzen sich allgemein auf 25-30.000. Es ist möglich, daß die Waldenser zusammen mit der Komponente des popolo valdese  ungefähr 45.000 Personen umfassen.71


Kirchenorganisation als Ausdruck eines Weltbildes


"Die Tatsache Waldenser zu sein, heißt schon, zumindest, wer ein bißchen überzeugt ist, hat schon eine ganz andere Art, sich vor Entscheidungen zu stellen, sich vor Dinge zu stellen. Im Sinne davon, daß er eigene Verantwortung trägt [...] und dann effektiv geneigt ist, auf eine andere Art zu denken, auf eine demokratischere Art, weil eben die Waldenserkirche in sich selbst eine Anordung hat, die demokratisch par excellence ist, die von der Basis ausgeht. Es gibt keine Hierarchie, die Dinge aufzwingt. [...] als Organisation gibt es eine in höchstem Maße demokratische Organisation und darum gibt dir das schon einen ganz anderen Ansatz, mit den Dingen umzugehen, sowohl vom Standpunkt des Staates aus, von den Entscheidungen her, ein anderes demokratisches Leben" (Aldo Sigaro 1993, TP II B, hier: 240-279).
Aldo Sigaro zog beim Versuch, die Denkweise eines Waldensers zu erklären, die Betrachtung der Kirchenorganisation heran. Er sah in ihrer demokratischen Organisation den Ausgangspunkt für die Denkweise der Waldenser: "[...] eine andere Art zu denken, auf eine demokratischere Art, weil eben  die Waldenserkirche [...] eine in höchstem Maße demokratische Organisation [ist] und darum gibt dir das schon einen ganz anderen Ansatz [...]" [Hervorhebung S.M.L.]. Auch der Historiker Giorgio Rochat sah zwischen Organisation der Waldenserkirche und der waldensischen Denkweise einen Zusammenhang. Er antwortete auf meine Frage, ob die Waldenser durch ihre Erziehung eine andere Idee vom Staat hätten als Katholiken, folgendes:
"Die demokratische Konzeption der Waldenserkirche führt zu einer anderen Annährungsweise an den Staat. Es ist diese demokratische Konzeption, nicht die biblische Erziehung, die dazu führt, kritischer zu sein" (GA MI 1993: 15).
Giorgio Rochat sah also in der demokratischen Konzeption der Waldenserkirche sogar einen größeren Erziehungseffekt im Hinblick auf ein bestimmtes Weltbild als in der biblischen Erziehung. Die Organisation der Waldenserkirche muß nach Rochat auch als Ausdruck für das Weltbild der Waldenser verstanden werden, in dem sich ihre Vorstellungen von der Gesellschaftsstruktur und dem Menschen in der Gesellschaft materialisiert haben und das auch die Handlungsebene beeinflußt: "Die demokratische Konzeption der Waldenserkirche führt zu einer anderen Annährungsweise an den Staat." Die Organisation der Waldenserkirche muß als Teil der waldensischen forma mentis  betrachtet werden und kann also einen Einblick in das waldensische Weltbild geben.


Die Organisation der Waldenserkirche



Die Kirchenorganisation, wie man sie 1993 vorfindet, hat ihre Wurzeln im Jahre 1973/1974 (Cañedo 1987: 67). Die Kirche ist in verschiedene Verwaltungseinheiten aufgeteilt. Die kleinste dieser Einheiten und die Basis bilden die örtlichen Gemeinden , deren innerer Aufbau schon beschrieben wurde. Die Gemeinden sind durch ein Organisationsnetz miteinander verbunden. Auf der ersten Ebene werden die lokalen Gemeinden zu Kreisen, circuiti , zusammengefaßt. Die circuiti  sind eine methodistische Einrichtung, die bei dem


Die Organisation der Waldenserkirche
 



© 1993 S.M.Liebscher


Verwaltungszusammenschluß von Waldensern und Methodisten 1975 von den Waldensern übernommen wurde. Im circuito  sind mehrere benachbarte waldensische und methodistische Gemeinden zusammengeschlossen. In Italien gibt es insgesamt 15 circuiti . Der 9. circuito  im II. Distrikt liegt in der Schweiz und umfaßt die Waldensergemeinden von Lausanne, Basel und Genf, die somit zum Organisationsbereich der italienischen Waldenserkirche gehören.
Die nächstgrößere Verwaltungseinheit bilden die Distrikte, die distretti . Die Einrichtung der distretti ist waldensischen Ursprungs. Wie auch 1974 noch einmal festgelegt, gibt es vier Distrikte (distretti ), die jeweils 3 bis 6 Kreise (circuiti ) umfassen (CE et al. [Hg.] 1979: 57f).



DISTRIKTE                             KREISE
_________________________________________________________
I. Distrikt                      1. Pellicetal
                                 2. Chisonetal
Waldensertäler                3. Germanascatal
_________________________________________________________

II. Distrikt                     4. Westliches Piemont
                                 5. Ligurien und südliches Piemont
                                 6. Lombardei und östliches Piemont
Norditalien                    7. Triveneto
                                 8. Emilia und Bassa padana
                                 9. Schweiz
__________________________________________________________

III. Distrikt                   10. Toskana und östliches Ligurien
                                11. Umbrien und Lazio
Mittelitalien                 12. Abruzzen und Molise
__________________________________________________________
IV. Distrikt                    13. Kampanien
                                14. Appulien und Lucania
Süditalien                    15. Kalabrien und Meeresenge
                                16. Sizilien



Im folgenden wird die Verteilung und Größe der Standorte von Waldensergemeinden auf die einzelnen Distrikte gezeigt. Die circuiti sind in den Zeichnungen außer acht gelassen.


Größe und Verteilung der Waldensergemeinden im I.Distrikt
 
Stand 31/12/1991


Angelehnt an die statistischen Daten der: Relazione al sinodo delle chiese valdesi e metodiste sedente a Torre Pellice dal 23 agosto al 28 agosto 1992 , Torre Pellice, S.257-274.
© 1993 S.M.Liebscher


Größe und Verteilung der Waldensergemeinden im II.Distrikt
 
Stand 31/12/1991


Angelehnt an die statistischen Daten der: Relazione al sinodo delle chiese valdesi e metodiste sedente a Torre Pellice dal 23 agosto al 28 agosto 1992 , Torre Pellice, S.257-274.
© 1993 S.M.Liebscher


Größe und Verteilung der Waldensergemeinden im III.Distrikt
 
Stand 31/12/1991


Angelehnt an die statistischen Daten der: Relazione al sinodo delle chiese valdesi e metodiste sedente a Torre Pellice dal 23 agosto al 28 agosto 1992 , Torre Pellice, S.257-274.
© 1993 S.M.Liebscher


Größe und Verteilung der Waldensergemeinden im IV.Distrikt
 
Stand 31/12/1991


Angelehnt an die statistischen Daten der: Relazione al sinodo delle chiese valdesi e metodiste sedente a Torre Pellice dal 23 agosto al 28 agosto 1992 , Torre Pellice, S.257-274.
© 1993 S.M.Liebscher



Aus den Karten geht noch deutlicher die Dichotomie zwischen Tälern und Diaspora hervor. Die Karten zeigen, daß die durchschnittliche Größe der Waldensergemeinden vom I. bis zum IV. Distrikt hin kontinuierlich abnimmt. Die durchschnittliche Gemeindegröße im I. Distrikt, den Tälern, umfaßt 664 Personen. Im ersten circuito , dem Pellicetal, ist die durchschnittliche Gemeindegröße mit 1020 Personen am höchsten. Im II. Distrikt beträgt die Durchschnittsgröße nur noch 213 Personen, also 450 Personen weniger als im I. Distrikt. Im III. Distrikt beträgt die durchschnittliche Gemeindegröße 180 Personen, und im IV. Distrikt ist sie mit 95 Personen am niedrigsten. Der 12. circuito , den Abruzzen und dem Molise, der im III. Distrikt liegt, weist mit 40 Personen die kleinste Gemeindedurchschnittsgröße der circuiti  auf.

Die Größe der Gemeinden hat keinen wesentlichen Einfluß auf das Verwaltungsbild der Kirche. Jede Gemeinde verwaltet sich in erster Linie selbst und ist somit autonom. Die Größe der Gemeinde spielt insofern eine Rolle, als ein Unterschied im Verantwortungsgefühl des einzelnen seiner Gemeinde gegenüber besteht. Das Verantwortungsgefühl in Gemeinden, die durchschnittlich 40 Personen umfassen, liegt beim einzelnen wesentlich höher als in Gemeinden mit einer Größe von 1000 Personen, auch wenn das wohl wesentliche Grundprinzip der evangelischen Konfessionen und damit auch der Waldenserkirche bei der Eigenverantwortlichkeit des einzelnen liegt.

Die Eigenverantwortlichkeit des einzelnen ist ein wesentlicher Punkt, der nicht nur bei der Betrachtung der kirchlichen Organisationsform im Auge behalten werden muß. Auf diesem Prinzip gründet sich die Freiheitsvorstellung der Waldenser. Gemeint ist die Freiheit vor allem im Sinne von Gewissensfreiheit und Meinungsfreiheit, also den Idealen, die die Waldenser in der Erzählung ihrer Geschichte immer wieder betonen und für welche "Helden" eingetreten sind wie Waldus, Janavel und Arnaud. Sie sind eben deswegen zu Leitbildern der Waldenser geworden.

Das Prinzip der Eigenverantwortlichkeit, aus dem die Gewissens- und Meinungsfreiheit hervorgeht, ist eine zwingende Folge der Ablehnung irdischer Autorität. Die Eigenverantwortlichkeit spiegelt sich auch in der Organisation der Waldenserkirche wider: Die Kirchenorganisation ist depersonalisiert. Das heißt, daß die Macht sich nicht in einer Personoder einer Gruppe von Personen konzentriert. Diese akephale Organisation der Waldenserkirche (Cañedo 1987: 71) erinnert an die segmentärer Gesellschaften.72
Jede Person, die eine Position in der Kirche einnehmen will, muß von der Mehrheit der jeweiligen Versammlung gewählt werden. Die Ausübung jedes Amtes ist zeitlich begrenzt. Eine einzelne Person kann außerdem nicht gleichzeitig mehrere Positionen in verschiedenen Exekutivorganen einnehmen, sondern muß hier zwischen Exekutivorganen lokaler, regionaler oder nationaler Ebene wählen (Cañedo 1987: 96). Weiterhin ist es nicht möglich, daß bestimmte Verwandte gleichzeitig in dieselben Organe gewählt werden.73

Der nicht hierarchischen Rangordnung von Personen, steht die hierarchische Anordnung von Versammlungen gegenüber (Cañedo 1987: 84ff). Es gibt Versammlungen auf lokaler Gemeindeebene, auf Kreisebene, auf Distriktebene und schließlich die größte und wichtigste Versammlung in Form der Synode auf nationaler Ebene. Jede einzelne Versammlung stellt ein Legislativorgan dar und hat ein eigenes Exekutivorgan, das direkt von der jeweiligen Versammlung gewählt wird. Diese Organe sind der Kirchenrat auf Gemeindeebene, der Kreisrat auf der Kreisebene, die Exekutivkommission auf der Distriktebene und die Tavola auf nationaler Ebene, deren Mitglieder von der Synode gewählt werden (Cañedo 1987: 75). Die Mitglieder der einzelnen Versammlungen sind immer verschiedene (!) membri elettori  aus den Gemeinden. Membro elettore  kann - wie schon gesagt - jedes konfirmierte Gemeindemitglied auf Wunsch werden. Die Ablehnung irdischer Autoritäten erzwingt, daß Macht demokratisch verteilt wird. Die Demokratie der Waldenserkirche besteht darin, daß jedem einzelnen der Zugang zu jedem Organ offensteht und daß es keiner Einzelperson möglich ist, über andere Personen zu bestimmen oder privilegiert zu werden.

Die Synode ist die höchste legislative, juristische und gouvernative Instanz der Waldenserkirche und hat damit die höchste Autorität. An der Synode, die einmal im Jahr in der letzten Augustwoche in Torre Pellice stattfindet, ist jede Gemeinde durch mindestens einen Delegierten vertreten. Die Synode wählt die Tavola , die die Vertretung der Kirche nach außenwahrnimmt. Die Tavola   setzt sich zusammen aus drei Laienvertretern, drei Pastoren und dem moderatore . Alle Mitglieder der Tavola   werden auf höchstens sieben Jahre gewählt. Ihre Arbeit wird von einer Prüfungskommission überwacht, die bei Beanstandung der Arbeit den Rücktritt einzelner Mitglieder der Tavola   erzwingen kann (Friese 1979: 6). Obwohl der moderatore   also für bis zu sieben Jahre der offizielle Repräsentant der Waldenserkirche ist, hat er über die Aufgabe der Repräsentanz hinaus keine weitere Amtsgewalt. Bis 1993 wurde das Amt des moderatore  immer von Pastoren übernommen. Erst für 1994 wurde erstmals ein Laie für diesen Posten bestimmt.

Betrachtet man die Organisation der Waldenserkirche, so wird klar, daß das kirchliche Waldensersein aus einer Reihung von Momenten besteht, in denen Waldenser sich zusammenfinden. Neben dem sonntäglichen Gottesdienst und den verschiedenen Treffen und Versammlungen ist die Synode als das größte Treffen der Waldenser zu dem zentralen Symbol dieser Identität geworden und wird in der Definition vom Waldensersein oft erwähnt.


Die Kirchenorganisation als Schlüssel zur forma mentis


Das Weltbild der Waldenser wird in der Organisationsstruktur der Kirche manifest. Es baut, wie beschrieben wurde, auf der Ablehnung irdischer Autoritäten auf, und führt auch zum Grundprinzip der Eigenverantwortlichkeit, die ihrerseits ein Grundstein der waldensischen Denkweise und damit ihrer forma mentis  ist:

Eigenschaften ^ ^ ^ | | | forma mentis ^ | Weltbild= demokratische Konzeption ^ | Eigenverantwortlichkeit ^ | Keine irdischen Autoritäten


Die Betrachtung der Organisationsstruktur der Waldenserkirche legt also einerseits das Weltbild offen, andererseits läßt es bei der Betrachtung der Rolle der einzelnen Gemeindemitglieder einen Schluß auf die waldensische forma mentis   zu.

Die Betrachtung der Organisationsstruktur verdeutlicht, daß die Waldenserkirche sich nicht selbst trägt, sondern von ihren Mitgliedern getragen wird. Das erfordert von jedem einzelnen bestimmte Eigenschaften, die auch schon aus dem Grundprinzip der Eigenverantwortlichkeit hervorgehen.
Die folgenden Eigenschaften finden in der Kirchenorganisation ihren Ausdruck: Engagement, impegno , und die Bereitschaft, Verantwortung, responsabilità , zu tragen. Im konkreten Fall des Engagements in der Kirche muß sich jeder Engagierte in Versammlungen mit anderen auseinandersetzen und lernt somit, kritisch zu sein, essere critici , sich eine eigene Meinung zu bilden und eigene Ideen zu verteidigen. Das Denken mit dem eigenen Kopf, pensare con la propria testa , gehört neben den anderen Eigenschaften zu der wichtigsten, die alle Waldenser, gläubige und nicht-gläubige, in auffälliger Weise bei ihrer Selbstdefinition angeben. Die Eigenverantwortlichkeit schließt auch ein, daß man jederzeit sich und anderen gegenüber Rechenschaft ablegen kann. Es wird also ein aufrichtiges und kohärentes Verhalten verlangt, onestà e coerenza . Die beschriebenen Eigenschaften sind zwingende Folge des Grundprinzips der Eigenverantwortlichkeit, die in der demokratischen Grundkonzeption der Waldenserkirche umgesetzt wird.

Der beschriebene Argumentationspfad verfolgt den Weg von der theologischen Grundlage bis hin zu den Handlungskonsequenzen der aus ihr entstehenden forma mentis . Interessant scheint aber die Beobachtung, daß Teile des popolo valdese , die sich von der theologischen Grundlage weitestgehend entfernt haben, über die forma mentis , die ihnen vermittelt wurde, an einem demokratischen Weltbild festhalten und somit diese Argumentationsfolge bis zu einem gewissen Punkt umkehrbar machen. Diesen Schluß läßt vor allem auch die zu Beginn zitierte Aussage Giorgio Rochats zu, der die biblische Erziehung für die Formung der Eigenschaft des essere critici , des Kritisch-Seins, ebenfalls ausklammert: "Es ist diese demokratische Konzeption, nicht die biblische Erziehung, die dazu führt, kritischer zu sein" (GA MI 1993: 15). Die an die forma mentis gebundenen Eigenschaften und daraus entstehenden Vorstellungen sind Grundlage sowohl für die Waldenserkirche als auch für denpopolo valdese . Als fundamentale Erkenntnis läßt sich folgendes feststellen:

Neben der Geschichte, die schon als ein Teil der forma mentis isoliert wurde, bilden die ethischen Ideale, die auch als protestantische Werte definiert werden können, eine weitere Komponente der kulturellen Varianten von Waldensern.  


Engagement und Ansehen zwischen Ideal und Wirklichkeit


Die Eigenschaft des Engagements hat in der Waldenserkirche eine besondere Funktion übernommen, die bei der Betrachtung der Rolle der membri elettori  deutlich wird. Die Umwandlung vom Konfirmanden zum membro comunicante  und dann zum membro elettore   zeichnet den Weg eines einzelnen als stufenweises Eintauchen in das organisatorische Leben der Gemeinde nach. An den Begriff membro elettore  ist gleichzeitig das besondere Engagement gebunden, das die betreffende Einzelperson der Kirche widmet. Die membri elettori  gelten somit als Kern der Gemeinden, respektive als Kern der Waldenserkirche. Obwohl die Gleichheit aller immer wieder betont wird, ist festzustellen, daß die membri elettori , da für das Aufrechterhalten der Kirche unentbehrlich, die bedeutenderen Mitglieder in einer Gemeinde stellen. Die Aktivität in der Waldenserkirche und das Ausmaß dieser Aktivität, der impegno , sind also prägnante Zeichen für das Prestige einer Person in der Kirche. Das Ansehen einer Person steigt einerseits also mit zunehmendem Engagement, andererseits mit Bedeutung des Amtes, das sie einnimmt. Die 35-jährige Angestellte Sandra Belotti, Atheistin aus Mailand, die aus einer Waldenserfamilie stammt und lange in einer Kommune mit anderen Waldensern zusammenlebte, beschrieb die Ursache für das Engagement in der Waldenserkirche mit dem senso del dovere , dem Pflichtsinn, den sie bei engagierten Waldensern beobachtet hatte und den sie im Zusammenhang von Engagement und Ansehen folgendermaßen interpretierte:

"Il Senso del dovere, del dover essere, nel senso di dover essere qualcuno " - "Der Sinn des Müssens, des Sein-müssens, im Sinne von: jemand sein müssen. Im Inneren der Kirche ist dieser Prestigegedanke sehr verbreitet [...]. Man muß engagiert sein, um anerkannt zu werden" (GA MI 1993: 2).
Der "Pflichtsinn" wird in einem Wortspiel zum "Sinn des Müssens", zum "jemand sein müssen", also dem Streben nach einer Position und damit nach einer Rolle in der Kirche. Der Pflichtsinn, der eng gebunden ist an das protestantische Prinzip der Eigenverantwortlichkeit, erfährt dadurch in der Kirche in gewissem Sinne eine Umkehrung vom Ideal der Eigenverantwortlichkeit zum Ideal, Verantwortung für andere zu tragen. Obwohl alle Menschen dem Ideal nach gleich sind, gibt es in der Praxis Prestigeunterschiede, die an das Engagement und an das Amt in der Kirche gebunden sind. Personen, die Prestige haben, sind Respektpersonen. Dieser Respekt verschafft ihnen auch Autorität, durch die sie entsprechend Einfluß auf die Gemeinden haben. Das Ansehen steigt, wenn die oben beschriebenen ethischen Eigenschaften ebenfalls von der betreffenden Einzelperson umgesetzt werden. Dieser Umstand hält die Macht, die an das Prestige gebunden ist, unter Kontrolle, weil er zu verantwortungsvollem Handeln zwingt. Waldenser, die nicht in der Waldenserkirche, sondern auf anderen Ebenen aktiv sind, werden zum Kreis der Respektpersonen gezählt und unterliegen dem gleichen ethischen Urteilsmaßstab wie Personen, die in der Kirche aktiv sind. Der Politiker Valdo Spini, aus einer angesehenen Waldenserfamilie, seit 1993 Umweltminister, wird zum Beispiel mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt. Im Zuge der Bestechungsskandale von 1992/1993 galt er lange als Vorbild für in seinem Umfeld alternatives, ehrliches (!) Handeln.

Die Respektierung ethischer Werte ist ein Mechanismus, der das unkontrollierte Einsetzen von an Prestige gebundene Macht regeln kann. Nur wenn dieser Regelmechanismus ausfällt, kippen die sonst ausgewogenen Machtverhältnisse. Dieses kann vor allem in sozialen Einrichtungen der Kirche passieren, die zwar zum Ambiente der Kirche gehören, in denen aber Hierarchien, die durch Arbeitsteilung entstehen, Abhängigkeiten schaffen. Die Kontrolle der Einhaltung ethischer Werte steht hier auch nicht im Vordergrund, weil die sozialen Einrichtungen im Gegensatz zur Kirche keine Institutionen sind, von denen in erster Linie die Vermittlung ethischer Werte ausgeht. Da die Kirche die Quelle für diese Vermittlung ist, ist die soziale Kontrolle hier auch am größten. Sie wird auch auf kirchliche Einrichtungen übertragen, ist hier aber nicht mehr so stark, weil die Geschlossenheit einer Kirchengemeinde hier nicht gegeben ist.

In der übersichtlichen Waldenserkirche ist der Kern der aktiven Personen dem Namen nachfast allen bekannt (was die Möglichkeit von sozialer Kontrolle natürlich erhöht). Neben den Einzelpersonen gibt es Familien, die aus dem gleichen Grunde Ansehen genießen, da sie Prestige zum Teil über mehrere Generationen hinweg regelrecht akkumuliert haben (Valdo Spinis Vater ist zum Beispiel Historiker an der Universität Florenz). Während früher das Ansehen auch an die französischen Nachnamen gebunden war, die bewiesen, ein Waldenser DOC di familia 74 zu sein, hat sich dieses langsam zugunsten des Engagements als Quelle für das Ansehen geändert und galt 1993 nur noch für die ältere Generation.

Man kann sagen, daß eine begrenzte Anzahl aktiver Familien das Kirchenleben wesentlich beeinflußt. Die Betrachtung zweier Familien kann nicht nur Aufschluß geben über den Zusammenhang zwischen Engagement und Ansehen, sondern kann auch die enge, nicht nur verwandschaftliche Verflechtung der Waldensergemeinden verdeutlichen. Diese Verflechtungen entstehen einerseits dadurch, daß Pastoren alle 5 Jahre eine andere Gemeinde übernehmen, andererseits stehen die Gemeinden zusätzlich nicht nur über das organisatorische, sondern auch über ein kulturelles Netz miteinander in Verbindung, über das sich vor allem Jugendliche kennenlernen können. Ökumenische Zentren, auf die ich im nächsten Punkt genauer eingehe, spielten bei der Verbindung protestantischer Familien immer eine wichtige Rolle. So haben auch zwei der Ehen aus der zweiten Generation hier ihren Ausgangspunkt. Die zwei Familien, die sich in der Abbildung miteinander verbinden, sind zwei angesehene Diasporafamilien. Eine der beiden Familien stellte gleich drei Pastoren, die in Folge auch alle moderatore wurden und damit das prestigeträchtigste Amt in der Waldenserkirche besetzten. Einer der moderatoren  heiratete eine Täler-Waldenserin aus angesehener Familie. Da es in der einen Familie gleich drei ex-moderatori   gibt, ist der Name dieser Familie mit hohem Ansehen verbunden. Die zweite Familie, die aus Venedig stammt, ist eine der typischen Familien, die durch ihr Engagement das Leben ihrer Lokalgemeinde aufrechterhalten. Während die älteren Generationen vor allem in der Verwaltung tätig sind, übernehmen die jüngeren die Jugendarbeit. Dieses Muster findet sich vor allem in kleineren Gemeinden häufig. In der jüngsten Generation der Familie mit Wohnsitz in Mailand, Rom, Bergamo haben die Kinder zwar lange am Leben der Waldenserkirche teilgenommen und Jugendcamps,


Jugendgruppen, Sonntagsschule, Katechismus besucht, aber selbst keine Aufgaben mehr in der Kirche übernommen. Zwei von ihnen erklärten sich ausdrücklich als Atheisten und haben sich nicht konfirmieren lassen. Sie gehören aufgrund ihrer Sozialisation zu den vehementesten Vertretern des popolo valdese .


B. Die Rolle der Einrichtungen der Waldenserkirche: Das BeispielAgape 


Für die Rolle von kulturellen Einrichtungen in der Zeit nach dem 2.Weltkrieg ist hier ein 1947 ins Leben gerufene Projekt exemplarisch zu nennen: Agape  [griechisch: Liebe]. Die Geschichte Agapes  verdeutlicht die Verbindung zwischen kulturellem und sozialem Engagement, dem impegno , und beschreibt gleichzeitig einen wichtigen Abschnitt in der neueren Geschichte der Waldenserkirche:

In der ersten Nachkriegsversammlung der Verantwortlichen der europäischen Jugendbewegungen, die an die Jugendabteilung des Ökumenischen Rates der Kirchen gebunden waren, trug der Waldenserpastor Tullio Vinay ein Programm vor, das er mit Agape  als internationalem Jugendzentrum realisieren wollte (Giampiccoli 1968: 9).

  1. Für immer die Isolation der Waldenserkirche durchbrechen
  2. Eine Schule für gemeinsames Leben schaffen
  3. Ein Zentrum für evangelische Studien schaffen (T.Vinay 1947, in Centro Ecumenico di Agape [Hg.] 1968: 6-8).
Agape   sollte dabei erstens nicht nur die Isolation der Waldenserkirche vom protestantischen Ausland durchbrechen, sondern auch die Isolation von kleinen Gemeinden der waldensischen Diaspora überwinden, indem für alle ein Raum geschaffen werden sollte, wo ein Austausch stattfinden konnte. Zweitens sollte Agape  ein kirchliches Vorbild sein für die Antwort auf die vor allem nach dem Weltkrieg dringende Frage, wie Menschen miteinander gemeinsam leben können. Drittens sollte Agape  für alle, Gläubige und Nicht-gläubige sowie Jugendliche aller Konfessionen, offen sein und Raum bieten für die spirituelle Besinnung und den internationalen Austausch.
"[...] Agape potrà rappresentare una svolta decisiva nella vita e nella vocazione della chiesa valdese, anzi dell'Evangelismo italiano, che a tutto questo sarà aperto" (ebenda: 8).75
Das Projekt und Experiment fand nationale und internationale Zustimmung.76 Agape  entstand in den Waldenser Tälern in Prali-Ghigo und wurde in Arbeitscamps, campi di lavoro , italienischer und ausländischer Jugendlicher (eine Gruppe deutscher Jugendlicher nahm schon 1948 am Aufbau teil) innerhalb von vier Jahren erbaut und 1951 eingeweiht. Die Arbeitscamps waren die erste Erfahrung von Gemeinschaftsleben, das ein erklärtes Ziel Agapes   war. Das Gemeinschaftsleben führte nicht nur waldensische Jugendliche der Täler und der Diaspora sowie ausländische mit italienischen Jugendlichen zusammen, sondern bedeutete auch eine Öffnung der Waldenserkirche auf der Ebene ihrer Jugendlichen hinsichtlich anderer protestantischer Denominationen, so daß sicher nicht zufällig im gleichen Jahr der Einweihung Agapes  die Gioventù Evangelica Italiana , die GEI  (seit 1969 FGEI : Federazione Giovanile Evangelica Italiana ) gegründet wurde. Sie vereinte waldensische, methodistische und baptistische Jugendgruppen (Bouchard 1990: 88) und übernahm gleichzeitig von der Federazione Unioni Valdesi  (FUV ) die monatlich erscheinende Zeitschrift Gioventù Evangelica , die heute noch (seit 1969 als Blatt der FGEI ) erscheint. Das Leben des konfessionsoffen konzipierten Agape  wurde entscheidend von Jugendgruppen wie der Gioventù Evangelica Italiana  und seit 1954 dem Movimento Cristiano Studenti   (MCS ), der christlichen Studentenbewegung geprägt, die sich aus linksorientierten protestantischen Intellektuellen zusammensetzte. Diese Gruppen hatte zwei Argumente in den Mittelpunkt ihrer Diskussionen gestellt:
a) die Frage des christlichen Bekenntnisses in einer säkularisierten Welt und
b) die Diskussion des Marxismus (ebenda).77
Die Antwort auf die Frage nach einer neuen Form des christlichen Bekenntnisses bildeten1961 drei Projekte, die unter dem Einfluß von Agape  entstanden: Kriftel, Riesi   und Pachino.
Kriftel
 war das Projekt eines deutschen Pastors und Sozialarbeiters, der in Kriftel, zwischen Mainz und Frankfurt gelegen, italienische Emigranten betreute. Pachino  und Riesi   waren dagegen zwei "Entwicklungshilfeprojekte" in den gleichnamigen Ortschaften Siziliens. Die Philosophie, die der Arbeit in Sizilien zugrundelag, war, Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen, wo diese fehlten, bis der Staat seine Pflicht erfüllte und die Einrichtungen übernehmen konnte. In Pachino entstand auf diese Weise ein Kindergarten und in Riesi das Centro Servizio Cristiano . Der Servizio Cristiano  war unter der Leitung Tullio Vinays der Versuch, "jenseits von Eboli" (Erk [Hg.] 1971: 5) in einer der ärmsten Gegenden Italiens Zeichen zu setzen. Riesi  wurde wie Agape  mit Hilfe von Volontären erbaut. 20 Personen bildeten den Kern der Gruppe. In Riesi entstanden auf diese Weise Einrichtungen, die der Ortschaft fehlten: ein Kindergarten, eine Schule, eine Berufsschule, eine Bibliothek, ein Versammlungsraum, eine Druckereikooperative und eine landwirtschaftliche Kooperative (Giampiccoli 1968: 46f).

Das ökumenische Zentrum Agape  war also für die neue diakonische Arbeit der Waldenserkirche richtungsweisend und führte darüberhinaus zur Schaffung eines neuen Netzwerkes: Nach dem Vorbild Agapes  sind andere ökumenische Zentren entstanden, die für waldensische Jugendliche in Süditalien Agape  als Begegnungszentrum teilweise, wenn auch in bescheidenerer Form, ersetzten: Adelfia  in Scoglitti (Provinz von Ragusa, Sizilien), Bethel  in Taverna (Provinz von Catanzaro, Kalabrien) und 50 km von Neapel entfernt Monteforte .78 Diese Zentren förderten und fördern den Austausch und den Kontakt unter waldensischen und anderen protestantischen Jugendlichen - oft sind sie auch der Ausgangspunkt für spätere Eheschließungen - und sind weiterhin eine Möglichkeit, miteinander über aktuelle religiöse, soziale und kulturelle Probleme zu diskutieren.79 Bouchard (in: Commissione distudi per la diakonia [Hg.] 1989: 2) nannte diese Zentren: "[...] un'occasione per 'non conformarsi al presente secolo' [...]." - eine Möglichkeit, sich nicht mit dem gegenwärtigen Jahrhundert zu konformieren.

Die Bedeutung Agapes läßt sich als katalysatorisch beschreiben. Agape  war und ist auch heute noch ein Forum für die Jugendlichen. Agape  war Ausdruck für den Wunsch nach der Erweiterung der Austauschmöglichkeit von der lokalen zur nationalen und internationalen Ebene. Von Agape   aus begann die nationale und internationale Vernetzung der protestantischen Jugendlichen im allgemeinen und der waldensischen Jugendlichen im besonderen. Agape  nahm dadurch wesentliche Entwicklungen in der ökumenischen Arbeit mit anderen protestantischen Denominationen voraus.80

Agape  war jedoch mehr als ein Experimentierfeld für neue Formen des Gemeinschaftsleben, denn im ökumenischen Begegnungszentrum der Jugendlichen wurden nicht nur ethische, sondern auch politische Fragestellungen der Zeit aufgenommen.

In Agape  trafen Movimento Cristiano Studenti   und Gioventù Evangelica Italiana , also Studentenbewegung und kirchliche Jugendgruppe, aufeinander und machten aus dem Zentrum mit ihrer Diskussion um den Marxismus in den 60er Jahren "[...] il fulcro del 'pensiero radicale' all interno (e spesso all'esterno) del mondo protestante [...]" (Bouchard 1990: 88).81 In Agape  sprach man über die Freiheitsbestrebungen afrikanischer Staaten. In der Zeit des Kalten Krieges wurden Kontakte zu den Kirchen und kirchlichen Organisationen im Ostblock geknüpft, vor allem nach Prag und ökumenische Treffen nicht nur mit hohen Kirchenfunktionären veranstaltet (ebenda). Viele namhafte Redner wurden zu Kolloquien und Seminaren eingeladen. Bouchard resümiert:

"Quasi tutte le personalità della sinistra italiana (ma non molti comunisti) sfilano nel salone di Agàpe: da Ferruccio Parri a Danilo Dolci, da Lelio Basso a Raniero Panzieri, da Giorgio Bocca a Franco Fortini" (Bouchard1990: 89).82
Von den deutschen geladenen Rednern sei Martin Niemöller genannt. Unter dem Einfluß von Movimento Cristiano Studenti   und Gioventù Evangelica Italiana  stand die Blütezeit Agapes  in enger Verbindung mit den Entwicklungen der Studentenbewegungen in Europa. So ist es auch nicht Agape , sondern vielmehr die Studentenbewegung, die eine ganze Generation junger intellektueller Waldenser (viele spätere Pastoren) wesentlich beeinflußt hat, weil sie in Agape  ein Forum für die Diskussion um den (christlichen) Marxismus fand. Der Pastor Giorgio Bouchard83 antwortete auf meine Frage, welchen Einfluß der Marxismus auf die Waldenserkirche hatte, folgendermaßen:
"Groß, groß. Weil die waldensischen Intellektuellen, mich eingeschlossen, sehr lange Marxisten gewesen sind. Ich bin es nicht mehr, ich habe entsagt, aber.. ehm, es hatte einen sehr großen Einfluß. Die Kirche.., wenn du willst, das Drama der Waldenserkirche war, daß ... eeehm von den 60er Jahren, bis zu den Jahren, sagen wir für 20 Jahre, 20. Beginn der 60er Jahre bis ehh, ..., bis zum Ende der 70er Jahre, für circa 20 Jahre, aber ich würde auch mehr sagen, war auf einer Seite die Barth'sche Theologie, sicherlich die Barth'sche Theologie! Das ist klar. Aber unter den Intellektuellen eine politische Wahl marxistischer Prägung, ehm, des mehr moderaten Typs in meiner Generation, des radikaleren Typs in den 68ern [Unterbrechung].
Nun, wenn du Gioventù Evangelica 84 liest, gibt es darüber eine große Diskussion, eine große Diskussion. Ehm, aber historisch gesprochen gibt es keine Zweifel, die Intelligenzia, war marxistisch, sicherlich und die junge Intelligenzia erklärt sich noch als solche. Ich weiß nicht, ob sie es sind, aber sie erklären sich noch als solche" (Giorgio Bouchard 1993, Napoli II A 004-460, hier: 124-158).
Agape   förderte durch seine Konzeption nicht nur den Dialog zwischen Jugendlichen. Das Begegnungszentrum war ein Schmelztiegel der Ideen, die Europa nach dem 2.Weltkrieg beherrschten. Als Einrichtung der Kirche zog es gläubige Jugendliche an. So kam ein Dialog zwischen "Karl Marx und Karl Barth"85 (Bouchard 1991: 132-134) zustande, ein Dialog zwischen Politik und Ethik.
Die Intelligenzija bezog 1967 die paradox scheinende Position: "Ci confessiamo cristiani e ci diciamo marxisti" (Bouchard 1990: 89; 1991: 132) - Wir bekennen uns als Christen und bezeichnen uns als Marxisten. Bouchard (1991: 132) schreibt dazu:
"Come si è situato il protestantesimo italiano e in particolare la chiesa valdese durante il 'secolo marxista'? In modo apparentemente paradossale: [...] è stata la chiesa che ha registrato la più forte penetrazione della cultura marxista, che vi è rimasta egemone dal 1960 fino ad oggi: i centri di formazione (Agape!) [!], i mass-media, il movimento giovanile, il corpo pastorale, i migliori intellettuali, i 'convertiti' più interessanti, tutti hanno partecipato a questa egemonia, spesso l'hanno attivamente promossa."86
Der Marxismus hat in der Waldenserkirche vor allem die junge Intelligencija beeinflußt, die ihn dann auch innerhalb der Kirche in die Diskussion brachte. Gegen diese Tendenz richtete sich 1976 aus Anlaß der Kandidatur Tullio Vinays auf die Liste des PCI (Partito Comunista Italiano ) als Unabhängiger (Bouchard 1990: 134) die TEV , die Testimonianza Evangelica Valdese , eine "große 'pietistische' Minderheit" (Bouchard 1990: 125), die das Eindringen politischer - vor allem marxistischer - Ideen in die Kirche verhindern wollte. Die TEV  blieb jedoch eine Minderheit und wurde 1991 aufgelöst, während der Einfluß Agapes  bis heute, 1993, ungebrochen fortbesteht. Die marxistische Ideenkultur herrscht in der Waldenserkirche weiterhin vor. Einige Jugendliche von damals sind heute Pastoren und entweder in Exekutiv- oder Legislativorganen der Kirche vertreten. Selbst an der Theologischen Fakultät in Rom finden sich einige Professoren, die sogenannte Agapini  waren und somit ein wichtiges,wenn nicht das wichtigste, waldensische Formationszentrum durchlaufen haben.87 Der Fall der Berliner Mauer 1989 und die damit verbundenen Entwicklungen in den Ostblockstaaten führten unter diesen Bedingungen zu einer Identitätskrise der Intelligencija der Waldenserkirche. Bouchard (1991: 132) schreibt:
"[...] noi abbiamo ritenuto che la Rivoluzione avesse realizzato un laboratorio del futuro , quando era ormai un esperimento del passato: non abbiamo perso, abbiamo sbagliato ."88
Trotzdem stellt sich die Frage, warum der Marxismus eine so große Anziehungskraft auf die Jugendlichen der Waldenserkirche ausüben konnte und 1993 noch ausübt. Bouchard erklärte, daß auch die waldensischen Jugendlichen von 1993 sich noch als Marxisten erklären, "[...] die junge Intelligencija erklärt sich noch als solche. Ich weiß nicht, ob sie es sind, aber sie erklären sich noch als solche."

Eine Antwort auf diese Frage wird die Einordnung der Waldenser in den nationalen Rahmen Italiens geben.

Man kann zusammenfassend sagen, daß Agape , mehr noch als Tullio Vinay gehofft hatte, "una svolta decisiva nella vita e nella vocazione della chiesa valdese" - eine entscheidende Wende im Leben und in der Berufung der Waldenserkirche repräsentiert. Tullio Vinay als ihr geistiger Vater wird von Bouchard (1990: 134) "scherzosamente" (scherzhaft) "il totem della tribù", das Totem des Stammes, genannt. Damit drückt Bouchard im Grunde nur aus, daß Tullio Vinay einen Platz in der Reihe der Waldenserleitbilder gefunden hat.

1. Die Einrichtungen der Waldenserkirche: Kulturelle Territorien


Die Einordnung der Waldenserkirche in den Rahmen Italiens durch die Auflistung und Angabe der geographischen Verteilung der Gemeinden stellt noch nicht das gesamte kulturelle Netz der Waldenser dar. Neben dem Netzwerk, das die Gemeinden über die Kirchenorganisation ausbilden, existiert das Netz der sozialen Einrichtungen. Die sozialen Einrichtungen stehen allen Konfessionen offen. Auch wenn die Leitung der einzelnen Einrichtungen, soweit ich es beobachten konnte, weitgehend in den Händen von Waldensern ist, sind unter den Angestellten verschiedene Konfessionen und auch Nicht-gläubige vertreten. Die sozialen Einrichtungen, die teilweise durch staatliche Gelder unterstützt werden, stellen eine wesentliche finanzielle Belastung der Waldenserkirche dar, die darum einerseits auf Spenden aus dem Ausland, andererseits auf die Hilfe von Volontären angewiesen ist. Zahlreiche waldensische Jugendliche machen ein Volontariat in einer sozialen Einrichtung oder leisten dort ihren Zivildienst ab. Neben den sozialen gibt es auch kulturelle Einrichtungen. Bouchard erklärte die Bedeutung dieser Einrichtungen folgendermaßen:

"Du hast nicht mehr das Volk in diesem Sinne da [endogam]. Es ist ein Raum, verstehst du? Es ist ein, ein Raum. Meiner Meinung nach gibt es den waldensischen Raum, wie es den protestantischen Raum gibt [...] Ich sage, wir sind eine Republik, jetzt mit den Methodisten eine Republik mit zwei Regionen, einer größeren und einer kleineren, zwei Regionen, aber wenn ich nach Riesi gehe, in den Servizio Cristiano , den kennst du gut, nicht, überschreite ich eine kulturelle Grenze [...], ich trete in das Territorium der Republik ein, für die ich bereit bin zu leben und zu sterben. Wir sind eine Republik des Glaubens und der Kultur in  der Italienischen Republik" (Giorgio Bouchard 1993, Napoli/DP A 004-460, hier: 048-064).
Die Einrichtungen sind nach Bouchard kulturelle "Territorien" einer waldensisch-methodistischen "Republik", die sich kulturell von ihrem Umfeld unterscheiden: "[...] wenn ich nach Riesi gehe, in den Servizio Cristiano , [...] überschreite ich eine kulturelle Grenze [...]."
Damit werden die Einrichtungen der Waldenserkirche zu kulturellen Inseln und zu Zeichen für die waldensische Präsenz in Italien, so daß sie als Bezugspunkte für die Waldenser eine ähnliche Stellung einnehmen können wie in der Geschichte vor 1848 Chanforan oder Sibaud. Agape  zum Beispiel nimmt eine solche Schlüsselposition ein. Es gibt noch eine Reihe weiterer Einrichtungen, die als Bezugspunkte fungieren und gleichzeitig das hohe sozial-kulturelle Engagement der Waldenser (auf je rund 300 Waldenser kommt eine


Die Einrichtungen der Waldenserkirche und ihre Verteilung
 


© 1993 S.M.Liebscher


Einrichtung) und die starke Präsenz dieser Minderheit in Italien verdeutlichen.


Die Zentren als Bezugspunkte


Soziale Einrichtungen sind nicht immer räumlich voneinander getrennt. Einige der sozialen Einrichtungen sind mit anderen unter einem Dach zu sogenannten sozialen Zentren, Centri sociali , zusammengefaßt, so zum Beispiel Grund- oder Berufsschulen und Kindergärten. Die größten dieser Zentren sind Casa Mia  in Neapel und zwei weitere auf Sizilien: in Palermo La Noce  und der schon erwähnte Servizio Cristiano  in Riesi (Bouchard 1989: 28-33). Neben diesen drei großen Zentren gibt es weitere kleine vor allem im III. und IV. Distrikt.

Auch bei den kulturellen Einrichtungen werden in einigen Fällen mehrere Einrichtungen unter einen Dachverband gestellt, wie zum Beispiel in Guardia Piemontese, wo das Museum Teil des Centro Culturale Gian Luigi Pascale  ist. Zwei für die Waldenser wichtige kulturelle Schwerpunkte, an denen mehrere kulturelle Einrichtungen zusammentreffen, liegen in Torre Pellice und in Rom. Das Centro culturale valdese  in Torre Pellice ist eines der waldensischen Kulturzentren.89 In Zusammenarbeit mit der Tavola valdese  hat die Società di Studi Valdesi  das Centro  zur 300-Jahr-Feier des Glorioso Rimpatrio  1989 eingeweiht (Bouchard 1989: 14). Es beherbergt unter seinem Dach das Waldensermuseum, die Bibliothek und den Sitz der wissenschaftlichen Gesellschaft für Waldenserstudien, der Società di Studi Valdesi.  Ein weiterer wichtiger kultureller Bezugspunkt für alle Waldenser ist die Theologische Fakultät in Rom. Bouchard bezeichnete die Facoltà als das "Gehirn" der Waldenserkirche - "il cervello della chiesa" (1989: 10). Neben der Ausbildung der zukünftigen protestantischen Pastoren90 und dem Centro evangelico di cultura , in dem u.a. Vorträge gehalten, Diskussionsabende und Konferenzen zu aktuellen Themen organisiert werden, sind hier eine Bibliothek für protestantische Literatur und eine Buchhandlung zufinden.

Die Zentren, sowohl die sozialen als auch die kulturellen, spielen eine wichtige Rolle, weil sie bekannter sind als einzelne alleinstehende Einrichtungen. Die wichtigsten Bezugspunkte unter den genannten Einrichtungen sind deswegen auch Riesi, Rom und Torre Pellice, das heißt, der Servizio cristiano , die Facoltà   und das Centro culturale valdese . Alle drei sind gleichzeitig Symbole für die drei unterschiedlichen Ausdrucksformen der waldensischen Präsenz in Italien. Der Servizio cristiano  ist Zeichen für eine Form von sozialem Engagement, die Facoltà theologisches Zentrum und als kritisches Forum für eine Form von intellektueller Präsenz und das Centro culturale valdese für die kulturelle Präsenz. Die Präsenz der Waldenser drückt sich also nicht nur isoliert in der religiösen Andersartigkeit aus, sondern findet auf mehreren Ebenen Eintritt in die sie umgebende Kultur. Die treibende Kraft für diesen Eintritt bildet immer noch die Idee von der evangelizzazione , der Evangelisation. Dieses meint, einerseits ein Zeugnis evangelischer Lebensweise zu geben, was Ausdruck findet in den sozialen Werken und andererseits über das Evangelium zu informieren, was mit kulturellem Austausch realisiert werden soll, mit dem Einbringen protestantischer Ideen in die katholische Umwelt.

Dieser Idee folgt auch die Fernsehsendung Protestantesimo , die auf dem zweiten staatlichen Programm RAIDUE ausgestrahlt wird, sowie ein Radioprogramm, das ebenfalls von Waldensern, Methodisten und Baptisten betreut wird. Die Sendezeiten dieser beiden Programme auf staatlichen Sendern verdeutlichen gleichzeitig die Marginalisierung der Nicht-Katholiken durch die italienischen Massenmedien. Die Sendung Protestantesimo  wird alle 14 Tage ausgestrahlt im Wechsel mit der Sendung für italienische Juden, und beiden steht offiziell der Sendeplatz am Sonntagabend um 23.30 Uhr zu Verfügung. Doch verschiebt sich der Beginn der Sendungen oft bis kurz vor Mitternacht. Ähnliches gilt für die Radiosendung Sonntagmorgens um 7.30 Uhr. Trotzdem ist die Radiosendung gerade für ältere Leute sehr wichtig, da sie ihnen ermöglicht, mit der Kirche, die sie meistens aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr besuchen können, vor allem in der Diaspora, wo die Kirchen oft einen sehr großen Einzugskreis haben, in Kontakt zu bleiben.

Die Verteilung der Einrichtungen im Vergleich


Betrachtet man die Verteilung der Einrichtungen näher, fällt auf, daß in den Tälern die kulturellen Einrichtungen überwiegen, während vor allem in Süditalien viele soziale Zentren entstanden sind. Diese Verteilung ist einerseits bedingt durch den Mangel an sozialen Einrichtungen im Süden, den die waldensischen Einrichtungen, die opere , beheben wollten. Andererseits zeigt die starke Vertretung kultureller Einrichtungen in den Tälern, bei denen es sich unter anderem um neun Museen handelt, die unterschiedliche Gewichtung, die der Waldensergeschichte zwischen Tälern und Diaspora gegeben wird, sowie die unterschiedliche Weise, in der die Waldenser in den Tälern und in der Diaspora mit ihrer Umgebung in Kontakt treten.91 In den Tälern steht im Vordergrund, sich selbst zu präsentieren. Kulturelle Einrichtungen in der Diaspora sind dagegen meistens Einrichtungen, in denen der dialogale Austausch mit der Umwelt im Vordergrund steht. Die 22 sogenannten Centri culturali  oder Centri di cultura protestante , oft auch von anderen Denominationen getragen, in denen Diskussionsabende veranstaltet werden, sind Zeichen für diese Art des kulturellen Austausches. Die Gewichtung liegt in der Diaspora auch klar in der Zusammenarbeit mit anderen protestantischen Denominationen, die in den Tälern auf der Basisebene überhaupt nicht stattfindet.


Stationen einer Entwicklung


Die zeitliche Entstehung der verschiedenen Einrichtungen zeigt, daß die kulturellen Einrichtungen meistens neueren Datums sind. Diese Entwicklung zeigt das wachsende Bedürfnis nach intellektuellem Austausch und eine Entwicklung hin zu einer Öffnung der Waldenserkirche, nicht nur gegenüber anderen protestantischen Denominationen: Die Öffnung der Waldenserkirche vollzog sich zunächst auf der Ebene der Jugendverbände, die sich bereits 1951 zur Gioventù Evangelica Italiana zusammenschlossen. Agape  spielte dabei eine entscheidende Rolle. Ein entsprechender Zusammenschluß der Kirchen, die Federazione  delle Chiese Evangeliche in Italia (FCEI ), folgte erst 16 Jahre später. Die Federazione delle Chiese Evangeliche in Italia  wurde Herausgeberin einiger Zeitschriften, von denen sie zwei von den Waldensern übernommen hatte, darunter das Wochenblatt La Luce , das als Gegenstück zum L'Eco delle Valli Valdesi  in der Diaspora erschien. La Luce   erscheint seit 1993 unter dem bezeichnenden Titel Riforma   (Reformation/Reform) und ist von einem Waldenserblatt zu einer Zeitschrift für alle Protestanten expandiert. Seit 1967 ist die Federazione delle Chiese Evangeliche in Italia  außerdem Mitherausgeberin der interkonfessionellen Zeitschrift Confronti , die zusammen mit Katholiken des sogenannten dissenso  und Katholiken der Basisgemeinden veröffentlicht wird.92 Confronti  ist ein Zeichen für den wachsenden Austausch zwischen Protestanten und Katholiken der Basisgemeinden, der durch das II.Vatikanische Konzil (1962-1965) eingeleitet wurde. Franco Giampiccoli, 1993 moderatore , beschrieb die Zeit nach dem II.Vatikanischen Konzil:

"Ich erinnere mich, als die erste Öffnung war mit dem II.Vatikanischen Konzil, da gab es einen Teil des pastoralen Corpus, der enthusiastisch war, der, der sich in Dialoge auf allen Seiten gestürzt hat [...] diese sind dann eher enttäuscht worden, andere, die vorsichtiger waren oder die eben nicht mit viel Enthusiasmus eine Veränderung der Katholischen Kirche sahen, sind heute manchmal sogar nicht ökumenischer als die anderen, aber, nun, Schritte nach vorn hat man gemacht, auch, weil der Katholizismus Fortschritte gemacht hat, auf der Ebene nicht nur von einigen Ausnahmen, irgendeinem Isolierten, sondern auf eine oft schon erweiterte Weise. Die Ökumene hat, wie auch immer, diese Beschränkung - vielleicht unüberwindbar - der Struktur, der Hierarchie [...], das sehr Schwere der katholischen Institutionen prägt sehr (Franco Giampiccoli 1993, ROM A 004-580, hier: 558-580)."
Franco Giampiccoli wies darauf hin, daß sich der Katholizismus verändert hat. Die Möglichkeit des Kontaktes mit der Katholischen Kirche eröffnete sich, weil die Katholische Kirche eine Öffnung durch Ökumene beschloß. Die Waldenser stellten aber fest, daß die ökumenischen Kontakte mit den katholischen Institutionen nicht auf der Basis der gegenseitigen Akzeptanz verliefen, sondern verlangt wurde, daß die Protestanten den Vorsitz des katholischen Klerus' akzeptierten: "Die Ökumene hat, wie auch immer, diese Beschränkung - vielleicht unüberwindbar - der Struktur, der Hierarchie [...], das sehr Schwere der katholischen Institutionen prägt sehr".
In einem Interview mit RAIDUE für die Sendung Protestantesimo , die am 24.10.1993 ausgestrahlt wurde, sagte der Professor für Theologie und Waldenserpastor Paolo Ricca, daß dieses traditionelle Verständnis von der Ökumene in der letzten Enzyklika des Papstes, die im September 1993 erschien, wieder bestätigt wurde:
"Es ist kein Zufall, daß diese Enzyklika [...] verstehen wir uns richtig, es ist keine Neuheit, mit der klaren sehr traditionellen Bestätigung endet, die mit Kräften unterstrichen wird, daß in der katholischen, die einzig mögliche kirchliche Kommunion, die 'Cum Petro et sub Petro ', wie man traditionellerweise sagt, also mit dem Papst und unter dem Papst, ist. Kommunion mit dem Papst bedeutet, eine Unterordnung unter den Papst, Freiheit bedeutet Freiheit mit dem Papst und unter dem Papst" (Paolo Ricca, in: Protestantesimo 24.10.1993 A 045-245, hier: 111-128) [Übersetzung S.M.L.].

An diesem Verständnis von Ökumene, das von den katholischen Institutionen vertreten wurde, mußte die Zusammenarbeit unweigerlich scheitern. Ökumene, wie die Katholische Kirche sie praktizierte, bedeutete, alle Religionen unter ihrem Dach und Vorsitz zu vereinen, wie Paolo Ricca formulierte: "Cum Petro et sub Petro ".93 Diese Entdeckung hatte in den 70er Jahren viele Protestanten enttäuscht, die sich dann anschließend von den katholischen Instanzen distanzierten. Die einzige Form der Ökumene, die seitdem von allen Protestanten akzeptiert wird, ist der Kontakt zu den katholischen Basisgemeinden. Dieser Kontakt ist einer Öffnung des Katholizismus auf breiter Ebene zu verdanken, die verstärkt nach dem II.Vatikanischen Konzil einsetzte.


C. Feste und Rituale der Waldenser


Das Waldenserfest: Der 17.Februar


Der 17.Februar ist das einzige Fest, das als typisch waldensisch gelten kann. Es geht zurück auf den 17.Februar 1848, als den Waldensern durch den König Karl Albert die zivilen Rechte zuerkannt wurden und die Synode einstimmig beschloß:

"Le 17 février sera pour tous les Vaudois un jour de fête dans lequel sera célébré le service divin, afin de rendre à Dieu des actions de grâces pour le grand bienfait qui, dans ce jour anniversaire, fut accordé aux Vaudois, et perpétuer le souvenir béni de Charles Albert, roi Emancipateur" (Pons, zit. n. Peyrot 1990: 146).
Es handelt sich also um einen von der Kirche eingeführten zivilen Festtag. Seit 1848 hat sich der Ablauf des Festes immer wieder geändert (Peyrot 1990: 147ff). Es läßt sich aber immer eine örtlich gebundene Zweiteilung des Festes feststellen: Es wurde immer einerseits in der Kirche und andererseits auf öffentlichen Versammlungsplätzen gefeiert (ebenda).Die Verflechtung von Kirche und popolo valdese   zeigt sich deutlich und ist, wie auch im folgenden dargestellt wird, an diesem Feiertag am größten, weswegen der 17.Februar als der wichtigste Feiertag der Waldenser in ihrer Gesamtheit eingestuft werden muß.

In der folgenden Beschreibung gehe ich auf das Fest ein, wie ich es zwischen 1987 und 1993 in Torre Pellice und Mailand beobachten konnte.
Die Funktion des Festes des 17.Februar ist in die folgenden zwei Elemente teilbar:

  1. Erinnerung an den 17.Februar 1848
  2. Bestärkung des Gruppengefühls durch
    1. religiöse Zeremonie
    2. profanes Ritual

Es ist nicht immer einfach, diese zwei Funktionen voneinander zu trennen.
Das Grundmotiv beider Ebenen bildet die Erinnerung an das Jahr 1848.

a) Die Erinnerung:

Der Rückbezug auf das Jahr 1848 ruft die Befreiung aus dem Ghetto in Erinnerung. Somit versinnbildlicht dieses Jahr nicht nur das Ende des Ghettos, sondern gleichzeitig den Beginn der Diaspora. Der 17.Februar hat demnach für alle Waldenser eine wichtige Bedeutung: Er verweist zum einen auf den Ursprung der Diaspora-Waldenser und zum anderen auf das Ende des kollektiven Ghettoerlebnisses der Täler-Waldenser. Der 17.Februar ist somit Zeichen für den Ursprung der italienischen Waldenserkirche, wie wir sie 1993 vorfinden.


b) Die religiöse Zeremonie

Hinter dem 17.Februar steht die Erinnerung an das soziokulturelle Ghetto einer religiösen Minderheit. Die Verbindung zwischen zivilem Fest und seinem historischen Inhalt wird im Rahmen eines Gottesdienstes, also einer religiösen Zeremonie, hergestellt. Dieser Gottesdienst, an dem immer sehr viel mehr Waldenser teilnehmen als am gewöhnlichen sonntäglichen culto , findet am Morgen des 17.Februars statt. An diesem Tag tragen einige Frauen in den Tälern das Waldenser-Kostüm, den costume valdese.  Die Erinnerung, die durch die Zelebrierung des Gottesdienstes wachgerufen wird, ist die Erinnerung an die tiefergehenden religiösen Wurzeln des zivilen Festes.
Die Kirche hat den 17.Februar zu einem Diskussionstag gemacht, an dem in allen Gemeinden über ein festgelegtes aktuelles Thema diskutiert wird. Der 17.Februar ist dabei das Zeichen der Verpflichtung der Waldenser, sich für die Rechte aller, vor allem die Rechte von Minderheiten, einzusetzen. Auf diese Verpflichtung wird im Gottesdienst, dem culto , und bei den Diskussionen direkt oder indirekt verwiesen. Somit ist die Erinnerung an die eigene Geschichte für die Waldenserkirche und für gläubige Waldenser zum Zeichen geworden für die Erinnerung an die christliche Verantwortung gegenüber dem Nächsten. Das zivile Fest wird auf diese Weise mit religösen Inhalten gefüllt.

c) Das profane Ritual:

Am Tag des Festes überwiegt die folkloristische Komponente des Waldensertums. In der Feier des Festes gibt es Unterschiede zwischen den Tälern und der Diaspora: In den Tälern werden am Abend des 16.Februar in jeder Gemeinde ein oder mehrere falò   (Freudenfeuer) entzündet. Die Vorbereitung der faló   obliegt dabei, obwohl es sich um einen zivilen Feiertag handelt, meistens der Gemeindejugend. Auch hier wird wieder die Verflechtung zwischen Kirche und popolo  deutlich. Am falò   der Coppieri , der ältesten Kirche Torre Pellices, an dem ich regelmäßig teilnahm, wurden von dem Jugendchor spontan immer auch Lieder aus dem Gesangbuch gesungen, einige davon in französischer Sprache. Parallel zu den falòs   laufen erste Diskussionsveranstaltungen der Kirche. 1993 lautete das Thema: Italien und die Mafia. Über das festgelegte Thema wird am 17.Februar parallel auch in den Diasporagemeinden diskutiert, das heißt, daß sich neben der folkloristischen Komponente zudem auch eine intellektuelle finden läßt.

In vielen Gemeinden, in den Tälern vor allem Torre Pellice und Angrogna, war und ist der 17.Februar an Theateraufführungen gebunden. Die Aufführungen finden meistens in den Kirchenräumen statt. In den Theaterstücken wurden früher Episoden aus der Waldensergeschichte belebt, so daß das Theaterstück des 17.Februars einer kurzen historischen Rückschau glich:

"Il XVII febbraio ci fa ricordare la storia, almeno la rivedi, te la facevano vivere come era stata" (Stimme aus Villar Perosa/Täler 1986, in: Peyrot 1990: 161).94
Die Dramen waren dabei gekennzeichnet durch eine einfache Gegenüberstellung von "guten" Waldensern und "bösen" Katholiken. Dieser Inhalt der Theaterstücke hat sich verändert:
"Cambiano le tematiche, spariscono, specie a partire dagli anni '60, con i timidi tentativi ecumenici attuali anche nelle Valli, i drammi fortemente caratterizzati dall'opposizione cattolico-valdese, in cui il primo rivestiva sempre ruoli negativi" (Peyrot 1990: 151).95

Die Änderung der Thematiken war auch kennzeichnend für eine beginnende Veränderung des waldensischen Selbstverständnisses. Historische Theaterstücke, die von einer Gegenüberstellung von "Gut" und "Böse" leben, wurden immer seltener aufgeführt, weil die Ökumene forderte, im katholischen Gegenüber einen Freund zu sehen. Zwischen 1988 und 1993 habe ich einmal in Torre Pellice und einmal in Angrogna ein historisches Theaterstück gesehen. In den anderen Jahren wurden in Torre Pellice, übrigens immer von einer Gruppe Jugendlicher,96 Komödien oder Theaterstücke mit einer moralischen Botschaft aufgeführt. Die historischen Theaterstücke, obwohl seltener aufgefüht, hatten trotzdem immer ein sehr großes Echo.97 Das Drama war in diesen Theaterstücken immer in der Zeit der Verfolgung angesiedelt. Die Waldenser-Frauen trugen in diesen Aufführungen das Waldenser-Kostüm, das in den Tälern heute noch zu besonderen Gelegenheiten getragen wird, wie zu der Konfirmation, dem Eröffnungsgottesdienst der Synode oder eben dem 17.Februar.

Der costume valdese  ist Teil jener Feste, die ausschließlich an die Gruppe der Waldenser gebunden sind. Doch er ist in seiner Form für die Alpenregion und nicht für das Waldensertum allein typisch. Erst durch den Gebrauch wurde er zum costume valdese   gemacht und somit zum Symbol einer bestimmten im Religiösen wurzelnden kulturellen Identität, die sich auf diejenigen, die diese Kleidung tragen, überträgt. Der costume valdese  ist in diesem Sinne ein "Kulturträger", mit dem die Frauen und Mädchen ihre Identifikation mit der religiösen Komponente des Waldensertums sichtbar demonstrieren. Das Symbolische des costume  zeigt sich einerseits darin, daß immer öfter an den entsprechenden Feiertagen nur


Der costume valdese
 


Der costume valdese  wird nur in den Tälern und zu besonderen Anlässen, wie der Konfirmation, zum 17.Februar oder zum Eröffnungsgottesdienst der Synode getragen.

Aus: Museo Nazionale della Montagna "Duca degli Abruzzi" (Hg.): Valdesi, trecento anni dopo - fotografie di Gabriella Peyrot , S.17: S.Giovanni Palmsonntag, Konfirmation.


die cuffia , also die Haube, stellvertretend für das gesamte Kostüm getragen wird.98 Andererseits die Tatsache, daß das Tragen des costume valdese   zum 17.Februar sich erst gegen Ende des letzten Jahrhunderts durchgesetzt hat (Peyrot 1990: 273).

Das Tragen des gleichen costume valdese  in den Aufführungen sorgt für die Nähe dieser historischen Theaterstücke zu einem eigenen, noch lebendigen Teil der Kultur. Die Geschichte wird somit verstärkt als die eigene Geschichte identifiziert. Das historische Theaterstück wird zwar seltener aufgeführt, hat aber immer noch die gleiche Funktion der Vergegenwärtigung einer gemeinsamen Geschichte und somit der Stärkung des Gruppengefühls. Wird es durch ein Theaterstück anderen Inhaltes ersetzt, bleibt der Moment der Versammlung in den Räumen der Kirche erhalten und damit die Grundfunktion des Festes als wichtiger Tag des Austausches zwischen Gruppen von Waldensern.
Die Betonung des Gemeinsamen ist am 17.Februar besonders groß. Man betont die gemeinsame Geschichte und geht gemeinsam zum Gottedienst, zu der Aufführung oder zum gemeinsamen Essen. Dieses gemeinsame Essen, l'agape fraterna , wird vor allem in der Diaspora gepflegt, in der costume valdese  und falò   nur eine symbolische Realität darstellen. Die Holländerin Ellie Boot, die 1991 in Rom, wo es zwei Waldensergemeinden gibt, die Feier des 17.Februar beobachten konnte, schreibt:

"In de kerk van Piazza Cavour werd op zaterdagavond, 16 februari een groot feestmaal gegeven waarvoor alle protestanten van Roma waren uitgenodigd. De middag ervoor was er op de theologische fakulteit een lezing gewest van Bruna Peyrot [...]. De opkomst was groot. In de kerkdienst op zondagochtend waren beide waldenzengemeentes van Roma aanwezig: die van de Kerk van de Via IV Novembre en die van de Kerk van Piazza Cavour. Er werd avondmaal gevierd, en aan het eind van de dienst zong iedereen staande 'Le jure de Sibaud'   [...] (Boot 1992: 88)."

Es fand also eine Lesung statt, und zu dem gemeinsamen Mahl wurden 1991 in Rom alle Protestanten eingeladen. Der Gottesdienst wurde gemeinsam von den beiden Waldensergemeinden gefeiert. Auch in Rom wie in Torre Pellice wird am 17.Februar die Kirche außergewöhnlich gut besucht: "De opkomst was groot."

Ellie Boot weist hier im weiteren auf das wichtigste Ritual hin, das in allen Waldensergemeinden an den 17.Februar gebunden ist: " [...] en aan het eind van de dienst zong iedereen staande 'Le jure de Sibaud'  [..]." Am Ende des Gottesdienstes wird in allen Gemeinden im Stehen der, "Schwur von Sibaud", "Il Giuro di Sibaud ", gesungen.


Die Bedeutung des Liedes: Il Giuro di Sibaud  


Der Schwur von Sibaud, Il Giuro di Sibaud , geht auf Henri Arnaud zurück, der nach dem Glorioso Rimpatrio in Sibaud mit diesem Versprechen die Einheit unter den Waldensern wahren wollte. "Tutti giurarono alzando la mano", alle schworen, die Hände erhoben (Prochet 1912: 1), Einigkeit und Ordnung zu bewahren und versprachen "dem Heiland Jesus Christus" ihre "Brüder dem grausamen Babylon zu entreißen" und mit ihnen sein Reich zu errichten, für das sie bis zu ihrem Tode kämpfen wollten (Tourn 1980: 169).
Der Liedtext des Giuro di Sibaud  unterscheidet sich von dieser ursprünglichen Version des Schwures: Jede der drei Strophen des Liedes wird eingeleitet mit folgendem Satz:

"Die Hände zum Himmel erhoben, dies ist die Erde, wo die Väter
dem Herren geschworen haben, Treue zu halten!"

dieser Einleitung steht nicht nur die Erinnerung an den Schwur, den Arnaud die Soldaten und Offiziere des Glorioso Rimpatrio  mit erhobenen Händen schwören ließ. In diesem Satz steckt sehr viel mehr. Er verweist auf den suolo : den Boden, das Land, die Erde, die von den Vätern übernommen wurde: "[...] dies  ist die Erde, wo die Väter [...] geschworen haben". Die Kontinuität der Weitergabe der Erde beinhaltet auch eine Weitergabe der Treueverpflichtung gegenüber dem Herren. Der Liedtext zum Schwur von Sibaud beinhaltet genau die Erneuerung des Treueschwurs. Dabei beschränkt sich dieser Schwur nicht nur auf die Treue zu Gott. Durch die wiederholten Bezüge zu den Vätern, die diese Treue gehalten haben, enthält dieser Schwur auch eine indirekte Verpflichtung ihnen gegenüber: nämlich die Verpflichtung, wie sie für die gleichen Ideale zu leben und zu sterben. Mit diesem Versprechen endet das Lied sehr deutlich:

Das Denkmal von Sibaud und der "Schwur von Sibaud"  




"Nachdem uns Gott in seiner Gnade in das Land unserer Väter zuruckgeführt hat, um hier den reinen Gottesdienst unserer heiligen Religion wieder einzurichten, und das große Unternehmen, das der Gott der Heerscharen für uns bis jetzt so gnädig gelenkt hat, auch weiterhin zur Erfüllung kommen ließ, schwören wir Pastoren, Hauptleute und anderen Offiziere und versprechen vor Gott bei der Verdammnis unserer Seelen, unter uns die Einigkeit und Ordnung zu bewahren, so lange Gott uns am Leben erhält, und wenn wir uns auch bis auf drei oder vier Mann zusammengeschmolzen sähen.
Und wir Soldaten versprechen und schwören heute vor Gott, den Befehlen aller unserer Offiziere zu gehorchen und ihnen bis zum letzten Blutstropfen treu ergeben zu sein.
Und damit die Einigkeit, welche das Herzstück aller unserer Belange ist, unter uns unverbrüchlich sei, sollen die Offiziere den Soldaten Treue schwören und diese den Offizieren. Alle zusammen versprechen darüber hinaus unserem Heiland Jesus Christus, nach dem Maß unserer Kräfte den Rest unserer Brüder dem grausamen Babylon zu entreißen1. Mit unseren Brüdern wollen wir sein Reich aufrichten und auch aufrecht erhalten bis zum Tode. Unser ganzes Leben lang wollen wir uns an die vorliegende Abmachung halten (Tourn 1980: 169)."


Der Text dieses Schwures, den Arnaud und die Waldenser nach der "Glorreichen Rückkehr " in ihre Täler bei der Ankunft in Sibaud ableisteten, diente als Vorlage, sowohl für den Liedtext, auch für die schon angesprochene Dekoration in der Synodalaula.
* "Unter den Reformierten des 16/17.Jahrhunderts bezeichnete man mit dem Bild von der sündhaften Macht Babylons - Offenbarung 18 - die römisch-katholische Kirche (Anmerkung bei Tourn 1980: 169)."


Der Liedtext zum  Giuro di Sibaud



1


Die Hände zum Himmel erhoben, dies ist die Erde, wo die Väter
dem Herrn geschworen haben, Treue zu halten!
Die Altäre den großen Heiligtümern zurückzugeben
Wo sie für seine Sache zu Tode kamen!

Herr des Sinai! Herr Israels!
Gott der Heiligen! Gott der Väter!
Wie einst Jakob, hast Du uns jetzt gerettet, Herr,
Mit Dir auf den Feldern unserer Ahnen!
Laß uns niemals den Glauben verlieren!
Und kämpfe gemeinsam mit uns, da wir für Dich kämpfen!

2


Die Hände zum Himmel erhoben, dies ist die Erde, wo die Väter
dem Herrn geschworen haben, Treue zu halten!
Ausrufend zu euren Füßen, jahrhundertealte Felsen:
die ihr uns habt zur Welt kommen sehen, jetzt sind wir bereit zu sterben!

Die Heimat ist dort, wo das Herz gelitten, geweint und geliebt hat.
Wir spüren sie in diesen Bergen;
Im Schatten jedes Altares, den wir dem Herrn geweiht haben;
zum Himmel schauend, der den Tempeln Gewölbe ist!
Wir folgen der Spuren des Glaubens der Märtyrer!
Gestorben bist Du für uns, gib uns das Leben in Dir!*

3


Die Hände zum Himmel erhoben, dies ist die Erde, wo die Väter
dem Herrn geschworen haben, Treue zu halten!
Indem sie ihre Tempel noch vor den Wohnstätten errichtet haben,
in ihnen Leben findend und auch bereit zu sterben!

Geeint werden wir leben an den Altären des Herrn,
die über unseren Dächern wachen.
Das leuchtende Licht Deines göttlichen Strahls
scheine und strahle auf diese Felsen!
Wir schwören Dir, Herr, den Glauben zu bewahren!
Bleibe bei uns, wir wollen mit Dir bleiben!

Chor


Für diesen Schwur, erhalte der Himmel den Glauben unserer Väter
und in dieser Stunde will er auch uns noch segnen
Die Hände gefaltet, gemeinsam, Waldenser wiederholen wir:
Ich schwöre für Dich, Herr, zu leben und zu sterben.

* Die zweite Strophe wird in der Diaspora nicht gesungen

Prochet, Roberto: Il Giuro di Sibaud , Torre Pellice 1912, Übersetzung S.M.Liebscher




"Für diesen Schwur, erhalte der Himmel den Glauben unserer Väter in dieser Stunde will er auch uns noch segnen Hände gefaltet, gemeinsam, Waldenser wiederholen wir: schwöre für Dich, Herr, zu leben und zu sterben."


Der Giuro di Sibaud  ist das Versprechen einer Kontinuität der Lebensweise der Väter und damit einer Kontinuität der Tradition. Auch wenn diese tiefergehende Bedeutung sicherlich nicht bewußt ist, so ist an das gemeinsame Singen des Giuro  im Stehen eine bestimmte Atmosphäre gebunden, die Bouchard in einem anderen Zusammenhang auch erwähnt:
"Alexis Muston (1810-1883) [...] dà invece una lettura romantica della storia valdese. Il suo Israël des Alpes  è avvincente come un romanzo [...]. C'è in questo libro la stessa atmosfera che si respira cantando il "Giuro di Sibaud" [...] (Bouchard 1990: 35)."99
Alexis Muston hat für die Waldenser Täler den Begriff des "Israels der Alpen" geprägt. Der romantische Vergleich der Verfolgungsgeschichte der Waldenser mit der Geschichte der Verfolgung der Juden macht nicht nur aus den Waldensern "Gottes erwähltes Volk", sondern aus den Tälern auch "das gelobte Land". Diese von Alexis Muston durch seine romantische Lesart der Geschichte idealisierte Verbundenheit mit dem "Land der Väter" ist es, die die gleiche Atmosphäre schafft wie das Singen des Giuro . Die besondere Atmosphäre wird durch das Singen im Stehen, Zeichen des Respektes, verstärkt. Die ungewöhlich große Zahl von Kirchenbesuchern und, in den Tälern, das Tragen des costume valdese  zum Anlaß des Gottesdienstes am 17.Februar, verstärken diese Atmosphäre wesentlich. Trotzdem ist nicht das Land allein, sind nicht die Täler wichtig, sondern das Aufrechterhalten des Treueschwures.
"E giustamente, lo si canta ancor oggi in piedi, in Sicilia come sulle rive del Rio de la Plata: il 'suol dove i Padri' non definisce infatti solo una identità, ma più profondamente, lo spazio d'una vocazione : é storia, non é geografia (ebenda)."100
Darum ist der Schwur auch eine Verpflichtung, die unabhängig vom Ort, an den man gebunden ist, eingegangen wird: Er ist vielmehr an die Geschichte der Gruppe gebunden und bedeutet somit "una vocazione" , eine Berufung, die man als einzelner Waldenser erhalten hat. Die Waldenser als Gruppe erneuern jährlich gemeinsam den Treueschwur der Vorfahren:
"Die Hände gefaltet, gemeinsam, Waldenser wiederholen wir: Ich schwöre für Dich, Herr, zu leben und zu sterben."

Aber nicht die Gruppe, sondern jeder einzelne schwört.101 "Ich schwöre", aber gemeinsam in der Gruppe und damit: "ich als Waldenser schwöre."Da das Lied nur einmal im Jahr, dann jedoch am selben Tag von allen Waldensergemeinden, nicht nur in Italien, sondern bis hin zum Rio de la Plata gesungen wird, und dieses auch bewußt stattfindet, halte ich das Singen des Giuro di Sibaud für eines der wichtigsten Ereignisse im Gruppenleben. Im Sinne seiner Funktion der Anbindung von Individuen an die Gruppe, würde ich das Singen des Giuro  auch als Zelebrierung eines Rituals bezeichnen, durch das wesentlich die beiden Grundvarianten der Waldenser, Waldenserkirche und popolo valdese , geeint werden.102


Das Hugenottenkreuz als Erkennungszeichen  


Dieses Kreuz wurde von den Hugenotten übernommen. Es dient als religiöses Erkennungssymbol und wird vor allem Mädchen als Kettenanhänger bei der Konfirmation geschenkt. Es wird aber auch von Männern getragen.

Man findet es außerdem auch als Aufkleber an Autoscheiben. Ein Hugenottenkreuz aus Holz hängt auch am Flaschenhals des Genepì , einem aus der Region stammenden Kräuterlikör.




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Erstellt am 11. April 1996 von Oliver Kortendick

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