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Institut für Völkerkunde
Die Bestimmung waldensischer Abgrenzungsmuster gegenüber anderen
Formen kulturellen Seins führt zu den unterschiedlichen kulturellen
Varianten der Waldenser.
Einer Definition der verschiedenen Varianten von Waldensern muß
daher eine Definition der Komponenten vorausgehen, die einen Waldenser
charakterisieren können. Um meine Vorgehensweise bei der Analyse
von 73 Fragebögen, in denen Waldenser ihre persönliche Auffassung
vom Waldensersein darlegten, darzustellen, sind hier zunächst
vier verschiedene Beispiele angeführt für verschiedene Arten,
das individuelle Waldensersein zu beschreiben. Eine Auflistung kirchlicher
Aktivitäten, wie sie von den Interviewten selbst angegeben wurde,
sowie eine kurze Personenbeschreibung sind jeder Aussage zur Einordnung
der Personen vorangestellt. Die Aussagen werden jeweils mit den Worten
"essere valdese..." eingeleitet:
Michela Monosi aus den Tälern, 26 Jahre, led., Angestellte z.Zt. arbeitslos, früher Sonntagsschulleiterin:Im Anhang findet sich die vollständige Liste aller 73 Antworten auf die Frage nach dem Waldensersein. Um eine Kontrolle der folgenden Analyse durch das Hinzuziehen der Antworten zu ermöglichen, sind diese zusätzlich durchnumeriert.
Die Sonntagsschule, Vorkonfirmanden- und Konfirmandenunterricht besucht zu haben. Holz für das falò des 17.Februar gesammelt zu haben, an Jugendgruppen und Aktivitäten im allgemeinen teilgenommen zu haben. Nicht vergessen, Teil einer Minderheit zu sein, ohne sich dessen jedoch zu rühmen.
Elvira Romano aus einer Stadt der Diaspora, 62 Jahre, verh., Sekretärin der Tavola, keine Aktivitäten:
(In Italien) heißt es, Protestanten in einem katholischen Land sein.
- es will heißen (und für viele nur dieses), stolz auf die eigene Geschichte zu sein
- es will heißen, kritische Minderheit sein, die sich gegen die Ungerechtigkeiten auflehnt etc etc...
Gianluca Pirelli aus einer Stadt der Diaspora, 40 Jahre, ?, Angestellter in einer Waldenserbuchhandlung, engagiert im jüdisch-christlichen Dialog, Kirchenrat:
Den christlichen Glauben in einer Situation der Diaspora leben. Diesen Glauben mit den eigenen Werken im alltäglichen Leben bezeugen.
Ernesto Bistrale aus einer Stadt der Diaspora, 24 Jahre, led., Student, keine Aktivitäten, Atheist:
Für mich ist es, Sohn waldensischer Eltern zu sein, eine waldensische Erziehung erhalten zu haben, die bestimmte Dinge im besonderen mit sich bringt:
Mit dem eigenen Kopf denken und folglich kritisch sein.
Sich bewußt darüber sein, Teil einer religiösen Minderheit in Italien zu sein.
Sich in der Gemeinde engagieren, da sie ohne freiwilliges Engagement nicht funktioniert.
Sich auch außerhalb der Gemeinde auf sozialem Gebiet engagieren.
Ich denke, daß, wer sich als Waldenser fühlt, an den Anfang der Liste den Glauben setzt. Da ich nicht glaube, habe ich andere Dinge geschrieben, die ich noch mit dem Waldensersein teile.
Wie sich auch aus der Analyse dieser Fragebögen ergibt, lassen sich als Hauptkomponenten der Selbstbeschreibungen voneinander unterscheiden:
Die Komponente "Geschichte" kann in diesen Kurzbeschreibungen in einem direkten Bezug ihren Ausdruck finden, wie im zitierten Fall:
"Es will heißen (und für viele nur dieses), stolz auf die eigene Geschichte zu sein."Andere Stellungnahmen weisen auf ein historisches Erbe hin, auf ein historisches Bewußtsein oder auf die Vorfahren. Alle diese Aussagen lassen den Schluß zu, daß die Geschichtefür die entsprechende Person eine Rolle spielt. Wie sich in allen anderen genannten Beispielen zeigt, wird dieser Bezug nicht immer hergestellt. In diesen Fällen liegt die Annahme nahe, daß die Geschichte in der Definition des individuellen Waldenserseins nicht wichtig ist.
Der Bezug zur Komponente "eigene Kultur und kulturelle Netzwerke" bei der Beschreibung des eigenen Waldenserseins kann auf unterschiedliche Weise seinen Ausdruck finden, zum Beispiel in der Erwähnung der Landschaft der Täler, durch die Nennung von kirchlichen Aktivitäten wie Gottesdienst, Sonntagsschule, jede Art von Treffen, zum Beispiel die Synode oder gemeinsame Ausflüge. Das Gefühl, einer Gemeinschaft anzugehören, zählt ebenfalls zu dieser Kategorie sowie die Nennung verschiedener sozialer oder kultureller Einrichtungen der Waldenserkirche. Hier spielt vor allem Agape eine Rolle. Der 17.Februar sowie die Freudenfeuer - die falò - gehören ebenfalls zur eigenen Kultur. Im ersten Zitat sind eine Reihe von Komponententeilen genannt, die auf diese Komponente der eigenen Kultur bzw. auf die waldensischen Netzwerken verweisen:
"Die Sonntagsschule, Vorkonfirmanden- und Konfirmandenunterricht besucht zu haben. Holz für das falò des 17.Februar gesammelt zu haben, an Jugendgruppen und Aktivitäten im allgemeinen teilgenommen zu haben."Die Selbstdefinition hauptsächlich über die Komponente "Glaube/Christentum" wird ausgedrückt durch Bekundungen eines Glaubens, der nicht als typisch waldensisch, sondern vielmehr als allgemein christlich oder allgemein protestantisch bezeichnet werden kann: "Christ sein". Die Zugehörigkeit zu dieser Komponente des Waldensertums kann ausgedrückt werden durch Sätze, die darauf hindeuten, daß der Befragte gläubig ist, zum Beispiel: "Es ist eine Glaubensrealität", oder: "Es ist ein persönlicher Glaube", "Es ist das Zeugnis eines Glaubens an Jesus Christus" u. ä. . Auch Signalwörter wie: "Bibel", "das Wort", "die Evangelien" sowie theologische Inhalte, wie: "eine direkte Beziehung zu Gott haben" sind der Ausdruck für die Zugehörigkeit zu dieser Kategorie. Das dritte zitierte Beispiel zeigt, daß die mit dem Waldensertum in Verbindung gebrachten Eigenschaften auch "nur" protestantisch (durch den Zusatz "Diaspora" so definiert) sein könnten:
"Den christlichen Glauben in einer Situation der Diaspora leben. DiesenGlauben mit den eigenen Werken im alltäglichen Leben bezeugen."Es ist hier sinnvoll, von dieser Komponente die Inhalte herauszufiltern, die auch aufgrund der Waldensergeschichte als waldensische Werte und Ideale gelten können, um die Nichtgläubigen zu unterscheiden, die oftmals einen Bezug zu diesen hier folgenden Werten herstellen: Freiheit; Ehrlichkeit/Kohärenz; Verantwortung; Engagement; Kritisch sein/ mit dem eigenen Kopf denken/ Diskussion und Demokratie. Das vierte zitierte Beispiel zeigt, daß solche Bezüge - trotz Atheismus - mit dem Waldensersein in Verbindung gebracht werden können:
"Mit dem eigenen Kopf denken und folglich kritisch sein [...].Das "Minderheitenbewußtsein" drückt der einzelne entweder durch einen direkten Bezug aus oder allgemeiner mit dem Anderssein: "Anders als die Masse der Bevölkerung sein", "nicht Teil des Mobs sein", "eine andere Optik in der Betrachtung der Dinge haben". Das Minderheitenbewußtsein kann sich auch ausdrücken in Stellungnahmen, die sich auf die katholische Umwelt beziehen: "Kampf gegen die Religionsstunde", "gegen den Aberglauben", "auf der Hut sein vor dem katholischen Jesuitismus" oder, wie im zweiten Beispiel, die katholische Umwelt allgemein ansprechen:
Sich in der Gemeinde engagieren, da sie ohne freiwilliges Engagement nicht funktioniert.
Sich auch außerhalb der Gemeinde auf sozialem Gebiet engagieren.
Ich denke, daß, wer sich als Waldenser fühlt, an den Anfang der Liste den Glauben setzt. Da ich nicht glaube, habe ich andere Dinge geschrieben, die ich noch mit dem Waldensersein teile."
"(In Italien) heißt es, Protestanten in einem katholischen Land sein."Alle diese Teilaussagen werden den entsprechenden Komponententeilen zugeordnet und dann unter die Komponenten zusammengefaßt. Ist eine Komponente durch ein Komponententeil vertreten, ergibt sich der Wert 1. Ist dieselbe Komponente durch mehr als ein Komponententeil vertreten, kann sich für diese auch der Wert 2 oder mehr ergeben. Im ersten Bespiel von Michela Monosi ergibt sich für die Kategorie "eigene Kultur" auf dieseWeise ein Wert von 4.135
Aus den verschiedenen Möglichkeiten der Gewichtung in den Komponentenkombinationen ergeben sich die kulturellen Varianten der Waldenser, deren Charakteristika sich auf diese Weise definieren lassen.
Grundlage für die kulturellen Varianten von Waldensern, die dem
Kreis der Waldenserkirche angehören, ist eine Form des christlichen
Glaubens. Wird der Glaube lediglich allgemein formuliert, ohne Bezüge
zu anderen Komponenten, so soll diese Variante hier als Christ
bezeichnet werden.136
Sind mit diesem Glauben die waldensischen Werte, bei denen es sich
um die Grundwerte des Protestantismus handelt, gekoppelt, gilt der
Betreffende als Protestant. Werden zusätzlich zum Glauben
Komponenten aus der eigenen Kultur genannt, ist der Betreffende hier
als Waldenser bezeichnet. Die Zuordnung soll hier nur aufgrund
der Antworten im Fragebogen stattfinden. Dieses soll ermöglichen
zu verstehen, wie die verschiedenen Varianten definiert werden.137
Die folgende Abbildung erleichtert die Zuordnung der Antworten zu
den verschiedenen Varianten. Sie zeigt die Komponente "Glaube"
in Kombination mit jeweils einer anderen Komponente und aus diesen
Kombinationen resultierende Varianten:
Die Abbildung zeigt natürlich eine ideale Situation, insofern
sie nur die Komponenten der Waldenserkultur für die Analyse benennt.
Da es gerade um die Bestimmung von waldensischen kulturellen Varianten
geht, ist diese Reduktion gerechtfertigt. Die daraus resultierenden
Varianten müssen als "Idealtypen" von Varianten verstanden
werden.
Man kann davon ausgehen, daß alle zum Waldensertum gehörenden Komponenten ein Teil jeder Waldenseridentität sind. Es sind die unterschiedlichen Gewichtungen, die den Komponenten von den einzelnen gegeben werden und zu den unterschiedlichen Grenzziehungen führen, durch die die verschiedenen kulturellen Varianten bestimmt werden. Die Varianten unterscheiden sich also durch ihre Eingrenzungen voneinander. Diese Eingrenzungen werden durch die verschiedenen Komponenten bestimmt und schaffen auf diese Weise gleichzeitig Abgrenzungen zueinander.
Im folgenden sollen die kulturellen Grenzen dargestellt werden, die die Varianten von jenen Waldensern bestimmen, die Mitglieder der Waldenserkirche sind. Die Argumentation bewegt sich dabei wesentlich auf der Ebene der Beschreibung der Abgrenzungen, durch die die Varianten sich voneinander unterscheiden.
Die kulturelle Variante der hier allgemein als Christen bezeichneten Waldenser wird negativ charakterisiert durch einen fehlenden Bezug zu jeglicher Form spezifisch waldensischen kulturellen Seins (vgl. die Antworten: 19, 70, 72, 73). Die kulturelle Grenze der Christen wird also nicht gegenüber anderen Formen von Religiösität, sondern vielmehr in Unterscheidung zum Atheismus gezogen.
Diejenige kulturelle Variante, die durch die Nennung von als waldensisch bezeichneten Werten oder durch die Nennung von protestantischen theologischen Inhalten ihre kulturelle Grenze nicht nur zu Nichtgläubigen, sondern durch die Formulierung von Inhalten auch zu anderen Formen religiösen Glaubens zieht, soll als Protestanten bezeichnet werden. Die Formulierung protestantischer Inhalte bedeutet, daß sich diese kulturelle Variante von Nichtprotestanten unterscheidet und sich damit (im christlichen Rahmen) vor allem von den Katholiken abgrenzt (vgl. die Antworten: 5, 16, 25, 33, 47, 51, 54, 58, 59, 65, 68, 69).
Diejenige kulturelle Variante, die hier als Waldenser bezeichnet
wird, unterscheidet sich dagegen zusätzlich durch eine spezifische
kulturelle Abgrenzung zu anderen protestantischen Denominationen,
indem sie direkt die Gemeinschaft mit ihrer Gruppe anspricht (vgl.
z. B.die Antworten: 32, 66).
Die einzelnen Varianten sind alle Ausdrucksformen verschiedener Arten
des kulturellen Seins von Waldensern. Hier eine Darstellung der einzelnen
Varianten mit ihrem jeweiligen kulturellen Gegenüber:
-------------------------------
| |
Christ Atheist
|
-------------------------
| |
Protestant Katholik
|
---------------------------------
| | | |
Waldenser Methodisten Baptisten andere
Neben diesen idealen Formen des kulturellen Seins von Waldensern, die nur durch eine, maximal zwei Formen der Grenzziehung gegenüber anderen Formen kulturellen Seins definiert sind, gibt es Varianten innerhalb der Waldenserkirche, die durch mehrere Grenzziehungen charakterisiert sind und entweder das Geschichtsbewußtsein oder das Minderheitenbewußtsein oder beide in ihre Selbstdefinition vom Waldensersein miteinbeziehen. In den 73 analysierten Antworten zu der Frage nach dem persönlichen Verständnis vom Waldensersein läßt sich definieren, welche Abgrenzungsfunktionen den beiden Komponenten Geschichte und Minderheitenbewußtsein zugesprochen werden können, wenn eine Person zu der als Waldenser bezeichneten Variante gehört.
Der einfache Bezug zur Geschichte drückt das Bewußtsein
aus, in der Kontinuität einer Tradition zu stehen und auch an
einer kulturellen Gesamtheit teilzuhaben. Das Geschichtsbewußtsein
drückt also das Bewußtsein über eine kulturelle Grenze
aus, durch die sich die eigene Kultur von der allgemeinen italienischen
Kultur abgrenzt (vgl. die Antworten: 3, 8, 9, 15, 22, 23, 26, 27,
31, 34, 37, 52).
Das Minderheitenbewußtsein bringt die aktuelle Situation in die
persönliche Reflexion vomWaldensersein mit ein. Während
das Geschichtsbewußtsein lediglich eine Abgrenzung zur italienischen
Kultur zu schaffen scheint, wird durch das Minderheitenbewußtsein
eine Gegenposition zu derselben aufgebaut, dadurch erscheint die Grenzziehung
zur katholisch geprägten Kultur Italiens in diesem Falle als
besonders deutlich, weil sie eine indirekte Botschaft enthält,
nicht mit der katholischen Umwelt konform zu gehen (vgl. die Antworten:
6, 13, 18, 35, 62).
Der Bezug von Waldensern entweder zur Geschichte und/oder zum Minderheitenbewußtsein zeichnet Aussagen aus, die durch ein nicht allgemein protestantisches, sondern spezifisch waldensisches Bewußtsein gekennzeichnet sind. Aus diesem Grunde sollen diese Waldenser als Traditionalisten bezeichnet werden, um sie von den Waldensern zu unterscheiden, deren spezifisch waldensisches Bewußtsein schwächer ausgebildet ist. Das Wort "Traditionalisten" bezieht sich dabei hier auf das ganzheitliche persönliche Bewußtsein, in der Kontinuität der Waldenserkultur zu stehen (vgl. die Antworten: 1, 2, 39, 49, 55, 57, 61, 64, 71).
Es wurde gezeigt, daß sich das Waldensertum in verschiedene Komponenten
teilen läßt. Betrachtet man die Gewichtung der Komponenten
isoliert voneinander, so entstehen verschiedene Varianten von Waldensern.
Geht man davon aus, daß das Spezifische der Waldenserkultur aus
der Komponente der Geschichte und der Komponente der eigenen kulturellen
und sozialen Netzwerke besteht, die diese Kultur als spezifisch waldensisch
ausweisen und von anderen unterscheiden, lassen sich auch Varianten
feststellen, deren Schwerpunkt nicht auf diesen typisch waldensischen
Komponenten liegt. Da die Komponenten Christentum, Protestantismus
und Minderheitenbewußtsein Teil der Waldenserkultur sind und
sich die Vertreter der entsprechenden Varianten als Waldenser bezeichnen,
sind diese Varianten nicht vom Waldensertum auszuschließen. Vielmehr
lassen sich in bezug auf die Waldenserkultur, die hier ethnologisch
und nicht theologisch betrachtet werden soll, die verschiedenen Varianten
in konzentrischen Kreisen entsprechend ihrer Nähe oder Ferne
zum Kern der Waldenserkultur anordnen. Dadurch ergibt sich folgendes
Spektrum:
Wie bereits anhand der Illustration der unterschiedlichen
Grenzziehungen deutlich wurde, drücken diese Varianten verschiedene
Formen kulturellen Seins innerhalb der Waldenserkirche aus. Sie unterscheiden
sich voneinander durch eine sich steigernde Differenzierung in der
Selbstkonzeption, die eine Akkumulierung der Grenzziehungen gegenüber
anderen Gruppen zur Folge hat. Dementsprechend grenzen sich die Traditionalisten
kulturell am deutlichsten nach außen ab, die Christen
dagegen am schwächsten.
Die Existenz eines popolo valdese , der sich vor allem
in den Tälern, aber zunehmend auch in der Diaspora wie ein Raum
um die Waldenserkirche anordnet (Bouchard 1990: 146), läßt sich
durch das Wahlverhalten nachweisen: Im "waldensischen Raum"
weicht das Wahlverhalten, wie gezeigt wurde, vom italienischen Durchschnitt
stets erheblich ab.
Der popolo valdese ist säkularisiert und unterscheidet sich von den Varianten der Waldenserkirche durch eine Nichtbeteiligung am kirchlichen Leben und eine meistens schwache Betonung oder sogar Ablehnung eines religiösen Glaubens. Wie in der Waldenserkirche gibt es auch beim popolo valdese verschiedene Varianten. Anders als bei der Analyse der Varianten der Waldenserkirche ist der popolo valdese jedoch schwerer abzugrenzen und zu erfassen, weil seine Mitglieder im Gegensatz zu denen der Waldenserkirche nicht entsprechend registriert sind. Bei der Bestimmung der Varianten des popolo valdese muß darum zunächst davon ausgegangen werden, daß alle, die sich selbst als Waldenser bezeichnen, als solche gelten müssen. Umgekehrt sind Personen, die sich nicht als Waldenser bezeichnen und sich in keiner Weise mit dieser Gruppe identifizieren, keine Waldenser (vgl. die Antworten: 21 und 43).
Es gilt also zunächst, daß alle Personen, die keine aktiven Mitglieder der Kirche sind, sich aber als Waldenser bezeichnen und sich zu ihrem kulturellen Erbe bekennen, als Mitglieder des popolo valdese gelten.
Der popolo valdese besteht aus zwei großen Gruppen,
aus einer Gruppe, die sich als nicht-gläubig betrachtet, und
einer Gruppe, die sich als gläubig definiert.
Charakteristisch für beide Gruppen ist - auch für den Teil
des popolo valdese , der sich nicht religiös bekennt
- daß sie protestantische Werte verinnerlicht haben. Theoretisch
können daher aus allen möglichen Verbindungen von Varianten
der Waldenserkirche Mitglieder des popolo valdese hervorgehen.
Dieses wurde vor allem anhand der Aussagen von atheistisch gewordenen
Kindern aktiver Waldenser gezeigt (vgl. dazu auch im Anhang die Antworten:
14 und 44). Teilweise gilt das auch für Kinder aus interkonfessionellen
Ehen, die zum popolo valdese gehören, sofern sie
sich mit den waldensischen Ideen und Werten identifizieren (vgl. die
Antworten: 45 und 63), jedoch keine aktiven Mitglieder der Waldenserkirche
sind.
Beim gläubigen Teil des popolo valdese kann zwischen zwei Gruppen unterschiedenwerden. Gemeinsam ist diesen beiden Gruppen, daß sie, obwohl gläubig, nicht aktiv am Leben der Kirche teilnehmen. Was sie voneinander unterscheidet, ist die Tatsache, daß die eine Gruppe aus nicht aktiven registierten Kirchenmitgliedern besteht und die andere jeglichen Kontakt zur Kirche verloren hat, also auch nicht registriert ist.
Der Teil des popolo valdese , dessen Kirchenmitgliedschaft registriert ist, geht hervor aus Waldensern, die sich während des 3-5jährigen Konfirmandenunterrichtes139 am Leben der Kirche beteiligen, deren Kontakt mit der Kirche aber meistens nach der Konfirmation abbricht. Diese Waldenser sind in den Registern der Waldenserkirche eingetragen, gehören jedoch zu den passiven Mitgliedern, die an persönlichen Feiertagen wie Hochzeit, Taufe, Beerdigung und an allgemeinen Feiertagen, vor allem am 17.Februar, die Kirche besuchen (vgl. die Antworten: 7, 11, 17, 42, 56). Diese Mitglieder der Waldenserkirche werden hier dem popolo valdese zugeordnet, weil sie von der Mehrheit der Kirchenmitglieder nicht als "wahre" Waldenser akzeptiert werden und als der Inbegriff des popolo valdese gelten. Sie sollen hier aufgrund ihrer Randstellung in der Waldenserkirche - nicht aufgrund einer Randstellung zur waldensischen Kultur (!) - als Marginalwaldenser bezeichnet werden.
Innerhalb der Gruppe der Marginalwaldenser lassen sich
- wie in der Waldenserkirche - ebenfalls unterschiedliche Ausprägungen
im waldensischen Selbstbewußtsein feststellen. Auch hier gibt
es die Waldenser Traditionalisten, die sich durch ein spezifisch
ausgeprägtes Geschichts- und Minderheitenbewußtsein von
den anderen Vertretern dieser Variante unterscheiden. Parallel finden
sich hier dementsprechend auch Waldenser, die mit dem Waldensersein
zum Beispiel vor allem den 17.Februar in Verbindung bringen (vgl.17).
Die Variante Protestant läßt sich im gesamten popolo
valdese nicht auf die gleiche Weise definieren wie innerhalb
der Waldenserkirche. Da der popolo valdese weitestgehend
nicht mit der Kirche in Kontakt steht, wird Waldensersein hier zwangsläufig
anders definiert als innerhalb der Waldenserkirche. Innerhalb des
popolo valdese entspricht die Variante Protestant
den Vertretern der waldensischen Werte. Die Variante Christ,
wie sie oben definiert wurde, ließ sich im popolo valdese
nicht isolieren, was darauf hindeutet, daß diese Form der kulturellen
Variante von Waldensern an die Kirche gebunden ist.
Neben der Gruppe der Marginalwaldenser gibt es eine
Gruppe von Waldensern, deren Existenz nicht über das Register
der Kirche nachweisbar ist. Auf die Existenz dieser Waldenser machte
mich der Pastor Giorgio Bouchard in einem Interview aufmerksam:
"Eines Abends kamen hier zwei hin, ein Mann von 40 Jahren und eine Frau von 30, um 8 Uhr abends. Ich sage: 'Was wünscht ihr?' 'Wir möchten, daß Sie uns trauen.' Ich denke: Die üblichen Geschiedenen. 'Nein, ich, Waldenser bin ich!' Ich habe ihn NIE gesehen, er war nicht im Register, nie gesehen. Also sprechen wir, und ich erfahre, daß der Vater oder der Großvater..?? ein Mann großen Glaubens war. Er war ein Schneider, und hatte vor 35 Jahren die Toga des Pastors geschneidert. Dieser Mann großen Glaubens war gestorben, KEINES seiner Kinder hatte die Konfirmation gemacht, sie kamen NICHT in die Kirche, wenn nicht in ganz seltenen Fällen... Hochzeiten; also waren sie nicht in der Liste. Verschwunden, nicht wahr? Also, er sagt: 'Ich bin Waldenser [...] meine Verlobte ist Katholikin, wir wollen, daß Sie uns trauen.' Und ich sage: 'Fräulein, ist es für Sie kein Problem? [...]'. Sie sagt: 'Ich akzeptiere alles, ich möchte nur, daß bei meiner Hochzeit das Ave Maria ... gespielt wird'. Ich sage: 'Aber natürlich.' 'NEIIIN [laut und in neapolitanischem Dialekt] das ..., man darf nicht..!!!' Also ich, der ich antikatholisch bin, mußte das Ave Maria durchsetzen. Ich sage: 'Nein, dieses Mädchen akzeptiert alles, geben wir ihm dieses schöne musikalische Stück.' Somit wurde durch den Willen des Pastors das Ave Maria ... gespielt.Der Fall, von dem Giorgio Bouchard hier berichtete, zeigt Waldenser, die ohne Kontakt zur Waldenserkirche ("[...] er war nicht im Register, nie gesehen") über zwei Generationen eine inzwischen altmodisch gewordene Form waldensischen Glaubens erhalten hatten: "Sie haben nach 30 Jahren protestantische Urteile und Vorurteile konserviert". Das Verhalten dieser Waldenser erinnerte den Pastor an seine Kindheit: "In meinem Dorf, einer, der, der in die Kirche ging, Lambada tanzen? NIEMALS! [...] Entweder du tanzt, oder du glaubst an Gott, es hilft nichts!" Diese auf der Basis "Typische[r] WALDENSER-Urteile und -Vorurteile!!" entstandenen Handlungsweisen zeigen, daß sich hier eine altmodische aber waldensische forma mentis über Generationen erhalten hat, auch ohne die Unterstützung durch die verschiedenen Formen kirchlicher Erziehung: "[...] KEINES seiner Kinder hatte die Konfirmation gemacht, sie kamen NICHT in die Kirche [...]". Der Stellenwert der Religion für diese Familie zeigt sich einerseits in ihrem Verhalten, daß wie Pastor Bouchard darstellt, teilweise dem Verhalten der Umwelt entgegengesetzt ist: "[...] die Hälfte des Publikums folgt der Predigt, die andere Hälfte folgt der Predigt NICHT [...] die Hälfte der Versammlung tanzte keinen Lambada, nicht wahr? Danach spielen sie den Walzer von Strauß, und alle tanzen den Walzer von Strauß". Es zeigt sich andererseits auch in ihrem offensichtlichen Bemühen, ihre Ehen in der Waldenserkirche zu schließen: "'Wir möchten, daß Sie uns trauen.' Ich denke: Die üblichen Geschiedenen. 'Nein, ich, Waldenser bin ich!' Ich habe ihn NIE gesehen"; "[...] sie kamen NICHT in die Kirche, wenn nicht in ganz seltenen Fällen... Hochzeiten [...]." Das Bewußtsein über die religöse Andersartigkeit und damit das Minderheitenbewußtsein muß aufgrund des fehlenden Kontaktes zu waldensischen Institutionen einerseits und waldensischen Netzwerken andererseits sehr stark ausgeprägt sein, wenn sich die alten waldensischen Werte in einem so katholischen Umfeld wie dem "Spanischen Viertel", in dem die Familie ansässig ist, dem ältesten und ärmsten Viertel Neapels, halten konnten. Dieses Minderheitenbewußtsein verdeutlicht der "Junge von 25 Jahren, er sagt mir: [ahmt Dialekt nach] 'Pastor, wissen Sie, ich bin sehr stolz auf meine Religion!' 'Sind Sie katholisch?' [laut aufschreiend] 'IIIIICH, nein, WALDENSER BIN ICH!'". Der Stolz auf die Andersartigkeit und die entrüstete Ablehnung auf die Frage, ober katholisch sei, lassen auf eine sehr bewußte und entschiedene Abgrenzung gegenüber dem katholischen Umfeld schließen. Wie Pastor Bouchard schließlich bemerkte, sind zwei dieser nicht registrierten gläubigen Waldenser inzwischen wieder zu offiziellen Kirchenmitgliedern geworden: Der "sympathische Jugendliche" und Enkel des neapolitanischen Schneiders und der Bräutigam, der inzwischen sein erstes Kind in der Waldenserkirche taufen ließ.
Die Hochzeit wird gefeiert, und ich bemerke [...] die Hälfte des Publikums folgt der Predigt, die andere Hälfte folgt der Predigt NICHT. Dann sagen sie: 'Gehen wir, gehen wir zum Empfang', sie waren arm und hatten kein Mittagessen gegeben. [wieder in Dialekt] 'Wartet, wartet, wir kommen!' Wir warten eine halbe Stunde, ich beginne, mich zu ärgern: diese Neapolitaner etc., da kommt ein sympathischer Jugendlicher - der jetzt die Kirche frequentiert -. Er läßt mich ins Auto einsteigen. Ein Junge von 25 Jahren, er sagt mir: [ahmt Dialekt nach] 'Pastor, wissen Sie, ich bin sehr stolz auf meine Religion!' 'Sind Sie katholisch?' [laut aufschreiend] 'IIIIICH, nein, WALDENSER BIN ICH!' Es ist ein Enkel des Großvaters, der dem Pastor die Toga genäht hat.
Nun, wir fahren zum Empfang [...] Dann beginnen die Tänze, sie spielen den Argentinischen Tango, und die Hälfte der Versammlung tanzt nicht, die andere dagegen ja. Sie spielen den Lambada. Ich habe sogar [laut betont] EVANGELICALS gesehen, die Formen von Lambadas tanzten, die...so. Und die Hälfte der Versammlung tanzte keinen Lambada, nicht wahr? Danach spielen sie den Walzer von Strauß, und alle tanzen den Walzer von Strauß. Verstanden?:
Die Nachfahren des Schneiders, die NIE in die Kirche gehen, wissen, daß:
- man einer Predigt zuhört,
- der Pastor eine Autorität ist,
- das Ave Maria eine Sache ist, die nicht ganz in Ordnung ist,
- und man den Lambada nicht tanzt.
Typische WALDENSER-Urteile und -Vorurteile!! TYPISCH! In meinemDorf, einer, der, der in die Kirche ging, Lambada tanzen? NIEMALS! [...] Entweder du tanzt, oder du glaubst an Gott, es hilft nichts! [...] Sie haben nach 30 Jahren protestantische Urteile und Vorurteile konserviert. Das ist der popolo valdese " (Giorgio Bouchard 1993, Roma/Napoli, B, hier: 667-715).
Die Charakteristik dieser Variante von Waldensern erschwert seine Erforschung oder macht sie sogar unmöglich. Bezüglich dieser Variante von Waldensern kann nur auf diese Erzählung des Pastors zurückgegriffen werden. Es ist aber anzunehmen, daß weitere solcher Familien - vor allem in der Diaspora - existieren. Da die Religiösität dieser Variante dem Leben der Kirche fast vollständig verborgen bleibt, soll diese Gruppe als Kryptowaldenser 140 bezeichnet werden. Bezogen auf die Charakterisierung, die die Erzählung des Pastors von den Kryptowaldensern impliziert, können sie in der Definition der Kirchenvarianten als Traditionalisten eingeordnet werden.
Im gesamten popolo valdese lassen sich also folgende Varianten isolieren:
popolo valdese
|
-----------------------------
| |
gläubig nicht-gläubig
|
----------------------------
| |
Marginalwaldenser Kryptowaldenser
Vergleicht man die verschiedenen kulturellen Varianten innerhalb
des popolo valdese mit denen der Waldenserkirche, ist
beim popolo valdese ein auffallendes Minderheitenbewußtsein
zu beobachten. Wenn man die zur Verfügung stehenden Antworten
der Mitglieder des popolo valdese zu der Frage nach
der persönlichen Auffassung zum Waldensersein mit den entsprechenden
Antworten der Kirchenmitglieder vergleicht, wird das Minderheitenbewußtsein
vom popolo valdese prozentual mehr als doppelt so häufig
mit dem Waldensersein in Verbindung gebracht: Während 8 (7, 14,
17, 38, 42, 44, 56, 63) von 11 (+ 10, 11, 45) Mitgliedern des popolo
valdese , also 72,7% ein Minderheitenbewußtsein zeigen,
sind es unter den Mitgliedern der Waldenserkirche 18 von 59 Personen,
also lediglich 30,5%.
Das bedeutet, daß beim popolo valdese eine Gewichtsverschiebung im Gesamtzusammenhang der Waldenseridentität auf die Komponente des Minderheitenbewußtseins stattfindet.
Diese Gewichtsverlagerung deutet darauf hin, daß der popolo valdese sich nicht gegen die anderen Waldenser, sondern in erster Linie gegen die ihn umgebende katholisch geprägte Kultur der Mehrheit abgrenzt.
Betrachtet man alle Varianten, die sich sowohl in der Waldenserkirche
als auch im popolo valdese finden, zusammenfassend in
einer Abbildung und stellt die relative Nähe oder Ferne zum Kern
der Waldenserkultur dar, so ergibt sich folgendes Bild: Als Kern der
Waldenserkultur sollen hier die Kriterien angegeben werden, die auch
die Waldenser Traditionalisten kennzeichnen, nämlich
Minderheitenbewußtsein und Geschichtsbewußtsein. Sowohl
innerhalb der Waldenserkirche als auch innerhalb des gesamten popolo
valdese gibt es solche Traditionalisten. Ausgehend
von diesem Kern gibt es eine Variante, die vor allem die waldensischen
Netzwerke in ihrer Selbstdefinition betont. Diese Variante wurde in
der

Waldenserkirche Waldenser genannt.
Innerhalb des popolo valdese gibt es ebenfalls, vor
allem bei den Marginalwaldensern , eine entsprechende
Variante, die die eigene Kultur beziehungsweise die eigenen kulturellen
Netzwerke in ihrer Selbstdefinition betont, hier vor allem den 17.Februar.
Waldenser Traditionalisten und Waldenser befinden
sich im Innern der spezifisch waldensischen Kultur (hier dick umrandet).
Protestanten sind ferner vom Kern anzusiedeln. Die Betonung
der protestantischen Werte sowie ihr Minderheitenbewußtsein teilen
sie mit Vertretern anderer protestantischer Denominationen in Italien.
In der Waldenserkirche werden diese protestantischen Werte nicht unbedingt
mit ethnischem, sondern eher mit religiösem Bewußtsein in
Verbindung gebracht. Die in der Waldenserkirche sogenannten Christen
sind dem Kern der Waldenserkultur am fernsten und darum im äußersten
Kreis angesiedelt.
Die Kreise zeigen also sozusagen die Diffusion der Waldenserkultur.
Insofern sind die Kryptowaldenser bezüglich der
Waldenserkultur die geschlossenste Variante des popolo valdese .
Den größten Spielraum an kulturellen Varianten hat die Waldenserkirche,
da hier das Waldensertum zusätzlich noch als nicht spezifisch
waldensische, sondern allgemein christliche Identität verstanden
werden kann. Diese allgemein christliche Identität innerhalb
des Waldensertums entfällt für den popolo valdese .
Dessen ausgeprägtes Minderheitenbewußtsein ist nur durch
einen Bezug zu den kulturellen Wurzeln im Waldensertum, also ethnisch
erklärbar und läßt somit für die allgemein christliche
Definition, der kein Minderheitenbewußtsein anhaftet, keinen
Raum. Das bedeutet, daß Anderssein vor allem vom nicht-gläubigen
popolo valdese als kulturelles und nicht als religiöses
Anderssein interpretiert wird. Es muß beachtet werden, daß
diese Abbildung Idealtypen von kulturellen Varianten darstellt, dabei
sind die Grenzen zwischen den hier beschriebenen Varianten fließend.
Wie sich gezeigt
hat, stammen Marginal- und Kryptowaldenser
genealogisch von Waldensern ab. Auch im atheistischen popolo
valdese finden sich Nachfahren von Waldensern, die sich auf
ihre waldensischen Wurzeln berufen, sich an den waldensischen Werten
orientieren und sich entsprechend verhalten oder umgekehrt ihr Verhalten
auf ihre waldensische Herkunft zurückführen. Letzteres zeigte
sich am Beispiel des Renato Curcio, der bekannte, daß die Waldensergeschichte
Teil seiner forma mentis ist:" Ricorda di essere
nipote di un valdese e, con una delle forzature che
fanno ovviamente parte del suo modo di autorappresentarsi, paragona
la sua storia a quella del suo antenato [...]" (L'Unità
27.02.1993: 2) [Hervorhebung S.M.L.].141
Es läßt sich auch beobachten, daß die Mitglieder des
popolo valdese dazu tendieren, die moralischen Inhalte
der Waldenserkirche von ihrer Religiösität zu befreien und
als philosophische Lehre einer Ethik aufzufassen: "Es ist eine
subjektive 'quaestio' nicht nur gläubiger Gemeinde, frei und
reisend" (45); "Es ist eine Lebensphilosophie, die von sich
die ganze historische Realität eines Menschen durchdringt. Waldenser
kann jeder gewesen sein, weil Waldenser zu sein nicht nur bedeutet,
einer religiösen Minderheitenkonfession anzugehören, sondern
die philosophischen, ethischen und moralischen Prinzipien anzuerkennen,
zu akzeptieren und zu wollen, die die Menschheit in ihren formenden
und positivsten Momenten groß gemacht haben" (63).
Interessant ist bei diesen beiden Beispielen, daß die Autoren
die Meinung vertreten, daß diese Lebensphilosophie gewählt
werde, nicht vom Glauben abhänge und für alle offen stehe,
also nicht an eine genealogische Abstammung gebunden sei.
Neben den Waldensern genealogischer Abstammung gibt es andere, die konvertiert sind oder am Leben der Kirche teilnehmen, ohne Waldenser zu sein. Im Grunde kann man bei diesen beiden Gruppen der Waldenserbevölkerung nicht von geschlossenen Gruppen sprechen. Die einzige Gemeinsamkeit, die diese Personen miteinander teilen, ist, daß sie nicht aus Waldenserfamilien stammen.142 Die simpatizzanti nehmen am Kirchenleben teil, ohne eingeschriebene Kirchenmitglieder zu sein. Demnach gehören sie zum popolo valdese . Konvertiten nähern sich der Kirche als simpatizzanti und treten ihr dann offiziell mit der Konfirmation bei. Erst dieser Schritt macht sie zu Konvertiten.
Eine genauere Betrachtung der Konvertiten kann zeigen, wie sich ihr Zugang zu den Waldensern gestaltet und welche Unterschiede es in ihrem Verständnis vom persönlichen Waldensersein zu dem von genealogischen Waldensern gibt. Für diesen Vergleich bot sich die Gruppe der Theologen an. Theologen sind aufgrund ihrer Ausbildung an der theologischen Fakultät, durch die sie Zugang zu allen beschriebenen Komponenten der Waldenseridentität haben, die Experten für die waldensische Kultur. Tatsächlich gehört die Mehrzahl der befragten Theologen (9 von 15) zu der Gruppe der Traditionalisten. Bis auf einen Konvertiten kommen alle Traditionalisten aus Waldenserfamilien, während sich unter den 6 Nichttraditionalisten der Theologen gleichzeitig drei - und damit die Mehrzahl - der Konvertiten befanden (54, 72, 73).
Diese Tatsache legt die Vermutung nahe, daß die Art des individuellen kulturellen Seins in Zusammenhang steht mit dem Zugang, den eine Person zu der betreffenden Gruppe hat. Der Zugang von Konvertiten zu der Gruppe der Waldenser führt über die Waldenserkirche, also über die religiöse Komponente des Waldensertums. Dieses erklärt auch, warum unter den drei nichttraditionalistischen konvertierten Theologen zwei zu der kulturellen Variante Christen (72 und 73) zählen und einer der Variante Protestant (54) zuzuordnen ist, sie also keine waldensischen Netzwerke in ihrer Definition vom Waldensersein angeben.
Am Beispiel Giacomo Grillos (37) und Riccardo Mitrales (2) zeigt sich jedoch auch, daß es für Konvertiten möglich ist, sich über den engen Zugang der Religion auch die anderen Komponenten der Waldenseridentität zu erschließen und sie für sich zu beanspruchen. Daher kann man zwischen zwei verschiedenen Zugängen unterscheiden: dem offiziellen zur Institution der Waldenserkirche und dem inoffiziellen zu den waldensischen Netzwerken.
Der offizielle Zugang zur Waldenserkirche wird nicht durch die Abstammung bestimmt, sondern erfordert ein persönliches Bekenntnis, das mit der Konfirmation abgelegt wird. Dieses können auch Personen ablegen, die nicht waldensischer Herkunft sind. Der Zugang ist also allen offen, wird aber von außen meist als verschlossen empfunden. So erzählte mir ein Ehepaar, das zu den simpatizzanti der Waldenserkirche gehört, folgendes:
Er: "[...] Dieses Anderssein ist wichtig. Auf der anderen Seite ist gerade dieser Stolz des Andersseins fast eine Barriere, eine Mauer gegenüber denen, die sich dieser Zitadelle annähern wollen. Es gibt Türen zu öffnen."Herr Lentini beschrieb, wie ihm die Annäherung an die Waldenserkirche trotz großen Interesses schwergefallen war. Er beschrieb die Kirche als "Zitadelle", und seine Frau verwies darauf, daß man einen lasciapassare von jemandem bräuchte, um eintreten zu können. Diese Bemerkung verbildlicht die Existenz einer Grenze. Sie verweist darauf, daß der eigentliche Zugang zur Waldenserkirche nicht in der offiziellen Anerkennung, sondern in der sozialen Akzeptanz der Neuankömmlinge liegt, die über persönliche Netzwerke führt: "Du mußt den lasciapassare von jemandem haben!"Sie: "Aber du mußt den lasciapassare [wörtlich: durchlassen, vorbei lassen, also: Passierschein] von jemandem haben!"
Er: "Du mußt den lasciapassare von jemandem haben! Es ist wie früher, wenn du dich in die kommunistische Partei einschreiben wolltest, mußtest du von jemandem [Sie: vorgestellt, stimmt, stimmt] vorgestellt werden" (Ehepaar Lentini 1993, MI V B 480-724, hier: 705-714).
Die genealogische Abstammung bestimmt also darüber, wer nur als simpatizzante und wer als Waldenser zu bezeichnen ist. Wer genealogische Wurzeln in der Gruppe hat, hat automatisch die Berechtigung eines Zugangs, weil er schon ein Teil der Gruppe ist. Besonders deutlich zeigt sich dieses in den Synodalstatistiken, wo "Kinder und Konfirmanden" auch offiziell zur Gesamtbevölkerung gezählt werden, obwohl sie noch nicht offiziell aufgenommene Mitglieder der Kirche sind.143 Die genealogische Abstammung vereinfacht also den Zugang vor allem zu den Netzwerken der Waldenserkirche, hat aber ihre Rolle, wie sich an simpatizzanti und Konvertiten zeigt, als einzigen Zugang zu der Gruppe verloren.
Die genealogische Abstammung ist demnach zwar wichtig, aber nicht
ausschlaggebend. Sie legt per se auch nicht die endgültige Zugehörigkeit
zu einer bestimmten kulturellen Variante fest. Sie ist also, wie sich
auch anhand der Existenz von "Aussteigern" (21 und 43) feststellen
läßt, nicht determinierend. Sie könnte als eine Komponente
der Waldenseridentität verstanden werden, deren Bedeutung - wie
die der anderen Komponenten - individuell bestimmt wird.
Diese Arbeit stellte die Waldenserkultur vor und versuchte typisch
waldensische Vorstellungen und Verhaltensweisen zu isolieren, um es
zu ermöglichen, die verschiedenen Varianten von Waldensern zu
bestimmen und ihre jeweilige Beziehung zur Waldenserkultur zu klären.
Die Ausführungen zeigten, daß die Kultur der Waldenser sich
nicht auf eine religiöse Identität reduzieren läßt.
Die Waldenser sind eine Gruppe, die durch den Glauben an eine gemeinsame
Herkunft (Kapitel II), Gemeinsamkeiten von Kultur (Kapitel III), Geschichte
und aktuelle Erfahrungen (IV) verbunden sind und ein bestimmtes Identitäts-
und Solidarbewußtsein besitzen. Dieses ist die allgemein gültige
Definition für die bestehende Ethnizität einer Gruppe (Heckmann
1992: 56). Es zeigte sich außerdem, daß es im Ethnizitätsbewußtsein
individuelle Unterschiede gibt. So gibt es Varianten, die in der Waldenserkultur
nur eine Komponente, hier die religöse, betonen (vor allem die
Varianten der Protestanten und Christen). Die Betonung
der religiösen Komponente des Waldensertums bedeutet jedoch nicht
zwangsläufig den Ausschluß der anderen Komponenten aus der
persönlichen Definition von der Waldenserkultur (siehe vor allem
die Theologen). Die einseitige Betonung einer Komponente verweist
vielmehr entweder auf den - nicht nur genealogischen - Zugang, den
der einzelne zur Waldenserkultur hat (siehe die Konvertiten) oder
auf die Abgrenzung zu den anderen kulturellen Varianten durch die
persönliche Zuordnung (siehe den popolo valdese ).
Alle Vertreter der verschiedenen Varianten haben gemeinsam, daß
sie sich als Waldenser bezeichnen, also ein bestimmtes Identitätsbewußtsein
hinsichtlich der Waldenserkultur zeigen und diese Form des kulturellen
Seins gegenüber anderen kulturellen Formen abgrenzen. Der Versuch
der Einordnung der Ergebnisse in die ethnologische Diskussion führt
somit zur Ethnizitätsdiskussion.
Lange Zeit wurde davon ausgegangen, daß ethnische
Identität ein Phänomen sei, das sich mit zunehmender Industrialisierung
und mit der damit verbundenen funktionalen Arbeitsteilung auflösen
würde. Das Scheitern dieser Vorstellung, die ihren Ausdruck in
der "melting pot"-Idee fand, wurde in den 60er Jahren von
Glazer und Moynihan erstmals thematisiert (Orywal/Hackstein 1993:
593). Als Grundlage zur Untersuchung des ethnischen Phänomens
versuchte man zunächst, objektive Gemeinsamkeiten und Unterschiede
zwischen ethnischen Gruppen zu klassifizieren, um die Begriffe "ethnische
Gruppe" und "Ethnizität" zu definieren. 1969 führte
Fredrik Barth den Begriff der ethnic boundaries ein.
Er verstand die Grenzziehung zwischen Gruppen als das Ergebnis von
Interaktionsprozessen (Barth 1969). Nicht mehr die ethnischen Gruppen
selbst, sondern der Prozeß der Ein- und Ausgrenzung von Gruppen
durch Gruppen, also der Prozeß der Grenzziehung, sowie der Aufrechterhaltung
oder Verschiebung der ethnischen Grenzen wurden zur zentralen Fragestellung.
Darauf aufbauend befaßten sich eine Reihe von Arbeiten in den
70er Jahren (Isaacs 1974; Isajiw 1974; Glazer & Moynihan [Hg.]
1975, Keyes 1976) mit der Neudefinition der Begriffe ethnische Identität,
Ethnizität, ethnische Gruppe. In der Auseinandersetzung um den
Begriff der Ethnizität standen sich Primordialisten (auch: Essentialisten,
Objektivisten) und Situationalisten (auch: Mobilisierungstheoretiker,
Subjektivisten, Circumstanceialists) gegenüber (Orywal/Hackstein
1993: 595; Blaschke 1989: 239; McKay 1982: 396).
Der Ansatz der Primordialisten geht davon aus, daß die Verbindung
zwischen Menschen hergestellt wird durch sogenannte "givens"
(McKay 1982: 396) wie Verwandschaft, Religion und Territorium. Primordialisten
betonen vor allem die emotionale Kraft der Gruppenidentität und
verstehen das Bestreben der Individuen, einer ethnischen Gruppe anzugehören,
weitestgehend als
"man's primal need to belonging " (Connor zit. n. McKay 1982: 397).Am primordialen Ansatz wurde vor allem kritisiert, daß Ethnizität hier als der Angelpunkt der Identität verstanden wird und der Ansatz somit deterministisch und statisch sei, kulturellen Wandel also nicht erklären könne (McKay 1982: 399).
"The structural dimension of situational ethnicity thus points to the essentially variable significance of ethnicity as an organizing principle of social relations " (Okamura 1981: 454).Am situationalistischen Ansatz wurde kritisiert, daß nicht alle ethnischen Konflikte sich über divergierende politische und ökonomische Interessen der Akteure erklären lassen.
Die Kritik am radikal-primordialen bzw. radikal-situationalistischen
Ansatz hat inzwischen zu einer Synthese der beiden Ansätze geführt.
McKay (1982) versucht in einem Matrixmodell, ethnische Phänomene
spezifischen ethnischen Interessen zuzuordnen und die verschiedenen
Phänomene in einem Koordinatensystem - auf der Grundlage von
"x = ethnische Phänomene basieren eher auf politischem und
ökonomischem Interesse" und "y = ethnische Phänomene
basieren eher auf primordialem Interesse" - anzuordnen. Er unterscheidet
auf diese Weise fünf verschiedene Formen von ethnic manifestations 144,
an deren extremen Enden auf der einen Seite die Symbolic ethnics
(x = niedrig, y = niedrig) und auf der anderen die Ethnic militants
(x = hoch, y = hoch) stehen (McKay 1982: 404). Mit diesem Modell zeigt
er, daß primordiale und situationalistische Aspekte der Ethnizität
sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern in verschiedener
Weise interagieren:
"Whereas scholars have tended to view these two perspectives as mutually exclusive phenomena I have argued that they are interrelated ethnic manifestations which combine in varying degrees depending on the situation " (McKay 1982: 413).In dieser Synthese wird Ethnizität letztlich also als ein durch Interessen gesteuertes Konstrukt verstanden, bei dem situationsgebunden auf primordiale Attribute der ethnischen Identität selektiv zurückgegriffen wird (Orywal/Hackstein 1993: 596).
a) Positionen der bundesdeutschen Soziologie und Politologie:
"Ethnizität" als Begriff hat sich erst seit Beginn
der 80er Jahre in den deutschen Sozialwissenschaften etabliert (Blaschke
1989: 238). Die Frage, warum ethnische Konflikte entgegen der allgemeinen
Prognose fortdauern oder sich sogar verstärken, führte dazu,
daß Soziologen und Politologen, vor allem die Mobilisierungstheoretiker,
sich zunehmend für ethnische Phänomene als Grundlage oder
Mittel menschlicher Vergesellschaftung interessieren. Soziologen und
Politologen sehen dabei den Nationalismus als eine neue Form der Ethnizität
(u.a. bei Elwert 1989; Blaschke 1989; Heckmann 1992), insofern sie
ihn - wie die Ethnizität - auch als konstruierte Wirklichkeit
verstehen.
Eine interessante Diskussion zum Zusammenhang von Ethnizität und moderner Gesellschaft hat sich in der Bundesrepublik in neuerer Zeit entwickelt. Esser (1990)145 und Nassehi (1990) haben zu dieser Diskussion die wichtigsten Beiträge geliefert (Heckmann 1992: 33):
In seinem Aufsatz "Ethnische Differenzierung und moderne
Gesellschaft " vergleicht Esser (1990) die Prognosen verschiedener
Gesellschaftstheorien miteinander (Max Weber, Marx, Parsons, Luhmann)
im Hinblick auf die Rolle der ethnischen Differenzierung in modernen
Gesellschaften und stellt fest, daß alle davon ausgehen, die
funktionale Differenzierung moderner Gesellschaften müsse zu
einer Verdrängung ethnischer Differenzierungen führen (Esser
1990: 283-288). Dieser einheitlichen Voraussage traditioneller Gesellschaftstheorien
stellt Essers die Feststellung gegenüber, daß mit fortschreitender
Differenzierung ethnische Konflikte und Phänomene zugenommen
haben. Er fragt sich deshalb, wieso ethnische Phänomene "[...]
gerade erst mit forschreitender Entwicklung, Egalisierung
und Modernisierung aufgekommen sind" [unterstrichen im Text]
(Esser 1990: 289).
Esser stellt fest, Ethnizität sei im Zuge der Mobilisierung eine
Reaktion auf die Destabilisierung der Identität. "Ethnizität
reduziert sich so auf ein Problem der individuellen 'Identität'
im Zuge gesellschaftlicher Differenzierungsprozesse" (Blaschke
1989: 241). Sie ist, wieEsser formuliert, eine Folge von ökonomisch-soziokulturellen
Mängeln, die er als "Modernisierungs-Lücken" bezeichnet.
Mit der Auffüllung dieser Lücken entfielen schließlich
die Grundlagen für systematische und dauerhafte ethnische Mobilisierung
(Esser 1990: 301). Die Frage nach dem Fortdauern ethnischer Phänomene
in modernen Gesellschaften beantwortet er also schließlich damit,
daß er feststellt, die funktionale Differenzierung sei eben noch
nicht abgeschlossen.
In seinem Aufsatz "Zum Funktionswandel von Ethnizität im Prozeß gesellschaftlicher Modernisierung " wirft Nassehi Esser daher vor: "Mit dieser These gibt er der Ausblendung der Frage ethnischer Vergesellschaftung in der Theorie funktionaler Differenzierung im nachhinein doch recht" (1990: 263). Nassehi stellt funktionale und ethnische Differenzierung im Gegensatz zu Esser in einen ursächlichen Zusammenhang, indem er die Funktion von Ethnizität und Nationalismus gleichsetzt. Beide bildeten "Brücken zur Integration trotz struktureller Desintegration" (Nassehi 1990: 269). In modernen Gesellschaften übernehme der Begriff der Nation die Funktion der Ethnizität. "Er wird zur kulturellen Chiffre einer obligatorischen Vollinklusion , die auf die Notwendigkeit reagiert, den Menschen neben seiner Inklusion in teilsystemspezifische Semantiken mit einer Grundsemantik zu versorgen" (ebenda: 270). Neben einer Inklusion in die funktionalen Teilsysteme erfüllen also ethnische und nationale Semantiken die Funktion der Inklusion in die Gesellschaft.
Während Esser also weiterhin an der Auflösung ethnischer Semantiken festhält, stellt Nassehi fest, daß Ethnizität in funktional differenzierten Gesellschaften sich nicht auflöst, sondern ihre Form verändert.
b) Positionen der bundesdeutschen Ethnologie
Wenn man in neueren deutschen Handbüchern der Ethnologie das
Schlagwort "Ethnizität" sucht, entsteht der Eindruck,
daß Ethnizität in der deutschen Ethnologie nicht diskutiert
wird. Im Handbuch: "Ethnologie" (Fischer [Hg.] 1988146)
ist das Schlagwort "Ethnizität"nicht einmal im Index
verzeichnet. Im "Handbuch der Ethnologie" (Schweizer et
al. 1993) findet sich dagegen ein Aufsatz zum Thema (Orywal/Hackstein
1993). In diesem Aufsatz werden die Begriffe "ethnische Gruppe"
und "Ethniziät" erklärt. Die ethnischen Gruppen
werden dabei als die Träger ethnischer Wirklichkeiten, zu denen
auch die Ethnizität zählt, dargestellt. In Abgrenzung zur
radikal-situationalistischen Definition ethnischer Gruppen werden
ethnische Gruppen von den Autoren im Vorfeld folgendermaßen definiert:
"Ethnische Gruppen sind endogame Gruppen, die mittels selektierter
Traditionen ein sie abgrenzendes Selbstverständnis postulieren "
[kursiv im Text] (Orywal/Hackstein 1993: 598). Weiter heißt es:
"In der Literatur besteht eine grundsätzliche Übereinstimmung,
daß mit dem Begriff der Ethnizität der Prozeß der ethnischen
Abgrenzung von Bevölkerungsgruppen innerhalb von Staaten bezeichnet
wird. Diese Begriffsbestimmung ergibt jedoch erst dann einen Sinn,
wenn vorverständlich der Begriff der ethnischen Gruppe geklärt
ist, denn sie sind die Akteure im Ethnizitätsprozeß"
(ebenda).
Mit dieser Feststellung räumen die Autoren ein, daß es Ethnizitätsprozesse
auch innerhalb von Staaten geben kann. Sie bezeichnen jedoch auch
hier ein zweites Mal die ethnischen Gruppen, die sie im Vorfeld als
endogame Gruppen bezeichnet haben, als die Akteure von Ethnizitätsprozessen.147
Ethnizität wird somit eindeutig an endogame Gruppen gebunden.
Die Absicht der Autoren besteht darin, mittels dieser Definition ethnische
Gruppen gegenüber anderen Formen der Vergesellschaftung, wie
Vereine oder politische Parteien, abzugrenzen.
Die Wahl des Kriteriums der Endogamie als Erkennungsmerkmal für
Akteure von Ethnizitätsprozessen halte ich jedoch für problematisch.
Endogamie schließt höchstens solche Ethnizitätsprozesse,
die sich an den Randzonen komplexer Gesellschaften manifestieren (Bevölkerungsgruppen
innerhalb von Staaten, sofern sie endogam sind), in die Definition
mit ein. Nationalstaaten selber werden nicht als alternative Formen
von Ethnizitätprozessen anerkannt.
Durch die Bindung der Ethnizität an endogame Bevölkerungsgruppen
erhält Ethnizität außerdem eine evolutive Komponente:
Da in komplexen Gesellschaften ethnische Grenzenimmer weniger durch
Endogamie aufrechterhalten werden, bedeutet diese Zuweisung der Ethnizität,
daß sie in komplexen Gesellschaften keine Rolle mehr spielen
kann, weil die Akteure fehlen. Auf die evolutive Implikation verweist
auch die Einordnung des Aufsatzes in dem Handbuch. Er steht unter
der Überschrift: "Spezielle Gegenstände: Traditionelle
Gesellschaften im Wandel" (Schweizer et al. [Hg.] 1993: 593).
Damit wird Ethnizität an traditionelle Gesellschaften geknüpft.
Umgekehrt bedeutet es, daß mit dieser Definition bei den Akteuren
ungewollt eine Rückständigkeit impliziert wird.
Durch den Versuch der Abgrenzung ethnischer Phänomene von sozialen Phänomenen der Vergesellschaftung weisen sich die Ethnologen damit auch selbst einen Platz am Rande der eigenen Gesellschaft zu: Indem sie ihr Forschungsgebiet auf endogame Gruppen beschränken, klammern sie sich aus der aktuellen Ethnizitätsdiskussion aus.
Für
die Erklärung, warum in der Ethnologie (nicht nur in der deutschen)
komplexe Gesellschaften aus der Kulturbetrachtung häufig ausgeklammert
werden, bietet sich die These der "Cultural Visibility and Invisibility"
von Renato Rosaldo (1989) an. Obwohl in der Ethnologie vor allem nach
dem Scheitern des melting-pot -Mythos offiziell die Meinung
vertreten wird, alle Kulturen seien gleichwertig und alles menschliche
Verhalten sei kulturell vermittelt und könne darum keiner Wertung
unterlegt werden, besteht dennoch, so Rosaldo, innerhalb der Disziplin
ein informelles Klassifizierungssystem:
"[...] an informal filing system more often found in corridor talk, than in published writings [..]" (Rosaldo 1989: 197).Dieses informelle Klassifizierungssystem teilt die Kulturen nach quantitativen Maßstäbenein: von viel zu wenig, von arm zu reich, von dick zu dünn, von elaboriert zu einfach. Institutionelle Komplexität, Verwandtschafts- oder andere Systeme definieren dabei in stillschweigender Anlehnung an die westlichen Maßstäbe von "high-culture", die ebenfalls am Vorhandensein von Einrichtungen (Museen, Galerien, Oper, etc.) gemessen wird, den "Grad" der Kultur. Die Kluft, die sich dadurch zwischen stillschweigenden und expliziten Normen der Ethnologie auftut, führt laut Rosaldo dazu, daß Forschungspraktiken und Ethnologie nicht übereinstimmen (197/198).
Das stillschweigende Klassifizierungssystem orientiert sich nämlich an einer unveränderbaren soziokulturellen und "pseudoevolutionären" Leiter (199): Am unteren Ende der Leiter stehen die als "einfach" eingestuften Gesellschaften. Ausgehend davon wächst der Kulturgrad bis zu einem imaginären Nullpunkt an. Dieser Nullpunkt, der in der kulturellen Zuschreibung den Wendepunkt zwischen "Kultur haben" und "keine Kultur haben" anzeigt, definiert die Grenze zwischen "ihrer" Kultur und "unserer" Kultur. Mit zunehmender Komplexität und sozialer Mobilität wird ab diesem Nullpunkt nun nicht mehr ein Maximum an kulturellem Reichtum erreicht, sondern es findet paradoxerweise ein Dekulturationsprozeß, ein "process of cultural stripping away" (201) statt, bis eine Gesellschaft postkulturell und für uns "transparent" wird.148 Kulturelle Sichtbarkeit bzw. kulturelle Unsichtbarkeit sind also nur in bezug auf uns selbst zu verstehen.
Hinter dem stillschweigenden Klassifizierungsystem und der Praxis der objektiven, "distanzierten Beobachtung" steht die Bemühung, "uns selbst" "kulturell unsichtbar" zu machen (198). Der Sozialwissenschaftler sitzt kulturell unsichtbar an der Spitze dieser Leiter und blickt sozusagen hinab auf die Gesellschaften mit "Kultur", welche noch als präkultural gelten (insofern sie sich besonders von unserer Kultur unterscheiden), intern homogen sind und damit ein Monopol auf Authentizität bezitzen (201/202). Von dieser stillschweigenden Klassifizierung werden auch Ethnologen geleitet, wenn sie bestimmte Kulturen, gemessen an ihrem "Grad" an Kultur, geeigneter für eine Feldforschung halten als andere (198).
Die Klassifizierung der Kulturen steht, so Rosaldo, in bezug zu den Machtverhältnissen. Er stellt einen Zusammenhang her zwischen kultureller Sichtbarkeit und politischer Machtlosigkeit. Nicht zufällig, so meint er, sind kulturell sichtbare Kulturen nicht nur meist in untergeordneten Positionen von Nationalstaaten zu finden, sondern auch räumlich in Randgebiete abgedrängt (199). Sichtbarkeit der kulturellen Differenz ist demnach das Ergebnis eines langen historischen Prozesses kolonialer Unterdrückung und Zeichen von Isolation und Absonderung einer Gruppe innerhalb eines Nationalstaates. Hinter der Konzeption der kulturellen Differenz verbirgt sich demnach auch eine Machtideologie:
"If 'they' have an explicit monopoly on authentic culture, 'we' have an unspoken one on institutional power" (202).Wenn einer Gruppe also "Kultur" zugesprochen wird, so ist es eine kulturell sichtbare Gruppe. Das meint, daß sie nicht Teil des mainstream , sondern eine isolierte Gruppe ist. Idealerweise ist sie homogen. Nur diese Homogenität garantiert ihr das Monopol auf Authentizität. "Kultur haben" impliziert damit, sozial immobil zu sein. Dies ist eine politische Botschaft, die sich besonders an Minderheiten im Nationalstaat richtet. Sie fordert die Aufgabe der kulturellen Andersartigkeit bei der Einfügung in den mainstream (212). Dieses heißt umgekehrt aber auch: "[...] if it's moving it isn't cultural" (209)!
Die komplexen Gesellschaften sind nach der von Rosaldo problematisierten informellen Klassifizierung kulturell transparent, also unsichtbar. Der Klassifizierung zufolge bleiben Kultur und alle an sie gebundenen Phänomene - demnach auch die Ethnizität - an kulturell sichtbare, homogene - sprich auch: endogame (!) - Kulturen gebunden.
Das Konzept Rosaldos spricht jedoch von Sicht- und Unsichtbarkeit.
Damit verweist er darauf, daß kulturelle Phänomene in komplexen
Gesellschaften zwar für uns "transparent", aber genauso
vorhanden sind wie in Gesellschaften mit "Kultur".
"Multikulturalität" ist ein Begriff, der nach dem offiziellen Scheitern des melting-pot vor allem in der öffentlichen Diskussion aufgekommen ist. Obwohl dieser Begriff eine neue Epoche zu definieren versucht, ist er ein Kind des melting-pot geblieben. Während der melting-pot eindeutig das Verschmelzen aller Kulturen zu einer neuen Kultur meint, spricht die Multikulturalität vom Nebeneinander vieler Kulturen innerhalb eines gemeinsamen Bezugsrahmens. Es wird deutlich, daß beide Begriffe geleitet werden von der Idee der kulturellen Homogenität. Der melting-pot spricht von allgemeiner kultureller Homogenität als dem Ergebnis des Verschmelzungsprozesses, sozusagen von einer Einheitskultur. Der Multikulturalismus spricht dagegen zwar von einem Nebeneinander von Kulturen, meint jedoch immer noch das Nebeneinander kultureller Homogenitäten.
Ähnlich wie Rosaldo stellt auch der Kulturhistoriker Berndt Ostendorf
(1992) fest, daß die Aufwertung ethnischer Differenz nur eine
neue "Konstruktion des Ausschlusses" darstellt (Ostendorf
1992: 855). Multikulturalismus ist, wie er sagt, das Ergebnis der
"Fluchtbewegung vom Schmelztiegel", der eine "tiefsitzende
Phobie vor Vermischung" zugrundeliegt (ebenda: 858).
Er zeigt dieses anhand des konkreten Beispieles der "affirmative
actions" der USA.149
Der Versuch der juristischen Aufwertung von Minderheiten durch diese
Regelung hat in den USA dazu geführt, daß letztendlich "[...]
jene quasianthropologischen Kriterien der rassischen Differenz wiederbelebt
und gestärkt [wurden], auf denen das alte rassistische System
des Südens gründete" (854). Die "affirmative actions"
basierten auf den "somatischen Normen" des Rassebegriffes
und stabilisierten darum das System der Rassentrennung (ebenda). Folge
der Aufwertung ethnischer oder rassischer Differenz sei nicht nur
die "defensiv motivierte" - nun positiv definierte - Abgrenzung
der Minderheiten vom mainstream , sondern auch eine verstärkte
Abgrenzung der konkurrierenden Gruppen untereinander (855).
Die "Umpolung" ethnischer Differenz von negativer Zuschreibung
zu einem positiven Merkmal der Differenz hat somit ihre "[...]
gesamtgesellschaftlich negative Wirkung nichtverloren" (856).
Ostendorf kommt damit zum gleichen Schluß wie Rosaldo:
"Der Verdacht ist erlaubt [...] daß damit [mit der positiven Zuschreibung ethnischer Differenz] eine solche ethnische Identitätspolitik die Marginalisierung der Gruppe festschreibt" (Ostendorf 1992: 856).Anhand des Fragebogens zur Volkszählung 1980 in den USA zeigt Ostendorf auch auf, wie parallel mit der Aufwertung ethnischer Differenz eine gleichzeitige "Entmischung und Säuberung des Schmelztiegels" stattfindet (858). Auf die Frage: "Tragen Sie bitte die ethnische Gruppe ein, mit der der Befragte sich identifiziert " [kursiv im Text] - kann nämlich nur eine Antwort gegeben werden. Ostendorf bemerkt: "Menschen mit einem hoffnungslos vermischten Stammbaum können sich von der Bastardisierung und Vermischung reinigen, indem sie jene ethnische Gruppe wählen, mit der sie sich am meisten identifizieren" (857). Da ethnische Zugehörigkeit eindeutig definiert werden muß, und von außen ein Maßstab angelegt wird, der Vermischungen ausschließt, hat die Aufwertung ethnischer Differenz letztendlich nur dazu geführt, die Kluft zwischen den ethnischen Gruppen zu vergrößern. Dem Maßstab eindeutiger ethnischer Zugehörigkeit liegt eine Reinheitsideologie zugrunde, die von den ethnischen Gruppen übernommen wurde. Ostendorf schreibt: "Es ist alarmierend, daß dieser Reinheitsfimmel jetzt auch unter den Abkömmlingen des bisher größten Vermischungsexperimentes, den Amerikanern, um sich greift" (858).
Egal ob aus dem melting-pot Multikulturalität, aus der Einheit ein "Potlach der Reinheit" (ebenda) oder aus Sichtbarkeit Unsichtbarkeit gemacht wird - sie sind alle "Konstruktionen des Ausschlusses", die auf einer rassistischen Grundlage aufbauen und den Ausschluß von Minderheiten aus dem mainstream legitimieren. Es sind somit Ideologien, die zu Kampfinstrumenten einer legitimatorischen Absicherung rassistischen Verhaltens dienen (vgl.Heckmann 1979).
Die Gefährlichkeit des Ansatzes der Multikulturalität liegt
darin, daß er soziale Unterschiede mit ethnischer Differenz erklärt
und zusätzlich dahin tendiert kulturelle Grenzen durch die Betonung
der Homogenität ethnischer Gruppen mit biologischen Grenzen gleichzusetzen.
Die "soziale Ungleichheit [wird dadurch] als biologisch fundierte
Naturordnung dargestelltund Bestrebungen zu ihren Veränderungen
als gegen die Natur verstoßend abgelehnt" (Heckmann 1979:
85).
All dieses geschieht auf der Grundlage eines Reinheitsmythos', der
sich in der Ethnizitätsdiskussion zu verselbständigen droht
und auf eine "pure und reine Ethnizität" (Ostendorf
1992: 859) und damit auf pure und reine Ethnien hinauslaufen muß.
Damit steht der gegen Gleichheitsidee und Gleichheitsbestrebungen
gerichtete Reinheitsmythos im Gegensatz zur Globalisierung und damit
zu einer immer enger vernetzten Welt, in der er in weiten Teilen schon
einer realistischen Grundlage entbehrt und darum nicht mehr haltbar
ist, wie Rosaldo sagt:
"Rapidly increasing global interdependence has made it more and more clear that neither 'we' nor 'they' are as neatly bounded and homogeneous as once seemed to be the case" (Rosaldo 1989: 217).
Betrachtet man die Waldenser historisch, so läßt sich nicht nur der Wendepunkt, an dem sie von einer homogenen zu einer heterogenen Kultur wurden, in ihre Geschichte mit dem Jahr 1848 festlegen, sondern es läßt sich auch der Weg nachzeichnen, auf dem sie von einer sichtbaren - weil marginalisierten - Kultur im geeinten Italien schließlich zu einer unsichtbaren wurden. Ihr "process of cultural stripping away" (Rosaldo 1989: 201) begann mit dem Erlernen und schließlichen Übernehmen der italienischen Sprache, mit ihrer forcierten Evangelisierung im geeinten Italien, mit der Aufnahme von Proselyten in die Kirche und vor allem mit ihrer Identifikation mit dem neuen liberalen Staat. Am berühmt gewordenen Satz des Generals Beckwith läßt sich am besten das Paradox dieses Prozesses erklären. Mit der Aussicht auf die Auflösung des Ghettos sagte er folgendes:
"Se avrete una forza intrinseca riuscirete [...] altrimenti finirete confusi con la massa e non si sentirà più parlare di voi. La vostra carriera...è finita, le cose vecchie sono passate, le nuove stanno sbocciando. D'ora innanzi o siete missionari o non siete nulla" (Ribet: 1988: 42f).150Beckwith bezog sich mit seiner Aussage auf das Überleben der Waldenserkultur in einem geeinten Italien. Gerade dieses Überleben der Waldenser durch Eingliederung in die italienische Kultur hat vom kulturellen Standpunkt aus paradoxerweise doch dazu geführt, sie mit der Masse verwechselbar - sie also unsichtbar - zu machen. Betrachtet man Beckwith' Satz jedoch vom sozial-ökonomischen Aspekt, hat er recht behalten, insofern die Waldenser voll anerkannte Mitglieder in der italienischen Kultur geworden und weitestgehend in die Mittelschicht integriert sind. Das Paradox könnte demnach fogendermaßen umschrieben werden: Man redet über sie, aber man sieht sie nicht. Gemeint ist damit: Das Waldensersein ist ihnen nicht anzusehen .151 Diese Betrachtung bestätigt Rosaldos Annahme, daß hinter kultureller Unsichtbarkeit bzw. Sichtbarkeit auch ein politisches Moment steht, das Minderheiten bei der Eingliederung in den mainstream unsichtbar macht. Daß dieser Auflösungsprozeß nicht stattfindet, sondern daß sich sowohl die sich eingliedernde als auch die dominante Kultur verändern, scheint dabei - trotz besserem Wissen - außer acht gelassen zu werden.152 Besonders deutlich wird dieses gerade in der Ethnizitätsdiskussion, in der sich Ansätze, die das Überdauern ethnischer Konzepte in komplexen Gesellschaften beschrieben, in den 70er Jahren nicht durchsetzen konnten (Novak 1974; Gans 1979153) und in einer Neuauflage erst in den 90er Jahren wiederbelebt wurden (Pozzetta [Hg.] 1992). Vor dem Hintergrund der neuen Nationalismen vor allem in Osteuropa, aber auch in allen westlichen Industrienationen, scheint man sich nun die Frage zu stellen, warum ethnische Konzepte überhaupt überdauern (Smith 1991154). Das Grundproblem bleibt jedoch die grundsätzliche Orientierung am von Rosaldo kritisierten Kulturkonzept, das unsere eigene komplexe Gesellschaft von der Kulturbetrachtung ausschließt und darum kulturelle Phänomene in diesen Gesellschaften nicht ausreichend erklären kann.
Bei der Frage, wie die kulturellen Varianten der Waldenser in die Gesamtdiskussion einzuordnen sind, wird das grundsätzliche Problem besonders deutlich. In der informellen Klassifizierungsskala, die von Rosaldo problematisiert wurde und die den klassischenKulturkonzepten zugrunde liegt, sind die Waldenser kulturell unsichtbar. Sie leben in einer komplexen Gesellschaft und können darin räumlich nicht vollständig isoliert werden. Sie sind weder endogam noch kulturell homogen, auch wenn sie Gemeinsamkeiten von Kultur besitzen, durch Geschichte und aktuelle Erfahrungen verbunden sind, ein bestimmtes Identitäts- und Solidarbewußtsein zeigen und viele von ihnen ein eindeutiges ethnisches Bewußtsein entwickelt haben.
Für ethnische Phänomene im Inneren von komplexen Gesellschaften fehlen weitestgehend noch entsprechende ethnologische Erklärungskonzepte oder haben sich noch nicht durchsetzen können. Solange vorwiegend "homogene" Kulturen das Studienobjekt sind, läßt sich diese Lücke auch erklären. Es ist darum sicherlich kein Zufall, daß der Chicano 155 Renato Rosaldo ein neues Kulturkonzept definiert, nachdem er sich von einem klassischen homogenen Kulturverständnis abgrenzt:
"In contrast with the classic view, which posits culture as a self-contained whole made up of coherent patterns, culture can arguably be conceived as a more porous array of intersections where distinct processes crisscross from within and beyond its borders" (Rosaldo 1989: 20).Er prägt den Begriff der borderlands , der kulturellen Grenzbereiche, die er nicht nur zwischen den "öffentlich anerkannten Kultureinheiten" ansiedelt, sondern auch innerhalb der Kulturen selber:
"Borderlands surface not only at the boundaries of officially recognized cultural units, but also at less formal intersections, such as those of gender, age, status, and distinctive life experiences" (ebenda: 29).In diesem offenen Beziehungsnetz realisieren die Akteure ihre persönlichen Emotionen, Erfahrungen, Pläne, ihr Selbstbewußtsein und ihr Selbstverständnis, gleichzeitig sind sie und ihr Handeln in ihm positioniert. Sie sind positioned subjects (7/9). Für die ethnographische Erkenntnis bedeutet dieses, daß sowohl die Akteure als auch der sie beobachtende Wissenschafler positioned sind. Seine Ausgangsfrage, wie man in einer Welt mit "open borders" noch ein Projekt sozialer Studien definieren soll (45), beantwortet Rosaldo mit diesem "key-concept" (7). Die Einsicht in soziale, also auch ethnologische Zusammenhänge hängt ab von der Lebenserfahrung und Position des einzelnen.
Da Kultur erlernt wird und jedes Individuum anders perzipiert, gibt es unendlich viele Blickwinkel, aus denen eine Kultur betrachtet werden kann. Darum ist es wichtig, daß sowohl die Position der Akteure als auch die des Beobachters geklärt werden, denn: "The notion of position also refers to how life experiences both enable and inhibit particular kinds of insight" (19).
Die Verbindung zwischen Lebenserfahrung, Position und Einsicht möchte Rosaldo also nutzen. Er fordert darum, die Erfahrung als analytische Kategorie in den Erkenntnisprozeß mit einzubeziehen. Der Analytiker soll seine eigenen Emotionen zulassen, um seine Perspektive zu verändern: von einem bloßen Betrachten hin zu einem unmittelbaren Nachempfinden und Nachvollziehen.
Aus Rosaldos Kulturkonzept ergibt sich neben einer neuen Form der Analyse vor allem auch eine neue Definition der Rolle von Ethnizität, in die sich auch die Ergebnisse dieser Arbeit einordnen lassen.
Rosaldo thematisiert in seinem Kulturkonzept zwei grundsätzlich
wichtige Punkte. Erstens: Kultur ist nicht homogen und zweitens: Kultur
ist erlernt.
Der oben kritisierte Multikulturalismus definiert als Begriff zunächst einen Zustand, in dem sich viele westliche Demokratien derzeit befinden (Ostendorf 1992: 846). Wenn man die Auflösung der Homogenität der aufeinandertreffenden Kulturen, hier: der italienischen undder Waldenserkultur, betrachtet und akzeptiert (!), so zeigen sich die borderlands - die kulturellen Grenzbereiche. Die neue Gesamtkultur ist nun nicht mehr das bloße Nebeneinander der Kulturen, sondern "[...] a plurality of partially disjunctive, partially overlapping communities [..]" (Walzer, zit. n. Rosaldo 1989: 182). Für die Waldenser bedeutet dieses, daß sie sich innerhalb der Gesamtheit von Waldenserkultur und italienischer Kultur positionieren.
Um zunächst "Ethnien" von anderen Formen der Vergesellschaftung abzugrenzen, ist es notwendig, ein Definitionskriterium einzuführen. Elwert (1989: 35) formuliert dieses im "Bezug zur Familie". Mit der Inklusion in eine Ethnie erhält man Verwandte. Der Bezug zur Familie verweist auf eine gesellschaftlich konstruierte "Erblichkeit" der Verwandtschaft und damit auch auf die Weitergabe der ethnischen Positionierung und zwar "[...] unabhängig davon, ob der Vererbende selbst durch Geburt oder durch den Beitritt in die Ethnie aufgenommen wurde" (ebenda).156
Der Hinweis auf den Beitritt durch Elwert beschreibt, daß man
individuell ethnische Identität durchaus annehmen kann. Die Weitergabe
ethnischer Identität, sprich: die Ethnizität, verläuft
dagegen in erster Linie über die Familie oder die Ethnie, die
als Familie im weitesten Sinne verstanden wird. Die Ethnie definiert
sich in erster Linie über die Vorstellung einer gemeinsamen Herkunft
(siehe Keyes 1976). Ein "Konvertit" wechselt also von einer
ethnischen Identität zur anderen, insofern er die Vorstellung
über seine Herkunft wechselt und diese neue Herkunftsvorstellung
an seine Kinder weitergibt. Die Weitergabe der ethnischen Identität
durch Sozialisation zeigt sich in der Diaspora der Waldenserkirche,
die von Konvertiten abstammt. Kinder von Konvertiten der ersten Generation
bezeichnen sich als Waldenser und gelten als Waldenser, obwohl sie
nicht genetisch von Waldensern abstammen.
Ethnizität bekommt in diesem Zusammenhang eine neue Bedeutung:
Sie kann als Mittel derPositionierung zur Option werden. Die Wahlkomponente
ist wichtig, weil sie zeigt, daß Ethnizität nur als ein
Mittel von vielen zu verstehen ist, mit dessen Hilfe sich Individuen
im Gesamtnetz der Kulturen einordnen können - aber es nicht zwingend
müssen. Ethnizität wird deshalb auch nicht "zwangsläufig"
vererbt, sondern sozial vermittelt. Sie wird erlernt. Ethnien werden
damit vom individuellen Standpunkt aus sozusagen zu Wahlfamilien.
Individuen wählen ethnische Zugehörigkeit, wenn (!) sie
nicht von außen durch Fremdzuschreibung an der Wahlmöglichkeit
gehindert werden.157
Im Zusammenhang der Einordnung der Waldenser und ihrer kulturellen Varianten interessiert vor allem dieser individuelle Wahlaspekt in der Ethnizität. Da die Waldenser kulturell unsichtbar sind, können sie sich frei zwischen ethnischer, regionaler, nationaler und europäischer Identität bewegen und diese Wahlmöglichkeiten ausschöpfen. An ihrem Beispiel kann besonders deutlich dargestellt werden, daß Ethnizität durchaus eine optionelle Komponente enthält. Die Korrelation zwischen Option und Sichtbarkeit wird deutlich: Je sichtbarer ein Akteur kulturell ist, desto mehr wird die Wahlmöglichkeit durch die Fremdzuschreibung eingeschränkt, da ihm auf diese Weise die ethnische Zugehörigkeit auch von außen zugewiesen wird.
An den kulturellen Varianten von Waldensern läßt sich der individuelle Aspekt der Ethnizität darstellen. Er wird in der Varianz der Antworten auf die Frage nach dem "essere valdese" besonders deutlich. Betrachtet man die Gesamtheit der Waldenserkultur und löst ihre "Homogenität" auf, so läßt sie sich in die Komponenten: "Geschichte", "Religion", "eigene Kultur" und "Minderheitenbewußtsein" unterteilen, die im ethnographischen Teil der Arbeit dargestellt worden sind. Die Darstellung dieser Komponenten entspricht der vonRosaldo thematisierten Kultur "conceived as a more porous array of intersections" (Rosaldo 1989: 20). Dabei muß berücksichtigt werden, daß es sich bei diesen "intersections" nur um die Unterteilung der Waldenserkultur handelt und "natürliche intersections", wie Geschlecht und Alter, sowie soziale Unterteilungen, wie Schicht und Bildung, hier außer acht gelassen sind. Diese "intersections" sind sozusagen der Hintergrund, vor dem sich auch die kulturellen Varianten der Waldenser bewegen. Das bedeutet, daß die hier beschriebenen kulturellen Varianten sogenannte Idealtypen darstellen, die durch die unterschiedliche Gewichtung der Komponenten des Waldensertums zu den unterschiedlichen kulturellen Seinsweisen spezifisch von Waldensern führen.
Dadurch daß sich das Waldensertum grob in religiöse (Religion) bzw. ethnische Identität (Geschichte, eigene Kultur, Minderheitenbewußtsein) aufspalten läßt, kann die Wahlmöglichkeit, die zwischen den verschiedenen Komponenten besteht, besonders anschaulich dargestellt werden, gerade weil Religionszugehörigkeit akzeptierterweise eine optionelle Komponente enthält.158 Obwohl also "nach wie vor [...] einige Autoren geneigt [sind], sogenannte Religionsgruppen aus dem Spektrum ethnischer Gruppen auszuklammern" (Orywal/Hackstein 1993: 596), bin ich im Gegenteil der Meinung, daß man gerade anhand der Nichthomogenität dieser Gruppen, die sich aus der ethno-religiösen Doppelidentität ergibt, individuelle Wahlmöglichkeit, also das Positionieren von Individuen innerhalb eines kulturellen Zusammenhangs, besonders deutlich zeigen kann. So stellte Sydelle Brooks Levy schon 1973 fest, daß Ethnizität bei den Lubovitcher Hassidim - einer Gruppe orthodoxer Juden - nicht allein zur Stärkung der Selbstidentifikation diente, sondern sich in der Gruppe eine Bandbreite von verschiedenen kulturellen Seinsweisen fand, die sie auf unterschiedliche individuelle Zielsetzungen zurückführte:
"The cultural forms not only displayed a broad range of variation within thegroup, but were differentially used by individual members in pursuit of particular goals" (Levy 1973: 27).Die von außen scheinbare Homogenität der Hassidim löste sich so bei der Betrachtung von Einzelpersonen und ihren Verhaltensweisen auf:
"But, if we observe an individual Lubovitcher, a vast array of acceptable behavioral alternatives are available within a cultural framework that suggests great heterogeneity" (ebenda: 28).159Die gleiche Beobachtung läßt sich auch bei den Waldensern machen. Betrachtet man die Varianten im Innern der Waldenserkirche, so zeigen sich hier zunächst Unterschiede in dem, was Individuen mit dem Waldensertum in Verbindung bringen. Es gibt Personen, die hier als Christen und Protestanten bezeichnet wurden, die mit dem Waldensertum die religöse Komponente verbinden. Diese Personen zeigen kein ethnisches Bewußtsein. Sie bezeichnen sich zwar als Waldenser, verbinden damit aber nicht die ethnische, sondern die religiöse Komponente des Waldensertums.
Weiter gibt es im Innern der Waldenserkirche Personen, die sich im nationalen Rahmen Italiens als Minderheit einordnen. Viele von ihnen identifizieren sich darüber hinaus mit der Waldensergeschichte und verstehen sich als Nachkommen der in der Geschichte beschriebenen Gruppe. Diese Personen, die hier der Variante Waldenser oder Waldenser Traditionalisten zugeordnet wurden, zeigen, daß sie mit dem Waldensertum auch eine ethnische Komponente verbinden, auf deren Grundlage die Unterscheidung nicht nur zu den anderen Protestanten, sondern auch zur italienischen Kultur definiert wird.
Im popolo valdese zeigte sich dagegen im Vergleich zu den Varianten der Waldenserkirche ein sehr ausgeprägtes Minderheitenbewußtsein, welches nur aus einem latenten ethnischenBewußtsein erklärt werden kann.
Die verschiedenen Gewichtungen weisen darauf hin, daß individuell unterschiedlich aus den verschiedenen Komponenten des Waldensertums geschöpft werden kann und geschöpft wird. Gemeinsam ist diesen verschiedenen kulturellen Varianten, daß sie bestimmte Denk- und Handelsweisen auf ihren kulturellen Ursprung im Waldensertum zurückführen. Dieses ist vor allem bei den Varianten des popolo valdese zu beobachten, die weitestgehend nicht mit der Kirche in Kontakt stehen.
Die kulturelle Varianz bei Waldensern erklärt sich jedoch nicht aus der unterschiedlichen Gewichtung der Komponenten der Waldenserkultur allein. Es muß zum Beispiel auch berücksichtigt werden, daß Waldenser nicht in einem kulturellen Vakuum leben und also nur Waldenser sind. Sie sind gleichzeitig zum Beispiel Städter oder Dorfbewohner, Piemontesen oder Sizilianer, Täler-Waldenser oder Diaspora-Waldenser, Nord- oder Süditaliener. Vor dem Hintergrund dieser verschiedenen "intersections" positionieren sich die Waldenser individuell.
Dieser Analyse liegt also die Feststellung zugrunde, daß Ethnizität
in die Gesamtheit kultureller Muster als Symbolsystem eingebettet
ist. Je nach Situation wird ethnische Identität individuell von
Gruppenmitgliedern aktiviert, um bestimmte Ziele zu erreichen (Levy
1973: 28). Das bedeutet, Positionierung ist abhängig von der
aktuellen Situation, das meint abhängig von Interaktionspartner,
Zeit, Zeitgeschehen und Raum. Das heißt auch, daß ethnische
Zugehörigkeit an den Lebenszyklus gebunden ist und sich ihre
Definition darin ständig verändert.
Bei der Betrachtung der kulturellen Varianten wird dieses darin deutlich,
daß sie zueinander offene Grenzen haben. Dieses zeigt sich vor
allem an den Konvertiten (vgl. die Antworten 2 und 37 im Anhang),
die über die religiöse Identität hinaus mit der Zeit
auch eine ethnische annehmen, also von Protestanten zu Waldensern
oder sogar zu Waldenser Traditionalisten werden können.
Dieser Weg ist dabei nicht zwingend vorgezeichnet (vgl. die Antwort
73).
Levy formuliert: "The decision to employ ethnic identification, like all other role behaviors,is situally defined, strategically determined, and goal oriented" (1973: 28). Levy versteht damit ethnische Identifikation als zielorientiertes Handeln. Gehen wir von Personen aus, die aufgrund ihrer Biographie "intersections" des Waldensertums vermittelt bekommen haben und aufgrund dessen ein von der nationalen Norm abweichendes kulturelles Spektrum zur individuellen Positionierung zur Verfügung haben. Die pragmatische Frage, die sich nun stellt, lautet: Welche Ziele könnten mit einer Positionierung verfolgt werden? Warum sollte sich ein Individuum bei freier Wahlmöglichkeit innerhalb der Waldenserkultur positionieren?
Die Antworten auf diese Fragen verweisen einerseits auf die unterschiedlichen Motivationen, die den verschiedenen Erklärungen und Definitionen spezifisch vom Waldensersein zugrunde liegen, andererseits allgemein auf mögliche grundsätzliche Motivationen, die eine ethnische Identifikation bedingen können.
Die Waldenserkirche bietet die Möglichkeit einer Vollinklusion. Sie bietet neben der Ethik auch den Raum für ihre Verwirklichung. Auf sie trifft der Begriff "Wahlfamilie" zu. Sie ist ein relativ abgeschlossener Raum, wie der simpatizzante es als Außenstehender empfand: eine Zitadelle oder, wie es bei Federica Burro heißt: "Eine Mikrokirche". Diese relative Abgeschlossenheit bedeutet "das Kennen fast aller Mitglieder der Kirche" und ist vergleichbar mit einer Großfamilie (vgl. die Antwort 40). Innerhalb dieses definierten Raumes können nach bestimmten Regeln Akzeptanz und Ansehen erworben werden.
Die Waldenserkultur bietet weiterhin eine Ethik als Handlungsgrundlage, die sowohl über religiöse Inhalte und Zeremonien als auch losgelöst davon, über die Waldensergeschichte, vermittelt und unabhängig von ihrem religösen Hintergrund als philosophische und moralische Lehre interpretiert werden kann. Man kann die Ethik für sich beanspruchen ohne notwendig Teil der Kirche zu werden. Diese Möglichkeit demonstrierten Igor Sibelli und Federico Ranchetti, die beide aus interkonfessionellen Ehen stammen und mit ihrer Identifikation zu Mitgliedern des popolo valdese werden (45, 63).
Die Waldenserkultur bietet außerdem die Möglichkeit der Teilnahme an einer institutionalisierten Positionierung. Sie bietet die Identifikation mit dem Minderheitenstatus in deritalienischen Gesellschaft, die Teilnahme an einer definierten Ausgrenzung bzw. Eingrenzung mit den damit verbundenen Handlungsstrategien. Die Teilahme an der institutionalisierten Positionierung meint hier die Übernahme der Muster einer Gesellschaftsklassifizierung. Diese Übernahme kann damit weitestgehend auch die individuelle Positionierung festschreiben. Diese Möglichkeit wird vor allem von den Mitgliedern des popolo valdese genutzt, die sich mit der Minderheitenposition der Waldenserkirche in Italien identifizieren.
Weiter kann ethnische Identifikation zum Erklärungsmuster für das individuelle Anderssein werden. Auch dieses läßt sich vor allem bei Mitgliedern des popolo valdese beobachten, die ihre Verhaltensweisen als alternativ zur Umwelt empfinden und sie auf ihre waldensische Herkunft zurückführen. Dieses wurde vor allem bei den Kindern sehr aktiver Waldenser deutlich, wie bei Enrico Livato und Ernesto Bistrale (vgl.44).
Es zeigt sich, daß der popolo valdese sich eher ethnisch positioniert im Unterschied zu den Mitgliedern der Waldenserkirche. Dieses liegt darin begründet, daß die Mitglieder des popolo valdese die religiöse Komponente des Waldensertums nur schwach oder gar nicht betonen. Die Erklärung für ihr individuelles Anderssein, ihr Minderheitenbewußtsein, das sie stärker empfinden als die Mitglieder der Waldenserkirche (72,7% gegenüber 30,5%.), wird nicht nur mit ihren Eltern, sondern mit der gesamten Gruppe der Waldenser in Verbindung gebracht.
Zusammenfassend läßt sich also sagen, das Ethnien Gruppen
sind, in denen die Mitglieder durch den Glauben an einen gemeinsamen
Ursprung vereint werden. In komplexen Gesellschaften eingebettete
Ethnien sind nicht zwangsläufig auch physisch vereint. Vielmehr
findet hier eine räumliche Streuung statt, so daß zwischen
einem sichtbaren und isolierbaren Kern und einem nicht sichtbaren
ethnischen Raum unterschieden werden kann. Der Unterschied zu anderen
Formen menschlicher Vergesellschaftung in komplexen Gesellschaften
liegt bei Ethnien darin, daß Individuen sich selbst in die Geschichte
der Gruppe in Termini der individuellen Herkunft einordnen und somit
die Geschichte der Gruppe zu der eigenen Biographie zählen. Damit
verbunden ist das Bemühen, diese Identität den eigenen Kindern
weiterzugeben. Die Ethnie konstituiert eine Familie. Das quasi-verwandtschaftliche
Verhältnis der Individuen innerhalb der Gruppe ergibt sich dabei
aus dem Glauben, den gleichen Ursprung zu haben. Die Beziehungen im
isolierbaren Teil einer Ethnie unterliegen eigenen Regeln. Ethnien
teilen Gemeinsamkeiten von aktuellen Erfahrungen und Kultur. Sie besitzen
ein bestimmtes Identitäts- und Solidarbewußtsein. Wenn sich
Mitglieder einer Ethnie auf ethnischen Grundlagen organisieren, bilden
sie eine Form von Interessensgemeinschaft. Innerhalb von Ethnien gibt
es unterschiedlich ausgeprägte Formen von Ethnizität.
Ethnizität bezeichnet die Tatsache, daß eine relativ große
Gruppe von Menschen durch den Glauben an eine gemeinsame Herkunft,
durch Gemeinsamkeiten von Kultur und Geschichte und aktuellen Erfahrungen
miteinander verbunden ist und ein bestimmtes Identitäts- und
Solidarbewußtsein besitzt (vgl.Heckmann 1992: 56). Ethnizität
kann individuelles und kollektives Handeln bestimmen.
Ethnizität ist die Voraussetzung für die Bildung von Ethnien,
kann aber auch losgelöst vom Gruppenkontext existieren. Bei der
Ethnizität lassen sich darum zwei verschiedene Formen unterscheiden:
Die Diskussion um den 8 per mille war auf diese Weise nicht nur Anlaß zu einer Neudefinition der sozialen und kulturellen Rolle der Waldenserkirche im allgemeinen, sondern forderte gleichzeitig auch eine neue Positionierung der einzelnen Waldenser im besonderen. Die Auseinandersetzung zwischen individueller und institutionalisierter Ethnizität, zeigte Riccardo Piccari (1991, 20 Jahre, Zivildienstleistender aus Torre Pellice) kurz nach der offiziellen Annahme des Gesetzentwurfes des 8 per mille durch die Synode 1991:
I: Hat das [deine Einstellung] auch etwas mit der Identität zu tun, der Waldenseridentität?"Weißt du, daß ich das gedacht habe? Weil ich an einem bestimmten Punkt bin ich; ich beobachtete alle, die sicherlich 'ja' oder 'nein' gewählt hatten, und ich habe mir gesagt: Verflixt! Ich hier habe dieses Credo und so weiter. Jetzt beobachte ich Leute, die gewählt haben, damit wir diese Gelder nehmen. Und es sind diese, die eine neue Richtung, einer neuen Richtung den Weg bahnen. Und ich habe mich einen Moment lang sehr getrennt von ihnen gefühlt, fast - ich habe mir sogar gesagt: Nein, dann habe ich also nichts mit ihnen zu tun. Stattdessen muß man diese Sachen vergessen. Ich muß dagegen auch diese Vorurteile in meinem Innern fallen lassen.. die Kirche ist immer dieselbe.
[...]
Klar, mich ärgert das im Sinne, daß es mir leid tat wegen dieser Sache, aber Punktum. Wenn die Kirche akzeptieren wird, werde ich mich auf diese Weise anpassen, aber ich werde mein möglichstes versuchen, daß dieser 8 per mille aus meiner Sicht nicht so viel wiegt, und ich werde versuchen in meinem kleinen, die Kirche so viel wie möglich zu finanzieren" (TP 1991 I A 004-413, hier: Ausschnitte aus 180-260 und 285-289).
Diese Ausführungen kurz nach der Annahme des Gesetzes zeigten,
wie Riccardo sich als Gegner des 8 per mille von der
Entscheidung der Synode distanzierte. Er war sich darüber bewußt,
daß die Entscheidung eine Wende und eine Neudefinition für
die Waldenserkirche bedeutete, an deren Formung er persönlich
nicht beteiligt war: "Und es sind diese, die eine neue Richtung,
einer neuen Richtung den Weg bahnen." Auf dieser Grundlage konnte
er sich nicht mit der Kirche identifizieren: "Und ich habe mich
einen Moment lang sehr getrennt von ihnen gefühlt, fast - ich
habe mir sogar gesagt: Nein, dann habe ich also nichts mit ihnen zu
tun." Schließlich kommt er dann aber zu dem Schluß,
daß sich seine Haltung gegenüber der Kirche nicht ändern
wird und positioniert sich mit Vorbehalt wieder innerhalb der neudefinierten
Gruppe ein: "Stattdessen muß man diese Sachen vergessen.
Man muß dagegen auch diese Vorurteile in meinem Innern fallen
lassen.. die Kirche ist immerdieselbe."
So führt die Auseinandersetzung schließlich zu einem Kompromiß,
der die Einstellung Riccardos zum 8 per mille nicht
verändert, aber innerhalb der neuen Situation zu neuen Handlungsstrategien,
also einer neuen Positionierung innerhalb der Kirche führt: "Wenn
die Kirche akzeptieren wird, werde ich mich auf diese Weise anpassen,
aber ich werde mein möglichstes versuchen, daß dieser 8
per mille aus meiner Sicht nicht so viel wiegt, und ich werde
versuchen in meinem Kleinen, die Kirche so viel wie möglich zu
finanzieren." Dieses Beispiel zeigt, wie individuelle Ethnizität,
die mit institutionalisierter Ethnizität in Verbindung steht,
situationsgebunden gemanagt wird.
Adriana Sappé (1991, 28 Jahre, Erzieherin aus den Tälern) stellte dieses folgendermaßen dar:
"Oft, wenn ich auch mit anderen Leuten von den Waldensern rede, sage ich 'die Waldenser'. Ich habe bemerkt, daß ich nicht immer 'wir Waldenser' sage, nicht? und sicherlich von jetzt an, wenn ich vom 8 per mille reden werde..:'DIE Waldenser haben entschieden', weil ich mich darin nicht wieder finde." (TP 1991 I A 415-745, hier: 615-617).
Diese Darstellung zeigt, daß Adriana Sappé gegenüber Nicht-Waldensern ihre waldensische Identität nicht immer offen darlegt: "Ich habe bemerkt, daß ich nicht immer 'wir Waldenser' sage, nicht?" Am Beispiel des 8 per mille , von dem sie eine Gegnerin war, demonstrierte sie, wie sie sich in zukünftigen Gesprächen besonders deutlich von diesem neu angenommenen Teil der Waldenseridentität distanzieren würde: 'DIE Waldenser haben entschieden'. Mit dem Hinweis: "[...] weil ich mich darin nicht wieder finde", zeigte sie, daß dem hier stattfindenden Selektionsprozeß individuelle identifikative Motive zugrunde liegen, die zur Folge haben, daß sie sich außerhalb der Gruppe positioniert. Dieses zeigte, daß Adriana Ethnitzität situationsgebunden einsetzt.
Allerdings kann Fremdzuschreibung, die im Interaktionsprozeß von außen an die kulturelle Sichtbarkeit von Akteuren herangetragen wird und einen ideologischen Hintergrund hat, dieses Management einschränken oder sogar verhindern.
Die Betrachtung der Waldenserkultur als einer Kultur innerhalb einer
komplexen, also auch kulturell multiplexen Gesellschaft, hat eine
besondere Art und Weise der Analyse gefordert. Da diese Kultur nicht
homogen und geographisch isolierbar ist, was sich aus der Tatsache
ergibt, daß nicht alle Waldenser gleichzeitig Mitglieder der
isolierbaren Waldenserkirche sind, mußte ein Weg gefunden werden,
spezifisch waldensische Eigenschaften zu bestimmen. Dafür mußte
erst die Waldenserkultur, aus der sich diese Eigenschaften ergeben,
dargestellt werden. Um die Waldenserkultur innerhalb der italienischen
Kultur zu isolieren, wurde die Waldenserkultur zunächst in ihre
Komponenten unterteilt. Ausgehend von der Waldensergeschichte, die
die Grundlage für die waldensische ethno-religiöse Identität
ist, ergaben sich die weiteren Komponenten der Waldenserkultur, die
definiert wurden als: Minderheitenbewußtsein, Protestantismus
und eigene kulturelle Netzwerke.
Mit Hilfe des Konzeptes der forma mentis wurde parallel zur ethnographischen Beschreibung, die auf der Grundlage der Komponenten aufbaute, nicht nur das Spezifische der Waldenserkultur und ihrer aktuellen kulturellen Probleme erfaßt, sondern auch der Pool für die kulturellen Varianten isoliert.
Ausgehend vom deskriptiv-analytischen Teil konnten für die waldensischen Komponenten entsprechende Komponententeile bestimmt werden. Darauf aufbauend wurden die individuellen Antworten auf die Frage nach dem Waldensersein analysiert und folgende Varianten bestimmt:
Innerhalb der Waldenserkirche unterscheiden sich Waldenser Traditionalisten, Waldenser, Protestanten und Christen. Ihre ethnische Identifikation wird in erster Linie durch das Geschichtsbewußtsein determiniert. In bezug zur Waldenserkultur lassen sich die Varianten in konzentrischen Kreisen anordnen: Im Kern befinden sich Waldenser Traditionalisten. Um diese gruppieren sich die Waldenser mit einem starken Bezug zu den kulturellen Netzwerken. Eine nächste Gruppe sind die Protestanten, die vor allem die protestantisch-waldensischen Werte betonen. Schließlich am Rand bewegen sich die Christen. Vor allem Christen zeigen kein spezifisch ethnisches Bewußtsein.
Innerhalb des popolo valdese , der wenig oder gar nicht in Kontakt mit der Waldenserkirche steht, lassen sich zwei Komplexe unterscheiden. Ein nicht-gläubiger Teil und ein gläubiger Teil, der zusätzlich in Marginalwaldenser und Kryptowaldenser unterteilt werden kann. Im popolo valdese sind fast die gleichen Varianten vertreten wie in der Waldenserkirche. Auch hier gibt es, sowohl bei den Marginalwaldensern als auch beim nicht-gläubigen popolo valdese , Vertreter mit einem ausgeprägten Geschichts- und Minderheitenbewußtsein entsprechend den Waldenser-Traditionalisten in der Waldenserkirche. Während es innerhalb des nichtgläubigen popolo valdese und in der Gruppe der Marginalwaldenser noch unterschiedliche kulturelle Seinsweisen gibt, kann die Gruppe der Kryptowaldenser vollständig zu den Traditionalisten zählen.
Die unterschiedlichen kulturellen Varianten der Waldenser ergeben sich aus den unterschiedlichen Gewichtungen der zur Waldenserkultur gehörenden Komponenten, was sich besonders darin zeigt, daß der popolo valdese ein ausgeprägtes Minderheitenbewußtsein besitzt.
Aus der unterschiedlichen Gewichtung von "Minderheitenbewußtsein", "Geschichtsbewußtsein", "Glauben" und "eigenen kulturellen Netzwerken" kommt es auch zu unterschiedlichen Formen von Ethnizität innerhalb der Gruppe der Waldenser. Die unterschiedlichen Formen von Ethnizität verweisen auf unterschiedliche Motivationen, die einer ethnischen Identifikation zugrunde liegen können. Die Motivationsgrundlagen für eine ethnische Identifikation liegen dabei, wie hier definiert wurde, in der Möglichkeit einer Vollinklusion, in der Ethik als Handlungsgrundlage, in der Teilnahme an einer institutionalisierten Positionierung und im Erklärungsmuster für das individuelle Anderssein.
Die Einordnung dieser Ergebnisse in die aktuelle Diskussion hat demnach letztlich zu einer neuen Definition von Ethnie und einer differenzierteren Analyse der Rolle von Ethnizität in komplexen Gesellschaften geführt.
Trotzdem sind viele Fragen bezüglich der Ethnizität in dieser Arbeit offen geblieben, so zum Beispiel die Frage nach der Rolle, die interkonfessionelle Ehen bei der Erziehung zur waldensischen Identität spielen. Wie wird ethnische Erziehung in Familien realisiert, und welche Rolle spielen dabei zum Beispiel der Vater bzw. die Mutter? Welche Ereignisse geben den Ausschlag für eine ethnische Identifikation, und welche Ereignisse oder Umstände begründen im biographischen Management eine Marginalisierung dieser Komponente? In dieser Arbeit konnte nur ein Anstoß gegeben werden zur weiteren Untersuchung der Rolle von Ethnizität in kulturell multiplexen Gesellschaften.
Es hat sich jedoch deutlich gezeigt, daß Ethnizität bei einer freien Wahlmöglichkeit der Akteure in einer komplexen Gesellschaft nur eines von vielen Mitteln zur individuellen Positionierung ist. Fremdzuschreibung - zu der auch die ideologischen Konzepte "melting-pot " und "Multikulturalität" zählen - schränkt die individuelle Wahlmöglichkeit bezüglich der Ethnizität ein und zwingt Akteure zu eindeutiger ethnischer Zugehörigkeit. Denn an diese ideologischen Konzepte ist nicht nur der Mythos kultureller, sondern auch biologischer Reinheit von Ethnien gebunden.
Fremdzuschreibungen können so zu politischen Strategien des Ausschlusses werden, die auf der Grundlage von kulturellen Unterschieden soziale Ungleichheit nicht nur rechtfertigen, sondern durch quasibiologische Erklärungen aufrechterhalten. Die Aufdeckung der konditionierenden Rolle der Fremdzuschreibung im Ethnizitätsprozeß verdeutlicht in erster Linie, wie Kultur und Macht untrennbar miteinander verwoben sind. Definitionen von Kultur(en), Ethnien, Ethnizität und anderen kulturellen Phänomenen, die von Ethnologen verfaßt werden, werden also nicht in ein wissenschaftliches Vakuum hineingeschreiben, sondern sind Ausgangspunkt für Kulturkonzepte, die wesentlich dazu beitragen, "Konstruktionen des Ausschlusses" (Ostendorf 1992) aufzubauen.
Die Erkenntnis, Ethnizität sei eine konstruierte Wirklichkeit
(Orywal/Hackstein 1993), schließt das Kapitel Ethnizität
also lange noch nicht ab und beschränkt es auch nicht auf traditionelle
Gesellschaften. Vielmehr muß berücksichtigt werden, daß
"wir" an diesen Konstruktionsprozessen wesentlich beteiligt
sind und daß sich die globalen Machtverhältnisse nicht von
diesen Prozessen trennen lassen.
Es ist darum zwingend, daß nicht nur Ethnologen, sondern auch
die Ethnologie als Wissenschaft sich ihrer Rolle bewußt wird
und sich verantwortungsbewußt innerhalb dieser
Machtverhältnisse positioniert und sich nicht aus der aktuellen
Diskussion durch das Festlegen ihres Forschungsgebietes auf traditionelle
Gesellschaften, was dem Ruf nach einer wissenschaftlichen Daseinsberechtigung
gleichkommt, herauskatapultiert, wenn sie entsprechenden Machtideologien
des Ausschlusses nicht mit fragwürdigen Kulturkonzepten wissenschaftliche
Legitimationen in die Hände spielen will.
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Erstellt am 11. April 1996 von Oliver Kortendick
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