Aus: TRIBUS 39, 1990, pp. 221-222

Kortendick, Oliver:

Indische Nederlanders und Tante Lien: eine Strategie zur Konstruktion ethnischer Identität. Spiegelbild: Ethnologische Studien zum Menschen der eigenen und fremden Kultur. Band 3. Köln: «Spiegelbild», 1990. 145 Seiten.

In den letzten Jahren gab es eine umfangreiche Diskussion zum Thema »Ethnizität«, ein Begriff, der erst in den 70er Jahren entstand und für die Ethnologie, dic Soziologie und andere verwandte Wissenschaften Bedeutung erlangte. Der Themenbereich der Ethnizität ist durch die heutigen politischen Situationen weltweit, durch Migrationen, Vertreibung, Flucht und Asylsuchende sehr aktuell und verdient daher Aufmerksamkeit.

In diesem Kontext ist die im folgenden besprochene Untersuchung Oliver Kortendicks zu sehen. Der vorliegende Band, der als dritter der Kölner Reihe »Spiegelbild - Ethnologische Studien zum Menschen der eigenen und fremden Kultur« erschienen ist, entstand als Magisterarbeit an der Universität Köln.

Oliver Kortendick beschäftigt sich darin mit den indischen Nederlanders, die durch die formale Unabhängigkeit Indonesiens gezwungen waren, sich entweder für die niederländische oder die indonesische Staatsbürgerschaft und den entsprechenden Wohnsitz zu entscheiden. Er untersucht, ob und wie sich diese Gruppe ihre ethnische Identität bewahren kann und was für eine Strategie sie dabei verfolgt.

Der Inhalt gliedert sich in drei Bereiche, einen theoretischen, einen literaturwissenschaftlichen und einen empirischen Teil.

Kortendick beginnt mit einer kurzen und prägnanten Einführung in die Forschungsgeschichte der Begriffsbildung von »ethnischem Bewußtsein« und »ethnischer Identität«, um dann seinen eigenen theoretischen Ansatz zu umreißen. Er stützt sich dabei vor allem auf Yinger (1986), dessen Definition von ethnischem Bewußtsein er leicht modifiziert.

Nach Klärung der theoretischen Grundlagen stellt Kortendick die Geschichte der indischen Nederlanders dar. Dabei beginnt er wiederum mit der notwendigen Begriffsklärung. Für die Zeit vor der Bildung des heutigen Staates Indonesiens spricht er zunächst von »indischen Menschen« und umschreibt damit sowohl die »blijvers« als auch die »Indos«. Unter »blijvers« versteht er die Europäer, die im Kolonialgebiet Indonesiens seßhaft wurden, keine interethnischen Verbindungen eingingen und in einigem Abstand zur indigenen Kultur lebten. Als Indos bezeichnet er die Nachkommen interethnischer Verbindungen. Erst nach 1949, als die Menschen, die sich als Niederländer fühlten, in die Niederlande emigrierten, spricht der Autor von indischen Nederlanders.

Kortendick hält eine historische Betrachtungsweise für notwendig, da sich das Bewußtsein, »indischer Nederlander« zu sein, in drei Jahrhunderten entwickelt hat. Er unterteilt diesen Zeitraum in drei Phasen und untersucht dabei besonders drei Aspekte: die Bildung und Entwicklung der indonesischen Kultur, die Beziehung zwischen Männern und Frauen in dieser Kultur und die Beziehung der Menschen zum Raum.

Dabei stellt er fest, daß die indonesische Kultur eine Fusion aus indigenen und europäischen Elementen und Werten ist. Sie besitzt für den jeweiligen indischen Nederlander eine unterschiedliche Wertigkeit.

Die Entstehung der Gruppe und deren Kultur ist auf die Gründung Batavias 1619 als Festung zur militärischen Verteidigung zurückzuführen. Sie war von feindlichem Hinterland umgeben, in ihr mußten gezwungenermaßen für das Überleben Kompromisse, die »Einigung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner«, geschlossen werden. Durch das Fehlen von europäischen Frauen gingen die europäischen Männer Verbindungen mit der indigenen Bevölkerung ein. Die Frauen wurden so zu »Repräsentanten der sich entwickelnden indischen Kultur« und bildeten ein »sozial eher mobiles, aber kulturell eher statisches Element«: durch ihre Verbindungen veränderten sie Lage und Status der Kinder. Sie behielten ihre einflußreiche Stellung in Ehe und Familie bis heute bei und spielen eine wichtige Rolle bei der Bewahrung der ethnischen Identität.

Als wichtigster Punkt behandelt das Buch die Beziehung der indischen Nederlander zum Raum. Kortendick zeigt mit dieser Arbeit auf, daß für die indischen Nederlander, die bei empirischen Untersuchungen als assimiliert in die niederländische Kultur eingeordnet wurden, Indië ein Raumkonzept bedeutet, das nicht territorial erfaßbar ist. Indisch-sein wird als im Raum Indië zu sein erfahren, und Indië ist ein sozialer Raum. Diese Erfahrung führt Kortendick auf die Geschichte zurück, da es für die Indos durch die gesetzlichen Bestimmungen unmöglich war, eigenes Land zu besitzen.

Im dritten Teil der Arbeit soll anhand einer empirischen Inhaltsanalyse einer niederländischen Fernsehsendung namens »Late Late Lien Show« veranschaulicht werden, wie dieses Raumkonzept von Indie konkret konstruiert und somit als Strategie zur Bewahrung der ethnischen Identität erkennbar wird. Die Idee und Konzeption der seit 1979 insgesamt 13 mal gezeigten Sendung stammt von Wieteke van Dort, die auch die Hauptperson, die Tante Lien, eine Indofrau, verkörpert. Die Show, die aus einer Mischung von Dokumentar- und Unterhaltungselementen besteht, soll eine Selbstdarstellung von indischen Nederlanders für an indonesischer Kultur interessierten Personen sein. Es ist nicht das Ziel dieser Sendung, auf die Probleme der Minderheit aufmerksam zu machen, vielmehr soll der Raum Indië erfahrbar gemacht werden. Zur Inhaltsanalyse wurden niederländische Personen beiderlei Geschlechts aus verschiedenen Bildungs- und Altersgruppen herangezogen.

Dem Band ist ein Anhang mit einem Interview W. van Dorts und der Anleitung für die Inhaltsanalyse der »Late Late Lien Show« beigefügt.

Die Arbeit zeichnet sich durch logischen Aufbau und deutliche Begriffserklärungen aus. Sie wird durch Tabellen und Schaubilder veranschaulicht.

Kortendick zeigt die Entwicklung der indischen Nederlanders zu einer sich nach außen manifestierenden ethnischen Subgruppe auf. Jedoch differenziert er die unterschiedliche Situation der »blijvers« und Indos vor 1949 nicht deutlich genug. Die Zuordnung der »blijvers« zu den indischen Menschen sollte mit deutlicheren Einschränkungen vorgenommen werden, da sie durch ihre europäische Abstammung der Kolonialmacht zugehörten und sich vor allem an europäischen Werten und Kulturelementen orientierten. Sie wurden im Gegensatz zu den Indos kaum diskriminiert und hatten keinerlei Rassenvorurteile zu befürchten. Durch die formale Unabhängigkeit Indonesiens ändert sich die Situation: die indischen Nederlanders, »blijvers« und Indos, verlassen beide ihre bisherige Heimat und müssen sich in einer neuen Umgebung eingewöhnen.

Trotz dürftiger Literaturquellen gelingt dem Autor ein aufschlußreicher Überblick über die Entstehung und heutige Form sozialer Organisationen und Verbände der indischen Menschen in Indonesien und den Niederlanden .

Wenig klar lokalisiert erscheinen mir die Siedlungsorte der indischen Menschen in Indonesien. Batavia spielt nur in der Anfangsphase eine wichtige Rolle, später verliert sich seine Bedeutung, da sich die indischen Menschen im gesamten Kolonialgebiet niederließen. Daher wird meiner Meinung nach die Wichtigkeit Batavias für das kollektive Bewußtsein der Gruppe und für die Vorstellung von dem Raum Indië überbetont. Das Raumkonzept ist auch ohne diese ständige Heranziehung Batavias schlüssig.

GERTRUD AMANN-EDELKOTT