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Die Verwendung der Begriffe "indisch" bzw. "Nederlands-Indië" mag im Deutschen zunächst für einige Verwirrung sorgen. Tatsächlich aber sind diese niederländischen Worte Synonyme für "indonesisch", mit einem programmatischen Charakter insofern, als daß sie im allgemeinen Sprachgebrauch das Staatsgebiet Indonesiens vor der Unabhängigkeit bezeichnen10. Sie haben in diesem Kontext nichts mit dem Subkontinent Indien zu tun11. Darüber hinaus finden die Begriffe "indische Kultuur", "Indische Nederlanders" in einem bestimmten Zusammenhang Verwendung, der vor allem in der englischsprachigen Literatur auch als "Mestizokultur" bezeichnet wird (Taylor 1983). Beide Begriffe sind problematisch. "Indische Nederlanders" deswegen, weil er eine europäische Orientierung impliziert, die , wie sich zeigen wird, erst für das späte 19. und 20. Jh. nachzuweisen ist. "Mestizokultur" wird vom Verfasser der Nähe zur "rassischen" Ideologie befindlichen Terminologie wegen als problematisch empfunden. Auch nimmt seine Verwendung die Verifizierung der ersten Hypothese dieser Arbeit vorweg und suggeriert, daß es sich bei einer "Mestizokultur" um etwas anderes handelt als bei einer "richtigen" Kultur, womöglich um etwas "geringeres", ein Eindruck, den ich jedenfalls vermeiden möchte.
Ähnlich schwierig stellt sich für diesen Kontext die Bezeichnung der Nachkommen interethnischer Verbindungen dar: Oft wird in der Literatur der Begriff "Eurasier" genannt, der aber von den Betroffenen selbst nicht benutzt wird. Bis ins 19. Jh. werden hier überwiegend als pejorativ anzusehene Begriffe verwandt. Ab 1900 spricht man von "Indo-Europäern" (Veur 1961:85; 1968:191) und meint die der "europäischen" Bevölkerungskategorie zugerechneten Menschen. Die gegenwärtige Selbstbezeichnung ist "Indo" (Harms/Pollmann 1987), und soll auch hier benutzt werden.
Zwei weitere Termini bedürfen der Erklärung: "totok" werden die Europäer ohne Verbindung zum asiatischen Hintergrund genannt, deren Aufenthalt in Indonesien nur zeitlich begrenzt war und die nach einiger Zeit wieder in die Niederlande zurückkehrten. Zwar nimmt das Wort Bezug auf "rassische" Komponenten (es bedeutet im Indonesischen soviel wie "reines Blut"), muß aber in Ermangelung einer in der gesamten Literatur nicht angetroffenen Alternative übernommen werden12. "Niederländer" wäre in diesem Zusammenhang nicht trennscharf genug. "Blijvers" schließlich (Dortgebliebene) werden Europäer genannt, die in Indonesien seßhaft wurden, jedoch "endogam" lebten, d.h. in einigem Abstand zur indigenen Kultur, und vor allen Dingen mit der Tendenz, auch mit Indos keine Verbindungen einzugehen.
Das Bewußtsein, "Indischer Nederlander" zu sein, hat sich im Lauf von drei Jahrhunderten entwickelt, so daß ein näheres Verständnis dieses Phänomens eine ausführliche historische Betrachtung erforderlich macht, eine "Spurensuche", die den Komplex in seinen Ausmaßen (hoffentlich) erschließt. So soll zunächst von "indischen Menschen" (Prins 1933:653) dort die Rede sein, wo weder eindeutige europäische noch eindeutige indonesische Kontexte gemeint sind, und als Oberbegriff für blijvers und Indos gleichermaßen Gültigkeit haben. Später wird dann die gegenwärtige Eigenbezeichnung "Indische Nederlanders" übernommen. Die in diesen anderen Kontexten lebenden Menschen sollen, vorbehaltlich einer weiteren Spezifikation dort, wo sie erforderlich ist, Europäer bzw. Indonesier heißen.
Hinsichtlich der Beschreibung der Entstehung dieser Gruppe von indischen Menschen sind zunächst drei Phasen zu isolieren:
Die Geschichte Indonesiens ist eng mit der gesamten Entwicklung Südostasiens verbunden. Für diese Region, unter der im allgemeinen die Gebiete der heutigen Staaten Burma, Thailand, Laos, Kambodscha, Vietnam, die Philippinen, Malaysia, Indonesien und politisch-geographisch, West-Neuguinea gerechnet werden (Uhlig 1981:20), waren weit verzweigte Handelsbeziehungen schon früh bestimmend (Villiers 1980:15). Immer wiederkehrende große Wanderungen von verschiedenen Völkern prägten die kulturelle Entfaltung dieser Region. Schrittweise besiedelten "Protomalaien" (3000 bis 1000 v. Chr.), danach "Deuteromalaien" (um 300 v. Chr.), Südostasien und verdrängten die dort lebenden "Ureinwohner", die sog. "Negritos". Erste gesicherte geschichtliche Aussagen können dagegen erst über die "Dong-Son-Kultur" gemacht werden, deren Bronzeprodukte der Nachwelt erhalten blieben. Im Kontext Indonesiens gehört zu den bedeutsamen und augenfälligsten Migrationen die Hinduisierung und das im siebten Jahrhundert auf Sumatra gegründete Reich Sri Vijaya, das seinen Einfluß bis ins 13. Jh. immer weiter ausdehnte und auf dem Höhepunkt seiner Macht die Geschicke der malaischen Halbinsel, ganz Sumatras und Westjavas bestimmte (Villiers 1980:108).
Mit dem Niedergang Sri Vijayas ging das Aufblühen Majapahits einher, eines ebenfalls hinduistischen Königreichs mit Sitz in Java. Seine Macht dauerte bis ins 16. Jh. an und brach unter dem zunehmenden Eindringen islamischer Kräfte in den indonesischen Archipel und dem wachsenden Unmut lokaler Fürsten zusammen (Villiers 1980:118).
Die Bewohner Indonesiens waren also immer schon den verschiedensten kulturellen Einflüssen unterworfen. Es ist anzunehmen, daß sich immer wieder Zonen überschneidender kultureller Systeme ergaben, und daß sich auch immer synkretistische Formen entwickelten. Jedoch bleibt dies angesichts des großen historischen Abstands, sieht man einmal von chinesischen Quellen ab, weitestgehend im Dunklen. Die ersten für diese Arbeit relevanten Aussagen über das Entstehen einer ethnischen Gruppe im Schnittpunkt zweier Kulturen können erst im Zusammenhang mit dem Auftreten der ersten Europäer auf dem Archipel gemacht werden.
Vor den Niederländern hatten die Portugiesen bereits im begrenzten Maße Handelsbeziehungen mit Südostasien stabilisiert (Villiers 1980:274). Mit der Eroberung Malakkas (1511) wurde ihre Existenz dann manifest.
Zusammen mit den ersten Kolonialherren wurden zwei Faktoren nach Indonesien gebracht, die fortan bestimmend waren für das Entstehen einer Gruppe von Menschen, die sich zwischen neuer und autochthoner Gesellschaft ihre Position sichern mußten. Die einsetzende Missionierung teilte die Menschen bald in "Christen" und "Nichtchristen" auf. Die Nachkommen interethnischer Verbindungen wurden streng nach dem Anteil ihres "Blutes" in verschiedene "rassische" Kategorien eingeordnet: Nachkommen zweier portugiesischer Eltern hießen "reinol", Kinder eines Portugiesen mit einer Eurasierin wurden "castiços", deren Kinder wiederum "mestiços" genannt (Boxer 1963:62). Recht bald bildete sich im Einflußbereich portugiesischer Niederlassungen eine Gesellschaft äußerster Diversifikation (Boxer 1963:60-61).
Der Einfluß der Portugiesen wird mitunter als sehr gering angesehen (Leur 1983:165). Tatsächlich gelang es nie, das angestrebte Monopol im Handel mit Gewürzen zu erreichen. Geldmangel verhinderte den Ausbau der portugiesischen Stellungen.
Die Situation, die durch die Niederlande geschaffen wurde, war auch grundsätzlich anders. Sie befanden sich seit der Proklamation der "Unie van Utrecht" 1579 im Krieg mit der spanischen Linie des Hauses Habsburg. Sie hatten aber auch, neben der Erfahrung im Besegeln der Weltmeere, ausreichend Kapital, um 1602 die "Verenigde Oostindische Compagnie" (VOC) zu gründen. Die VOC war eine Handelsorganisation, die von Anfang an das Ziel hatte, das Monopol im Handel mit Gewürzen von den Molukken unter Ausschaltung des traditionellen, über viele Zwischenstufen laufenden südostasiatischen Handels zu erlangen. Dies führte zunächst zum Ausbau des Fort "Victoria" auf Ambon 1605. Die Eroberung Jacatras (Sunda Kelapa) und Gründung der Festung Batavia (auf Java) 1619 durch Jan Pieterszoon Coen hatte demgegenüber zunächst nur die Funktion, die militärische Herrschaft über die strategisch wichtige Sundastraße zu erlangen (Klaveren 1953:42).
Mit der Gründung Batavias wurden Beziehungen geschaffen, die für das Entstehen der Gruppe von Menschen, die hier behandelt werden soll, von entscheidender Wichtigkeit sind:
Schon die Reise nach Indonesien war außerordentlich gefährlich und mit vielen Risiken verbunden: Von der ersten Fahrt 1595-97 unter Houtman und Keyser kehrten 90 der 249 Mann Besatzung nicht zurück, ein Schiff ging gar verloren (Boxer 1988:24). Die Bemannung der Schiffe rekrutierte sich daher auch hauptsächlich aus Angehörigen der unteren sozialen Schichten, Menschen, die in der Heimat nichts zu verlieren hatten, darunter viele ausländische Söldner (in der Hauptsache Deutsche; Boxer 1988:90). Aber auch in der Festung wurde wohl nur der Mangel verwaltet: Es fehlte an Arbeitskräften für den Bau von Straßen und Gebäuden und an Lebensmitteln. Tropische Krankheiten und die nicht vorhandene ärztliche Versorgung taten ein Übriges. Das aus Amsterdam importierte Grachtensystem entwickelte sich zur permanenten Bedrohung, denn es bot der Anopheles, der Mücke, die die Malaria überträgt, ideale Lebensbedingungen.
West-Java war dünn besiedelt und vom tropischen Regenwald bewachsen (Klaveren 1953:42); die wenigen Bewohner betrieben Brandrodung (ladang) also überwiegend Subsistenzwirtschaft. Das von Ost- und Zentral-Java expandierende islamische Reich Mataram belagerte 1628 und 1629 die Festung zweimal (Klaveren 1953:47). Die "Ommelanden", die unmittelbare Umgebung Batavias, waren Sitz zahlreicher Banden, die für zusätzliche Unsicherheit sorgten (Klaveren 1953:55-56).
Erst die großflächige Abholzung dieses Gebietes und die Erschließung des südlich und östlich von Batavia gelegenen 'priangan' schuf einen "Sicherheitsgürtel" um die Festung. Die Rollen von Freund und Feind waren jedoch verteilt, in der Festung schloß man sich mit großer Kohäsion gegenüber der Außenwelt ein. Diese Verhältnisse schufen den Kontext, unter dem der "Indiër" entstehen konnte.
Die Bevölkerung Batavias setzte sich schon von Anfang an aus den verschiedensten Kategorien zusammen: neben den Europäern, die fast ausschließlich Männer waren, gab es vor allem Sklaven aus ganz Südostasien, Chinesen, die als Arbeitskräfte geholt worden waren und nur wenige Javanen. Die Sklaven waren zum Teil "befreit", d.h. es handelte sich bei diesen Menschen entweder um die Nachkommen aus der portugiesischen oder spanischen Einflußsphäre (den Philippinen). Diese nannte man "mardijkers13" oder "papangers14" (Taylor 1983:19; Kroef 1953:485; 1955:448; Prins 1933:656; Wertheim 1947:4; Marle 1951:97).
Neben dem Mangel an materiellen Dingen ergab sich für die "niederländisch-calvinistische Männergesellschaft" (Boxer 1988:252) "het grote tekort aan Europese vrouwen" (Marle 1951:314). Man mußte sich seine "Partnerinnen" aus nichteuropäischen Kreisen suchen. So ist es nicht verwunderlich, daß eine soziale Trennung der Bevölkerung zunächst nicht nach "rassischen" Kriterien erfolgte, sondern danach, ob man christlich oder "nicht christlich" war (Marle 1951:314). Heiraten zwischen Europäern und den Einheimischen, "Mestizen", "Kastizen", "lip-laps" oder "sinjos15" waren, obgleich nicht gern gesehen16, nicht ausdrücklich verboten (Wertheim 1947:4). Tatsächlich wurden Heiraten aber über den Dienstherrn, in der Frühphase eben die VOC, reguliert, und es bedurfte ihrer Erlaubnis, um überhaupt heiraten zu können. Diese Erlaubnis wurde dann etwa von Sprachkenntnissen oder von der geplanten Aufenthaltsdauer17 abhängig gemacht (Marle 1951:315). Folgt man van Treslong Prins, so wurden die ersten eingetragenen Heiraten von Deutschen eingegangen (1937:2).
Neben diesen von offizieller Seite sanktionierten Heiraten kam es jedoch in einer Vielzahl von Fällen aus naheliegenden Gründen zu eheähnlichen Verbindungen in Form des sog. "Konkubinats18" (Marle 1951:317,418). Die Position der Nachkommen dieser Verbindungen war rechtlich gesehen instabil, denn sie hing vom Verhalten des jeweiligen Vaters ab (Prins 1933:656; Marle 1951:485). Dies bedeutete jedoch nicht per se einen sozialen Abstieg, denn entscheidend dafür war die "christliche" Erziehung, (Marle 1951:484). Es bestand die Möglichkeit der Adoption und gesetzlichen Anerkennung durch den Vater. Derartig legalisierte Kinder erhielten dann mitunter den Nachnamen des Vaters - allerdings in umgekehrter Reihenfolge buchstabiert (z.B. Rhemrev von Vermehr; Marle 1951:485). Offiziell waren die sozialen Möglichkeiten der Kinder interethnischer Verbindungen beschränkt, sie durften im 18. Jh. z.B. nicht in der VOC arbeiten (Blumberger 1939:10; Mansvelt 1932:293).
Nicht mehr nachvollziehbar ist heute, ob das Verbot, mit einem nichteuropäischen (Ehe)partner in die Heimat zurückzukehren, eher Abschreckung, oder vielmehr Unterstützungspolitik hinsichtlich einer permanenten Besiedlung war, so wie Taylor (1983:2919) es annimmt. Im allgemeinen wird der Typus der niederländischen Kolonisation nicht als Besiedelungs-, sondern als Exploitationsform beschrieben (Kraak 1957:43).
Mann und Frau lebten in getrennten Welten: Für die europäischen Männer bedeutete der Aufenthalt die Chance zu schneller Bereicherung, wobei die Perspektive auf ein Leben im Heimatland gerichtet war (Boxer 1988:245); die nichteuropäische Frau blieb mit ihren Töchtern zurück (Taylor 1983:78). Blieben Europäer in Indonesien, wurden sie "blijvers20" genannt.
Die Frau zog mit Hilfe von Sklaven und Hausdienern die Kinder auf. Ihre Perspektive war es, in Batavia zu bleiben, ihre Töchter wurden die Ehefrauen oder Lebensgefährtinnen der nächsten Generation von Europäern. Soziale Mobilität nach "oben" ergab sich deshalb außerhalb der Gruppe der niederländischen Angestellten der VOC, in der Hauptsache für die Frauen in Indonesien. Denn schon 1680 wurde die Einstellung der "inlandsche kinderen" und das berührte eben in der Regel die männlichen Nachkommen, in die Dienste der VOC untersagt (Mansvelt 1932:292-293).
Ohne Zweifel gehörte zu den Momenten, die die koloniale Idee erst möglich machten, tiefstes Mißtrauen und Verachtung, im besten Falle Indifferenz, gegenüber den autochthonen Bewohnern und ihrer Kultur (Taylor 1983:49). Im Falle der Frühphase des niederländischen Kolonialismus bedeutete dies, daß bei den Versuchen, das Gewürzmonopol zu sichern, um jeden Preis vorgegangen wurde. Um 1620 wurde z.B. die gesamte Bevölkerung der Banda Inseln entweder ermordet oder zwangsweise umgesiedelt, 1651 wiederholte sich dies auf West-Ceram (Boxer 1988:111). Aus Batavia wurden die Javanen vertrieben (Taylor 1983:18-19). Aus heutiger Sicht wirkt es geradezu bizarr, daß die ersten umfangreichen kulturhistorischen Beschreibungen Indonesiens aus der Zeit des britischen Interregnums 1811-16 vom General-Gouverneur Raffles und seinem Mitarbeiter Crawfurd stammen.
Der Rahmen, in dem indische Kultur entstand und sich bis ins 19. Jh. weiterentwickelte, war die einer "Indo-Portugiesischen Frauengesellschaft" (Boxer 1988:252). Portugiesisch deswegen, weil diese Sprache bis 1815, dem Ende des Wiener Kongresses, und damit dem Verlust der niederländischen Besitzungen in Ceylon, Indien und Afrika als "lingua franca" (Boxer 1988:251) auch in Indonesien große Bedeutung hatte. Viele indische Menschen hatten Angehörige in diesen Gebieten und standen in regem Kontakt mit ihnen (Taylor 1983:131).
Außerhalb der "Büros der VOC" gab es weder "niederländische Kultur noch Sprache" (Taylor 1983:18-19), selbst die Kinder interethnischer Verbindungen lernten, bedingt durch ihre Sozialisation in ethnisch diversifizierten Haushalten, eher Portugiesisch oder Malaiisch. Als General-Gouverneur de Klerk während seiner Amtszeit (1777-80) in den für Europäer eingerichteten Schulen nur Niederländisch als Sprache zuließ, mußte diese Maßnahme zurückgezogen werden, weil die Mehrheit der Kinder dazu nicht in der Lage war (Taylor 1983:84).
Ebenfalls auf den Einfluß der portugiesischen mardijkers wird die Entwicklung der 'krontjong'-Musik zurückgeführt (Milone 1967: 423). Ursprünglich unter Verwendung von Gitarre und Tamburin, wurden im 19. Jh. auch Flöte und Violine zur Erzeugung von melancholischen, eher traurig anmutenden Liedern eingesetzt (siehe Anhang A21).
An Einflüssen aus indigenen Kulturen wird für diese Zeit beschrieben:
Das Tragen von sarong und kebaya (Taylor 1983:28; Milone 1967:41422). Das Barfußlaufen der mardijkers, bei ansonsten auf Wohlstand zu schließender Kleidung, wird als Indikator für asiatischen Einfluß angesehen (Taylor 1983:47-48).
Dokumentiert sind fernerhin: der Betel-Genuß bei Frauen (Taylor 1983:41; Milone 1967:41123); das mehrmalige Baden am Tag (im Gegensatz zu europäischen Gewohnheiten); die Anwendung von Heilkräutern (jam) und Inanspruchnahme von Heilern (dukun), der Glaube an magische Kräfte und Geister (guna-guna); sowie der Nachmittagsschlaf (Milone 1967:411-412). Der Einfluß des Verhaltens javanischer Aristokraten wird an der Verwendung von durch Sklaven getragenen Sonnenschirmen und Baldachinen, am Besitz von gamelan-Orchestern, sowie an der Vorliebe für luxuriöse Kleidung und Schmuck erkannt (Taylor 1983:39; Milone 1967:412). Auch die starke Abgrenzung gegenüber der Dienerschaft und den Sklaven werden hierauf zurückgeführt (Taylor 1983:41).
Von europäisch-niederländischer Seite her werden ab der Mitte des 17. Jh. das Interesse für Naturwissenschaften, die Orientierung zum protestantischen Christentum, der Aufbau weitläufiger Anwesen und der Jagdsport abgeleitet (Milone 1967:412).
Man darf jedoch Milones Hinweis nicht übersehen, diese Elemente seien vielfach nur in einer dekontextualisierten Form übernommen worden: Die "indische Gesellschaft" übernahm die Statusindikatoren des Patrons, ohne die Sorge für den Klienten zu tragen (1967:413). Einige der Adaptionen machen auch nur rein instrumentell betrachtet einen Sinn: etwa die Anpassung der Kleidung und Hygiene an die Umstände in den Tropen.
Im Sinne der ersten Hypothese dieser Arbeit weist jedoch einiges daraufhin, daß hinsichtlich der indischen Kultur von einer Amalgamation, als zentripetaler Konzentration auf die homogenen Elemente, die Rede sein kann: Ganz offensichtlich betont man eine expressive Darstellung, wobei in der Frühphase die indigenen Einflüsse klar überwiegen24.
Für diesen Zeitraum sind Taylor (1983:132) zufolge, für das Entstehen der indischen Kultur eine Reihe von Bedingungen entscheidend:
Man kann ergänzen:
Natürlich ist es ein Truismus, festzustellen, Kultur sei dynamisch. Aber in diesem Kontext stellt sich gerade für das späte 19. und frühe 20. Jh. die Frage, wie "indisch" die oben beschriebene Gruppe eigentlich noch ist. Ist sie, wie Taylor behauptet (1983:157,158,170) gegen Ende des zweiten Weltkriegs verschwunden, sich "natürlich" in der indigenen Umgebung auflösend?
Verschiedene Bedingungen, die einen Wandel hervorriefen, sind bereits angesprochen worden - die verstärkten Bemühungen gegen Ende des 17. Jhs. etwa, niederländische Schulen einzurichten, oder der Verlust der überseeischen Besitzungen 1815 und der damit verbundene nachlassende portugiesische Einfluß. Daneben sind jedoch noch eine Reihe von weiteren Faktoren relevant.
Das britische Interregnum 1811-1816, die Periode unter dem Gouverneur Raffles, veränderte die Situation der Indos zwischenzeitlich, denn nun wurden zur Kategorisierung der Bevölkerung zum ersten Mal Rassenkriterien eingeführt (Marle 1951:98).
Als Raffles 1811 die Bevölkerung Batavias zählen ließ, kam er auf 2.028 als "Europäer" klassifizierte und 45.000 asiatische Einwohner (Taylor 1983:97). Die Briten hatten allen Grund zu Ressentiments den Niederländern gegenüber, weil diese der Kolonie Amerika durch tatkräftige Unterstützung zur Unabhängigkeit verholfen hatten. Die neuen Herren wollten den durch Vetternwirtschaft und Korruption angerichteten "Augias-Stall" (Klaveren 1953:72), der schließlich zum völligen Bankrott der VOC geführt hatte, gründlich ausmisten. Dazu gehörte die Einrichtung des Landrente-Systems, dessen Grundlage war, daß alles Land Eigentum des Staates war und von den javanischen Bauern nur über eine Individualabgabe gepachtet werden konnte (Klaveren 1953:89). Zu ihrem starken ethnischen Bias gehört aber auch die Verachtung der Einwohner Batavias und deren Indifferenz, ja Unterstützung der indischen Kultur gegenüber. Man propagierte - erstmals erfolgreich - die "europäische Kultur", etwa durch die Gründung der Zeitung "Java Gouvernment Gazette" (Taylor 1983:98). Es gelang, die klassische Trennung zwischen Männer- und Frauengesellschaft durch eine verstärkte Einbeziehung der Frau in öffentliche Ereignisse aufzulockern (Taylor 1983:110).
Nach dem Wiener Kongreß und den napoleonischen Kriegen wurden auch in Indonesien bürgerliche Gesetzbücher eingeführt. Außerdem gedachte man des administrativen Apparates, der notwendig war, um ein derartig großes Territorium zu kontrollieren. Was vorher von der VOC eher beiläufig verwaltet wurde, wurde nun systematisch organisiert. Das ab 1829 eingeführte "Cultuurstelsel" zwang die Bewohner, Verträge mit der Regierung abzuschließen, in denen sie sich etwa verpflichteten, bis zu 1/5 ihres Bodens und 1/5 ihrer Arbeitskraft dem Anbau bestimmter "Kulturen" (wie Kaffee, Tabak und Zucker) zu widmen (Klaveren 1953:115). Die Einhaltung dieser oft vom Dorfoberhaupt im Namen des ganzen Dorfes eingegangenen Verträge wurde mit drakonischen Strafen überwacht (Klaveren 1953: 119-120). Alles unkultivierte Land erklärte man zum Eigentum des Staates und verpachtete es nur kurzfristig - für die indischen Menschen gab es also keine Möglichkeit, eine dauerhafte Existenz zu gründen. 1830-39 kämpften die Belgier um ihre Unabhängigkeit und der lange Krieg stürzte die Niederlande in große ökonomische Schwierigkeiten, die Staatsverschuldung stieg ins Unermeßliche. Die belgische Baumwollindustrie war verloren und mußte in Twente neu aufgebaut werden (Klaveren 1953:132-141). Keine Hand rührte sich im Mutterland, als unter dem Druck des Cultuurstelsels die Deprivationen für Indonesier und indische Menschen immer größer wurden.
Die Kolonie wurde "niederländischer". Nach der britischen Besetzung kamen verstärkt Niederländer mit ihren Frauen nach Indonesien (Taylor 1983:114). Um vorwärts zu kommen, wurden Geburt und Ausbildung in den Niederlanden immer wichtiger (Mansvelt 1932:293). Ab 1825 mußte, um innerhalb der Administration Arbeit zu bekommen, das "radicaal" erworben werden, das aber nur in den Niederlanden Geborenen und Ausgebildeten erteilt wurde.
Dieser Begriff deutet schon an, worauf es zunächst in der kolonialen gesellschaftlichen Hierarchie ankam: Auf eine Verwurzelung in Sitten und Gebräuchen der Heimat. Die leitende ethnische Ideologie begann sich auf niederländische Werte zu richten.
Verschärft wurde die Lage durch die Errichtung der Delfter Akademie 1842, die nun alleinige Ausbildungsstätte des "ambtenaars radicaals" wurde (Mansvelt 1932:295).
Bis zur Mitte des 19. Jh. hatte sich also die Situation der indischen Menschen drastisch verschlechtert. Das Schreckgespenst der Pauperisierung machte selbst unter den Europäern die Runde (Mansvelt 1932:292). 1848 war in Europa das Jahr der Revolution; in Indonesien wurde seit 1847 an der ersten juristischen Kategorisierung der Bevölkerungsgruppen gearbeitet. Artikel sechs und sieben der "Algemeene Bepalingen van Wetgeving voor Nederlandsch-Indië", die im Mai 1848 in Kraft traten, teilten aber die Bevölkerung noch in Europäer sowie "mit ihnen Gleichgestellte" und "Inlanders" sowie "mit ihnen Gleichgestellte" ein. Das entscheidende Kriterium war zwar noch die Religion (Marle 1951:98), aber die Nonchalance, mit der zu Zeiten der VOC noch die Nachkommen von interethnischen Verbindungen den Status des Vaters bekamen, machte juristischen Definitionen Platz.
Die Revolutionsstimmung machte sich fast gleichzeitig - und das ist angesichts der Kommunikationsmöglichkeiten um so erstaunlicher - mit der in Europa Luft. Am 27. Mai 1848 versammelten sich in der Sozietät "De Harmonie" in Batavia indische Menschen, um unter der Führung des 'Predikanten' Baron v. Hoëvell eine Verbesserung ihrer Lebenssituation zu fordern25. Ja, man wollte die Unabhängigkeit von den Niederlanden und ein selbstbestimmtes Dasein. In dieser Krise ließ General-Gouverneur van der Lijn die Kanonen auffahren (Blumberger 1939:13-17). Der feurige Prediger wurde nach den Niederlanden verbannt, kämpfte aber dort für verbesserte Arbeits- und Unterrichtsmöglichkeiten weiter. Die Bewegung war offensichtlich zu spontan (Blumberger 1939:17), um ihre Forderungen durchzusetzen.
Während in den Niederlanden das 'Grondwet26' reformiert wurde - der konstitutionellen Monarchie und dem Parlament der Weg gebahnt wurde - verschlechterte sich die Situation in Indonesien für die meisten indischen Menschen. Dies vor allem durch den Erlaß des "Regeeringsreglement" von 1854, durch das "inländische Christen" nicht mehr automatisch zu den Europäern gerechnet wurden (Marle 1951:99). Dies bedeutete, daß eine Person nur nach der Adoption oder Eintragung in die Register des "Bürgerlichen Standes" zum Europäer werden konnte, und dies, nicht etwa der Rassismus der Briten oder die verstärkte Zuwanderung aus dem Heimatland war der wirklich schwerste "Anschlag" auf die indische Kultur. Juristische formale Prozeduren ersetzten nämlich jetzt die Prinzipien der "sozialen Selbstverständlichkeit", nach der vor allem die Indos aufgrund ihrer "christlichen" Erziehung dem Stand ihres Vaters zugerechnet wurden. Anders gesagt, mit dem Ende der VOC und damit dem Ende der zahlreichen Möglichkeiten, "offizielle" Anordnungen durch Bestechungen oder aufgrund des Ansehens zu unterlaufen, regelten jetzt die Gesetzbücher die zwischenmenschlichen Beziehungen. Nunmehr war es möglich, Familien zu haben, in denen die Mitglieder den verschiedensten Bevölkerungskategorien angehörten, und das war abhängig vom Belieben des Vaters. Man muß annehmen, daß der Wille hierzu nicht allzu groß war, denn die eheähnliche Lebensgemeinschaft blieb bis ins 20. Jh. eine durchaus übliche und gesellschaftlich akzeptierte Form der Verbindung (Marle 1951:484). Eine Zählung aus dem Jahr 1888 ergab zum Beispiel, daß von den 13.062 europäischen Militärs nur 147 verheiratet waren, 2.930 oder 22.5% lebten in eheähnlichen Gemeinschaften (Marle 1951:485).
Was sich vorher als "Puffer" zwischen europäischer und indonesischer Kultur darstellte, als Schicht, wurde nun vertikal organisiert, oben die wenigen Gleichgestellten, nach unten hin die Masse der Menschen, deren Schicksal es nun war, "im Kampong der Mutter zu verschwinden", wobei die Anzahl dieser Personen im 19. Jh. auf acht bis neun Millionen geschätzt wurde (Wertheim 1947:5).
Dies muß berücksichtigt werden, wenn die Situation der bei Kriegsende auf 300.000 geschätzten, als "Europäer" klassifizierten Menschen verfolgt wird: Es handelt sich um die Spitze eines Eisbergs, über dessen Basis keine Aussage gemacht werden kann.
Die Situation dieser Gruppe verbesserte sich ab den 60er Jahren des 19. Jh. allmählich in dem Maße, wie sich auch in den Niederlanden liberale Ansichten und kritische Perspektiven durchsetzten. 1860 erschien der Roman "Max Havelaar", in dem der ehemalige Kolonialbeamte E. Douwes Dekker unter dem Pseudonym "Multatuli" die Zustände in Indonesien und das "Cultuurstelsel" im Besonderen angriff. Die Reaktion auf dieses Werk, das zu den bedeutsamsten der niederländischen Literatur des 19. Jh. gehört, half den sogenannten "Liberalen", erste Reformen durchzusetzen. Verstärkt wurden Schulen für den "mittleren Unterricht" eröffnet, 1867 gar die "Opleiding voor den indischen Bestuursdienst" in Batavia (Blumberger 1939:18). Drei Jahre vorher war die Bestimmung aufgehoben worden, daß eine Ausbildung für den kolonialen Dienst nur in den Niederlanden erfolgen konnte (Veur 1961:84).
Schließlich ermöglichten die Agrargesetze von de Waal 1870 das Erbpachten von Böden, auf die "kein Besitzanspruch" (gemeint waren damit Flächen, die nicht ständig bebaut wurden) von einheimischer Seite gemacht wurde (Klaveren 1953:148).
Es ist die Frage, inwieweit diese "liberalen" Ansätze tatsächlich aus reiner Menschenliebe durchgeführt wurden. Gerade die Agrargesetze hatten nämlich auch die Funktion, die nichtseßhaften, von der Brandrodung und der Wechselwirtschaft lebenden Bauern im Sinne einer effizienteren Umsetzung des "Cultuurstelsels" hinsichtlich ihrer Mobilität einzuschränken und sie somit für das System "erfaßbar" zu machen (Klaveren 1953:149). Auch die Verbesserung der Lebensumstände für die indischen Menschen erscheint angesichts eines von Veur (1961:83-84) zitierten Berichts des General-Gouverneurs Rochussen an den Minister der Kolonien Baud in Den Haag in einem anderen Licht: Gerade die "Kleurlinge" wurden als sehr gefährlich eingestuft und Hilfsmaßnahmen wären sowohl aus "menselijkheid" wie aus "staatkunde" (!) geboten. Ziel war wohl eher, dieses Unruhepotential in eine kleine Elite nach oben und die Masse nach unten zu spalten. In diesem Sinne wurde das Leben der indischen Menschen eben nicht "indischer", wie Kuiper/Surie (1967:54) interpretieren, sondern europäischer (Blumberger 1939:23; Wertheim 1950:67; Veur 1960:45; Veur 1961:93; Mansvelt 1932:299), insofern, als daß sie ihrer heutigen Erscheinungsform ähnlicher wurden. Es ist daher kein Zufall, daß gegen Ende des 19. Jh. der Begriff "Indo-Europäer" für die Indos aufkam (Veur 1961:85).
1872, 1902 und 1903 untersuchten "Pauperisme-Commissies" die Lage der "Europäer" und stellten wiederholt fest, daß der Mangel an Unterrichts- und Ausbildungsmöglichkeiten, die mangelnde Absicherung von Witwen und Waisen, die geringen Berufswahlmöglichkeiten und die unzureichende ärztliche Versorgung zu einer immer weiter zunehmenden Anzahl von "Armen" führte (Blumberger 1939:20-27).
Ein anderes Moment des Zeitgeists dieser Jahre hilft, um das scheinbare Paradox zwischen zunehmender staatlicher Hilfe, bei gleichzeitiger Vergrößerung der sozialen Kluft aufzulösen und sich dem Phänomen differenzierter zu nähern.
Ausgehend von den Werken Darwins oder Gobineaus entwickelte sich die "Rassenkunde", in der vorliegende ethnische Vorurteile "wissenschaftlich27" begründet wurden. Die "weiße Rasse" war allen anderen überlegen, man stellte sich vor, daß "Rasse" und Charaktermerkmale miteinander verbunden waren. Eine der widerlichsten Momente war in diesem Zusammenhang die Annahme, daß "Mischlinge" die schlechten Charaktereigenschaften beider "Ausgangsrassen" in sich vereinten (Boxer 1988:253), "Wanderer zwischen den Welten" wären, unstet im Wesen und nicht vertrauenswürdig.
Dieses traf natürlich die Indos innerhalb der Gruppe der indischen Menschen und ordnete ihnen in dieser Kategorie die unterste Position zu. Die Kohärenz der VOC-Zeit war offensichtlich im 19. Jh. beendet, blijvers und totoks standen sich näher als Indos und blijvers. Die Maßnahmen der Regierung, man kann das vermuten, kamen den "pur-sang" unter den indischen Menschen eher zugute als den Indos (Veur 1961:92). In der Privatwirtschaft fanden diese kaum Arbeitsplätze (Veur 1954:126): 1930 hatten hier allenfalls 10% eine Anstellung. 47% arbeiteten im öffentlichen Dienst.
Obwohl also von Seiten der Regierung Maßnahmen eingeleitet wurden, um das als bedrohlich empfundene Unruhepotential zu beruhigen, waren die geschaffenen Instanzen nicht durchlässig genug, um allen als "Europäern" klassifizierten Menschen gleiche Aufstiegschancen zu vermitteln. Selbst den blijvers genügte das nicht. 1898 nämlich begann man sich im Indischen Bond zu organisieren. Die Ziele dieser als "sozial-ökonomisch" und unpolitisch beschriebenen Organisation (Blumberger 1939:30-31) waren das Aufrichten eines eigenen Presseorgans, einer Druckerei, Verbesserung des "kleinen landbouw" und des Schulwesens. Die Teilnahme von "Indo-Europäern" war möglich, aber die Leitung der "zentralistischen Organisation" war in "Händen von Personen, die die Bildung einer europäischen Gesellschaft anstrebten, und keine indische Gesellschaft" (Blumberger 1939:31). Diese Haltung und die damit für viele Menschen nicht vorhandene Identifikationsmöglichkeit verursachte offenbar den raschen Mitgliedsschwund von 4.000 im Jahre der Gründung bis 1.000 (1908).
1907 kam es zur Gründung von "Insulinde", einer Vereinigung , die ausdrücklich auf die Interessen der blijvers gerichtet war (Blumberger 1939:33).
Aus einer Unzufriedenheit mit deren stark loyalem Verhalten zur Kolonialregierung heraus, wurde 1911 die "Indische Partij" von E.F.E. Douwes Dekker, einem Verwandten Multatulis, aufgebaut. Dem Regierungssystem erklärte man den "Krieg" (Blumberger 1939:37), und erstrebte unter der Losung "Indië voor de Indiërs" die Unabhängigkeit. Jeder, der sich als "Indiër" fühlte, konnte Mitglied werden. In den Statuten wurde die Abschaffung der Mißstände und Gesetze als Ziel genannt, die dem "Aufblühen und der Wohlfahrt Niederländisch-Indiens" im Wege standen (Blumberger 1939:38). Die Regierung ließ die Partei aber nicht zu, und die Leiter, darunter auch Indonesier, deren nationales Bewußtsein im ganzen Lande gestiegen war, verwies man des Landes.
Die Rufe nach Organisationen wurden jedoch lauter, Gewerkschaften und eine sozialdemokratische Partei schließlich zugelassen. 1919 wurde der 'Volksraad' als Pseudoparlament eingerichtet. Strikt nach Bevölkerungsgruppen getrennt, diente er als Diskussionsplenum mit geringen Kompetenzen (Zainu'ddin 1968:144-45).
Ein Jahr später nahm Insulinde den Namen "Nationaal-Indische Partij" (Sarekat Hindia) an, um nun im Sinne der Indischen Partij die Unabhängigkeit zu fordern (Blumberger 1939:46). Auch die Einteilung der Bevölkerung wurde geändert: Ab 1.1.1920 gab es "Europäer", "Inlanders" und "Vreemde Oosterlinge". Einmal mit Europäern "Gleichgestellte" vererbten diese Einstufung (Marle 1951:99).
1913 richtete General-Gouverneur van Idenburg die "unificatie" ein und propagierte gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Dies hatte jedoch nicht zur Konsequenz, daß das Lohnniveau nach oben hin angepaßt wurde, sondern daß man für die unteren und mittleren Angestelltenpositionen verstärkt ausgebildete Indonesier einstellte, die weniger Gehalt bekamen, und das Lohnniveau somit "nach unten" hin korrigiert wurde. Diese, durch die "Ethiker" initiierte, sog. 'Indianiseering' brachte die Indos in zusätzliche Bedrängnis und verkürzte die Chancen auf dem ohnehin knappen Arbeitsmarkt (Blumberger 1939:49;58; Veur 1961:8828).
Diese Entwicklungen, der zunehmende ökonomische Druck, aber auch die rigide Haltung der Regierung allen "radikalen" Mobilisierungen gegenüber, schaffte die Situation, in der 1919 der Indo-Europeese Verbond (IEV) gegründet wurde, der sich ausdrücklich der Belange der Indos annahm. Diese Interessengemeinschaft, die sich weder im "politischen noch im sozial-ökonomischen Sinne im Gegensatz zu den Parteien" sah, die sich ihrer Ziele annahmen, (Blumberger 1939:51) war maßgeblich am Entstehen des "Indischen Nederlander" beteiligt, so wie es sich noch heute darstellt. Als mögliche Mitglieder wurden definiert:
Ausdrücklich akzeptierte man die niederländische Regierung. Neben einem eigenen Presseorgan ("Onze Stem") wurden Stipendien für die Hochschulausbildung eingerichtet, Jugend- und Frauenbelange gefördert. Tatsächlich gelang es dem IEV, die Mittelklasse und die Oberschicht der Indos anzusprechen. 1931 zählte man 13.000 Mitglieder. Die in den 20er Jahren aktiv werdende Neu-Guinea Bewegung propagierte das heutige Irian Jaya als neues Siedlungsgebiet der Indos (Veur 1961:95). Allerdings konnte sich dieser exotische Gedanke niemals durchsetzen. 1927 besetzten Mitglieder des IEV sechs Sitze des Volksraads (von 60) (Blumberger 1939:55).
Gegen Ende der 30er Jahre gelang es der Vereinigung wieder die Rolle eines "Puffers" zwischen indigener und niederländischer Bevölkerung einzunehmen (Veur 1961:96), wobei sie allerdings, und dies sollte sich noch verhängnisvoll auswirken, "stets mehr zum Stützpfeiler der niederländischen Führung in Indonesien geworden war" (Wertheim 1950:67).
Zur Geschichte der indischen Menschen in Indonesien bleibt noch die Phase der japanischen Besatzung (1942-45) nachzutragen. Zu der von ihnen angestrebten "Entwestlichung" Indonesiens gehörte die Internierung von Europäern in Konzentrationslager. Die Indos wurden aufgerufen, ihre Loyalität zu den Niederlanden abzulegen. Der Internierung konnte man durch den Nachweis indonesischer Vorfahren entgehen, und verständlicherweise wurde nun vielerorts nach einer solchen Abstammung gesucht, auch bei denen, die vorher "nichts davon wissen wollten" (Ellemers/Vaillant 1985:28). Schließlich wurden etwa 100.000 Menschen interniert, zwischen 10.000 und 30.000 wurden in den Lagern ermordet (Ellemers/Vaillant 1985:27).
Die Opposition schutzgebende Stadt vs. feindliches Hinterland nahm im Zuge der fortschreitenden territorialen Expansion vor allem auf Java im 19. Jh. stets weiter ab. Tatsächlich entwickelte sich Batavia aus hygienischen Gründen wohl zu einer größeren Gefährdung als die kühleren Regionen um Bogor, in die auch der Sitz der Regierung verlegt wurde (Kuiper/Surie 1967:54; Milone 1967:419). Ein die Kohärenz in nicht zu unterschätzendem Maße förderndes Element verlor an Bedeutung und verschärfte den Gegensatz zwischen totoks, blijvers und Indos.
Die Bedeutung der Frau als alleinige Repräsentantin der indischen Kultur verschwand im 19. Jh. zunehmend, bis sie schließlich im 20. Jh. keine Rolle mehr zu spielen schien. Aber immer noch bildete die Frau die Möglichkeit des "Einstiegs" in die europäische Bevölkerungskategorie. Daß europäische Frauen als "einheimisch" klassifizierte Männer heirateten, blieb die große Ausnahme (Marle 1951:319). Angesichts der Tatsache, daß die Indo-Männer, wenn sie einmal innerhalb der europäischen Bevölkerungskategorie waren, im späten 19. und frühen 20. Jh. bessere Möglichkeiten zum sozialen Aufstieg in der Kategorie hatten, waren die Frauen noch stets diejenigen, die von außen in die priviligierte Gruppe kommen konnten und diesen Status auf ihre Kinder übertrugen.
Marles Aufstellung (1951:500) zeigt die Funktion der Frau als Schnittstelle zur indigenen Kultur und ihren Beitrag zur Vergrößerung der Gruppe der "Europäer" zwischen 1881 und 1940:
_________________________________________________________________________________________________________ | 16.500 bekommen den Status "Europäer" durch Gleichstellung (aufgrund bes. Verdienste) | | 16.000 " " " " " "gemischte Ehen" | | 29.000 " " " " " Geburt aus "gemischten Ehen" | | 48.000 " " " " " Anerkennung eines "nichtehelichen" Kindes durch d. Vater | | 210.000 " " " " " Geburt aus "nichtgemischten Ehen" | |________________________________________________________________________________________________________|
Die koloniale Situation des 19. Jh. läßt wenig Zweifel darüber offen, daß sich das Verhältnis zwischen Kolonialherren und der indonesischen Bevölkerung auf der Ebene der Affekte wenig verändert hatte. Das Cultuurstelsel ging immerhin von der Verknechtung vieler Millionen Menschen aus, lange Zeit ohne wirklichen Protest von europäisch-niederländischer Seite. Der Unterschied zur VOC-Zeit war vielleicht die Entwicklung eines technisch-wissenschaftlichen Interesses. Die Kultur Javas wurde für die ethnologischen Institute (etwa der Leidener Adat-School) interessant, deren Erkenntnisse riefen jedoch weniger ethische Zweifel hervor, sondern dienten wohl eher der noch effizienteren Verwaltung der Kolonie. Neben dem Gefühl der kulturellen Überlegenheit der Europäer gab es auch die negative Stereotypisierung der Indonesier: "Der Einheimische kann nun einmal nicht ökonomisch denken. Der Einheimische ist faul, grausam, treu, eifrig, dumm, nervös, ein Naturmensch, kein guter Soldat, wohl ein guter Soldat - unter fachmännischer Führung -, sanftmütig" (Kuiper/Surie 1967:97 zusammenfassend).
Auch die Einbeziehung der javanischen Feudalstruktur in das koloniale System der "indirect-rule", sowie der Regenten und der Beamtenschicht (priyayis) als Initiatoren und Ausführer der Plantagenwirtschaft bedeutete höchstens, daß man sich mit dieser Elite auseinandersetzte, und besagt nichts über ein eventuell gutes Verhältnis zu der Masse der Bauern.
Die Beschreibung dessen, was hier als indische Kultur bezeichnet wird, wirft eine Reihe von Problemen auf:
Grundsätzlich besteht ein Defizit an wissenschaftlicher - ethnologischer oder soziologischer Analyse - vor allem hinsichtlich einer zeitgenössischen Beschreibung. Als Quellen dienen den Autoren in der Regel Selbstzeugnisse (etwa Artikel aus "Onze Stem") oder Beschreibungen aus dem 20. Jh. (de Haan29 und Nieuwenhuys30), die sich auf die Aufzählung von als "typisch" empfundenen Elementen beschränken, die in der Regel stark expressiven Charakter haben. Tiefer gehende Analysen auf religösem oder sozialem Feld fehlen.
Als zweiten Mangel empfinde ich das Problem der unvollständigen Differenzierung. Die Gruppe der indischen Menschen war, wie aufgezeigt wurde, stark hierarchisch in Form einer Pyramide aufgebaut. Man muß davon ausgehen, daß einzelne, nach außen hin gleich erscheinende Elemente unterschiedliche soziale Funktion und Inhalt hatten, was stark von der Variable Ausbildung abhing. Was für die große Menge der sozial niedrig gestellten Menschen Bestandteil einer Kultur war, kann für die Angehörigen der oberen Schichten und vor allen Dingen für die blijvers, Lebensstil gewesen sein. Das läßt sich z.B. für den Gebrauch der Kleidung nachweisen. Taylor beschreibt (1983:136-138), daß Angehörige der oberen Schichten nach Feierabend europäische Tropenkleidung ablegten und indonesische Kleider trugen.
Diese Einschränkungen müssen also beim weiteren Vorgehen berücksichtigt werden. An solchen "typischen" Merkmalen ist für den Zeitraum des 19. Jh. bis 1945 dokumentiert:
Besonders soll hier die Frage der Sprache berücksichtigt werden, denn eindeutiger als die obigen Indikatoren weist sie auf eine spezifische Kultur hin.
Im 19. Jh. gingen die Einflüsse des Portugiesischen zurück, sie waren nicht mehr funktional. Mit der zunehmenden Wanderung von Niederländern nach Indonesien gewann auch die niederländische Sprache als Kommunikationsmittel an Bedeutung. Neben dem "pasar"-Malaiisch, der klassischen lingua franca, ergab sich so auf sprachlichem Gebiet eine neue Kombinationsmöglichkeit.
Malaiisch ist nicht mit der heutigen indonesischen Nationalsprache, der Bahasa Indonesia, zu verwechseln, obwohl es die Basis dazu bildet. Die Bahasa Indonesia ist in vieler Hinsicht "weiterentwickelt", sie wird ständig im Wortschatz an die modernen Bedürfnisse angepaßt. Prä-, Suf- und Infixe zeigen am Verbstamm Aspekte an, werden aber im alltäglichen Umgang, wie eben auch im früheren Malaiisch, häufig weggelassen.
Zusammen mit dem Niederländischen bildete sich das "petjoh" (auch: petjo), daß als "indische Sprache" beschrieben wird (Veur 1968 (b); Kuiper/Surie 1967; Robinson 1984). Eine sprachwissenschaftliche Einstufung fällt schwer, und wäre wohl am ehesten im Bereich der Pidgin- und Kreolsprachen anzusiedeln31. Im konkreten Fall besser formuliert, hatte petjoh, abhängig von der sozialen Position des jeweiligen Sprechers, entweder Pidgin oder mehr Kreolcharakter. Man muß, wie aufgezeigt, davon ausgehen, daß blijvers und Indos in gehobeneren sozialen Positionen in quasi geschlossenen sozialen Systemen lebten, die anders als zu Zeiten der VOC eine Verständigung mit allen in der Kolonie lebenden Menschen nicht nötig machte, bzw. Niederländisch als Kommunikationsmittel ausreichen ließ. Dies wäre z.B. eine Erklärung dafür, wieso sich so wenig schriftliche Zeugnisse des petjoh nachweisen lassen, vor allem eben aus der Zeit des 19. Jh. Diejenigen der indischen Menschen, die schreiben und lesen konnten, und die deswegen, falls petjoh Kreol und damit Muttersprache gewesen wäre, sich mit Sicherheit in ihrer Muttersprache auch ausgedrückt hätten, waren schon aufgrund ihrer beruflichen Stellung darauf angewiesen, perfekt niederländisch zu sprechen und zu "leben". Die Masse der sozial schwach Gestellten jedoch hatte wahrscheinlich weder Zeit noch Muße, bzw. die geeigneten Kulturinstrumente, um so etwas wie petjoh Literatur zu entwickeln, so daß petjoh ab dem 20. Jh. zum Kennzeichen dieser unteren Schichten32 wurde (Veur 1968 (b):45; Milone 1967:422). Die "indische Sprache" war sicher Identifikationsmoment, aber mit gleicher Sicherheit nicht das einzige, und vor allen Dingen nicht das Entscheidende33.
Sprachwissenschaftliche Analysen des petjoh fehlen (Robinson 1984:10), mir lag außer einigen Artikeln in "Moesson" Robinsons "Ik en Bentiet" (Robinson 1984) vor, eine Sammlung von Anekdoten, aus dem die folgenden Beispiele entnommen sind.
Phonologie:
Konsonanten werden in der Regel stimmlos ausgesprochen; aus Niederländischem 'g' wird stimmloses 'h'; aus 'v' wird 'f'; aus 'z' wird 's'; Endungs -d und -t niederländischer Verbformen wird oft fallengelassen (Veur 1968 (b):44).Grammatik:Bspl.: Sij lurk haar glas (21) = Sie trinkt schlürfend aus ihrem Glas.
aber auch: Zij seh (23) = Sie sagt.
Bspl.:
En dan de Sinees hij doet water in de glas van Si Bentiet, en dan hij schuift de glas naar mij en dan ik drinkt. (21)Und dann schüttet der Chinese Wasser in das Glas von Bentiet, schiebt mir das Glas zu, und ich trinke.
Bspl.:
Histeren ik loop (8) = Ich lief.
Bspl.:
Ik seht (21) = Ich sageaber:Ik dèng (21) = Ich denke
Hij seh (21) = Er sagt
Bspl.:Dus drinken stroop.[...] Slrrp, tjlok (adamsappel-njaLit.:Also trinken Sirup Adamsapfel-3.Sgl-POSS ôôp-nir), slrrp, tjlok, èèèèh! Ngoeoeoes! Neus-nja auf-ab Nase-3.Sgl.-POSS inhaleren (21). hochziehen.
Bspl.:
Op een dah ik ontmoet Si Bentiet haat noh kijken-kijken bij tjina-loa op Pasar Senen. Alles hij kijk, tètèk-bengèk foor mooi-mooi op tafel, operasi-boek met mooie platen fan mensen njang di-koepas tot je siet har, lefer, koesoetan otak of koesoetan oesoes, en fan feel soorten puisjes en rot-siekte, en boeken njang als lesen thuis di-geboek door ouweheer; fan harem en jeweetweldèh.Dt.
Eines Tages traf ich Bentiet, als er gerade bei einem chinesischen Trödler auf dem Pasar Senen herumstöberte. Alles guckte er sich an, Kleinigkeiten, die sehr schön auf dem Tisch lagen, ein medizinisches Lehrbuch mit schönen Abbildungen von Menschen, die zerlegt waren, bis du das Herz, die Leber, Gewirre von Hirnen und Därmen siehst, und viele Pickelchen und widerliche Krankheiten34, und auch Bücher, für die du, wenn du sie zu Hause liest, von deinem alten Herrn verprügelt wirst; von Harems und du weißt schon was noch.Nl.
Op een dag ontmoette ik Bentiet op de Pasar Senen terwijl hij bij de tjina-loa aan het kijken was. Hij bekeek van alles: Mooie spulletjes op de tafels, operatieboeken met mooie platen van mensen, die opgesneden zijn, waar je het hart kan zien, de lever en de wirwar van hersen en darmen, boeken met vele soorten puistjes en gangrenen, en boeken, waarvoor je door je ouweheer gestraft wordt als je ze thuis leest; over harems en je weet wel.
Über die Formulierung von Interessen hinaus, lag die Bedeutung des IEV aber vor allem in der Entwicklung einer "Indo-Ideologie" (Kuiper/Surie 1967:105). Ihre Verkünder waren vor allem De Grave (1938) und Koks (1931). Grundlage dieser Ideologie war die Rassenlehre, aber diesmal mit dem Unterschied, daß De Grave behauptete, gerade in der "Vermischung" von verschiedenen menschlichen "Rassen" läge die besondere Chance für die daraus entstehende neue Gruppe, in diesem Falle die Indos, die "als eine durch die Natur planmäßig geschaffene Überbrückung von West nach Ost" (1938:8) Wahrer von Harmonie und Gleichgewicht würden. Beide Pole könnten, so De Grave, die "wertvollen Eigenschaften" in einer neuen Gruppe vereinigen (1938:9). Neben diesem Gefühl der "rassischen" Überlegenheit, entwickelte sich ein Glaube der besonderen Berufung (Kuiper/Surie 1967:116), aus dem schließlich der Anspruch auf größere Beteiligung an sozialen Interaktionen abgeleitet wurde.
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Erstellt am 14.02. 1996
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