Ethnographics
Gallery University of Kent

Oliver Kortendick: Indische Nederlanders und Tante Lien:
eine Strategie zur Konstruktion ethnischer Identität

copyright 1990 and 1996 all rights reserved
ISBN 0 904 938 65 4

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3.7. Durchführung


Der Ablauf der Untersuchung folgendermaßen gestaltete werden. Aus dem Material wurden fünf technisch einwandfreie komplette Sendungen ausgewählt. Jedem Kodierer wurde eine Sendung vorgeführt. Nach jeder Sequenz wurde das Band angehalten, und die Kodierung erfolgte auf dem dafür vorgesehenen Bogen. Die Stichprobe wurde im Hinblick auf die Durchschnittslänge der Sequenzen, und auf gleiche Klassifikation hinsichtlich "Art" und "Bewertung" mit der Zusammensetzung des Universums verglichen.

Vor jeder Kodiersitzung wurden einige sozialstrukturelle Variablen des Kodieres erhoben, sowie eine Messung der sozialen Distanz zum Untersuchungsgegenstand. Nach der Sitzung sollte die Sendung allgemein qualitativ beurteilt werden , um Aufschluß über Affekte zu gewinnen, die möglicherweise den Kodiervorgang beeinträchtigt hätten. Zum Schluß erfolgte wieder eine Messung der sozialen Distanz. Mit dieser Kombination quantifizierender und qualifizierender Meßtechniken sollte weniger eine Wirkungsanalyse erfolgen, als viel mehr die Aufmerksamkeit des Kodierers auf den Gegenstand als solchen, in seinem Kontext, gelenkt werden. Extrem negative Einstellungen hätten zum Ausschluß des Kodierers geführt.


3.7.1. Stichprobe


Willkürlich wurden aus Block I die Sendungen I,V und IX, aus Block II die Sendungen XI und XIII ausgewählt.

Es ergaben sich folgende Verteilungen (in der Stichprobe wurden Vor- und Abspann nicht berücksichtigt):


Tabelle VI
Stichproben Ø
Länge (sek)
Art n (%) Bewertung n (%) Gesamt Seq
Gesang Sprache Anderes Inf. Unt. Inf. + Unt. n %
Universum 161,4 89 (44,3) 97 (48,3) 15 (7,5) 28 (13,9) 113 (56,2) 60 (29,9) 201 (100)
Stichprobe 167,1 37 (49,3) 32 (42,7) 6 (8,0) 9 (12,0) 40 (53,3) 26 (34,7) 75 (37,3)

Block I' 185,8 20 (47,6) 19 (45,2) 3 (7,1) 1 (2,4) 25 (59,5) 16 (38,1) 42 (56,0)
Block II' 143,2 17 (51,5) 13 (39,4) 3 (9,1) 8 (24,2) 15 (45,5) 10 (30,3) 33 (44,0)


Der Vergleich zeigt, daß die Stichprobe sowohl in Bezug auf das Universum, als auch hinsichtlich der Verteilung von B I' zu B I und B II' zu B II (s. Tabelle III und IV) repräsentativ ist.

Nicht repräsentativ ist die Stichprobe lediglich hinsichtlich der Verteilung der Sequenzen von B I zu B II, bzw. B I' zu B II': Aus B I ist 30% der Sequenzen in B I' (42 von 140); aus B II sind 54% der Sequenzen in B II' (33 von 61) vertreten. Dennoch ist es zulässig, die ausgezählten Kategorien der Stichprobe prozentual betrachtet in Bezug zum Universum zu setzen und dann zu interpretieren.


3.7.2. Der Personenbogen


Der Personenbogen befindet sich im Anhang (D). Er wurde nach dem Vorlesen der Einleitung übergeben. Die Variablen 4 (Ausbildung) und 6 (Konfession) wurden offen formuliert und nach der Untersuchung kodiert79.

Variable 8 (Soziale Distanz80) wurde erläutert: "Einen (Indischen Nederlander; Surinamer usw.) würde ich als (Ehegatten, Familienmitglied usw.) akzeptieren. Es wurde um jeweils eine Nennung gebeten.


3.7.3. Sequenzbogen und Kodiererhandbuch


Nach dem Ausfüllen des Personenbogens wurde das Kodiererhandbuch (Anhang E) überreicht. Den Kodierern wurde soviel Zeit wie gewünscht gelassen, um die Beschreibung zu lesen. Fragen wurden beantwortet, auf eine mögliche Nutzung des Handbuchs während des Kodiervorgangs hingewiesen.

Auf jedem Sequenzbogen wurde vom Verfasser die laufende Nummer der Sequenz und deren Länge eingetragen. Sieben weitere Variablen wurden auf dem Bogen aufgeführt, die entsprechenden Fragestellungen stehen im Handbuch. Die Kodierer wurden daraufhin gewiesen, daß sie hinsichtlich der Kategorien nicht nach ihrer persönlichen Meinung gefragt waren, sondern strikt nach den vorgegebenen Definitionen arbeiten sollten. Persönlicher Eindruck wurde mit den fünf restlichen Fragen gemessen. Diese dienten in der Hauptsache der Abfragung von Affekten (wie dem persönlichen Raum-und Zeitbezug). Gemessen werden sollte, inwieweit die Zugänglichkeit des Raumes Indië vom Kodierer persönlich erfahren wurde.

15 vorgegebene Themen sollten Schwerpunkte des Programms erkennbar machen.

Gleichzeitig sollten für jede Sequenz je zwei Variablen hinsichtlich der beteiligten Akteure und des Publikums beobachtet werden. Dies um die Frage zu klären, ob in einer bestimmten Kategorie hauptsächlich Frauen oder Männer sichtbar waren, oder ob mehr ältere (ab 45 Jahre) oder jüngere Menschen beteiligt waren.

Vom Kodiervorgang ausgenommen wurde der Einführungsteil und der Abspann, die letzte Sequenz also. Zwar wären diese ohne weiteres kodierbar gewesen, hätten aber unnötigerweise zur Verzerrung geführt:

a)

Der Einführungsteil wurde als praktische Übung benutzt. Der Kodierer sah diese Sequenz, bekam Erläuterungen zum Geschehen der Show (Vorstellung der Hauptakteure, der Situation). Danach wurde das Band angehalten, und auf den Beginn des Kodiervorgangs hingewiesen.

b)
Der Schlußteil stellte fast immer eine gemeinsame Aktion dar (gemeinsames Singen, Tanzen, Verabschiedung, dabei Ablauf des Abspanntextes). Dies ist jedoch Show-typisch, d.h. Bestandteil jeder Unterhaltungsshow und nicht spezifisches Merkmal der vorliegenden Untersuchungssituation. Darüber hinaus sollte der Kodierer durch den Abspann nicht optisch irritiert werden, oder das Gefühl bekommen, "schnell" noch die letzte Sequenz bearbeiten zu müssen. Das Ende des Kodiervorgangs war so in der Regel überraschend und erhielt die volle Aufmerksamkeit.


3.7.4. Der Showbogen


Um die Einbindung in den Kontext zu gewährleisten, wurden die Kodierer nach der Vorführung gebeten, ihre Eindrücke in drei offenen Fragen qualitativ einzuschätzen (Anhang F) (Einschätzung zur Selbstdarstellung Indischer Nederlanders, Problembewußtsein, persönliche Vorlieben des Gesehenen). Fragestimuli sollten die Fragen gegebenenfalls vertiefen und bei Bedarf vorgelesen werden. Diese Situation traf aber nicht ein.

Eine zweite Messung des sozialen Abstandes sollte extreme Veränderungen (aufgrund von stark negativen oder positiven Affekten) sichtbar machen.


3.7.5. Pretest


Ein besonderes Problem war die Konzeption und Durchführung eines Pretests zum Überprüfen des Meßinstruments hinsichtlich seiner Verständlichkeit. Es wurde festgelegt, daß der erste Kodierer als Pretest dienen sollte. Traten schwerwiegende Probleme auf, wäre die Untersuchung insgesamt abgebrochen und neu konzipiert worden. Bei gut verlaufenem Pretest würden die Ergebnisse des Kodierers mit in die Hauptuntersuchung einbezogen werden.

Es zeigte sich aber, daß solche Probleme nicht auftraten. Auch bei den weiteren Kodierern kam es nicht zu Schwierigkeiten, die einen Abbruch oder eine Neukonzeption gerechtfertigt hätten. Das Kodierhandbuch erwies sich mit seinen Definitionen als eindeutig und wurde von allen verstanden, mußte daher auch nicht ergänzt werden. Insgesamt konnten so alle fünf Kodiersitzungen erfolgreich abgeschlossen werden.


3.7.6. Erhebung


Die Erhebung fand vom 1.-3. September 1989 in Zwolle/Niederlande statt. Die Befragung dauerte pro Sitzung zwischen 145 und 215 Std. an und verlief ohne externe Störungen.

Allgemeine Probleme waren:

Einige Kodierer fanden die Untersuchungssituation als grundsätzlich unterschiedlich zu ihren sonstigen Sehgewohnheiten: Säßen sie sonst "zur Entspannung", "einfach nur so" vor dem Bildschirm, müßten sie in der Erhebungssituation besonders aufpassen und angestrengt zuschauen. Dies wurde als Belastung empfunden, die aber nicht zum Abbruch einer Sitzung führte, ja mitunter als anregende Abwechslung zu normalen Sehgewohnheiten aufgefaßt wurde.

In der Anfangsphase traten Unsicherheiten beim Kodieren auf, weil die Definitionen nicht genau befolgt und verinnerlicht worden waren. Dann wurde aufgefordert, noch einmal gut nachzulesen und dann der ersten Entscheidung treu zu bleiben. In keinem Fall traten danach Zuordnungsschwierigkeiten auf. Es ergab sich überhaupt nur ein Fall einer "nichtklassifizierbaren" Sequenz. Diese (Show IX, Seq 15, 52:39-53:48) war offenbar zu kurz, um hinreichend deutliche Indikatoren für eine Kategorisierung zu liefern. Da dies nur einmal auftrat, spielt es für die Untersuchung weiter keine Rolle.


3.8. Analyse



3.8.1. Der Personenbogen


Die Gruppe der Kodierer war, soweit dies bei fünf Personen möglich ist, heterogen besetzt. Eingesetzt wurden drei Frauen und zwei Männer im Alter zwischen 25 und 55 Jahren. Das Ausbildungsniveau bewegte sich zwischen "Mittlerer Reife81" und Universitätsabschluß, zwei Personen waren berufstätig, zwei Hausfrau/mann und eine Student.

Drei gaben als Konfession "Gereformeerd82" an, ein Kodierer hatte kein Religionsbekenntnis, einer gab keine Antwort.

Vier Befragte antworteten, den Begriff "Indische Nederlanders" schon einmal gehört zu haben, drei behaupteten darüber hinaus, einen gewissen Kenntnisstand des Phänomens zu haben. Lediglich ein Kodierer hatte davon noch nie gehört.

Die Messung des sozialen Abstands - die man aufgrund der geringen Anzahl von Befragten nicht überinterpretieren darf - ergab immerhin, daß hinsichtlich verschiedener ethnischer Gruppen differenziert geurteilt wurde:


Tabelle VII
SAQ Ind. Suri. Molu. Türk. SüdE. Nafr. Chin. Engl.
Ehegatte 1 1 1 1 2 1 1 4
Familienmitglied 3 1 1 1
1 1
Busenfreund
1

1


Nachbar 1 1 2 1 2 1 1 1
Kollege
1 1




Mitbürger


2



Nicht als Mitbürger




1

Nicht als Tourist





1
Keine Antwort




1* 1*
SAQ= 2,2 3,0 3,2 3,8 2,6 3,5 3,75 1,6
(* = als fehlender Wert ausgeschlossen)


Die Berechnung sozialer Abstandsquotienten (SAQ) umfaßte Werte zwischen 1,6 (Engländer) und 4,8 (Chinese). Indische Nederlanders erreichten auf diesem normativen Niveau mit 2,2 den zweitbesten Wert, was zumindest auf ein gutes "Bild" schließen läßt.


3.8.2. Sequenzen


Eine Häufigkeitsauszählung der kodierten Kategorien ergab folgendes Ergebnis:


Tabelle VIII
Kategorien (Freq.) n Prozent
"Inklusion" 6 8,0%
"Abgrenzung" 9 12,0%
"Angebot" 17 22,7%
"Nachfrage" 9 12,0%
"Homogenität" 20 26,7%
"Heterogenität" 3 4,0%
"Konsens" 7 9,3%
"Differentierung" 3 4,0%
Rest 1 1,3%

75 100,0%

Ein deutliches Übergewicht der Kategorien 2,3,5 und 7 von 70,7% ist im Gegensatz zu den Übrigen ([ohne 9]= 28%) zu verzeichnen. Nun könnte es aber sein, daß die auf die einzelnen Kategorien verwandte Sendezeit nicht gleichmäßig verteilt ist. Dies wurde ebenfalls überprüft:



Tabelle IX
Kategorien Sendezeit Dauer (sek) Prozent
"Inklusion" 1.291 10,3%
"Abgrenzung" 1.467 11,7%
"Angebot" 2.857 22,8%
"Nachfrage" 1.419 11,3%
"Homogenität" 3.429 27,4%
"Heterogenität" 488 3,9%
"Konsens" 871 7,0%
"Differentierung" 638 5,1%
Rest 69 0,6%

12.529 100,1%

Zum ersten zeigt sich, daß die prozentuale Häufigkeit der Kategorien mit der jeweils darauf verwandten Sendezeit in hohem Maß korrespondiert, keine Abweichung beträgt mehr als 2,3%. Zum zweiten korrespondieren Sendezeit und Kategorienhäufigkeit bei den beiden Polen (2,3,5 und 7 = 68,9%; 1,4,6 und 8 = 30,6%). Bedingt durch die ausreichend große Stichprobe wurden die unterschiedlich langen Sequenzen hinreichend egalisiert.

Als nächstes ist zu prüfen, ob die Verteilung der Kategorien zufällig erfolgt ist oder nicht. Gleichzeitig kann man einen einfachen ersten Reliabilitätstest durchführen. Geht man nämlich davon aus, daß die Kodierer das Kategorienschema überhaupt nicht verstanden haben, und lediglich dem Verfasser zu Gefallen ausfüllten, so müßte dies gleichmäßig geschehen sein, d.h. die beobachteten Werte dürften ein gewisses Toleranzmaß nicht überschreiten. Für den Vergleich zwischen empirisch beobachteten (fbi) und theoretisch zu erwartenden (fei) Verteilungen bietet sich der Chi2-Test an (Clauß/Ebner 1982:214 f.). Man bildet die Nullhypothese: "Die Verteilung erfolgte zufällig und gleichmäßig". Kategorie 9 wird wegen zu geringer Besetzung ausgeklammert. Dann beträgt die beobachtete Fallzahl 74, die theoretisch zu erwartende Verteilung 9,25 pro Kategorie. Nach der Formel:

berechnet man den Chi2-Wert für Tab. VIII.

Der wird mit dem theoretisch zu erwartenden Chi2-Wert verglichen. Bei sieben Freiheitsgraden und einer Irrtumswahrscheinlichkeit von 5% dürfte der theoretische Wert nicht größer als 14,1 sein (Clauß/Ebner 1982:484, Tafel 5). Im vorliegenden Fall ist Chi2 aber 29,13. Die Nullhypothese kann eindeutig zurückgewiesen werden. Wenn die Kodierer das Kategorienschema nicht verstanden haben, müssen sie es alle genau gleich falsch verstanden haben, was durch ein weiteres Verfahren später ausgeschlossen werden muß.

Wider Erwarten gut fiel die Analyse hinsichtlich des persönlichen Kodierereindrucks der Raum-Zeit-Bezogenheit aus: 69,3% (n=52) der Sequenzen wurde in einen niederländischen Kontext eingeordnet, 22,7% (n=17) außerhalb dieses Kontextes, und 8% (n=6) konnten nicht eindeutig eingeordnet werden.

Auch hinsichtlich des Zeitbezugs kamen eindeutige Ergebnisse zustande: 60% (n=45) der Sequenzen spiegelten nach Meinung der Kodierer aktuelle, auch für sie persönlich relevante Themen wieder, bei 34,7% (n=26) war dies nicht der Fall, lediglich 5,3% (n=4) konnten zeitlich nicht eingeordnet werden.

Der Themenkatalog sollte den Kodieren die Möglichkeit geben, über die Zuordnung in die abstrakten Kategorien hinaus, jeder Sequenz ein konkretes Thema zuzuweisen. Diese wurden bis auf zwei (Sport, Möbel/Architektur) wenigstens einmal besetzt:


Tabelle X
Themenauslastung n (sek) Prozent
1. "Familie" 6 8,0%
2. "Sport" * *
3. "Religion" 1 1,3%
4. "Musik" 25 33,3%
5. "Literatur" 2 2,7%
6. "Sprache" 3 4,0%
7. "Ausbildung" 2 2,7%
8. "Arbeit/Beruf" 2 2,7%
9. "Staat" 1 1,3%
10. "Geld" 3 4,0%
11. "Umwelt" 4 5,3%
12. "Kleidung" 3 3
13. "Möbel/Architektur" * *
14. "Essen" 8 10,7%
15. "Tanz" 5 6,7%
16. "Anderes" 10 13,3%

75 100,0%

Besonders expressive Merkmale (Musik, Sprache, Kleidung, Essen und Tanz) wurden zu mehr als der Hälfte erkannt (zusammen 58,7% [n=44]).

Betrachtet man die Zusammensetzung der Akteure qua Geschlecht und Alter (was hier der Übersichtlichkeit wegen in einer Tabelle zusammengefaßt wurde), so ist besonders die geringe Anzahl von Sequenzen auffällig, deren Handlung überwiegend von Männern getragen wird (n=13 [17,3%]). In mehr als der Hälfte der Sequenzen stellen deutlich erkennbar für die Kodierer Frauen alleine im Vordergrund, was angesichts der historischen Rolle nicht erstaunlich ist.

Vom Alter her gesehen, überwiegt die Anzahl von Sequenzen, die mit "älteren" Akteuren besetzt sind, deutlich (n=33 [43,9%]). Sequenzen, die überwiegend von älteren Akteuren besetzt sind, sind auch eher von Frauen besetzt (in 16 Fällen [21,3%]), erst wenn jüngere Akteure in den Mittelpunkt rücken, halten sich die Geschlechter die Waage (n=8 [10,7%] zu n=10 [13,3%]):


Tabelle XI
Verteilung der Akteure Alter Akteure Gesamt
Mehr Ältere Mehr Jüngere Gleich viele Trifft nicht zu
n Prozent n Prozent n Prozent n Prozent
Geschlecht Akteure
Mehr Männer 4 5.3% 8 10.7% 1 1,3%

n= 13 17,3%
Mehr Frauen 16 21.3% 10 13.3% 10 13,3% 3 4,0% n= 39 51,9%
Gleich viele 13 17.3% 1 1.3% 9 12,0%

n= 23 30,6%
Gesamt n= 33 43,9% n= 19 25,3% n= 20 26,6% n= 3 4,0% n= 75 99,8%

Hinsichtlich des Publikums überwiegt der Eindruck gleicher Alters- und Geschlechterbesetzung. 42 (56%) Sequenzen werden im Hinblick auf diese Merkmale gleich besetzt. Eine Publikumsbesetzung, die überwiegend durch Männer bestimmt war, wurde nur einmal gesichtet:


Tabelle XII
Verteilung des Publikums Alter Publikum Gesamt
Mehr Ältere Mehr Jüngere Gleich viele Trifft nicht zu
n Prozent n Prozent n Prozent n Prozent
Geschlecht Publikum
Mehr Männer

1 1,3%



n= 1 1,3%
Mehr Frauen 3 4,0% 1 1.3%



n= 4 5,3%
Gleich viele 4 5.3% 8 10,7% 42 56,0% 1 1,3% n= 55 73,3%
Trifft nicht zu 1 1.3%



14 18,7% n= 15 20,0%
Gesamt n= 8 10,6% n= 10 13,3% n= 42 56,0% n= 15 20,0% n= 75 99,9%

Unterscheidet man Block I und Block II, so ist festzustellen, daß "jüngere" Akteure zunehmend sequenzbestimmend werden. Ihr Anteil steigt von 11,9% auf 42,4%:


Tabelle XIII

B I B II
Alter Akteure
Mehr Ältere 54,8% 30,3%
Mehr Jüngere 11,9% 42,4%
Gleich viele 28,6% 24,2%
Trifft nicht zu 4,8% 3,0%

100% 100%


Wie werden die einzelnen Kategorien hinsichtlich der Merkmale der Akteure besetzt?


Tabelle XIV

Geschlecht Akteure Alter Akteure
Mehr Männer Mehr Frauen Gleich viele TNZ Gesamt Mehr Ältere Mehr Junge Gleich viele TNZ Gesamt
1. Inklusion
4 2
6
8,1%
1 1 3 1 6
8,1%
2. Abgrenzung 2 4 3
9
12,9%
5 2 2
9
12,9%
3. Angebot 4 7 6
17
23,0%
7 6 3 1 17
23,0%
4. Nachfrage
6 3
9
12,2%
5 1 2 1 9
12,2%
5. Homogenität 6 9 5
20
27,0%
7 6 7
20
27,0%
6. Heterogenität 1 2

3
4,1%
2 1

3
4,1%
7. Konsens
6 1
7
9,5%
3 2 2
7
9,5%
8. Differentierung
1 2
3
4,1%
2
1
3
4,1%

13
17,6%
39
52,7%
22
29,7%

74
100%
32
43,2%
19
25,7%
20
27,0%
3
4,1%
74
100%
(Bei einem fehlenden Fall.)


Hinsichtlich des Alters ergeben sich kaum Schwerpunkte, hier sind die Kategorien annähernd gleichmäßig besetzt. Interessant jedoch die Rolle der verschiedenen Geschlechter. Bei den als "ethnisches Bewußtsein abschwächend" interpretierten Kategorien (1,4,6,8) spielen männliche Akteure bis auf eine einzige Ausnahme keine Rolle. Sie treten einfach nicht in Erscheinung. Wenn diese "Öffnungsaspekte" auftreten, sind sie entweder überwiegend von Frauen oder gleich besetzt, also ein deutlicher Indikator dafür, daß die Sendung tradierten Mustern folgt, die tief in die Vergangenheit zurückreichen.

Das Publikum dagegen wird durchweg als homogene Masse dargestellt und wahrgenommen:


Tabelle XV

Geschlecht Akteure Alter Akteure
Mehr Männer Mehr Frauen Gleich viele TNZ Gesamt Mehr Ältere Mehr Junge Gleich viele TNZ Gesamt
1. Inklusion

4 2 6
8,1%
1 2 1 2 6
8,1%
2. Abgrenzung

4 5 9
12,9%
1
4 4 9
12,9%
3. Angebot

12 5 17
23,0%
1 4 6 6 17
23,0%
4. Nachfrage 1
8
9
12,2%
1 1 7
9
12,2%
5. Homogenität
2 16 2 20
27,0%
2 1 15 2 20
27,0%
6. Heterogenität
1 2
3
4,1%
1 1 1
3
4,1%
7. Konsens
1 6
7
9,5%
1 1 5
7
9,5%
8. Differentierung

2 1 3
4,1%


2 1 3
4,1%

1
1,4%
4
5,4%
54
73,0%
15
20,3%
74
100%
8
10,8%
10
13,5%
41
55,4%
15
20,3%
74
100%
(Bei einem fehlenden Fall.)


Klumpungen ergeben sich hier in Bezug auf kodierte Kategorien bei "Angebot" und "Homogenität", was nicht weiter verwunderlich ist, denn hier stellt das Studiopublikum hinsichtlich der Botschaft ein ganz wichtiges unterstützendes Moment dar. Reines "Männer-" oder "Frauenpublikum" gibt es nicht.


3.8.3. Der Showbogen


Im Vorfeld der eigentlichen Untersuchung wurden einzelne Sendungen auch einem deutschsprechenden Publikum vorgeführt. Dabei wurden fast immer stark negative Affekte bei den Zuschauern ausgelöst. Um Wertungen des Gesehenen (aber sprachlich nicht rezipierten) gebeten, kritisierten diese Befragten dann den Eindruck der "Albernheit" oder "Kitschigkeit", die die Sendung vermittele. Die auf die visuelle Ebene reduzierte Botschaft konnte ganz offensichtlich nicht ankommen. Die Kodierer nun, äußerten verschiedentlich nach der Untersuchung, daß die Schwierigkeit der Kodierung darin bestanden hätte, visuelle und akustische Ebene gleichzeitig bewußt wahrzunehmen. Bewußte Wahrnehmung, d.h. Konzentration, bewirke tendenziell eine Hinwendung von der visuellen zur akustischen Ebene, während "normales" Fernsehen eher entgegengesetzt verlaufe. Das Gesehene nahm die Sinne eher in Beschlag als das Gehörte, letzteres ist aber unumgänglich für den Empfang der übermittelten Botschaft.

Denn die ausgelösten Affekte waren weniger stark als bei den prospektiven Beobachtungen. Wenn kritisiert wurde, was nur in einem Fall geschah, war es "mangelnde Authentizität", bzw. "das Fehlen echter Bilder aus dem Land und seiner Kultur". Ein anderer Befragter schätzte dagegen den "lebendigen" Eindruck, den die Show hinterlassen hatte. Öfter wurde beobachtet, daß eine einzelne Sequenz, obwohl sie aus dem Kontext des "normalen" Sehens herausgerissen und zum Bestandteil einer wissenschaftlichen Untersuchung geworden war, zum Mitlachen reizte.

Der Informationsgehalt einer Sendung (s. Frage a) ist stark unterschiedlich und führte zu verschiedenen Einschätzungen. Keinesfalls führte das Sehen einer einzigen Sendung zu einem ausgewogenen Bild. Lediglich die Grundinformation, daß es sich bei Indischen Nederlanders um Menschen handelt, die gewollt oder ungewollt, als Konsequenz der kolonialen Verhältnisse, in die Niederlande gekommen sind, wurde von allen Befragten genannt. "Vaterland", das jedenfalls gaben alle an, seien wohl nicht die Niederlande, sondern Indië, bzw. Indonesien.

So werden auch als "Probleme" Indischer Nederlanders (s. Frage b) immer wieder "Anpassungsschwierigkeiten" genannt, und zwar sowohl auf instrumentellem (Sprache) wie expressivem Niveau (Eßgewohnheiten). Die Wichtigkeit der LLLS als verbindenden Element und Kompensationsmöglichkeit für die aus dem Minderheitenstatus resultierenden Deprivationen wurde von allen Kodierern thematisiert. Obwohl die entsprechende Kategorie (4) garnicht überdurchschnittlich besetzt war, drang ihre Botschaft doch sehr bestimmend in das Bewußtsein der Kodierer.

Besonders gefallen (s. Frage c) hatten interessanterweise ausschließlich expressive Vorführungen, konkret Tanzvorführungen, die Rezepte, Parodien und Witze, soweit sie in der jeweiligen Show auftraten. Einem Kodierer prägte sich besonders der Eindruck der positiven und konstruktiven Bewältigung der Gegenwart und Vergangenheit, sowie eine positive Zukunftsvision ein.

Bei den Kodierern überwogen die neutralen bis positiven Reaktionen, lediglich einmal wurde ein negativer Affekt ausgelöst. Obwohl keiner der Befragten direkte Verbindungen mit dem Phänomen hatte, unterschieden sich die Reaktionen deutlich von denen eines Publikums, das aufgrund von nicht vorhandenen Sprachkenntnissen in der Wahrnehmung der verbalen Ebene beschnitten war.

Die Messung der sozialen Distanz nach der Sendung ergab folgendes Ergebnis:


Tabelle XVI
SAQ Ind. Suri. Molu. Türk. SüdE. Nafr. Chin. Engl.
Ehegatte
1 1 1 1 1 1 4
Familienmitglied 3 1 1 1 1 1 1
Busenfreund 1 1 1




Nachbar 1 2 2 1 1 1 1 1
Kollege



2


Mitbürger


2
1 1
Nicht als Mitbürger




1

Nicht als Tourist





1
Keine Antwort







SAQ= 2,6 2,8 2,8 3,8 3,4 4,0 4,2 1,6


Der soziale Abstandsquotient für Indische Nederlanders verschlechterte sich, aber, wie beim genauen Nachsehen deutlich wird, durch die Umstimmung einer einzigen Person. Die Werte für Surinamer und Molukker, also für den Personenkreis, der mit dem kolonialen Geschehen der Niederlande direkt in Verbindung gebracht wird, verbessert sich. Gleich bleiben die Werte für Türken und Engländer, sie werden deutlich schlechter für die anderen Gruppen.

Eine mögliche Erklärung könnte sein, daß das Sehen der Sendung so etwas wie Problembewußtsein geschaffen hat und dem Befragten über die Wiedergabe normativer Einstellungen hinaus, zu Abgrenzungen mit als "fremd" wahrgenommenen Gruppen, vor allem im persönlichen Bereich geführt hat. Dies führte dann bei den Gruppen, über die besonders wenig Informationen vorliegen, weil auch nie eine territoriale Einheit mit ihnen verbunden war, zu deutlichem Abstand.

Andererseits ist die Anzahl der Befragten viel zu klein, und vor allem das Meßinstrument der sozialen Distanz viel zu grob, um die Veränderungen wirklichkeitsnah abzubilden. Dies wäre vielleicht besser durch ein semantisches Differential geglückt. Auf eine Wirkung kann nicht geschlossen werden.


3.9. Reliabilität


Die Reliabilität, also Zuverlässigkeit des Meßinstruments unabhängig von der Person des Messenden, ist grundsätzlich auf zwei Wegen zu ermitteln: Die Intracoderreliabilität wird dadurch festgestellt, daß derselbe Kodierer dasselbe Material zu einem späteren Zeitpunkt wiederholt mißt. Bei der Überprüfung der Intercoderreliabilität wird dasselbe Material durch verschiedene Kodierer bearbeitet (Stein-Hilbers 1976:135; Merten 1983:301 f.). Im vorliegenden Fall wurde die Intercoderreliabilität durch einen Retest von 10% des untersuchten Materials vom Verfasser selbst durchgeführt.

Acht Sequenzen waren durch ein zufallsgesteuertes Losverfahren vor der Untersuchung ermittelt worden. Während der Untersuchung wurden sie vom Verfasser gleichzeitig mit den Kodierern, aber ohne wechselseitige Möglichkeit der Einsicht, kategorisiert:


Tabelle XVII
ID Retest Kategorie Geschlecht Akteure Alter Akteure Geschlecht Publikum Alter Publikum
106 8805 7 (7)* 2 (2)* 3 (3)* 3 (3)* 3 (3)*
515 8806 5 (2) 2 (2)* 3 (3)* 2 (3) 1 (3)
904 8807 5 (5)* 1 (1)* 1 (1)* 3 (3)* 3 (3)*
914 8808 5 (5)* 3 (1) 1 (1)* 3 (2) 3 (1)
1117 8803 5 (5)* 2 (2)* 2 (3) 3 (3)* 3 (3)*
1121 8804 3 (3)* 2 (2)* 2 (2)* 3 (3)* 2 (3)
1302 8801 3 (3)* 3 (3)* 3 (2) 3 (3)* 2 (3)
1306 8802 4 (4)* 3 (3)* 3 (3)* 3 (9) 3 (9)
*= 7
(87,5%)
*= 7
(87,5%)
*= 6
(75,0%)
*= 5
(62,5%)
*= 3
(37,5%)
* bezeichnet Übereinstimmung von Kodierer und Verfasser
ID setzt sich zusammen aus: Laufende Nummer der Show, laufende Nummer der Sequenz


Da Orts- und Zeitbezug rein persönliche Momente darstellten, wurden sie beim Test nicht berücksichtigt. Die Übereinstimmung ist bis auf den "Ausrutscher" (Alter Publikum) signifikant hoch und vor allem hinsichtlich der Kategorien jedenfalls nicht zufällig. Da die Kategorien der Inhaltsanalyse das eigentlich zu testende Meßinstrument waren, besteht nach dem Retest kein Grund, die Zuverlässigkeit83 zurückzuweisen.



Fortfahren zum vierten Kapitel.

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Erstellt am 14.02. 1996

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