Ethnographics
Gallery University of Kent

Oliver Kortendick: Indische Nederlanders und Tante Lien:
eine Strategie zur Konstruktion ethnischer Identität

copyright 1990 and 1996 all rights reserved
ISBN 0 904 938 65 4

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4. Interpretation und Schlußfolgerungen

Es ist an der Zeit, sich die eingangs behaupteten Hypothesen ins Gedächtnis zu rufen und im Hinblick auf die gemachten Ausführungen zu überprüfen.

Es wurde angenommen, daß es sich bei der Gruppe der Indischen Nederlanders um das Produkt einer kulturellen Amalgamation handelt, für dessen Identitätskonstruktion primordiale wie interessengesteuerte Elemente in dem Maß wirksam sind, wie sie von individuellen Möglichkeiten vorgegeben werden.

Bestimmend für das Umsetzen einer derartigen Organisation, die Strategie genannt wurde, seien Medien, deren Charakter in besonderem Maße, das "Treffen" verschiedener Gruppen ermöglicht. Innerhalb dieses, zunächst leeren, später sozial genannten Raumes würde der kommunikative Austausch sich auf die expressiven Komponenten von Symbolen beschränken, zu ungunsten inhaltlicher, insbesondere fundamentalistischer Komponenten.

Indische Nederlanders entstanden im Schnittpunkt mehrerer Kulturen, in einem territorial gebundenen Raum, der Festung Batavia, unter äußeren Umständen, die für hohe Kohärenz sorgten. Die Notwendigkeit zu überleben, machte den Kompromiß, den Konsens zur Überlebenstrategie, in dem die Einigung "auf den kleinsten gemeinsamen Nenner" nicht Ergebnis langwieriger Verhandlungen, sondern selbstverständliche Bedingung für die Existenz darstellte.

Mit dem Wegfallen dieser wichtigen feindlichen Bedingungen von außen hätte die Gruppe zunehmend, bis heute endgültig verschwinden, vom umgebenden Kontext inkorporiert werden müssen. Es hat viele Versuche administrativer Art gegeben, dieser Tendenz nachzuhelfen. Nicht selten gab es wissenschaftliche Bemühungen, die messianische Vorstellung der modernen Gesellschaft empirisch zu verifizieren. Ursprung des unerklärlichen Phänomens, daß eine Gruppe weiterbesteht, obwohl die Theorie und eine Reihe von empirisch zu beobachtenden Variablen dagegen sprechen, ist eine unglückliche Trennung zwischen "Wirklichkeit", so wie wir sie erfahren, und "Irrealität", in der diejenigen dann unserer Meinung nach verkehren müssen, deren Verhalten mit unseren Erfahrungsmustern nicht übereinstimmt. So wurde "indischsein" wahlweise als psychotischer Rückzug einer Gruppe "offenbar gestörter" Individuen deklariert, oder es wurde als Weg erkannt, mit dem gewitzte Mitbürger den Weg der durch Leistung permeablen Segmente der Gesellschaft abkürzen, um ihre Interessen möglichst schnell zu optimieren. Die wackelige Datenbasis wurde zwar erkannt, aber auch wiederum nicht kritisch hinterfragt.

Das Problem löst sich in dem Maße auf, in dem man bereit ist, einem "Gedankenexperiment" zu folgen. Gäbe es verschiedene Realitäten, die sich womöglich garnicht, nicht einmal territorial überschneiden, so ist es durchaus denkbar, daß eine Gruppe im Land einer anderen weiterbesteht, in dem sie zwar instrumentell an den umgebenden Kontext adaptiert ist, ihre Realität aber völlig anders konstruiert.

Dies ist im Fall der Indischen Nederlanders möglich, weil Bestandteil ihrer Kultur ein Schatz kollektiver Erfahrungen ist, der bis zur Vertreibung aus Indië latent, und nach der Migration manifest, den Zugang zu einer Realität ermöglicht, in der indischsein als "im Raum Indië sein", stattfindet. Dies ist auf verschiedene Arten möglich, im vorliegenden Fall wurde eine Fernsehsendung als idealtypisches Beispiel aufgegriffen.

Das hatte forschungstechnisch gesehen die Konsequenz, daß man sich nicht darauf beschränken konnte, das Auftreten Indischer Nederlanders in unserer Realität zu messen, sondern das ihr Raum betreten werden mußte, um in ihm zu messen.

Im Raum fand keine Umkehrung niederländischer Realität statt, sondern spiegelte sich ein Extrakt jener Realität wieder, auf deren Merkmale sich die Konstruktion ethnischen Bewußtseins Indischer Nederlanders stützt. Während indische Kultur selbst schon Einigung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner ist, ist Indië Darstellung kleinster gemeinsamer Nenner dieser Kultur. Trotz dieser Reduktion ist das Konzept schlüssig und funktional, d.h. zugänglich von außen ohne einseitige Okkupation, konfliktbehaftet für diejenigen, die in der Reduktion eine Provokation erkennen. Aber im Raum geht es nicht um eine Darstellung der Indischen Nederlanders in der niederländischen Realität, sondern um die Darstellung einer gänzlich anderen Wirklichkeit. So ist die Konzeption als (Unterhaltungs-)Show nicht nur zufällig, sondern zwingend und damit von der Person Wieteke van Dorts unabhängig. Sie setzt lediglich um, was aller Wahrscheinlichkeit auf die eine oder andere Weise sowieso passiert wäre. Dagegen ist die Figur der Tante Lien zwingend und direkt funktional. Der Rollentausch, die Möglichkeit, "Star für fünf Minuten zu sein", das ist die Versöhnung Indischer Nederlanders mit der niederländischen Realität.

Da der Raum die für Indische Nederlanders ideale Rekonstruktion der Festung Batavia bedeutet, war es nicht erstaunlich, daß in den meisten Sequenzen die diesbezüglichen "festigenden" Momente kategorisiert werden konnten. Andererseits ergaben sich auch Momente der "Auflösung", die ja den Zugang für Außenstehende, deren Inkorporation Bestandteil indischer Identität ist, möglich macht. Die Verteilung dieser Momente zu messen, war Zielstellung der Inhaltsanalyse. Gleichzeitig zeigte die Befragung der Kodierer aber, wie der Zugang funktioniert: Orts- und Zeitbezug für Außenstehende sind die Niederlande und die aktuelle Zeit. Für sie ist der Zugang freiwillig und hängt von dem Vermögen ab, sich spezifische Themen eines Katalogs herauszugreifen. Die Auszählung zeigte, daß das Angebotene expressiver, nicht ausgrenzender Natur ist.

Das Angebot wird von Frauen unterbreitet, und die auf den Einfluß der Sendeanstalt zurückgehende "Integration" des Mannes Piet mußte zur Konfrontation führen, denn sie ist dem Sachverhalt völlig unangemessen. Die Tatsache, daß die Show trotz äußerer Widerstände von Seiten der Produktion, in geänderter Form und selbstproduziert, weiterlief, zeigt das Bedürfnis und die Notwendigkeit, in dem dafür idealen Medium, Indië einzurichten. Ideal deshalb, weil zwar im Vergleich zum pasar malam eine Reihe von sensitiven Ebenen fehlen, aber aufgrund der Verbreitung und der unbeschränkten Zugänglichkeit ein Optimum an Kommunikation mit wenig organisatorischem Aufwand erreicht werden kann. Dies wurde am Anfang dieser Arbeit als grundliegendes Merkmal von Kultur begriffen.

Abschließend betrachtet, besteht kein Grund, die drei formulierten Hypothesen zurückzuweisen. Dem Phänomen eine reine Interessensteuerung zu unterstellen, hieße, dieses Interesse entweder bei den Akteuren allein zu suchen, oder bei allen Zuschauern. Aber bei weitgehender instrumenteller Anpassung und getrennt wahrgenommenen Realitäten kommt es nicht zur Kollision von Interessen. Wäre dies der Fall, dann wäre die Sendung mit ihrer enormen Verbreitung der angemessene Platz für eine überdimensionale Darstellung solcher Forderungen. Dies konnte eindeutig widerlegt werden. Der Wunsch, nicht als Minderheit wahrgenommen zu werden, d.h. nicht mit den Merkmalen der Rolle von in Minderheit lebenden Menschen verbunden zu werden, zeigt, daß es Indischen Nederlanders hauptsächlich um Möglichkeiten der Konstruktion ihres Raumes geht, und macht von daher den Streit um die (objektiv nicht knappe) Ressource Sendezeit verständlich. Was ist leichter, als dies zu ändern? Richten wir "offene Kanäle" für Bürger - gleich welcher ethnischer Herkunft - ein, ohne irgendeine Beschneidung hinsichtlich des Gezeigten, außer vielleicht zwei Forderungen: Es muß sprachlich für jedermann verständlich sein und eine meßbare Einschaltquote haben. Der Versuch könnte sich lohnen.


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Erstellt am 14.02. 1996

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