Kurze Frage mit O: Heißen Sie Oliver? Nein? Dann sind Sie entweder weiblich oder zu alt oder Sie heißen Max. Jedenfalls tragen Sie nicht den schönen Namen, der heute so zweifelsfrei Frische und Unverbrauchtheit verspricht, wie es die allenthalben umhergeisternden Karl-Heinze, Jürgens oder Helmuts längst nicht mehr tun. Oliver heißen angeblich zwar schon alle, aber doch noch längst nicht genug!
Einen erfreulichen Aufwärtstrend registriert man in den drei Hauptgewalten des öffentlichen Lebens: Presse, Politik und Fußball. Selbst Bundesverdiensttrainer H.-H. Vogts mußte sich dem Trenddruck beugen und in der EM-Auswahlriege mit den Herren O. Reck, O. Kahn und O. Bierhoff allein dreimal die neu geschaffene Position des Olivers besetzen. Der Erfolg gab ihm recht.
Natürlich machen drei Olivers noch keine Modenamenwelle. Im Gegenteil: Die angesehene Gesellschaft für Deutsche Sprache läßt verlauten, daß der Name mit der Null am Anfang es bis heute kein einziges Mal unter die Top ten der beliebtesten deutschen Vornamen gebracht hat. Auf den ersten Plätzen buhlen nach wie vor Christian, Alexander und Daniel um die Gunst der Jungeltern. Einzig Maximilian (Max) katapultierte sich in letzter Zeit jäh an die Spitze (derzeit Platz eins: Ost, Platz zwei: West).
O-li-ver - der Name ist doch wirklich gut. Auftaktig und in ebenmäßigem Abstand bringt er die drei schönsten Vokale zum Klingen, die das Deutsche kennt, und das auslautende V wird im Idealfall, also im Ausland, meist sanft und glatt mit weicher Verve gesprochen; im Nichtidealfall allerdings nachlässig und ziemlich windig wie etwa in ¸¸Westerwelle".
Hunderte von Olivers wuseln schon in der Medienlandschaft herum, und noch mehr als der gemeinsame Taufname eint sie der dringende Wunsch, sich wenigstens durch den Nachnamen voneinander abzuheben. Nur wenige neigen zu Verzweiflungstaten, mimen dann in der Fernsehöffentlichkeit den wilden Doofmann (O. Kalkofe) oder treiben ihren Erzeuger in den Vollalkoholismus (O. Juhnke).
Immerhin läßt sich die Herkunft seltsamer Künstlernamen nun besser verstehen: Der Rapper der Musikkapelle Mr. Ed Jumps the Gun etwa gestand kürzlich im Rockerblättchen Rolling Stone dem Rockjournalisten Oliver Hüttmann, selbst auch geradewegs Oliver zu heißen. Um Verwechslungen künftig vorzubeugen, nennt er sich nun M. C. O. So kann er nicht mit dem Manager des Dancefloorkaspers DJ Bobo verwechselt werden, der natürlich auch Oliver heißt.
Dieser Boom hat klare Vorteile. Am Grad der Oliverisierung läßt sich innert Sekunden die Vitalität etwa von Redaktionen überprüfen. Das höchste absolute Oliveraufkommen registriert man gegenwärtig in der Berliner tageszeitung . Prozentual führt aber deutlich die in Frankfurt hausende Redaktion der Titanic mit einem O-Index von exakt 1: 6. (Zum Vergleich: Die EM-Auswahl brachte es nur auf 1: 7,34). Als in jeder Hinsicht todgeweihter Betrieb ist, wenig überraschend, der Deutsche Bundestag zu verbuchen: Sein katastrophaler O-Index von 0:672 läßt Neuwahlen in den nächsten zwei Jahren immer wahrscheinlicher werden.
Es gibt aber auch kritische Stimmen, die eine solche Entwicklung mißbilligen und sogar scharf verurteilen. So weist der Satiriker Wiglaf Droste mit seiner jüngst erschienenen CD ¸¸Wieso heißen plötzlich alle Oliver?" deutlich auf dieses Übel hin. Danach, so hofft er, möge sich niemand mehr trauen, im Taufnamenregister unter O nachzuschauen. Tja, wäre ich als Mädchen zur Welt gekommen, hätte ich nach Aussagen meiner Mutter auf den irgendwie käuzchenrufartigen Namen Ruth hören sollen. Ruth Schmitt - zwei einsilbige Kieferschaukler mit hastig gespucktem Verschlußlaut - nee. Dann doch viel lieber
Oliver Schmitt